{"id":9664,"date":"2025-09-05T00:16:00","date_gmt":"2025-09-04T22:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9664"},"modified":"2025-09-04T21:18:31","modified_gmt":"2025-09-04T19:18:31","slug":"queere-wohlfuehlmedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9664","title":{"rendered":"Queere Wohlf\u00fchlmedien"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Geht es uns schlecht, k\u00f6nnen uns Songs, B\u00fccher, Filme und Serien aufbauen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">In meiner Kindheit und Jugend haben mich B\u00fccher gerettet. Denn Internet, Handys und soziale Medien gab es damals nicht. Schlie\u00dflich bin ich in den 1970er Jahren in der Provinz in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Wir hatten nur einen Schwarz-Wei\u00df-Fernseher mit drei Programmen (ORF1, ORF2 und Bayerisches Fernsehen). Doch das TV-Ger\u00e4t (war damals ein riesiger, schwerer R\u00f6hrenfernseher) stand im Wohnzimmer. Die meisten TV-Sendungen waren damals stockkonservativ. Ich wusste schon als Jugendlicher, dass ich mich zu M\u00e4nnern hingezogen f\u00fchle, wof\u00fcr ich mich gesch\u00e4mt habe. Ich konnte mit niemanden dar\u00fcber sprechen. B\u00fccher waren f\u00fcr mich eine der wenigen M\u00f6glichkeiten, um gedanklich aus der Enge der Provinz zu fliehen. In der \u00f6rtlichen B\u00fccherei und in der n\u00e4chsten Buchhandlung gab es keine queeren B\u00fccher. Denn offiziell existierte damals auf dem Land kein queeres Leben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem entdeckte ich f\u00fcr mich viele \u201eFluchtb\u00fccher\u201c. Ich mochte vor allem B\u00fccher, in denen es um Reisen in weit entfernte L\u00e4nder und Kontinente ging. Ich bevorzugte auch Geschichtsb\u00fccher mit Revolutionen wie das Buch \u201eSpartacus\u201c, bei dem es um einen Aufstand von Sklav*innen im R\u00f6mischen Reich ging. Ich habe mich mit unterdr\u00fcckten Menschen identifiziert. Mir hat es gefallen, wenn sich die Unterdr\u00fcckten organisieren und eine Revolution anzetteln. Aus heutiger Sicht finde ich es schade, dass ich damals keine B\u00fccher oder Filme \u00fcber den \u201eStonewall Aufstand\u201c \u2013 die Geburtsstunde der modernen LGBTIQ*-Bewegung \u2013 gekannt habe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Lesen ist f\u00fcr mich Kopfkino. Wenn es mir als Jugendlichen nicht gut ging, zog ich mich mit einem Buch zur\u00fcck. Ich war in meiner Phantasie bei einer Revolution dabei oder hielt mich in einem weit entfernten Land auf. Dahinter steckte meine tiefe Sehnsucht, aus der Provinz wegzukommen. Doch das war erst nach der Matura m\u00f6glich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Als Schwuler auf dem Land&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Kommunikation unter schwulen M\u00e4nnern auf dem Land war schwierig. Ich habe als Jugendlicher entdeckt, dass es in der n\u00e4chsten Bezirksstadt eine \u00f6ffentliche Toilette gab. Dort haben M\u00e4nner auf die W\u00e4nde kurze Kontaktzeigen gekritzelt. Es wurde nie eine Telefonnummer angegeben. Denn das war zu gef\u00e4hrlich. Meist wurde eine Uhrzeit am Abend und als Treffpunkt ein \u00f6ffentlicher Park angegeben. Leider fuhren am Abend von meinem Dorf in die Bezirksstadt keine Busse. Daher konnte ich nicht in diesen Park gehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Medium waren Kontaktanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften. Als ich zum Studium nach Wien gezogen bin, habe ich meinen besten und langj\u00e4hrigen Freund \u00fcber ein Inserat im \u201eFalter\u201c kennengelernt. Die Kommunikation verlief langsamer als mit heutigen Dating-Apps, was Vor- und Nachteile hatte. Antworten auf Kontaktanzeigen wurden postlagernd in einer Postfiliale hinterlegt. Manche Menschen hatten auch ein eigenes Postfach, was damals aber schwer zu bekommen war. Auch die Gr\u00fcndung der Hosi ging \u00fcbrigens auf ein Inserat im \u201eFalter\u201c zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Liebe zu B\u00fcchern ist mir bis heute geblieben. Wenn ich noch einmal auf die Welt komme, w\u00fcrde ich vermutlich eine queere Buchhandlung er\u00f6ffnen, wobei es mit dem L\u00f6wenherz in Wien schon eine tolle Buchhandlung gibt. Gleichzeitig freut es mich, dass ich f\u00fcr Lambda Buchbesprechungen schreiben kann. B\u00fccher sind f\u00fcr mich wie T\u00fcr\u00f6ffner in neue Welten. Ich kann mich beim Lesen auch entspannen und abschalten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Medien k\u00f6nnen Gef\u00fchle beeinflussen<\/h3>\n\n\n\n<p>In meiner Arbeit als Psychotherapeut erstelle ich mit Klient*innen oft eine Liste mit Wohlf\u00fchlmedien. Das k\u00f6nnen B\u00fccher, Lieder, Bilder, Filme und Serien sein. Denn Medien \u00fcbermitteln nicht nur Informationen, sondern k\u00f6nnen auch Gef\u00fchle beeinflussen. Welche Songs und Texte uns ber\u00fchren, h\u00e4ngt oft mit der eigenen Biografie und vergangenen Erlebnissen zusammen. Musik kann beispielsweise tr\u00f6sten, aber auch negative Gef\u00fchle verst\u00e4rken. Befindet sich eine Person in einer depressiven Stimmung und bevorzugt dann melancholische Musik, kann es sein, dass die Person ihr seelisches Tief aufrecht erhalten m\u00f6chte. Dann kann es vielleicht helfen, die Gr\u00fcnde zu erforschen, warum die Person an diesem Zustand festhalten m\u00f6chte. Medien wie B\u00fccher, Filme und Musikst\u00fccke k\u00f6nnen auch beim \u201eMood Management\u201c (Stimmungs-Management) helfen. Oft kann es helfen, sich zu fragen, in welchem emotionalen Zustand befinde ich mich gerade und in welche Stimmung m\u00f6chte ich kommen. Eine Person, die kurz vor dem Einschlafen zur Ruhe kommen will, sollte sich besser keine aufw\u00fchlende oder belastende TV-Doku ansehen, sondern vielleicht Entspannungsmusik h\u00f6ren. Oder wenn eine Person schlecht gelaunt ist, kann vielleicht ein spannender und unterhaltsamer Film die Stimmung heben. In Zeiten, in denen es einer Person nicht gut geht, kann ein individuell zusammengestellter Ressourcenkoffer mit Wohlf\u00fchlmedien helfen. Dort k\u00f6nnen sich Lieblings-Musik-CDs, ein Abo f\u00fcr einen Streaming-Dienst, B\u00fccher, Fotoalben, bestimmte Gegenst\u00e4nde (wie ein Puzzle oder Mal\u00adsachen), Sportkleidung, DVDs oder Blu-rays mit Filmen und TV-Serien befinden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hilfestellung bei der Identit\u00e4tsfindung&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Medien k\u00f6nnen auch Hilfestellungen bei der Identit\u00e4tsbildung leisten. Sie k\u00f6nnen unser Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Geschlechterrollen wecken und die Identifikation mit bestimmten Gruppen erm\u00f6glichen. Heute gibt es zum Gl\u00fcck einige gute queere Wohlf\u00fchlfilme und Wohlf\u00fchlserien f\u00fcr LGBTIQ-Personen. Fr\u00fcher war das anders. Meine erste queere Wohlf\u00fchlserie war die kanadisch-US-amerikanische Fernsehserie \u201eQueer as Folk\u201c. Hier habe ich manches \u00fcber queeres und schwules Leben gelernt. Die Serie war einst revolution\u00e4r. Erstmals wurde homosexuelles Leben in allen Facetten gezeigt. Mir hat die Serie gefallen, weil \u201eQueer as Folk\u201c queeres Leben gefeiert hat. Es gibt dort tolle Charaktere, spannende Liebesgeschichten, wobei es nicht nur um Liebe und Sex, sondern vor allem um Freundschaften geht. Aus heutiger Sicht haben in der Serie wichtige Aspekte queeren Lebens gefehlt wie beispielsweise Personen of Color und trans* Personen. Eine weitere bahnbrechende Serie war \u201eThe L Word\u201c, die das Leben einer Gruppe lesbischer, bisexueller und trans* Personen zeigte. F\u00fcr graue und nebelige Herbst- und Wintertage empfehle ich queere Empowerment- und Wohlf\u00fchlserien wie \u201ePose\u201c, \u201eStadtgeschichten\u201c, \u201eSex Education\u201c, \u201eHeartstopper\u201c, \u201eYoung Royals\u201c, \u201eLove, Victor\u201c, \u201eSmiley\u201c. Als queere und behinderte Person mag ich die Serie \u201eEin besonderes Leben\u201c \u00fcber einen schwulen Mann mit einer chronischen Behinderung. Sehenswert ist auch die kanadische Serie \u201eSort of\u201c, bei der es um die Suche eines jungen Menschen nach der eigenen Identit\u00e4t geht. Im Mittelpunkt steht Sabi Mehboob (Bilal Baig), Kind pakistanisch-muslimischer Einwanderer in Kanada. Die Serie ist eine Mischung aus Coming-of-Age-Drama und Queer-Comedy. \u201eJeder Mensch ver\u00e4ndert sich doch st\u00e4ndig und ist somit in Transition\u201c, sagt eine Person zu Sabi. Das ist ein wunderbarer Satz, dem nichts hinzuzuf\u00fcgen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geht es uns schlecht, k\u00f6nnen uns Songs, B\u00fccher, Filme und Serien aufbauen In meiner Kindheit und Jugend haben mich B\u00fccher gerettet. Denn Internet, Handys und soziale Medien gab es damals nicht. Schlie\u00dflich bin ich in den 1970er Jahren in der Provinz in einem kleinen Dorf aufgewachsen. 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