{"id":9911,"date":"2026-03-06T00:12:00","date_gmt":"2026-03-05T23:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9911"},"modified":"2026-03-04T21:25:48","modified_gmt":"2026-03-04T20:25:48","slug":"gespensterrollen-auf-dem-beifahrersitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9911","title":{"rendered":"Gespensterrollen auf dem Beifahrersitz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Als ich angefangen habe, Personen meines Geschlechts zu daten, dachte ich zun\u00e4chst, dass ich die Schwerkraft heteronormativer Rollen endlich hinter mir lassen kann. Zwei Frauen, keine M\u00e4nner, dementsprechend keine Maskulinit\u00e4t, keine Dominanz, kein stilles Gesetz, das zwischen uns steht und schon gar keine heteronormative Ordnung. Doch erst durch eigene Erfahrungen wurde mir bewusst, wie hartn\u00e4ckig sich bestimmte Rollenbilder durchsetzen wollen. Die Rollenerwartungen kehrten leise zur\u00fcck, in Gesten, in Erwartungen, in Fragen, die ich mir stellte. Obwohl ich mich als feministisch und queer-politisch reflektiert verstand, merkte ich, dass ich l\u00e4ngst nicht so frei von heteronormativer Pr\u00e4gung bin, wie ich dachte.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner fr\u00fcheren Beziehung mit einem heterosexuellen cis Mann verfolgte mich stets das Gef\u00fchl, viel zu \u201em\u00e4nnlich\u201c zu sein, abgesehen davon, dass ich zu dieser Zeit schon sehr stark an meinem heterosexuellen Dasein zweifelte. Also machte ich mich kleiner, gab Raum ab, \u00fcbte mich im Zur\u00fccktreten. Ich setzte mich instinktiv auf den Beifahrersitz, wartete vor T\u00fcren, dass er sie \u00f6ffnete, versuchte mich \u00fcber Blumen zu freuen, die er mir schenkte. Und das sicher nicht aus \u00dcberzeugung, sondern aus Gewohnheit, aus einem Pflichtgef\u00fchl, seiner M\u00e4nnlichkeit genug Raum zu geben. Als ich ging, blieb ein Verlagen: Aufbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>So stolperte ich von Date zu Date mit der Mission, alle Genderrollen, die mir seit meiner Kindheit mitgegeben wurden, zu durchbrechen. Ich \u00fcbernahm alles, was ich davor nicht durfte. Fuhr Auto, hielt unz\u00e4hlige T\u00fcren auf und brachte Blumen mit. Mal war es mir so wichtig, dass ich alles ablehnte, was in mein stures Gegensteuern nicht reinpasste, oft schaute ich weg. Ich spielte mit dem Gegensatz, spielte mit der vermeintlichen Freiheit. Bis ich mich verliebte. <\/p>\n\n\n\n<p>Und pl\u00f6tzlich standen wir da, zwei Frauen, die beide Auto fahren, T\u00fcren aufhalten und Blumen kaufen. Zwei, die sich gegenseitig den Mantel zum Reinschl\u00fcpfen reichen. Und keine von uns wei\u00df so recht, wer ihn zuerst anziehen soll. <\/p>\n\n\n\n<p>All den Widerst\u00e4nden und Gedankenkonflikten liegt eine Erkenntnis zugrunde: Ich kann mich mit dem bin\u00e4ren Denken nicht anfreunden, das st\u00e4ndig und ausnahmslos zwischen \u201emaskulin\u201c und \u201efeminin\u201c unterscheidet. Mich st\u00f6rt daran, dass diesen Kategorien starre Eigenschaften zugeschrieben werden, die sich scheinbar ausschlie\u00dfen. So sehr ich nachvollziehen kann, dass diese klaren Muster Orientierung und vermeintliche Sicherheit schaffen, so hartn\u00e4ckig begleitet mich der Gedanke, dass sie uns zugleich einschr\u00e4nken, indem sie unserer Pers\u00f6nlichkeit starre Grenzen setzen. Zwischen all dem taucht die Frage auf, ob das auch anders gelebt werden darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich beginne, meine eigene Identit\u00e4t zu hinterfragen, mich auszuprobieren, Grenzen zu verschieben. Nebenbei beobachte ich in der lesbischen Community, dass Beziehungspersonen teilweise in entweder st\u00e4rker \u201emaskulin\u201c oder \u201efeminin\u201c gelesene Rollen eingeteilt werden. Diese Rollen erzeugen automatisch Erwartungen. Es gibt klare Zuschreibungen: eine Person \u00fcbernimmt Verantwortung, die andere ist f\u00fcr alle emotionalen Belange zust\u00e4ndig, eine Person f\u00fchrt, die andere folgt. So entstehen nicht nur Machtgef\u00e4lle, sondern besonders starke Abh\u00e4ngigkeitsdynamiken, die schlicht an heteronormative Muster erinnern. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich hinterfrage nun nicht nur mich selbst, sondern auch meine Partnerin und unser gemeinsames Auftreten in der Gesellschaft. Was bedeutet es eigentlich \u201emaskulin\u201c zu sein? Was ziehe ich am besten an, wenn ich mich heute eher \u201efeminin\u201c f\u00fchle? Und warum muss ich mich stets an diesen zwei Kategorien orientieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Muster kommen mir nicht zuf\u00e4llig vor, sondern als Ausdruck einer Sozialisation, in der Beziehungen fast immer in m\u00e4nnlichen-weiblichen Gegens\u00e4tzen dargestellt werden. Auch queere Spaces sind davon nicht unbeeinflusst. So kann es dazukommen, dass wir alternative Beziehungsformen leben wollen aber dennoch alte Rollenbilder in einer neuen Form reproduzieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Auseinandersetzen mit (toxischer) Maskulinit\u00e4t in lesbischen Beziehungen zeigt mir immer wieder, wie tief Rollenerwartungen in unserer Gesellschaft verankert sind, selbst dort, wo ich sie nicht erwartet h\u00e4tte. F\u00fcr mich bedeutet das, bewusster hinzusehen und meine Handlungen und Einstellungen immer wieder zu reflektieren. Wo handle ich aus meiner Pers\u00f6nlichkeit und wo aus erlernten Strukturen? Auch wenn viele Fragen offenbleiben, h\u00f6re ich nicht auf, mich selbst immer wieder neu zu einer genderneutralen Haltung zu erziehen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich angefangen habe, Personen meines Geschlechts zu daten, dachte ich zun\u00e4chst, dass ich die Schwerkraft heteronormativer Rollen endlich hinter mir lassen kann. Zwei Frauen, keine M\u00e4nner, dementsprechend keine Maskulinit\u00e4t, keine Dominanz, kein stilles Gesetz, das zwischen uns steht und schon gar keine heteronormative Ordnung. 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