{"id":9927,"date":"2026-03-06T00:19:00","date_gmt":"2026-03-05T23:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9927"},"modified":"2026-03-05T20:54:49","modified_gmt":"2026-03-05T19:54:49","slug":"es-ist-gefaehrlich-menschen-glauben-zu-lassen-man-koenne-homosexualitaet-heilen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9927","title":{"rendered":"\u201eEs ist gef\u00e4hrlich, Menschen glauben zu lassen, man k\u00f6nne Homosexualit\u00e4t ,heilen\u2018\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ende Januar 2026 setzte die Parlamentarische Versammlung des Europarates in Stra\u00dfburg ein starkes politisches Zeichen: Mit klarer Mehrheit forderten Abgeordnete aus 46 Staaten ein umfassendes Verbot von Konversionspraktiken in allen Mitgliedstaaten. Diese zielen darauf ab, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t von Menschen zu ver\u00e4ndern \u2013 trotz klarer wissenschaftlicher Belege f\u00fcr ihre Wirkungslosigkeit und schwere psychische Sch\u00e4den bei Betroffenen. In einer Resolution rief das Gremium die europ\u00e4ischen L\u00e4nder dazu auf, diese Praktiken klar zu definieren, mit strafrechtlichen Konsequenzen zu belegen und Schutz- sowie Monitoringmechanismen einzurichten. <\/p>\n\n\n\n<p>In \u00d6sterreich sind Konversionsma\u00dfnahmen derzeit nicht explizit verboten. Obwohl der Nationalrat mehrmals einstimmig ein Schutzgesetz, insbesondere f\u00fcr Minderj\u00e4hrige, bef\u00fcrwortet hat, fehlt ein konkreter Gesetzesentwurf im Parlament, und Unklarheiten in der Definition verz\u00f6gern weiterhin den gesetzlichen Schutz. Queere Organisationen kritisieren, dass dadurch Menschen in \u00d6sterreich weiterhin ungesch\u00fctzt sind gegen\u00fcber Praktiken, die von Fachgesellschaften klar als psychisch hochgef\u00e4hrlich eingestuft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich sieht es im Nachbarland Schweiz aus: Nach wie vor fehlt dort ein bundesweites Verbot sogenannter \u201eKonversionstherapien\u201c. Seit 2022 blockiert der St\u00e4nderat die Entscheidung \u00fcber ein Bundesgesetz. Rapha\u00ebl Bize, Arzt und Forscher zur Gesundheit marginalisierter Gruppen in Lausanne, sieht darin eine politische Hinhaltetaktik mit gravierenden Folgen f\u00fcr die Betroffenen. In einem Klima, in dem feindliche Diskurse \u00fcber Inklusion und Vielfalt zunehmen, fordert er eine klare politische Verantwortungs\u00fcbernahme. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bevor wir beginnen: Rapha\u00ebl Bize, welche Pronomen bevorzugen Sie?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ah! Danke f\u00fcr die Frage \u2013 ich verwende die Pronomen er\/ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche sagen, Konversionsma\u00dfnahmen seien in der Schweiz nur ein Randproblem und rechtfertigten keine Debatte auf Bundesebene. Was entgegnen Sie dem?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen von Praktiken, die bis zum Suizid f\u00fchren k\u00f6nnen, keinerlei wissenschaftliche Grundlage haben und den Menschenrechten widersprechen. Viele NGOs stufen sie sogar als Folter ein. F\u00fcr mich gilt daher: Schon wenn eine einzige Person in diesem Land einer solchen Intervention ausgesetzt ist, muss das ausreichen, um eine nationale Debatte zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wissen wir, wie viele Menschen tats\u00e4chlich betroffen sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, denn das wird nicht systematisch erfasst. Die einzigen Fr\u00fchwarnstellen sind LGBTQIA+-Organisationen und ihre nationalen Helplines, bei denen solche Erfahrungen gemeldet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Umfang dieser Praktiken wirkt manchmal unscharf. Politische Entscheidungstr\u00e4ger*innen verwenden das mitunter auch als Argument. Wovon genau sprechen wir?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau diese Debatte findet derzeit auch im Schweizer Bundesparlament statt. F\u00fcr mich umfassen diese \u201eTherapien\u201c jeden Versuch \u2013 explizit oder implizit \u2013, die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentit\u00e4t einer Person zu ver\u00e4ndern. Und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob dies gegen den Willen der Person geschieht oder mithilfe manipulativer Techniken, die den Eindruck erwecken, die Person handle freiwillig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einige Gruppen argumentieren dennoch, es handle sich um eine freie Entscheidung, die sexuelle Orientierung \u00e4ndern zu wollen \u2013 und ein Verbot w\u00fcrde die individuelle Freiheit verletzen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau deshalb ist eine m\u00f6glichst pr\u00e4zise Definition so wichtig. Gruppen, die so argumentieren, behaupten auch oft, Menschen auf einem \u201efrei gew\u00e4hlten spirituellen Weg\u201c zu begleiten. In Wirklichkeit besteht h\u00e4ufig ein psychischer Druck \u2013 ausge\u00fcbt durch religi\u00f6se oder famili\u00e4re Autorit\u00e4tsfiguren \u2013, der dazu f\u00fchrt, dass Betroffene irgendwann glauben, der Wunsch zur Ver\u00e4nderung komme von ihnen selbst. Indem man ihnen immer wieder sagt, \u201edas ist heilbar\u201c, \u00fcbernehmen sie diese Vorstellung. Mit der Zeit vergessen sie, wie stark sie einer Gehirnw\u00e4sche ausgesetzt waren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Worin liegt die Gefahr eines solchen Brainwashings?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist gef\u00e4hrlich, Menschen glauben zu lassen, man k\u00f6nne Homosexualit\u00e4t oder Geschlechtsidentit\u00e4t \u201eheilen\u201c. Denn damit wird suggeriert, eine \u201eBehandlung\u201c k\u00f6nne etwas bewirken \u2013 obwohl die Wissenschaft klar zeigt, dass es nichts zu behandeln gibt. Diese Art von Diskurs ist hochtoxisch und erh\u00f6ht das Suizidrisiko massiv. Wenn mich jemand zu etwas zwingt und es funktioniert nicht, entsteht eher Wut, die ich gegen diese Person oder Gruppe richten kann. Wenn ich jedoch glaube, ich selbst wolle mich \u00e4ndern, und es klappt nicht, f\u00fchrt diese Frustration zu einem enormen psychischen Stress, der sich nur gegen mich selbst richtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Kantone Waadt und Neuenburg haben Konversionsma\u00dfnahmen bereits verboten, andere bereiten \u00e4hnliche Schritte vor. Reichen kantonale Gesetze nicht aus? Braucht es wirklich ein Bundesgesetz?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist der Begriff der gesundheitlichen Chancengerechtigkeit sehr wichtig. Die Schweiz betont in ihrer Verfassung, ihren Gesetzen und ihren Werten stark die Gleichbehandlung und die territoriale Gerechtigkeit. Aktuell ist die Situation zwischen den Kantonen jedoch v\u00f6llig ungerecht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2022 hat der Schweizer Nationalrat eine entsprechende Motion mit klarer Mehrheit angenommen. Der St\u00e4nderat hat sie jedoch sistiert und will einen Bericht des Bundesrats abwarten, der die Gesetzgebungskompetenzen kl\u00e4ren soll.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, aufgrund eines Postulats eines SVP-Abgeordneten [Anmerkung der Redaktion: Schweizer Volkspartei], der zus\u00e4tzlich verlangte, genauer zu definieren, was unter Konversionspraktiken zu verstehen ist, und deren H\u00e4ufigkeit zu beziffern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Drei Jahre sp\u00e4ter liegt dieser Bericht noch immer nicht vor. Warum?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine klassische Verz\u00f6gerungsstrategie, um das Unvermeidliche hinauszuschieben. Es erinnert an die Abstimmung zur \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c: Die wurde im St\u00e4nderat mit nur einer Stimme Unterschied entschieden. Wenn die SVP bei den n\u00e4chsten Wahlen zulegt \u2013 wie es Umfragen nahelegen \u2013, kann es f\u00fcr sie taktisch sinnvoll sein, ein solches Projekt zu verz\u00f6gern, in der Hoffnung auf eine k\u00fcnftige ablehnende Mehrheit im Parlament. [AdR: Die Vorlage zur Ehe f\u00fcr alle wurde nach jahrelangen Beratungen im Dezember 2020 von beiden Schweizer Parlamentskammern, National- und St\u00e4nderat, verabschiedet. Sie kam am 26. September 2021 zur Volksabstimmung, wo sie mit rund 64 % Ja-Stimmen angenommen wurde, und trat am 1. Juli 2022 in Kraft.]<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche weiteren Argumente f\u00fcr das Aufschieben einer Gesetzgebung kommen Ihnen zu Ohren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6re oft, man k\u00f6nne solche Situationen als Einzelf\u00e4lle mithilfe der bestehenden Gesetze zur physischen oder psychischen Integrit\u00e4t regeln. Dieses Argument basiert auf der Annahme, es gebe nur sehr wenige Betroffene. Doch bei so gef\u00e4hrlichen Interventionen rechtfertigt sich aus meiner Sicht ein explizites Gesetz vollkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Argument, das etwa im Waadtl\u00e4nder Kantonsparlament vorgebracht wurde, war die Sorge, ein schlecht formuliertes Gesetz k\u00f6nne geschlechtsbest\u00e4tigende Behandlungen f\u00fcr trans Personen verhindern. Das zielte darauf ab, die Debatte schlicht umzudrehen \u2013 und zeugte von einem grundlegenden Missverst\u00e4ndnis: Hier geht es nicht darum, die Geschlechtsidentit\u00e4t zu \u00e4ndern, sondern sie zu best\u00e4tigen. In der Diskussion mussten dann aber selbst die Gegner*innen einr\u00e4umen, dass es keinerlei wissenschaftliche Grundlage f\u00fcr Konversionsma\u00dfnahmen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Machen Ihnen solche politischen Man\u00f6ver Angst?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin sehr besorgt \u00fcber die politische Entwicklung \u2013 nicht nur in der Schweiz, sondern auch international, etwa in Italien, Frankreich, \u00d6sterreich, Deutschland oder den USA. Dort zeigt sich besonders deutlich der Effekt des sogenannten \u201eOverton-Fensters\u201c: Indem extrem schockierende Aussagen gemacht werden, erscheinen weniger extreme pl\u00f6tzlich \u201enormal\u201c. Donald Trump hat diese Strategie konsequent verfolgt, und das hat Auswirkungen auf die ganze Welt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das ver\u00e4ndert Denkweisen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und es verharmlost die extreme Rechte in Europa. Ich bef\u00fcrchte, dass so vor allem das Radikalisierungspotenzial politisch erfolgreicher, konservativer Parteien untersch\u00e4tzt wird. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur Person<\/h3>\n\n\n\n<p>Rapha\u00ebl Bize forscht und lehrt am Universit\u00e4ren Zentrum f\u00fcr Allgemeinmedizin und \u00f6ffentliche Gesundheit \u201eUnisant\u00e9\u201c in Lausanne (Kanton Waadt). Als ehemaliges Mitglied der Schweizer Eidgen\u00f6ssischen Kommission f\u00fcr sexuelle Gesundheit engagiert er sich aktiv in der Beratung und wissenschaftlichen Begleitung politischer Entscheidungstr\u00e4ger auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus setzt er sich daf\u00fcr ein, LGBTIQ+-Gesundheitsthemen in der Ausbildung von Gesundheitsfachpersonen zu verankern. Neben seiner Lehrt\u00e4tigkeit an der Universit\u00e4t Lausanne entwickelte er etwa das Online-Weiterbildungsprogramm I-CARE. Es richtet sich an Medizinstudierende, niedergelassen \u00c4rzt*innen sowie an Pflegefachpersonen und -studierende. Im Fokus stehen die Gesundheitsbed\u00fcrfnisse von Menschen mit vielf\u00e4ltiger sexueller Orientierung, Geschlechtsidentit\u00e4t und \u2011ausdruck sowie unterschiedlichen Geschlechtsmerkmalen \u2013 und die Rolle von Fachpersonen f\u00fcr respektvolle und angemessene Versorgung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieses Interview entstand im Rahmen der journalistischen Grundausbildung am Centre de formation au journalisme et aux m\u00e9dias (CFJM) in Lausanne. Das franz\u00f6sische Original wurde auf der Website der Universit\u00e4t Lausanne ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende Januar 2026 setzte die Parlamentarische Versammlung des Europarates in Stra\u00dfburg ein starkes politisches Zeichen: Mit klarer Mehrheit forderten Abgeordnete aus 46 Staaten ein umfassendes Verbot von Konversionspraktiken in allen Mitgliedstaaten. 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