{"id":9675,"date":"2025-09-05T00:19:00","date_gmt":"2025-09-04T22:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9675"},"modified":"2026-03-03T21:30:55","modified_gmt":"2026-03-03T20:30:55","slug":"die-heutigen-herausforderungen-als-genderfluide-nicht-binaere-person","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9675","title":{"rendered":"Die heutigen Herausforderungen als genderfluide nicht-bin\u00e4re Person"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich bin eine genderfluide nicht-bin\u00e4re Person mit den Pronomen she\/they. Alleine dieser Satz bereitet einigen Personen Kopfschmerzen, inklusive mir, aber aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden. Googelt man genderfluid und Nicht-Binarit\u00e4t, so findet man allerhand unterschiedliche Interpretationen zu diesen Begriffen, wie etwa gender nonconform, gender-queer und transgender. All diese W\u00f6rter k\u00f6nnen etwas mit genderfluid und Nicht-Binarit\u00e4t zu tun haben, m\u00fcssen es aber nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Stelle ich mich als genderfluide nicht-bin\u00e4re Person vor, folgen meistens l\u00e4ngere Erkl\u00e4rungsgespr\u00e4che. Dabei ist es gar nicht so schwierig zu verstehen. Nat\u00fcrlich gibt es Spektren und Nuancen, aber generell spricht man von genderfluid, wenn eine Person zwischen Geschlechtern wechselt. Das k\u00f6nnen zwei Geschlechter sein, das k\u00f6nnen aber auch mehrere Geschlechter sein wie etwa weiblich, m\u00e4nnlich, nicht-bin\u00e4r und agender. Von Nicht-Binarit\u00e4t (oder auch \u201enon-binary\u201c, \u201eenby\u201c oder \u201enb\u201c) spricht man jedoch, wenn ein Mensch nicht oder nicht 100% Mann oder Frau ist. Die Person kann beides gleichzeitig sein, sich au\u00dferhalb des bin\u00e4ren Systems verorten oder gar kein Geschlecht (= agender) haben.<\/p>\n\n\n\n<p>So weit, so gekl\u00e4rt. Was ist aber nun mit diesem \u201ethey\u201c, das einfach nicht in die deutsche Sprache passen will? Die meisten, die sich ein bisschen mit Pronomen auskennen, wissen, dass es in der deutschen Sprache noch keine etablierten Pronomen f\u00fcr nicht-bin\u00e4re Menschen gibt. Man hat von den Neopronomen \u201exier\u201c und \u201edey\u201c geh\u00f6rt, verwendet werden diese aber kaum \u2013 auch von mir nicht; sie f\u00fchlen sich holprig beim Anwenden an und kreieren automatisch ein ungutes \u201eOthering\u201c. Die andere Option ist also, dass man Pronomen ganz vermeidet, was oft einem Herumt\u00e4nzeln um Pronomen-Minen gleicht und unterdessen ein kreatives Suchen von geschlechtsneutralen W\u00f6rtern verlangt. Mit der Wortfindung haben mir dabei insbesondere Gespr\u00e4che mit anderen queeren Personen, wie etwa mit einer nicht-bin\u00e4ren Person, mit der ich zusammen Kunst ausgestellt hatte, geholfen. Sie wurde von ihrem Freund nicht als Partner oder Partnerin vorgestellt, sondern als Partnerperson. Seitdem h\u00e4nge ich bei vielen W\u00f6rtern einfach \u201ePerson\u201c an, wenn ich mich beschreiben muss \u2013 wie etwa auch bei Lehrperson. Eine weitere aufschlussreiche Konversation ergab sich f\u00fcr mich bei meinem ersten Date mit einem Crossdresser, der mich als \u201eweiblich gelesene Person\u201c bezeichnete, was ich sofort als angenehmer empfand als den sonst verwendeten Begriff \u201ebiologische Frau\u201c. Ich lerne immer noch viel durch und von meiner queeren Community und bin dankbar f\u00fcr den regelm\u00e4\u00dfigen Austausch. <\/p>\n\n\n\n<p>Probleme bez\u00fcglich meiner Ansprache tun sich aber vor allem in meiner Arbeitswelt Schule auf. Ich bin nicht nur K\u00fcnstler*in und Musicaldarsteller*in, sondern auch Lehrperson an einem Gymnasium in Wien, wo man generell als Professor oder Professorin angesprochen wird. Bis jetzt gibt es keinen offiziell anerkannten Professortitel f\u00fcr nicht-bin\u00e4re Personen. Durch intensives Recherchieren bin ich auf eine einzige nicht-bin\u00e4re Person gesto\u00dfen, die den Professortitel f\u00fcr sich umgem\u00fcnzt hat: Profx Lann Hornscheidt, die an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t unterrichtet(e). Sie sehen schon, da ist ein \u201ex\u201c nach \u201eProf\u201c dabei. Profx Lanns Bitte, mit Profx angesprochen zu werden, so beschreiben es einigen Zeitungen (e.g. die Presse), rief Emp\u00f6rung hervor. Als das \u201ex\u201c dann tats\u00e4chlich in dem Professortitel auftauchte, bekam Profx Hornscheidt sogar \u201eMorddrohungen\u201c, \u201eSchlachtungsphantasien\u201c und \u201eVergewaltigungsabsichten\u201c zugeschickt. Stehen tut das \u201ex\u201c aber immer noch bei Hornscheidts Titel. Profx Hornscheidt ist anscheinend unbeirrt und standhaft geblieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man solche Zeitungsartikel als nicht-bin\u00e4re Person liest, dann kann man nicht anders als innehalten. Um den Mut dieser Person zu w\u00fcrdigen, aber auch die Beklemmung in der Brust in den Griff zu bekommen. Darf ich mir auch ein \u201ex\u201c nach \u201eProf\u201c hinzuf\u00fcgen? Kann ich das einfach \u00fcbernehmen und f\u00fcr mich offiziell beanspruchen? Darf ich Sprache so eigentlich selbst\u00e4ndig ver\u00e4ndern und (mit)bestimmen? Will ich mich \u00fcberhaupt so einem m\u00f6glichen Wirbelwind an Hass an meinem (Nicht-)Geschlecht und meiner Person aussetzen? Das waren alles meine Gedanken und \u00c4ngste, die auf mich einprasselten. Stehen tut das \u201ex\u201c aber nun dennoch bei meinem Titel als Lehrperson: Profx Tamara McMinn (she\/they). <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur im Schulalltag und in heteronormativen Kreisen, sondern auch im Theater und in der queeren Community kommt das Thema genderfluid und Nicht-Binarit\u00e4t mit all den Missverst\u00e4ndnissen auf. Ich erinnere mich noch sehr gut an ein Streitgespr\u00e4ch mit einer Schauspielerin vor ein paar Jahren, als sie mich \u00fcberzeugen wollte, dass ich sicherlich lesbisch sein m\u00fcsse. Diese falsche \u00dcberzeugung entstand anscheinend dadurch, dass ich gerne Rollen wie etwa Annie (aus \u201eAnnie Get Your Gun\u201c) und Robin Hood spielte. (Jedoch spielte ich genauso gerne Rollen wie Elle Woods aus \u201eLegally Blonde!\u201c). Die Sichtbarkeit nicht-bin\u00e4rer Menschen ist nicht zwingend gegeben \u2013 unter \u201equeer\u201c wird oft immer noch in erster Linie Homosexualit\u00e4t verstanden. Nicht-Bin\u00e4rit\u00e4t ist immer noch nicht greifbar f\u00fcr viele. So auch in einigen queeren Buchl\u00e4den. Sucht man spezifisch nach nicht-bin\u00e4rer oder genderfluiden Literatur, werden mir (nach Aloks Werken) immer noch zuerst B\u00fccher zu den Themen Transgender, Travestie und Drag in die H\u00e4nde gedr\u00fcckt. Wieder sind Erkl\u00e4rungsgespr\u00e4che n\u00f6tig \u2013 auch in einem queeren Space. Der Markt an nicht-bin\u00e4rer genderfluiden Literatur ist noch sehr ausbauf\u00e4hig; wir sind noch nicht ganz sichtbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Unsichtbarkeit von uns ist f\u00fcr mich etwas unverst\u00e4ndlich, da wir schon immer existiert haben. Durch die Abwesenheit von nicht-bin\u00e4ren und genderfluiden Personen im Alltag fiel es mir als Kind und Teenager schwer mich zu orientieren. Nicht-Binarit\u00e4t, diese und \u00e4hnliche W\u00f6rter, existierten in den 90ern in meinem kleinen K\u00e4rntner-Heimatort nicht. Auch wenn ich noch keine Begriffe f\u00fcr meine Identit\u00e4t hatte, gab es doch diese vielen Momente, in denen ich Erleichterung und innerliche Entspannung sp\u00fcrte, wenn ich mit einer nicht-bin\u00e4ren und\/oder genderfluiden Person zu tun hatte \u2013 sei es im Fernsehen, in B\u00fcchern oder im echten Leben. Diese Begegnungen waren wie ein kleines, aber starkes Fl\u00fcstern: \u201eDie sind wie du und du bist wie die\u201c. Ich wei\u00df also seit 35 Jahren, mit oder ohne damals vorhandene Begriffe, dass genderfluide nicht-bin\u00e4re Personen existieren. Die Welt f\u00e4ngt jedoch gerade erst an, uns zu entdecken und zu enth\u00fcllen. Der langsam ge\u00f6ffnete Raum f\u00fcr uns muss erst noch wirklich gef\u00fcllt werden, dabei d\u00fcrfen wir ruhig aktiv mitwirken. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck passiert das aber schon auf einigen Ebenen: z.B. durch dieses Magazin, das Sie gerade in den H\u00e4nden halten. Und es passieren noch viele andere positive Dinge f\u00fcr uns: Wir sind mehr und mehr in Medien sichtbar (e.g. Jonathan Van Ness, Alok Vaid-Menon, Miley Cyrus, Janelle Mon\u00e1e, Drag Queen Courtney Act). Weiters bieten Universit\u00e4ten Gender Studies an und im schulischen Lehrplan ist nun verankert, dass die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Identit\u00e4ten in den Unterricht aufgenommen werden muss. Auch in meinem pers\u00f6nlichen Leben gibt es zuversichtliche Momente, wie etwa mit dem Elternverein meiner Schule, der sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht hat mich immer mit Profx anzusprechen oder auch mit einer Kollegin, die mir die r\u00fccksichtsvolle Frage gestellt hat: \u201eWenn du genderfluid bist, woher wei\u00df ich, wann ich dich mit welchem Pronomen ansprechen soll?\u201c. Oder auch das Gespr\u00e4ch mit einem lieben Freund, dem ich mein Leid klagte, dass ich in queeren Buchl\u00e4den kaum passende Literatur zu meiner Identit\u00e4t fand und er dann daraufhin selbst hingegangen und mit demselben Frust zur\u00fcckgekommen war. Diese Momente z\u00e4hlen. So entsteht Sichtbarkeit. Es braucht einerseits unseren Mut, sichtbar zu sein. Aber noch mehr braucht es eine Gesellschaft, die diesen Mut sieht, anerkennt und unterst\u00fctzt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin eine genderfluide nicht-bin\u00e4re Person mit den Pronomen she\/they. Alleine dieser Satz bereitet einigen Personen Kopfschmerzen, inklusive mir, aber aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden. Googelt man genderfluid und Nicht-Binarit\u00e4t, so findet man allerhand unterschiedliche Interpretationen zu diesen Begriffen, wie etwa gender nonconform, gender-queer und transgender. 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