{"id":9785,"date":"2025-12-05T00:12:00","date_gmt":"2025-12-04T23:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9785"},"modified":"2025-12-03T22:57:20","modified_gmt":"2025-12-03T21:57:20","slug":"kurz-vor-der-zielgerade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9785","title":{"rendered":"Kurz vor der Zielgerade"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sparma\u00dfnahmen sind ein R\u00fcckschlag f\u00fcr den Kampf gegen AIDS<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Es gibt Momente in der globalen Gesundheitspolitik, in denen einzelne nationale Entscheidungen weit mehr sind als eindimensionale Sparma\u00dfnahmen. Vielmehr sind sie Weichenstellungen. Die massive K\u00fcrzung der Gelder f\u00fcr die United States Agency for International Development (USAID) ist ein solcher Moment. Die Erfolge eines jahrzehntelangen Kampfes gegen HIV und AIDS sind bedroht. Ein Kampf, der f\u00fcr die weltweite LGBTIQ-Bewegung traumatisch war. <\/p>\n\n\n\n<p>Die USA waren \u00fcber viele Jahre der wichtigste bilaterale Geldgeber f\u00fcr internationale HIV-Programme. Durch PEPFAR, den President\u2019s Emergency Plan for AIDS Relief, wurden Millionen Menschenleben gerettet, moderne Behandlungsm\u00f6glichkeiten aufgebaut und die HIV-Sterblichkeit in weiten Teilen Afrikas dramatisch gesenkt. Viele L\u00e4nder bringen ihre r\u00fcckl\u00e4ufigen Infektionszahlen direkt mit US-Programmen in Verbindung \u2013 und es ist kein Zufall, dass die Situation in vielen L\u00e4ndern wieder zu kippen droht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">USAID \u2013 R\u00fcckgrat der globalen HIV-Antwort<\/h3>\n\n\n\n<p>USAID finanzierte bisher nicht nur Medikamente oder Laborkapazit\u00e4ten. Die Beh\u00f6rde unterst\u00fctzte Aufkl\u00e4rungsprogramme, Community-Projekte, LGBTQ-Organisationen in repressiven Staaten, Programme zur Pr\u00e4vention der Mutter-Kind-\u00dcbertragung, sowie die Ausbildung von Gesundheitsfachkr\u00e4ften. In vielen L\u00e4ndern war USAID nicht blo\u00df ein wichtiger Partner, sondern der gr\u00f6\u00dfte und h\u00e4ufig der einzige Finanzier im Kampf gegen HIV.<\/p>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcngsten K\u00fcrzungen bedeuten daher weit mehr als eine Budgetk\u00fcrzung: Sie rei\u00dfen L\u00f6cher in Versorgungssysteme, die ohnehin bereits unter Druck standen. Besonders schmerzhaft trifft es M\u00e4nner, die Sex mit M\u00e4nnern haben, (MSM) in Regionen, in denen gleichgeschlechtlicher Sex ohnehin kriminalisiert ist. Dort sind sie auf internationale Unterst\u00fctzung angewiesen, um \u00fcberhaupt Zugang zu Pr\u00e4ventionsmaterial, Tests oder Behandlung zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was wurde gestrichen \u2013 und wer ist betroffen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Die gestrichenen Programme finanzierten vor allem die Bereiche HIV-Testungen, Pr\u00e4ventionskampagnen und Versorgung mit antiretroviralen Medikamenten. In S\u00fcdafrika mussten zw\u00f6lf Spezialkliniken f\u00fcr MSM und Sex\u00adarbeiter*innen ihre T\u00fcren schlie\u00dfen. Anlaufstellen, die sichere R\u00e4ume boten, wurden von einem Tag auf den anderen stillgelegt. In Kliniken fehlen Medikamente, Programme mussten Patient*innen auf Wartelisten setzen oder konnten nicht mehr garantieren, dass Behandlungen unterbrechungsfrei fortgef\u00fchrt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Medizin bedeutet ein Behandlungsabbruch nicht blo\u00df eine L\u00fccke, sondern eine Gefahr: Unterbrechungen f\u00f6rdern Resistenzen, und resistente HIV-St\u00e4mme breiten sich schneller und gef\u00e4hrlicher aus. Genau das, was wir international seit Jahren zu verhindern versuchen, k\u00f6nnte nun Realit\u00e4t werden. In Berichten lokaler Organisationen zeigt sich ein klares Bild:<\/p>\n\n\n\n<p>\u25cf\tWeniger Tests -&gt; mehr unerkannte Infektionen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u25cf\tWeniger Pr\u00e4vention -&gt; steigende Neuinfektionen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u25cf\tUnterbrochene Therapie -&gt; h\u00f6here Viruslasten und schnellere Weitergabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders betroffen sind L\u00e4nder in Subsahara-Afrika, aber auch Regionen wie der Nahe Osten, Teile Asiens oder Lateinamerika. In Staaten, die sich offen gegen LGBTQ-Rechte richten, sind USAID-Programme oft die einzigen, die \u00fcberhaupt queere Communitys unterst\u00fctzen. Hinzukommt, dass Programme, wenn sie einmal geschlossen sind, Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen um wieder aufgebaut zu werden. Ein Prozess, der Ressourcen, Geld und vor allem Menschenleben kostet. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Warum wir uns nicht an Trump abputzen k\u00f6nnen<\/h3>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die USA drastisch k\u00fcrzen, sinken gleichzeitig im Angesicht des allgemeinen Spardrucks auch die europ\u00e4ischen Entwicklungshilfeausgaben. Deutschland reduziert seinen Beitrag deutlich, \u00d6sterreich liegt ebenfalls unter fr\u00fcheren Werten, und viele EU-L\u00e4nder melden R\u00fcckg\u00e4nge. F\u00fcr die globale HIV-Bek\u00e4mpfung bedeutet das eine gef\u00e4hrliche Kombination: Wenn zwei der drei gr\u00f6\u00dften Geberbl\u00f6cke gleichzeitig sparen, entsteht ein Engpass, den niemand mehr ausgleichen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Europa hat lange betont, wie wichtig globale Gesundheit sei. Doch die Realit\u00e4t zeigt, dass humanit\u00e4re und entwicklungspolitische Budgets zu den ersten geh\u00f6ren, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gek\u00fcrzt werden. Dabei h\u00e4ngen HIV-Programme stark von langfristigen, planbaren Finanzierungen ab. Kurzfristige Einbr\u00fcche f\u00fchren zu Abbr\u00fcchen in Versorgungsketten und gef\u00e4hrden die Erfolge, die \u00fcber Jahrzehnte aufgebaut wurden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von Washington, nach Ottakring \u2013 Warum die US-Politik auch uns betrifft<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Kampf gegen HIV ist global, weil das Virus global ist. Infektionswege enden nicht an Grenzen. \u00d6sterreich ist \u2013 wie viele europ\u00e4ische L\u00e4nder \u2013 eng in internationale Mobilit\u00e4t eingebunden. Menschen reisen, migrieren, arbeiten quer \u00fcber L\u00e4nder und Kontinente hinweg. Pandemien von der Spanischen Grippe bis zur Corona-Krise haben uns gezeigt, dass internationale Infektionswege t\u00f6dliche Realit\u00e4t sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn weltweit weniger getestet wird und damit mehr Infektionen unentdeckt bleiben, wenn Therapieabbr\u00fcche zunehmen und damit Resistenzen entstehen und sich verbreiten, dann steigt das Risiko in Wien, \u00d6sterreich und ganz Europa. Nicht morgen \u2013 aber mittelfristig deutlich. Besonders Resistenzentwicklungen k\u00f6nnen f\u00fcr Europa zur Herausforderung werden, da sie h\u00f6here Behandlungskosten und komplexere Therapieformen bedeuten. <\/p>\n\n\n\n<p>Besonders tragisch: Es bestand eine realistische Chance, das Sterben und die gro\u00dffl\u00e4chige Verbreitung von HIV bis 2030 zu beenden. Dieses Szenario, ein Traum der LGBTIQ-Bewegung, ist nun dahin. Dank dummer, kurzsichtiger Politik. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wir sollten den Blick \u00fcber den Tellerrand wagen<\/h3>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir uns \u00fcber neue Medikamente und den Zugang zu PrEP freuen, droht international ein Wiederanstieg von HIV-Infektionen. Organisationen weltweit warnen, dass ein Jahrzehnt der Fortschritte zunichte gemacht werden k\u00f6nnte, wenn jetzt nicht gegengesteuert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erschreckende ist: Diese Entwicklung passiert leise. Abseits der gro\u00dfen Medien, abseits politischer Debatten. Doch f\u00fcr Millionen Menschen sind diese K\u00fcrzungen t\u00f6dlich. F\u00fcr uns in Europa sind sie ein Risiko. Und f\u00fcr die globale LGBTQ-Community sind sie im schlimmsten Fall ein R\u00fcckfall in Zeiten, in denen das Virus unsichtbar, unkontrolliert und t\u00f6dlich war.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was jetzt wichtig w\u00e4re<\/h3>\n\n\n\n<p>Europa \u2013 und auch \u00d6sterreich \u2013 m\u00fcsste seine internationale Verantwortung wieder ernster nehmen. Stabilere Finanzierungsmechanismen, langfristige Verpflichtungen und mehr Unterst\u00fctzung f\u00fcr multilaterale Programme wie UNAIDS und den Global Fund to fight AIDS ist notwendig. Es w\u00e4re auch kurzsichtig dies nicht zu tun, denn die Entwicklung von Resistenzen und ein Anstieg von Infektionen kommen uns sicher teurer zu stehen als eine Erh\u00f6hung der Entwicklungshilfeetats. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die queere Community bedeutet das: Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass der globale HIV-Kampf kaputtgespart wird. Zumal die USA und ihr Kulturkampf auch in Europa ihre Schatten werfen. Rechte Parteien in Europa schie\u00dfen sich regelm\u00e4\u00dfig auf die Entwicklungshilfe ein. Und was ein Herr Kickl von der Finanzierung der Behandlung HIV-positiver schwuler M\u00e4nner in S\u00fcdafrika h\u00e4lt, kann man sich denken. Darum: Lasst uns nicht auf den Kampf gegen HIV und AIDS vergessen, er betrifft uns und ist ein Marathon \u2013 kein Sprint. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sparma\u00dfnahmen sind ein R\u00fcckschlag f\u00fcr den Kampf gegen AIDS Es gibt Momente in der globalen Gesundheitspolitik, in denen einzelne nationale Entscheidungen weit mehr sind als eindimensionale Sparma\u00dfnahmen. Vielmehr sind sie Weichenstellungen. Die massive K\u00fcrzung der Gelder f\u00fcr die United States Agency for International Development (USAID) ist ein solcher Moment. Die Erfolge eines jahrzehntelangen Kampfes gegen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":9786,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,20],"tags":[123,124],"class_list":["post-9785","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheit","category-schwerpunkt","tag-lambda-201","tag-lgbtiq-gesundheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9785","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9785"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9785\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9787,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9785\/revisions\/9787"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9786"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}