{"id":9658,"date":"2025-09-05T00:15:00","date_gmt":"2025-09-04T22:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9658"},"modified":"2025-09-03T23:21:18","modified_gmt":"2025-09-03T21:21:18","slug":"queering-hogwarts-naja-mal-schauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9658","title":{"rendered":"Queering Hogwarts? Naja, mal schauen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">In der Lambda #2\/2025 wurde ein Text ver\u00f6ffentlicht, der die Frage stellt, ob man gleichzeitig queer und Harry Potter-Fan sein kann. Do you want the long or the short answer? Denn auch ich habe das im Text erw\u00e4hnte Bed\u00fcrfnis \u201eStellung zu beziehen, zu protestieren\u201c gegen das abschlie\u00dfende Pl\u00e4doyer, \u201ekollektiv [zu] beschlie\u00dfen, dass Hogwarts ein sicherer Ort f\u00fcr LGBTQ* Sch\u00fcler*innen ist\u201c. Schauen wir uns doch mal an, was die Welt von Harry Potter an dieser Front so zu bieten hat!<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie Queering?<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eQueering Hogwarts\u201c schl\u00e4gt vor, dass Hogwarts, obgleich der problematischen Autorin, ein Zufluchtsort f\u00fcr Queerness sein kann. Darum m\u00f6chte ich kurz den (meiner Meinung nach unm\u00f6glichen) Spagat versuchen, der die Trennung von Autorin und Werk ist, und nur auf den Inhalt der B\u00fccher eingehen. Zuallererst: Queer ist nicht gleich queer. Zwar wird das Wort oft als \u00dcberbegriff f\u00fcr LGBTQIA+ oder Synonym f\u00fcr Nicht-Heterosexualit\u00e4t verwendet, aber nicht jede LGBTQIA+ Person ist auch queer: Queerness ist eine bewusste, oft aktivistische Haltung, gesellschaftliche Normen zu Geschlecht und Sexualit\u00e4t, unabh\u00e4ngig von der eigenen Identit\u00e4t, infrage zu stellen. Sie geht intersektional gedacht Hand in Hand mit Feminismus, Antirassismus, Antiklassismus, etc. Bevor wir gleich Hand in Hand durch die Mauer zwischen Bahnsteig 9 und 10 schreiten, sei erw\u00e4hnt, dass ich \u2013 wie wohl die meisten Kinder, gemessen an J.K. Rowlings immensem Verm\u00f6gen \u2013 auch ein gro\u00dfer Harry Potter Fan war: alle B\u00fccher in k\u00fcrzester Zeit verschlungen, Faschingskost\u00fcme mit selbstgeschnitzten Zauberst\u00e4ben, Film-Marathons, Fanfiction gelesen (und geschrieben) \u2013 you name it! Als ehemaliger Fan tue ich mir darum auch schwer, zu unterschreiben, dass die Buchreihe klar zum Kampf gegen Diskriminierung, soziale Ungleichheit und politische Unterdr\u00fcckung aufruft, wie der Text in der vergangenen Lambda anma\u00dft. Naja, all aboard the Hogwarts Express!<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Harry Potter und der Antisemitismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Die B\u00fccher sind durchzogen von Rassismus, Antisemitismus und problematischen Stereotypen. Goblins, die kleinen, hinterlistigen, \u00fcbellaunigen Banker der Harry Potter-Welt mit Hakennasen, spitzen B\u00e4rten und Ohren, \u00e4hneln judenfeindlicher Nazipropaganda. Zwar kam dieses Bildnis von Goblins schon in Kinderm\u00e4rchen vor, aber schon damals wurde sich antisemitischer Karikaturen bedient. Rowling treibt die Vorurteile auf die Spitze. Auch das Spiel \u201eHogwarts Legacy\u201c \u00fcbernimmt diese Darstellung: Die Goblins f\u00fchren 1612 eine Rebellion gegen die Hexen und Zauberer an und nutzen dabei ein horn\u00e4hnliches Artefakt. Das Artefakt erinnert stark an einen Schofar, der im j\u00fcdischen Gottesdienst verwendet wird, und im Jahr 1612 begannen die Unruhen um den Fettmilch-Aufstand, bei dem alle Juden*J\u00fcdinnen aus Frankfurt am Main vertrieben wurden. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Harry Potter und die Sklaverei<\/h3>\n\n\n\n<p>Hauselfen erinnern Wissenschaftler*innen (Farah Mendlesohn, Elaine Ostry, Brycchan Carey) an viele der Stereotype, die Wei\u00dfe gegen\u00fcber versklavten Schwarzen hatten: simpel, loyal, kindlich und gerne im Dienst ihrer \u201eHerren\u201c. Nur zwei Elfen werden befreit, eine davon, Winky, verf\u00e4llt der Alkoholsucht, und sogar Dobby, der sich als einziger nach Freiheit gesehnt hat, erweist sich eher als Objekt des Humors (wie viele Schwarze Figuren in der Popul\u00e4rkultur des 20. Jahrhunderts) als als Vorbild daf\u00fcr, was ein freier Elf erreichen kann. Seinen eigenen Hauself, Kreacher, der ihm von Sirius vererbt wurde, befreit Harry nicht. Zum Mitschreiben: Am Ende der B\u00fccher ist Harry Potter noch Sklavenhalter! Nicht nur wird Kreacher von Sirius verbal und physisch misshandelt, sondern sein offenbares Lebensziel ist auch, dass sein Kopf abgeschnitten und an die Wand neben die ehemaligen Hauselfen der Familie Black genagelt wird. Yay! In Hogwarts gibt es laut den B\u00fcchern mindestens 100 Hauselfen \u2013 wie kann ein Ort, an dem so viele Wesen versklavt sind, sicher f\u00fcr queere Menschen sein?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Harry Potter und die eindimensionalen Karikaturen<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Antagonist*innen in Harry Potter werden h\u00e4ufig durch Unattraktivit\u00e4t oder \u00dcbergewicht charakterisiert: Umbridge sieht aus wie eine Kr\u00f6te und Peter Pettigrew auch als Mensch ratten\u00e4hnlich, Dudley, Vernon und Marge Dursley sind alle dick \u2013 und Marge hat zus\u00e4tzlich noch einen Bart \u2013 und Rita Skeeter, die Frau, die Kindern nachspioniert, wird als unansehnlich beschrieben, weil sie so maskulin ist. Ihre K\u00f6rper dienen dabei nicht nur der Beschreibung, sondern unterstreichen aktiv ihre moralische Minderwertigkeit. Fettsein wird als etwas L\u00e4cherliches, Absto\u00dfendes oder Bedrohliches inszeniert \u2013 eine visuelle Abk\u00fcrzung, um Figuren unsympathisch wirken zu lassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Um die Nebencharaktere steht es nicht viel besser \u2013 sie haben oft klischeehafte Namen und Eigenschaften: einer der zwei Schwarzen M\u00e4nner hei\u00dft Kingsley Shacklebolt (\u201eShackle\u201c dt. \u201eKette\u201c, deutet auf Versklavung von Schwarzen) und der andere, Dean Thomas, wuchs ohne Vater auf. Die eine Asiatin, Cho Chang, tr\u00e4gt zwei chinesische Nachnamen, muss d\u00fcnn sein und viel lernen, und der einzige j\u00fcdische Zauberer hei\u00dft nat\u00fcrlich Anthony Goldstein und ist \u2013 \u00e4hnlich Dumbledores Homosexualit\u00e4t \u2013 auch erst nach der Ver\u00f6ffentlichung der B\u00fccher in einem Tweet entstanden. Solche eindimensionalen Darstellungen befeuern diskriminierende Narrative. Magische LGBTQIA+ Personen h\u00e4tten wom\u00f6glich Carabina Lickwell und Felatius Flamboyant gehei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Harry Potter und der Status Quo<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach der Schule wird Harry Auror, ein magischer Polizist \u2013 also das de facto Gegenteil des Kampfes gegen Diskriminierung, soziale Ungleichheit und politische Unterdr\u00fcckung \u2013 dessen Aufgabe es ist, die Ordnung aufrecht zu erhalten, egal wie rassistisch oder klassistisch diese ist. Dass sich viele LGBTQIA+ Personen in den Harry Potter B\u00fcchern wiedergefunden haben, schreibe ich dem zu, dass sich Harry \u2013 wie wohl viele dieser Leser*innen \u2013 als Au\u00dfenseiter in seiner eigenen Familie f\u00fchlt und die Geschichte ihn zu etwas Besonderem \u2013 The Chosen One \u2013 macht. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Harry Potter Reihe. Ask your local librarian: Es gibt unz\u00e4hlige B\u00fccher, die ohne problematische Darstellungen auskommen und einen R\u00fcckzugsort f\u00fcr queere Leser*innen bieten \u2013 sowohl inhaltlich als auch in der realen Welt mit dem Wissen, dass die Autor*innen keine transfeindlichen Interessensgruppen finanzieren. Ich werde nicht n\u00e4her darauf eingehen, dass J.K. Rowling die wahrscheinlich einflussreichste TER\u201eF\u201c (Trans Exclusionary Radical \u201eFeminist\u201c) der Welt ist und jeder Cent, der in ihre Taschen flie\u00dft, zur materiellen Diskriminierung von trans* Personen weltweit beitr\u00e4gt und allein deshalb Queerness und Harry Potter Fandom meiner Meinung nach heute unvereinbar sind. Allen, die sich n\u00e4her mit dem Thema auseinandersetzen wollen, empfehle ich die Youtube Filme \u201eJ.K. Rowling\u201c und \u201eThe Witch Trials of J.K. Rowling\u201c von Contrapoints, sowie den Song \u201eGERM\u201c von Kate Nash. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kommentar von Chiara Beier<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"><em>Ich habe Simon Pfeifers Text gelesen und kann die Kommentare nachvollziehen, die Kritikpunkte sind gerechtfertigt. Meiner Meinung nach k\u00f6nnen beide Ansichten, in diesem und meinem Artikel, gleichzeitig wahr sein. Damit soll J. K. Rowling auf keinen Fall in Schutz genommen oder ihre Aktionen irgendwie gerechtfertigt werden. Trotzdem waren f\u00fcr mich in den B\u00fcchern Offenheit und Akzeptanz zentrale Werte; das habe ich aus ihnen f\u00fcr mich mitgenommen. Aus heutiger Perspektive kann man das nat\u00fcrlich kritischer betrachten und sehen, ob das noch das ist, was man davon mitnimmt \u2013 vor allem, wenn es bessere Alternativen gibt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u25a0 Jugendstil<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"560\" height=\"800\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jugendstil-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9662\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jugendstil-1.jpg 560w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jugendstil-1-210x300.jpg 210w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jugendstil-1-105x150.jpg 105w\" sizes=\"auto, (max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der Jugendstil begann mit den Lambda Nachrichten #1\/2014. Schon damals und auch seitdem ist sie ein Sprachrohr unserer Jugendgruppe, inzwischen Queer Youth Vienna (QYVIE).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Lambda #2\/2025 wurde ein Text ver\u00f6ffentlicht, der die Frage stellt, ob man gleichzeitig queer und Harry Potter-Fan sein kann. Do you want the long or the short answer? Denn auch ich habe das im Text erw\u00e4hnte Bed\u00fcrfnis \u201eStellung zu beziehen, zu protestieren\u201c gegen das abschlie\u00dfende Pl\u00e4doyer, \u201ekollektiv [zu] beschlie\u00dfen, dass Hogwarts ein sicherer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":52,"featured_media":9659,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15,20],"tags":[120,121],"class_list":["post-9658","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jugendstil","category-schwerpunkt","tag-lambda-200","tag-queere-medien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9658","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/52"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9658"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9658\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9663,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9658\/revisions\/9663"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9659"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9658"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9658"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9658"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}