{"id":9788,"date":"2025-12-05T00:13:00","date_gmt":"2025-12-04T23:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9788"},"modified":"2025-12-03T23:00:56","modified_gmt":"2025-12-03T22:00:56","slug":"aids-und-die-lesben-und-schwulenbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9788","title":{"rendered":"AIDS und die Lesben- und Schwulenbewegung"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Fr\u00fchzeit von AIDS in \u00d6sterreich und die HOSI Wien.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Am 11. M\u00e4rz 1983 wurde im \u00d61-Abendjournal erstmals \u00fcber zwei schwule M\u00e4nner berichtet, die in Wien an AIDS verstorbenen waren. Ein medialer Sturm brach los und die Gesundheitsbeh\u00f6rden aber auch die bisher in Bezug auf AIDS zur\u00fcckhaltende Bewegung sahen sich veranlasst, auf diesen \u201egeschichtlichen Bruch\u201c, wie es der Philosoph Alexander Garci\u00e1 D\u00fcttmann formulierte, zu reagieren. Die HOSI Wien war zu diesem Zeitpunkt gerade etwas mehr als zwei Jahre alt, die Rosa Lila Villa war mit der erst k\u00fcrzlich erfolgten Instandbesetzung des Hauses an der Linken Wienzeile besch\u00e4ftigt, die Lesbenbewegung desinteressiert, denn die Hauptbetroffenengruppe waren schwule M\u00e4nner. Der Wissensstand \u00fcber die t\u00f6dliche Bedrohung, die erst seit kurzem AIDS hie\u00df, war gering.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie alles begann<\/h3>\n\n\n\n<p>In den USA hatten bereits 1981 Mediziner die H\u00e4ufung einer seltenen Form von Lungenentz\u00fcndung beschrieben, die unter schwulen M\u00e4nnern in San Francisco und New York auftrat. In Zusammenhang mit anderen seltenen opportunistischen Erkrankungen wie dem Kaposi-Sarkom sprach man von Gay-Related Immune Deficiency (GRID). Damit war die Stigmatisierung und das Other\u00ading gegen\u00fcber der Gruppe der homosexuellen M\u00e4nner verbunden, denn selbst medizinische Fachzeitschriften schilderte AIDS als eine \u201aHomo-Seuche\u2018 oder \u201aHomosexuellen-Krankheit\u2018. Bald wurden auch andere Minderheiten wie Drogenkonsument*innen, Haitianer und H\u00e4mophile als Krankheits\u00fcbertr\u00e4ger identifiziert. Ende Juli 1982 einigte man sich auf die Bezeichnung Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS), homosexuelle M\u00e4nner blieben aber vorerst die hauptbetroffene Gruppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Im deutschsprachigen Raum berichtete zuerst Der Spiegel Ende Mai 1982 \u00fcber den \u201eSchreck von dr\u00fcben\u201c und meinte damit die USA \u00fcber dem gro\u00dfen Teich. In \u00d6sterreich folgte der Kurier Ende September 1982 mit einer kurzen, im Ton durchaus sachlichen, Nachricht. Die HOSI Wien reagierte auf die Berichterstattung \u2013 vor allem des Spiegels \u2013 abwehrend und aufgebracht. Man kritisierte die \u201eantihomosexuelle Tendenz\u201c der \u201esensationsgeilen Nachrichten\u201c, mit denen \u201edie Medien den Homosexuellen ein neues Stigma verpassen wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">AIDS kommt in \u00d6sterreich an<\/h3>\n\n\n\n<p>Der dem 11. M\u00e4rz folgenden medialen Angstmache wollte die HOSI Wien mit Aufkl\u00e4rung entgegenwirken. Innerhalb von zwei Wochen (!!!) wurde die erste Informationsbrosch\u00fcre \u00fcber AIDS in Europa produziert. Mit dem Arzt Reinhardt Brandst\u00e4tter hatte die HOSI Wien als Vize-Obmann einen im Wiener Gesundheitswesen gut vernetzten Kommunikator im Team, der prominente Co-Autoren gewinnen konnte: die Universit\u00e4tsprofessoren Christian Kunz (Vorstand des Instituts f\u00fcr Virologie) und Klaus Wolff (Vorstand der Universit\u00e4ts-Hautklinik), den Psychiater Walter Dekan und den Wiener Stadtrat f\u00fcr Gesundheit und Soziales Alois Stacher, der \u2013 selbst Facharzt und Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Innere Medizin \u2013 den Druck der in der schwulen Community in einer Auflage von 8000 St\u00fcck verteilten Brosch\u00fcre finanzierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wissen \u00fcber AIDS war beschr\u00e4nkt; es war noch nicht einmal sicher, ob ein Virus die Erkrankung ausl\u00f6ste und wie die \u00dcbertragungswege waren. Auf f\u00fcnf eng bedruckten Spalten eines Leporellos stellten die Autoren, wie sie selbst schrieben, \u201eUrsachen, Thesen, Vermutungen, Ger\u00fcchte\u201c \u00fcber AIDS zusammen. Als Basis dienten ihnen die Ver\u00f6ffentlichungen der US-Bundesbeh\u00f6rde Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Die vom Virologen Christian Kunz formulierte These, dass bei \u201eeiner \u00dcbertragung durch ein Virus [\u2026] die Ansteckung dabei offenbar beim Geschlechtsverkehr und durch Blut oder Blutprodukte erfolgen k\u00f6nne\u201c, f\u00fchrte auch zu ersten Empfehlungen, die pr\u00e4ventiven Charakter hatten. Reinhardt Brandst\u00e4tter pr\u00e4zisierte als Arzt und Aktivist die Vorschl\u00e4ge des Virologen: \u201eAngst und Panik oder \u00fcbertriebene Reduzierung der Sexualit\u00e4t oder Sexualfeindlichkeit sind keine geeigneten Mittel\u201c, um die Verbreitung von AIDS zu verhindern. Denn die Antwort auf die medial verbreitete Angst \u2013 und damit sprach Brandst\u00e4tter die betroffenen homosexuellen M\u00e4nner direkt an \u2013 muss \u201eunsere pers\u00f6nliche Emanzipation sein, unsere Selbstakzeptierung als Homosexuelle und das bewusste Leben unserer Homosexualit\u00e4t.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Wochen nach dem Beginn des medialen Hypes wurden wichtige Grundz\u00fcge f\u00fcr die Pr\u00e4ventionsarbeit der n\u00e4chsten Jahre formuliert. Vermutete die HOSI Wien hinter der Berichterstattung \u00fcber AIDS zun\u00e4chst eine Verschw\u00f6rung der Medien, die \u201eden Homosexuellen ein neues Stigma verpassen wollen\u201c, so wollte sie nun selbst eine \u201ewissenschaftlich und ethisch exakte Darstellung garantieren.\u201c Gleichzeitig wurde betont, dass die Emanzipation der Homosexuellen ma\u00dfgeblich f\u00fcr den Erfolg aller Ma\u00dfnahmen gegen die Verbreitung von AIDS sein wird. Dieser Schulterschluss von Wissenschaft, Politik und Emanzipationsbewegung legte klar, dass alle beteiligten Akteure \u2013 Wissenschaft, Politik und Bewegung \u2013 Ausgrenzung und Stigmatisierung bek\u00e4mpfen mussten, was in Anbetracht der Medienhetze keine leichte Aufgabe war. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Auf dem Weg zur \u00d6sterreichischen AIDS-Hilfe<\/h3>\n\n\n\n<p>Trotz aller Skepsis gegen\u00fcber der Wissenschaft und der Pharmaindustrie schlug die HOSI \u201eeine undogmatische und pragmatische Linie\u201c ein. Als Ende 1984 ein erster HIV-Antik\u00f6rpertest zur Erprobung stand, gab es das Angebot an einer ersten HIV-Antik\u00f6rper-Pr\u00e4valenz-Studie teilzunehmen. Die HOSI Wien z\u00f6gerte zun\u00e4chst, ging aber publizistisch in die Offensive. In einem achtseitigen Artikel in den Lambda Nachrichten wurde \u201eAlles Neue \u00fcber AIDS\u201c ausgebreitet. Auch der Antik\u00f6rpertest wurde zur Diskussion gestellt. Neben Fragen zur medizinischen Aussagekraft des Ergebnisses, waren es vor allem die psychologischen Folgen f\u00fcr positiv Getestete, die die HOSI Wien ins Zentrum r\u00fcckte. <\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich gab die HOSI Wien keine Empfehlung zum Test ab, sie fand aber mit zwei Forderungen bei den beteiligten \u00c4rzten Unterst\u00fctzung: Der Test sollte anonym sein und eine begleitende Studie sollte m\u00f6gliche Co-Faktoren f\u00fcr eine Infektion erheben. Das Ergebnis war ern\u00fcchternd. Bei 68 (21,4 Prozent) der 318 Getesteten wurden Antik\u00f6rper festgestellt. Die Auswertung eines Fragebogens zu m\u00f6glichen Co-Faktoren ergab \u201eals Haupt\u00fcbertragungsweg den Analverkehr, wobei der rezeptive (passive) Partner weitaus gef\u00e4hrdeter ist als der aktive. Es zeigten sich au\u00dferdem hochsignifikante Korrelationen zwischen positivem Antik\u00f6rperbefund und der Anzahl der Sexualpartner.\u201c Der promiske Lebensstil vieler homosexueller M\u00e4nner war also ein wesentlicher Faktor f\u00fcr eine HIV-Infektion. <\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Schl\u00fcsse, die die HOSI Wien aus der Teststudie zog, war, dass \u201eAIDS nicht nur ein medizinisches Problem, sondern auch eines der Schwulenbewegung\u201c ist. F\u00fcr \u201ealle Schwulen in diesem Land\u201c sei eine \u201estarke Schwulenlobby von eminenter Bedeutung\u201c, weil sie Einfluss auf die Gesundheitsbeh\u00f6rde nehmen k\u00f6nnte. Die Teilnahme an der Teststudie erwies sich als Door Opener, weil sich aus ihr eine Zusammenarbeit mit \u00c4rzt*innen und Wissenschaftler*innen ergab und weil die HOSI Wien bei allem Gremien, die irgendwas mit AIDS zu tun hatten, teilnehmen konnte. Die Aktivist*innen der HOSI Wien machten sich auf dem Weg in die Institutionen. <\/p>\n\n\n\n<p>Brandst\u00e4tter schlug die Gr\u00fcndung einer \u00f6sterreichischen AIDS-Hilfe in Form eines eigenen Vereins vor, in dessen Vorstand Vertreter des Ministeriums und der Schwulenbewegung sitzen sollten. \u201eDieser Verein soll als Puffer zwischen den Schwulen und den Beh\u00f6rden dienen.\u201c Die Aufgaben der AIDS-Hilfe w\u00e4ren professionelle Aufkl\u00e4rungs- und Informationsarbeit und die professionelle Beratung von schwulen M\u00e4nnern und anderen Betroffenen insbesondere nach einem positiven Antik\u00f6rpertest. Ein beachtliches Detail f\u00fcr diese fr\u00fche Phase in der Geschichte von AIDS ist, dass in Brandst\u00e4tters Papier auch schon die Organisation von freiwilligen Hilfsdiensten f\u00fcr AIDS-Patienten angedacht wurde. Gerade Selbsthilfegruppen sollten sp\u00e4ter in der Bew\u00e4ltigung der AIDS-Krise eine wichtige Rolle spielen. F\u00fcr \u00f6sterreichische Verh\u00e4ltnisse ging alles sehr schnell. Am 29. August 1985 fand die Gr\u00fcndungsversammlung der \u00d6sterreichischen AIDS-Hilfe (\u00d6AH) statt. Diese sollte zwar nach wenigen Jahren zerschlagen werden, aber das ist eine andere Geschichte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag ist eine \u00fcbersetzte, stark gek\u00fcrzte und bearbeitete Fassung meines Aufsatzes \u201eGay &amp; Lesbian Movement, Politics, and Media in the Early Days of AIDS in Austria\u201c, in: COVID-19 and Pandemics in Austrian History, Contemporary Austrian Studies, Vol 32<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas Brunner<br>Wissenschaftlicher Leiter<br>Qwien \u2013 Zentrum f\u00fcr queere Kultur und Geschichte<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fr\u00fchzeit von AIDS in \u00d6sterreich und die HOSI Wien. Am 11. M\u00e4rz 1983 wurde im \u00d61-Abendjournal erstmals \u00fcber zwei schwule M\u00e4nner berichtet, die in Wien an AIDS verstorbenen waren. 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