{"id":9914,"date":"2026-03-06T00:15:00","date_gmt":"2026-03-05T23:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9914"},"modified":"2026-03-04T21:45:42","modified_gmt":"2026-03-04T20:45:42","slug":"als-community-zusammen-wachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9914","title":{"rendered":"Als Community zusammen wachsen"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwei M\u00e4nner, ein Regenbogen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">In queeren R\u00e4umen ist oft von Vielfalt und Zusammenhalt die Rede, dabei zeigt sich immer wieder, wie unterschiedlich sichtbar wir sind. F\u00fcr viele Au\u00dfenstehende steht das Bild von zwei M\u00e4nnern unter dem Regenbogen sinnbildlich f\u00fcr LGBTQIA+. Dieses Bild wirkt tief nach innen: Es entscheidet mit, wer auf Plakaten auftaucht, wer in Talkshows sitzt und wer als \u201etypisch\u201c f\u00fcr die Community gilt. Als queere Frau sp\u00fcre ich t\u00e4glich, wie stark diese Vorstellung meinen Alltag pr\u00e4gt. Lesbische, bisexuelle, queere Frauen und nicht-bin\u00e4re Menschen geh\u00f6ren selbstverst\u00e4ndlich dazu, aber oft nicht auf den ersten Blick, sondern erst bei genauerer Betrachtung. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schwule R\u00e4ume, lesbische K\u00f6rper<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn ich in einen schwulen Club gehe, wird schnell klar, auf welche K\u00f6rper und W\u00fcnsche der Raum zugeschnitten ist. Die Musik, die Codes, die Blicke, all das kreist um schwule M\u00e4nnlichkeit. Ich kann mich wohlf\u00fchlen, tanzen, Freundschaften leben. Und doch bleibt sp\u00fcrbar: Mein K\u00f6rper, mein Begehren waren nicht der Ausgangspunkt dieser Veranstaltung. Partys, die eher von Frauen und nicht-bin\u00e4ren Personen besucht werden, gibt es in Wien zwar, aber ein eigenes Lokal ist zumindest mir nicht bekannt. Dabei ist das kein pers\u00f6nlicher Vorwurf; die R\u00e4ume f\u00fcr schwule M\u00e4nner sollten auch keinesfalls weniger oder kleiner werden. Es geht um das Aufzeigen eines Symptoms und verdeutlicht, wie tief Geschlechterrollen und historische Entwicklungen unsere Strukturen immer noch durchziehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gemeinsame K\u00e4mpfe, andere Akzente<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Beziehung zwischen lesbischen* und schwulen* Bewegungen ist von gemeinsamer Geschichte und unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen gepr\u00e4gt. In \u00d6sterreich engagierten sich Lesben* und Schwule* in denselben Organisationen, protestierten gemeinsam gegen Kriminalisierung, Stigmatisierung und staatliche Repression. Lesben* brachten Erfahrungen aus der Frauen*bewegung mit, in der Gewalt, \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeit, Care-Arbeit und patriarchale Rollenbilder im Mittelpunkt standen. Schwule M\u00e4nner k\u00e4mpften insbesondere um Entkriminalisierung, rechtliche Gleichstellung und \u00f6ffentliche Sichtbarkeit als homosexuelle M\u00e4nner. Beide Linien sind unverzichtbar, aber sie erzeugen unterschiedliche Erfahrungen von Anerkennung, auch innerhalb derselben Community.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Starre Rollen, dynamische Ausdrucksweisen<\/h3>\n\n\n\n<p>Diese Unterschiede setzen sich in den Geschlechterrollen fort, die in unseren R\u00e4umen sichtbar werden. In vielen schwulen Kontexten kreisen Selbstbilder, meiner Wahrnehmung nach, stark um M\u00e4nnlichkeit: um K\u00f6rper, Ideale von St\u00e4rke und bestimmte Stile der Selbstdarstellung. Weiblichkeit hingegen erscheint dort h\u00e4ufig als Spiel. Als Drag, als Parodie, als etwas, das man an- und ausziehen kann. Und auch als etwas, das gefeiert und wertgesch\u00e4tzt wird. In lesbischen* Kontexten haben sich andere Formen herausgebildet, etwa Butch und Femme. Diese Figuren sind keine simplen Kopien heterosexueller Paare, sondern eigenst\u00e4ndige queere Antworten auf Geschlechterrollen. So kann eine Butch lesbische Maskulinit\u00e4t verk\u00f6rpern und eine Femme lesbische Femininit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Irritierende Maskulinit\u00e4t <\/h3>\n\n\n\n<p>Besonders interessant wird es, wenn diese unterschiedlichen Formen von Genderexpressionen aufeinandertreffen. Die maskuline Lesbe* irritiert, weil sie zeigt, dass ein M\u00e4nnlichkeitsbild nicht an einen m\u00e4nnlich gelesenen K\u00f6rper gebunden sein muss. Sie stellt die Idee infrage, es gebe nur eine \u201eechte M\u00e4nnlichkeit\u201c. Schwule M\u00e4nnlichkeit wiederum macht deutlich, dass auch M\u00e4nnlichkeit verletzlich, queer und von Diskriminierung betroffen sein kann. Wenn wir diese Erfahrungen nebeneinanderlegen, entsteht kein Gegeneinander, sondern ein komplexeres Bild: M\u00e4nnlichkeit kann gleichzeitig unterdr\u00fcckt und privilegiert sein. Je nachdem, mit welchem K\u00f6rper, welcher Geschichte und welchen Zuschreibungen sie verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Privilegien und Care-Arbeit<\/h3>\n\n\n\n<p>Sichtbarkeit und Privilegien sind in diesem Bild ungleich verteilt, ohne dass das automatisch individuelle Schuld bedeutet. Viele schwule (cis) M\u00e4nner erleben Homofeindlichkeit, Gewalt, riskante Coming-outs, den Verlust von Familie oder Arbeitsplatz. Gleichzeitig profitieren sie von M\u00e4nnlichkeitsprivilegien, etwa bei Lohn, Karrierechancen oder Zugang zu finanziellen Ressourcen. Das hat Spuren in der Community hinterlassen. Es zeigte sich daran, wer R\u00e4ume betrieb, wer Veranstaltungen vordergr\u00fcndig organisierte, wer auf B\u00fchnen stand und als Person mit Expertise angesehen wurde. Meinem Gef\u00fchl und meiner Erfahrung nach ist die Verteilung von ehrenamtlicher Arbeit mittlerweile gleichm\u00e4\u00dfig(er) verteilt, das war jedoch nicht immer so: Auch in der Community arbeiteten FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbin\u00e4re, transgeschlechtliche und agender Personen) eher im Hintergrund, im Vordergrund schwule M\u00e4nner. Dennoch bleiben Aufmerksamkeit, Geld und symbolischer Status f\u00fcr FLINTA*-Personen oft geringer ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Queerfeminismus als Haltung<\/h3>\n\n\n\n<p>Es ist hilfreich, diese Unterschiede nicht als starre Trennlinien zu begreifen, sondern als Ausgangspunkt f\u00fcr Gespr\u00e4che. In gemischten Gruppen erlebe ich, wie wichtig es ist zu benennen, wer gerade spricht und wessen Stimmen fehlen. Wenn vor allem M\u00e4nner in einem Plenum reden, ist das kein pers\u00f6nliches Versagen, sondern Ausdruck unserer Sozialisation und der Machtverh\u00e4ltnisse, in denen wir gro\u00df geworden sind. Wenn queere Frauen und nicht-bin\u00e4re Personen eigene Gruppen bilden oder R\u00e4ume schaffen, ist das keine Abgrenzung von Schwulen, sondern der Versuch, Erfahrungen sichtbar zu machen, die sonst leicht untergehen. Queerfeminismus bedeutet f\u00fcr mich, diese Dynamiken ernst zu nehmen und gleichzeitig an der Vorstellung festzuhalten, dass wir zusammengeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Auch FLINTA ist divers<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch innerhalb lesbischer* und FLINTA*-Communitys gibt es Machtunterschiede. Nicht alle sind gleich sichtbar, nicht alle haben den gleichen Zugang zu Ressourcen. Hautfarbe, Geschlechtsidentit\u00e4t, Herkunft, Klasse, K\u00f6rpernormen und Behinderungen entscheiden mit dar\u00fcber, wer geh\u00f6rt wird und wer st\u00e4ndig die eigene Anwesenheit im Raum erkl\u00e4ren muss. Rassismus, Klassismus und andere Herrschaftsverh\u00e4ltnisse verschwinden nicht automatisch, sobald wir einen queeren Raum betreten, sie strukturieren auch unsere politischen B\u00fcndnisse und unsere Konflikte. Ein queerfeministischer Blick auf die Community hei\u00dft darum, auch dar\u00fcber zu sprechen, wie sich verschiedene Machtachsen in unseren gemeinsamen R\u00e4umen verschr\u00e4nken. Solidarit\u00e4t entsteht nicht von selbst, sondern dort, wo wir bereit sind, diese Verh\u00e4ltnisse zu sehen und Verantwortung daf\u00fcr zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Momente der Verantwortung<\/h3>\n\n\n\n<p>Hoffnung geben mir Momente, in denen diese Verantwortung sp\u00fcrbar wird. Wenn schwule Veranstalter bewusst FLINTA*-Kollektive einladen das Programm mitzugestalten, und bereit sind, echte Entscheidungsmacht zu teilen. Wenn lesbische* Gruppen schwule M\u00e4nner als Verb\u00fcndete in feministische Kampagnen einbinden und dabei klare Schutzr\u00e4ume respektiert werden. Wenn wir uns gegenseitig zuh\u00f6ren, statt nur zu erkl\u00e4ren. Wenn eine Butch auf einer B\u00fchne steht und von lesbischer Maskulinit\u00e4t erz\u00e4hlt und schwule M\u00e4nner im Publikum nicht nur irritiert sind, sondern neugierig bleiben. Wenn wir alle anerkannt werden, ohne uns rechtfertigen zu m\u00fcssen, und unsere Erfahrungen nicht als Randthema, sondern als Teil der gemeinsamen Geschichte verstanden werden. In solchen Augenblicken wird sichtbar, dass sich unsere K\u00e4mpfe nicht nur \u00fcberschneiden, sondern es ein gemeinsamer Kampf ist. Dass wir einander st\u00e4rken und auffangen k\u00f6nnen, wie wir es auch in der Vergangenheit schon getan haben. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Netz statt ein Zentrum<\/h3>\n\n\n\n<p>Aus Perspektive einer queeren Frau hei\u00dft schwul zu sein in einer sich ver\u00e4ndernden LGBTQIA+-Community f\u00fcr mich vor allem, gemeinsam einen Schritt weiterzugehen. Weg von der Vorstellung, dass eine Gruppe den Kern der Community bildet und alle anderen sich darum herum gruppieren. Hin zu einem Verst\u00e4ndnis, in dem verschiedene Erfahrungen gleichzeitig Ausgangspunkt sein k\u00f6nnen. Lesbisch, schwul, bisexuell, trans, nicht-bin\u00e4r, inter, queer: diese Labels bezeichnen nicht verschiedene Personenkreise, die blo\u00df zuf\u00e4llig in der LGBTQIA+-Community zusammengefasst sind. Wir sind ein Netz aus Pers\u00f6nlichkeiten, Beziehungen, Konflikten und B\u00fcndnissen, das nur dann stabil bleibt, wenn wir die Spannung aushalten und f\u00fcreinander ansprechbar bleiben. Wir sind divers und empfinden auch nicht alle eines der genannten Labels als f\u00fcr uns passend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche mir eine Community, in der es selbstverst\u00e4ndlich ist, dass wir R\u00e4ume gestalten, Konzepte mitbestimmen und eigene Schwerpunkte setzen. Eine Community, in der schwule M\u00e4nnlichkeit ihren Platz beh\u00e4lt, aber nicht mehr automatisch als Norm gilt. In der wir gemeinsam dar\u00fcber sprechen, wie Geschlechterrollen uns einschr\u00e4nken und zugleich Orientierung geben k\u00f6nnen. In der wir uns nicht fragen, wer das Zentrum ist, sondern welche Verbindungen wir herstellen wollen. Vielleicht ist das der spannendste Teil einer sich ver\u00e4ndernden Community: dass wir einander immer wieder neu erz\u00e4hlen, wer wir sind, und dabei merken, dass wir nur gemeinsam die ganze Geschichte sichtbar machen k\u00f6nnen. Ich bin sehr froh in Wien so eine Community gefunden zu haben und diese auch gegen Einfl\u00fcsse zu verteidigen, die uns spalten und auseinanderrei\u00dfen wollen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei M\u00e4nner, ein Regenbogen In queeren R\u00e4umen ist oft von Vielfalt und Zusammenhalt die Rede, dabei zeigt sich immer wieder, wie unterschiedlich sichtbar wir sind. F\u00fcr viele Au\u00dfenstehende steht das Bild von zwei M\u00e4nnern unter dem Regenbogen sinnbildlich f\u00fcr LGBTQIA+. 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