{"id":9905,"date":"2026-03-06T00:10:00","date_gmt":"2026-03-05T23:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9905"},"modified":"2026-03-04T21:19:17","modified_gmt":"2026-03-04T20:19:17","slug":"ich-bin-schwul-nicht-queer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9905","title":{"rendered":"\u201eIch bin schwul, nicht queer\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich pers\u00f6nlich fand es schon sehr bezeichnend, als 2023 der CDU-Spitzenpolitiker Jens Spahn in einem \u201eNius\u201c Interview zum Thema Selbstbestimmungsgesetz sagte, er sei \u201eschwul, nicht queer\u201c. Weiters Spahn: \u201eIch bin ja nicht morgens wach geworden und habe mir gesagt: Ich will jetzt schwul sein. Ich bin es einfach. Und deswegen kann ich mit diesem \u201aIch-definiere-mich-jetzt-mal-als-dies-oder-jenes\u2018 wenig anfangen\u201c, und insinuierte mit dieser Aussage unterschwellig, dass das Schwulsein keine Entscheidung sei, aber Teile der queeren Community sich ihre Identit\u00e4t frei nach Lust und Laune ausw\u00e4hlen w\u00fcrden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Interview f\u00fchrte mir erstmalig eindr\u00fccklich vor Augen, dass der Wunsch nach pers\u00f6nlicher Abspaltung von Teilen der (queeren) Community selbst bei manchen schwulen M\u00e4nnern vertreten ist. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ausschluss wegen Diskriminierungsangst <\/h3>\n\n\n\n<p>\u201cIch bin schwul, nicht queer\u201c, oder \u201eIch bin zwar mit einem Mann zusammen, aber sonst so wie ihr\u201c, sind Aussagen, die man auch heute noch oft h\u00f6rt. Meist in Situationen, in denen schwule M\u00e4nner ihr Leben einem heterosexuellen Umfeld vorstellen. Ein Gef\u00fchl kommt auf, anderen eine Erkl\u00e4rung schuldig zu sein. Welche Botschaft dabei mal mehr mal weniger unterschwellig mitschwingt, ist ein \u201eIch bin zwar schwul, aber anders als die anderen. Ich bin normal und so wie ihr.\u201c Auf solche Aussagen folgen meist Beteuerungen, dass schwul und lesbisch sein ja okay sei, aber trans beziehungsweise nichtbin\u00e4re Menschen \u201eunserem Ruf als Community schaden w\u00fcrden.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum tun das manche schwule M\u00e4nner und auch lesbische Frauen? Warum diskriminiert man Menschen aufgrund ihrer Identit\u00e4t oder Sexualit\u00e4t, wo man doch wahrscheinlich im eigenen Leben schon negative Erfahrungen mit dieser Art Diskriminierung sammeln musste? Ich w\u00fcrde dieses Gebaren als eine Art Selbstschutzmechanismus sehen von Menschen, die Angst davor haben, diskriminiert zu werden, weil sie zu einer Gruppe zugeh\u00f6rig befunden werden, die auch heute noch in westlichen Gesellschaften oft diskriminiert wird. Sie wollen sich quasi nicht \u201esinnlos ins Kreuzfeuer stellen, wenn sie selbst ja nicht betroffen sind.\u201c F\u00fcr sie ist der Kampf um ihre pers\u00f6nlichen Rechte abgeschlossen, jede weitere Bem\u00fchung w\u00fcrde einen pers\u00f6nlichen Kontrollverlust bedeuten. Manchmal artet das zu einem Extrem aus, dass die eigene Sexualit\u00e4t verschleiert oder heruntergespielt wird, nur um im gleichen Satz doppelt so stark zu beteuern, dass man trotzdem ein ganz \u201enormaler\u201c Mensch sei. Oder man ist ein hochrangiger Politiker in einem Interview beim rechten Krawallmedium \u201eNius\u201c und m\u00f6chte die konservativen bis rechten Menschen nicht mit seiner \u201eeigenen Sexualit\u00e4t vor den Kopf sto\u00dfen\u201c und kostbare W\u00e4hlerstimmen verlieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss selbst zugeben, dass ich mich auch ausgrenzend innerhalb der eigenen Community verhalten habe. In meinen Teenagerjahren, nach meiner ersten Outingwelle, war es mir wichtig, mich von \u201eschrillen und femininen\u201c M\u00e4nnern abzugrenzen. Nicht, weil ich deren Lebensstil verwerflich gefunden habe. Insgeheim bewunderte ich sie. Ich tat es, weil ich Angst vor Ausgrenzung und Kontrollverlust hatte. Anstatt stolz zu mir und der Community zu stehen, blieb nach meinem Outing ein Fu\u00df immer noch im Schrank. Diese Zeit konnte ich gl\u00fccklicherweise in meine fr\u00fchen Teenagerjahre verbannen. Heute bin ich sehr viel reflektierter. Aber diese Entwicklung scheint bedauerlicherweise nicht jeder vollzogen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Im selben Boot<\/h3>\n\n\n\n<p>Aber was ist daran das gro\u00dfe Problem? Denn ich h\u00f6re von vielen Menschen, auch innerhalb der eigenen Community, dass solche Narrative von schwulen M\u00e4nnern ja ihre pers\u00f6nliche Entscheidung seien. Wenn sie es f\u00fcr n\u00f6tig halten, sich von der queeren Community zu distanzieren, sei das ja ihre pers\u00f6nliche Sache. Jens Spahn darf gerne \u201enicht queer, sondern schwul\u201c sein. Am Ende ist es mir pers\u00f6nlich herzlich egal, wie sich ein Herr Spahn definiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Alles kein Problem, wenn ich nicht sehen w\u00fcrde, wie dieses Narrativ verwendet wird, um gegen queere Menschen zu hetzen: strategische Angriffe auf Teile der queeren Community, um diese Teile zu isolieren und die Community an sich zu schw\u00e4chen. Wenn ich mich als schwul oute, aber Wert darauf lege, andere Teile der queeren Community herabzusetzen oder auszuschlie\u00dfen, verfestige ich eine Hierarchie. Oben ich, der schwule Mann, der ja eigentlich fast so wie die anderen heterosexuellen M\u00e4nner ist. Unter mir Menschen, die heute noch eine gro\u00dfe Zielscheibe f\u00fcr den Hass rechtspopulistischer und fundamentalistischer Akteure darstellen. Ich werte mich auf, indem ich anderen ihr Recht abspreche. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Gedanke der queeren Bewegung soll doch sein: \u201eGleiches Recht f\u00fcr alle, egal wen man liebt und wer man ist.\u201c Doch das Privilegieren der eigenen gesellschaftlichen Position in der heteronormativen Welt durch das \u00f6ffentliche Verurteilen von Teilen der LGBTQIA+-Community widerspricht diesem Ansatz komplett. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie k\u00f6nnen wir uns sicher sein, dass wir die gleichen Rechte wie heterosexuelle cis Menschen haben, wenn wir Teile unserer eigenen Community ausschlie\u00dfen? Am Ende des Tages weichen wir alle von der heteronormativen Norm ab. Wir alle m\u00fcssen auch heute noch f\u00fcr unsere Rechte k\u00e4mpfen, die nach wie vor alles andere als in Stein gemei\u00dfelt sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir uns intern abwerten und gegenseitig unsere Rechte sowie unser Existenzrecht absprechen, machen wir uns angreifbar f\u00fcr m\u00e4chtige Menschen. M\u00e4chtige Menschen, die am Ende des Tages keinen Buchstaben von LGBTQIA+ in der \u00d6ffentlichkeit sehen wollen und sich die H\u00e4nde reiben, wenn sie sehen, dass die Community nicht zusammensteht. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">M\u00e4chtige Menschen und der Kulturkampf <\/h3>\n\n\n\n<p>Schon mal von \u201eDivide and Conquer\u201c geh\u00f6rt? Eine Strategie rechter und fundamentalistischer Akteure, um Gesellschaften durch Kulturk\u00e4mpfe zu schw\u00e4chen. \u201eDivide\u201c (teilen) und \u201eConquer\u201c (besiegen) spricht davon, dass Gesellschaften leichter zu manipulieren und zu steuern sind, wenn sich tiefe Gr\u00e4ben zwischen Menschen und sozialen Gruppen bilden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie sieht diese Strategie in der Praxis aus? Man beg\u00fcnstigt durch einseitige Berichterstattungen, emotionalisierte Narrative und das Etablieren eines \u201eWir gegen Die\u201c-Denkens eine Atmosph\u00e4re der Polarisierung zu bestimmten gesellschaftlichen Themen. Man spielt Menschen gegeneinander aus. Menschen ohne  Migrationshintergrund gegen Menschen mit einem. Mann gegen Frau. Hetero gegen Queer. Schwul gegen trans. Auf diese Art bek\u00e4mpfen sich gesellschaftliche Gruppen untereinander anstatt Ungleichheiten des Systems an sich in Frage zu stellen. Hinter dieser Strategie stehen rechte Politiker*innen, fundamentalistisch-religi\u00f6se Oberh\u00e4upter und einflussreiche Unternehmer*innen. Diese sehen im Kulturkampf die Chance, ihre eigenen Positionen zu sichern. Sie m\u00fcssen keinen starken Gegenwind aus der Bev\u00f6lkerung f\u00fcrchten, wenn sich dort die Menschen gegenseitig bek\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df, es klingt extrem und fast schon wie Verschw\u00f6rungsglaube, aber die Strategie \u201eDivide and Conquer\u201c ist nachweislich fester Bestandteil politischer Kampagnen wie der \u201eLGB without the T\u201c-Bewegung, der \u201eLGB Alliance\u201c oder dem \u201eFamily Research Council\u201c, einer christlich-rechten Denkfabrik in den USA. Alles Organisationen mit starken Verbindungen zu einflussreichen Unternehmer*innen und nicht zuletzt zu Politiker*innen. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eUnite\u201c statt \u201eDivide\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Am Ende bleibt eine unbequeme Wahrheit: Sicherheit durch Anpassung ist eine Illusion. Rechte, die nicht gemeinsam verteidigt werden, sind nie dauerhaft. Schwule M\u00e4nner, die sich heute durch Abgrenzung absichern wollen, werden morgen feststellen, wie schnell ihre eigenen Rechte wieder zur Debatte stehen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnite\u201c (zusammenschlie\u00dfen) hei\u00dft nicht, gleich zu sein und jede Entwicklung unkommentiert abzunicken, sondern solidarisch zu sein. Seine Sicherheit und Best\u00e4tigung nicht bei seinen eigentlichen Unterdr\u00fcckern zu suchen. Es hei\u00dft, Spaltungsversuche von m\u00e4chtigen Menschen zu erkennen und ihnen bewusst entgegenzutreten. Denn nur eine Community, die zusammensteht, kann dem Kulturkampf etwas entgegensetzen. Ohne \u201eDivide\u201c ist n\u00e4mlich kein \u201eConquer\u201c m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich pers\u00f6nlich fand es schon sehr bezeichnend, als 2023 der CDU-Spitzenpolitiker Jens Spahn in einem \u201eNius\u201c Interview zum Thema Selbstbestimmungsgesetz sagte, er sei \u201eschwul, nicht queer\u201c. 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