{"id":9752,"date":"2025-12-05T00:03:00","date_gmt":"2025-12-04T23:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9752"},"modified":"2025-12-02T22:40:32","modified_gmt":"2025-12-02T21:40:32","slug":"frischer-wind-und-neuer-viennale-praesident","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9752","title":{"rendered":"Frischer Wind und neuer Viennale-Pr\u00e4sident"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Christian Petzold hatte 2023 \u2013 damals bereits langj\u00e4hriger Verb\u00fcndeter, aber noch nicht Pr\u00e4sident der Viennale \u2013 den Film \u201eRoter Himmel\u201c im Programm, der auf eine Gruppe von Menschen und ihre beschauliche Ostsee-Umgebung fokussiert. Inmitten des sozialen Gef\u00fcges gibt es ein schwules Liebespaar, das engumschlungen in den Waldbr\u00e4nden umkommt. Das Ganze ist letztlich traurig, aber der Tod spielt ja in Petzolds Filmen sowieso immer einen nat\u00fcrlichen und n\u00fcchternen Part. Der Weg zum Ende hat \u2013 wie im Leben \u2013 oft komische Anteile.<\/p>\n\n\n\n<p>So auch in seinem neuesten Film, der auf der Viennale gut ankam: \u201eMiroirs No. 3\u201c. Paula Beer spielt darin wieder einen entscheidenden Part, und der Tod ist allgegenw\u00e4rtig, ohne dass es allzu aufdringlich wird, obwohl sich alles darum entspinnt. Petzold jedenfalls war auf der Viennale wieder \u00e4u\u00dferst redselig, was den frischgebackenen Viennale-Pr\u00e4sidenten nahbar und sympathisch macht, wenn man nicht seinen Filmen sowieso bereits verfallen ist. So plauderte er in einer Auftaktveranstaltung mit Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi \u00fcber \u201eExperten mit Schuppenbergen auf den Schultern\u201c, die alles \u00fcbers Kino wissen, aber eigentlich keinen Schimmer haben, \u00fcber seine Begeisterung f\u00fcr die Nahbarkeit Wiens und der Viennale sowie auch \u00fcber rechtspolitische Zeitgenossen (weniger, aber auch: Zeitgenoss*innen), die ihm den letzten Nerv rauben mit ihrem Neid und ihrer Kleinb\u00fcrgerlichkeit, wenn sie zum Beispiel aus Prinzip fordern, dass er die am Filmset extra vorgebaute Terrasse nach Beendigung der Filmarbeiten wieder abrei\u00dfen muss. Und als er vom \u201eProblem der Distribution\u201c im Filmgesch\u00e4ft spricht, lacht er selbstkritisch auf und sagt: \u201eIch rede schon wie ein Pr\u00e4sident\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls bringt der 65-J\u00e4hrige frischen Wind zum Filmfestival. Auff\u00e4llig ist, dass so viele queere Beitr\u00e4ge im Programm waren, wie gef\u00fchlt niemals zuvor. Und die sind nicht irgendwelche Nullachtf\u00fcnfzehnstreifen, sondern haben es in sich. Ein Favorit unter vielen ist wohl \u201eHoney Don\u2019t!\u201c von Ethan Coen. Darin schreitet Privatdetektivin Honey O\u2019Donahue \u2013 allein der Name ein Gedicht \u2013, dargestellt von Margaret Qualley, immer frisch, aber nicht aufdringlich gestylt durch kalifornische W\u00fcstenlandschaften. Mal im bunten Kleid, meist in dezenten Hosenanz\u00fcgen, besucht sie Tatorte, kommt Geheimnissen auf die Spur, z\u00e4hlt eins und eins zusammen, um schlie\u00dflich \u00fcber manchmal auch schlagkr\u00e4ftige Umwege zum Ziel zu kommen. M\u00e4nnliche Figuren, meist Westentaschenkriminelle, die sich hoffnungslos \u00fcbersch\u00e4tzen, starrt sie nieder und kontert auf deren Banalit\u00e4ten mit kurzen pr\u00e4gnanten S\u00e4tzen. Frauen* interessieren sie offensichtlich mehr, seien es skrupellose Bandencheffinnen, hilfsbereite Polizistinnen oder schlagfertige Mitarbeiterinnen. Einige werden zu respektierten Gegnerinnen in der Schlacht zwischen Bereicherung und Gerechtigkeit, andere sind gesch\u00e4tzte Verb\u00fcndete, und schlie\u00dflich gibt es diejenigen, an denen die Detektivin sexuelles und manchmal sogar emotionales Interesse hat. So oder so, ganz nach Private-Eye-Manier wahrt Honey immer die Contenance, auch wenn es mal gef\u00e4hrlich wird und sie Blessuren einstecken muss. Sie konzentriert sich dabei ganz auf ihre weiblichen Kontrahentinnen und Mitstreiterinnen. Mein Fazit: Das Beste, was Coen, aber auch das Haudeg*innen-Detektivkino insgesamt seit Jahrzehnten hervorgebracht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in \u201eLa Ola\u201c von Sebasti\u00e1n Lelio aus Chile geht es um weibliche Selbsterm\u00e4chtigung; und Lesben, die sich gegen patriarchalische Heteronormativit\u00e4ten auflehnen, gibt es auch hier. Studentinnen \u2013 unter ihnen Daniela L\u00f3pez, Avril Aurora, Lola Bravo und Paulina Cort\u00e9s in den Hauptrollen \u2013 wehren sich an der dargestellten Uni zunehmend lautstark gegen sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch. Auf dem Campus und in den Lehrgeb\u00e4uden wird vor allem, wenn es brisant wird und die Frauen* zu dem Schluss kommen, sich nicht mehr mit Pseudowerten von \u201eRuhe und Ordnung\u201c zufriedenzugeben, den toxischen M\u00e4nnlichkeiten tanzend und singend ins verlogene und von Privilegien grinsende Gesicht gesprungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Musik spielt auch bei Oliver Hermanus in \u201eHistory of Sound\u201c eine wichtige Rolle. Da geht es mit Paul Mescal und Josh O\u2019Connor in die Folk-Szene der amerikanischen Ostk\u00fcste vor einhundert Jahren zur\u00fcck. Die beiden jungen M\u00e4nner, die sich am Konservatorium kennen- und lieben lernen, haben Gelegenheit, ihre Beziehung bei einer Forschungsreise durch Neuengland zu vertiefen. Bedingt durch famili\u00e4re und gesellschaftliche Umst\u00e4nde k\u00f6nnen sie sich trotzdem nicht f\u00fcr ein Leben miteinander entscheiden und orientieren sich beide jeweils in gesellschaftskonformen Bahnen. Irgendwann bleibt nur noch die Sehnsucht nach dem jeweils anderen, bis es dann endg\u00fcltig zu sp\u00e4t f\u00fcr Gemeinsamkeit ist. Aber die Liebe und das Leben und die Musik hat es in beiden Leben und auch in gemeinsamen Zeiten gegeben \u2013 und so endet der Film melancholisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der franz\u00f6sische Beitrag \u201eVie priv\u00e9e\u201c von Rebecca Zlotowski spielt mit dem Thema \u201eAmerikanerin in Paris\u201c und kn\u00fcpft mit Jodie Foster als Psychoanalytikerin Dr. Steiner ans Detektivgenre an. Und dass Dr. Steiner so besessen wirkt von ihrer Mission, den vermeintlichen M\u00f6rder ihrer Patientin zu \u00fcberf\u00fchren, ist \u00e4u\u00dferst unterhaltsam. Anders als die Privatdetektivin Honey in dem amerikanischen Beitrag lebt die Therapeutin nicht offen lesbisch, obwohl sie sich in ihren Tr\u00e4umen oder Albtr\u00e4umen auch mit ihrer Liebe zu Frauen auseinandersetzt. Dr. Steiner ist jedenfalls ziemlich aus ihrem allt\u00e4glichen beruflichen Alltag geworfen und l\u00e4sst sich durch die mysteri\u00f6sen Todesumst\u00e4nde ihrer Patientin in einen Strudel von Selbstzweifeln und Trauer \u00fcber verpasste Chancen hineinziehen, dem auch ihre vernunftbezogene Expertise hilflos gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGen\u201c von Gianluca Matarrese begleitet den Endokrinologen Dr. Maurizio Bini in Mailand bei seiner beratenden und behandelnden Arbeit. Der einf\u00fchlsame Arzt wandelt scheinbar zwischen den Welten, wenn er sowohl im Bereich medizinisch assistierter Fortpflanzung als auch der Geschlechtsangleichung t\u00e4tig ist. F\u00fcr ihn ist das kein Widerspruch, wie er im Film und auch im anschlie\u00dfenden Publikumsgespr\u00e4ch verdeutlicht. Denn er geht auf die \u00c4ngste, N\u00f6te, W\u00fcnsche und Hoffnungen seiner Patient*innen ein und nimmt jede Person mit ihrer Herkunft, ihrem Lebenslauf und ihren Erfahrungen so an, wie sie ihm gegen\u00fcbersitzt. Das versteht zwar nicht jede*r in seinem sozialpolitischen Umfeld, wie der Film auch zeigt, bringt ihm aber den Respekt seiner Patient*innen ein, die sich gut beraten und behandelt f\u00fchlen, auch wenn der Mediziner nicht in jedem Fall dem urspr\u00fcnglichen Wunsch der Rat- und Hilfesuchenden entsprechen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ira Sachs geht in \u201ePeter Hujar\u2019s Day\u201c sein Filmmaterial ebenso analytisch an wie Matarrese, wenn er einen Tag im Dezember 1974 wieder aufleben l\u00e4sst, als der Fotograf Peter Hujar der befreundeten Schriftstellerin Linda Rosenkrantz in deren New Yorker Wohnung detailgerecht erz\u00e4hlt, was er in der queeren Szene in den zur\u00fcckliegenden Tagen erlebt hat. Das Gespr\u00e4chsduo l\u00e4sst sich \u00fcber New Yorker Pers\u00f6nlichkeiten aus \u2013 darunter zum Beispiel Susan Sontag und Allen Ginsberg \u2013, diskutiert Mode, Macken und Aff\u00e4ren, trinkt Kaffee, stochert in K\u00e4se und Torte herum und raucht ununterbrochen. Besonders sch\u00f6n ist die Ausstattung der Wohnung, die Menschen, die heute um die 60 Jahre alt sind, an die Farben und Formen ihrer Kindheit erinnern, als orangene Geometrie auf Kleiderstoffen und knallrote Plastikornamente Ausdruck von Geschmack und Weltl\u00e4ufigkeit waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Petzold hatte 2023 \u2013 damals bereits langj\u00e4hriger Verb\u00fcndeter, aber noch nicht Pr\u00e4sident der Viennale \u2013 den Film \u201eRoter Himmel\u201c im Programm, der auf eine Gruppe von Menschen und ihre beschauliche Ostsee-Umgebung fokussiert. Inmitten des sozialen Gef\u00fcges gibt es ein schwules Liebespaar, das engumschlungen in den Waldbr\u00e4nden umkommt. 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