{"id":994,"date":"2021-06-04T00:53:36","date_gmt":"2021-06-04T00:53:36","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=994"},"modified":"2021-05-30T14:48:25","modified_gmt":"2021-05-30T14:48:25","slug":"wir-brauchen-queere-vorbilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=994","title":{"rendered":"Wir brauchen queere Vorbilder"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Coming-out ist f\u00fcr viele LGBTIQ*-Personen noch immer schwer und ein gro\u00dfer Schritt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Zum Gl\u00fcck haben sich in \u00d6sterreich die rechtlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr queere Menschen in den vergangenen Jahren verbessert. Dennoch beobachte ich in meiner psychotherapeutischen Praxis, dass ein Coming-out f\u00fcr viele LGBTIQ*-Personen noch immer schwierig und ein gro\u00dfer Schritt ist. Ich bin ersch\u00fcttert, mit welchen Anfeindungen und Diskriminierungen gerade junge Menschen hier konfrontiert sind. \u201eSchwuchtel\u201c geh\u00f6rt leider weiterhin zu den meistverbreiteten Schimpfw\u00f6rtern in den Schulen. Umso notwendiger ist in Wien ein queeres Jugendzentrum, wie es von der Stadt geplant wird. In die psychotherapeutische Praxis kommen Menschen mit Depressionen, starken \u00c4ngsten oder anderen psychischen Herausforderungen. Sie erz\u00e4hlen zu Beginn oft nicht, dass sie lesbisch, schwul, bi, trans*, inter* oder queer sind. Denn es braucht Zeit und den Aufbau von Vertrauen, damit sich die Menschen langsam \u00f6ffnen k\u00f6nnen. Wichtig dabei ist, den Druck und Stress herauszunehmen. Was ein Coming-out betrifft, so muss sich nicht jede Person gleich in der Familie, vor Verwandten, in der Schule oder am Arbeitsplatz outen. Sondern zun\u00e4chst geht es darum, behutsam mit den \u00c4ngsten umzugehen und sich langsam selbst zu akzeptieren und sich anzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Selbstakzeptanz kann erlernt werden<\/h6>\n\n\n\n<p>Jede Person, ob lesbisch, schwul, bi, trans*, inter* queer, ist in Ordnung und hat es verdient, zu lieben und geliebt zu werden. Selbstakzeptanz kann erlernt werden. Bei der Auseinandersetzung mit sich selbst k\u00f6nnen queere Vorbilder im Film, im Fernsehen (queere Netflix-Serien sind hier zu empfehlen) und in Romanen hilfreich sein. Die Erz\u00e4hlungen von anderen Menschen k\u00f6nnen motivieren, inspirieren und vielleicht Wege f\u00fcr die eigene Entfaltung aufzeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch queere Vorbilder machten anfangs eine schwierige Zeit durch, wie das Beispiel von Alexander Walzel sein. Er kommt aus einem Ort in der N\u00e4he von Linz und ist heute mit dem Namen Aquamarin einer der bekanntesten Youtuber*innen \u00d6sterreichs. Ihm folgen rund 150.000 Menschen in den sozialen Netzwerken. Er hatte eine sch\u00f6ne Kindheit, bis seine Sexualit\u00e4t ein Thema wurde. \u201eDie anderen Kinder haben fr\u00fch gemerkt, dass ich anders bin. Es sind schlimme Dinge passiert. Mobbing, k\u00f6rperliche Gewalt, Ausgrenzung\u201c, erz\u00e4hlt er im j\u00fcngst erschienenen Buch \u201eComing-out\u201c (riva Verlag). Hier schildern LGBTIQ*-Personen, wie sie schwierige Phasen \u00fcberwunden und gelernt haben, sich selbst zu akzeptieren.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Schlimme Diskriminierungen <\/h6>\n\n\n\n<p>Bei Aquamarin war die Diskriminierung besonders schlimm. In der Schule sei er jahrelang \u201eSchwuchtel\u201c, \u201eM\u00e4dchen\u201c und \u201eHomof\u00fcrst\u201c genannt worden. Im Alter von 14 Jahren habe er sich in einen Klassenkameraden verliebt. \u201eDa ist mir dann endlich ganz bewusst geworden, dass ich schwul bin\u201c, sagt er. Aquamarin traute sich, dem Klassenkameraden einen Liebesbrief zu schreiben. Doch der andere las den Brief vor der ganzen Schulklasse vor. Nach dieser Dem\u00fctigung wurde das Mobbing noch heftiger. Dabei war er ganz alleine. Keine Person hat ihm geholfen &#8211; weder Lehrer*innen, noch Mitsch\u00fcler*innen oder Freund*innen. \u201eIch musste selbst damit fertig werden. Niemand hat sich f\u00fcr meine Situation interessiert. Heute glaube ich, dass mich das st\u00e4rker gemacht hat\u201c, so Aquamarin. Er zog sich damals in ein Schneckenhaus zur\u00fcck und hielt andere Menschen aus Angst vor Angriffen und Verletzungen auf Distanz. Hinzu kam das Unverst\u00e4ndnis seiner Eltern. \u201eEs gab lange Gespr\u00e4che und Streitigkeiten. Anfangs sagten sie, dass ich meine Homosexualit\u00e4t nicht in ihrem Haus ausleben durfte.\u201c Mittlerweile haben seine Eltern die Homosexualit\u00e4t akzeptiert.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Schwierige Phasen \u00fcberwinden<\/h6>\n\n\n\n<p>Aquamarin mag das Wort Coming-out nicht. Denn er will sich nicht erkl\u00e4ren und rechtfertigen m\u00fcssen, wer er ist. Er will einfach akzeptiert werden. Im Laufe der Zeit lernte er, sich selbst anzunehmen. Aquamarin erz\u00e4hlt, dass er sich fr\u00fcher f\u00fcr seine Sexualit\u00e4t und sein Anderssein gehasst habe. Schuld daran waren unter anderem die fiesen Stimmen aus der Schule, die ihn beleidigten, erniedrigten und ihm sagten, dass er nichts wert sei. Auf dem Weg zur Selbstliebe haben ihm seine Songs und die Liebe zur Musik geholfen. Die Songs sind f\u00fcr ihn teilweise auch eine Selbsttherapie. Die Musik half ihm, Gef\u00fchle und Gedanken auszudr\u00fccken. Heute spricht er in den sozialen Medien ganz offen \u00fcber sein Leben. Er versucht damit ein Vorbild f\u00fcr andere Menschen zu sein. Ihm passiert es noch immer, dass er angefeindet und als \u201eSchwuchtel\u201c beschimpft wird. Doch im Gegensatz zu fr\u00fcher versteckt er sich nicht mehr, sondern konfrontiert die Angreifer*innen mit dem Mobbing. Dann h\u00f6ren die Beschimpfungen auf. \u201eIch kann durch die Stra\u00dfen gehen und es ist mir mehr oder weniger egal, was jemand sagt. Es prallt einfach von mir ab\u201c, erz\u00e4hlt er im Buch \u201eComing-out\u201c. Das Buch ist lesenswert. Die Lebensgeschichten zeigen, wie vielf\u00e4ltig ein inneres und \u00e4u\u00dferes Coming-out sein kann. Die Lekt\u00fcre gibt Kraft und Mut. Denn die Beispiele zeigen, dass Menschen schwierige Phasen \u00fcberwinden k\u00f6nnen und daraus gest\u00e4rkt hervorgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Buch berichtet die ebenfalls \u00fcber die sozialen Medien bekannte Melina Sophie \u00fcber ihr Coming-out als lesbische Frau. Sie versuchte in ihrer Jugend ein heterosexuelles M\u00e4dchen zu sein. Irgendwann konnte sie der Wahrheit nicht mehr aus dem Weg gehen. \u201eIch hatte so gro\u00dfe Angst vor den Konsequenzen.\u201c Sie wusste, dass LGBTIQ*-Menschen \u201enoch nicht so akzeptiert werden, wie es eigentlich der Fall sein sollte\u201c. Sie glaubte, dass sich Menschen von ihr abwenden. Doch es kam anders. \u201eMeine Mama hat mich in den Arm genommen und mich gefragt, wieso ich weine. Er sei doch ganz normal, lesbisch zu sein. No big deal\u201c, erz\u00e4hlt Melina. Sie begriff, dass ihre fr\u00fchere Angst ein Scheinriese gewesen ist. Sie war lange Zeit vor der Angst, sich zu outen, weggelaufen. Doch damit wurde die Angst noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Selbstwertgef\u00fchl st\u00e4rken <\/h6>\n\n\n\n<p>Ber\u00fchrend ist auch die Erz\u00e4hlung von Jolina Mennen. Sie ist eine der bekanntesten trans*-Youtuber*innen im deutschsprachigen Raum. Sie wurde in der Schule von Mitsch\u00fcler*innen verbal und k\u00f6rperlich attackiert. \u201eIch war die Schwuchtel, das M\u00e4dchen. Immer und \u00fcberall\u201c, erz\u00e4hlt sie. Das Mobbing geh\u00f6rte zum Alltag. \u201eDas ging \u00fcber vier oder f\u00fcnf Jahre so. Irgendwann habe ich die Beleidigungen nicht mehr geh\u00f6rt und von den Eltern und Lehrer*innen ist auch niemand eingeschritten.\u201c Sie lernte mit den Angriffen zu leben. Jolina findet es schade, dass sie in ihrer Kindheit und in ihrer Jugend keine trans* Personen kannte, die ihr ein Vorbild h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. In den Medien und in Talkshows seien queere Personen oft als Paradiesv\u00f6gel oder als Zirkusclowns dargestellt worden. \u201eH\u00e4tte ich damals, als ich f\u00fcnf oder sechs war, ein Positivbeispiel f\u00fcr eine trans Person gehabt, w\u00e4re ich vielleicht zu meiner Mutter gegangen und h\u00e4tte gesagt: \u201aMama, so will ich auch sein\u2018\u201c, erz\u00e4hlt Jolina. Als Jugendliche besuchte sie Partys, hatte viel Sex. \u201eIch habe alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war.\u201c Sie habe ihren K\u00f6rper so sehr gehasst. \u201eIch wollte, dass zumindest andere ihn liebten.\u201c Die Wende geschah, als sie lernte, sich selbst anzunehmen und zu lieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Coming-out ist f\u00fcr viele LGBTIQ*-Personen noch immer schwer und ein gro\u00dfer Schritt Zum Gl\u00fcck haben sich in \u00d6sterreich die rechtlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr queere Menschen in den vergangenen Jahren verbessert. 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