{"id":9649,"date":"2025-09-05T00:12:00","date_gmt":"2025-09-04T22:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9649"},"modified":"2025-09-03T23:08:14","modified_gmt":"2025-09-03T21:08:14","slug":"doom-scrolling-im-regenbogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9649","title":{"rendered":"Doom-Scrolling im Regenbogen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum Social Media f\u00fcr queere junge Menschen Ort des Vertrauens und Stressquelle zugleich sind<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Als in den fr\u00fchen 2000er Jahren die ersten sozialen Netzwerke online gingen, folgte eine kleine Revolution. Eine technologische, durch das, was pl\u00f6tzlich im Internet m\u00f6glich wurde, und eine gesellschaftliche. Menschen, die sich bis dahin isoliert oder einsam f\u00fchlten, fanden pl\u00f6tzlich Gleichgesinnte. Vor allem f\u00fcr sozial benachteiligte Gruppen \u00f6ffnete sich ein neues Fenster zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Am Anfang stand der Austausch<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eIn der Geschichte sozialer Medien und ihrer Rolle f\u00fcr LGBTIQ+ Personen gibt es mehrere Phasen\u201c, sagt M\u00e9lanie Millette. Die Professorin f\u00fcr Kommunikation an der Universit\u00e4t Qu\u00e9bec in Montreal forscht zur Nutzung sozialer Medien und deren Funktion f\u00fcr gesellschaftlich marginalisierte Gruppen. \u201eSchon in der Fr\u00fchzeit des domestic internet, also Internet im Privatbereich, entstanden zahlreiche Foren, in denen sich queere Menschen austauschten und Informationen teilten. Das waren quasi Vorl\u00e4ufer von sozialen Netzwerken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In den sp\u00e4ten 1990er- und fr\u00fchen 2000er-Jahren entwickelten sich so erste digitale R\u00e4ume, in denen queere Realit\u00e4t Platz hatte. Es wurden Erfahrungen geteilt, Anekdoten erz\u00e4hlt, Ratschl\u00e4ge erfragt. \u00c4ngste und Frustrationen hatten ebenso Platz wie Geheimtipps und Lifehacks. Die Plattformen erm\u00f6glichten vor allem eines: \u201eAustausch unter dem Radar \u00f6ffentlicher Kontrolle \u2013 das erf\u00fcllte eine wichtige Schutzfunktion\u201c, meint Millette.<\/p>\n\n\n\n<p>Als dann Facebook (2004), YouTube (2005), Twitter (2006), Instagram (2010) und Datingportale wie Grindr (2009) online gingen, verlagerte sich der Fokus. Weg vom reinen Informationsaustausch hin zu echten Begegnungen \u2013 sei es, um neue Personen mit geteilten Interessen kennenzulernen, oder um alte Bekannte online wiederzutreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die digitalen Netzwerke es seither noch einfacher machen, mit Gleichgesinnten am anderen Ende der Welt in Kontakt zu kommen, stellt M\u00e9lanie Millette fest: \u201e\u00dcberraschend oft suchen Menschen online vor allem nach lokalem Austausch, also Bekanntschaften und News aus ihrer direkten Umgebung. Bei LGBTIQ+ Personen hat das auch damit zu tun, dass queere Lebensrealit\u00e4ten stark vom kulturellen und geografischen Umfeld gepr\u00e4gt sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein neuer Soundtrack queerer Erz\u00e4hlungen<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Forscherin betont eine weitere Schl\u00fcsselrolle sozialer Medien: das Sichtbarmachen neuer Erz\u00e4hlperspektiven aus der Community. \u201eIn klassischen Medien wurden LGBTIQ+ Personen lange als tragische, einsame, traumatisierte Figuren dargestellt\u201c, so Millette. \u201eOnline dagegen erz\u00e4hlen Menschen ihre Geschichte selbst \u2013 ungesch\u00f6nt, vielf\u00e4ltig, lebendig.\u201c Die positiven Narrative seien heute auch zunehmend in traditionellen Medien zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade f\u00fcr queere Jugendliche, die auf der Suche nach Vorbildern sind, ist diese Sichtbarkeit wichtig. Berichte aus erster Hand bieten Informationen jenseits breit diskutierter Fakten. Ein Beispiel: YouTube-Kan\u00e4le, \u00fcber die trans Personen ihr Coming-out dokumentieren und ihre Erfahrungen au\u00dferhalb des medizinischen Rahmens teilen. Die kanadische Wissenschaftlerin nennt das \u201esavoir exp\u00e9rientiel\u201c \u2013 Wissen, das aus gelebtem Leben kommt. \u201eDas kann unglaublich hilfreich sein, gerade f\u00fcr Menschen, die sich auf einen neuen, vielleicht be\u00e4ngstigenden Weg begeben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer digitale Austausch mit Gleichgesinnten ist f\u00fcr Jugendliche ein Schutzfaktor\u201c, erg\u00e4nzt Patrick Schmitt, Arzt an der Gesundheitsstelle f\u00fcr Jugendliche und LGBTIQ+ Junge am Unispital Lausanne, in der Schweiz. \u201eWer online andere findet, die \u00e4hnliche Fragen haben, f\u00fchlt sich weniger allein. Das st\u00e4rkt die Resilienz und hilft bei der Identit\u00e4tsentwicklung.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr gesellschaftlich benachteiligte Gruppen sei das besonders wichtig, denn: \u201eSie leben oft unter dem st\u00e4ndigen Druck, sich vor Angriffen und Diskriminierung zu f\u00fcrchten. Dieser unterschwellige Stress ist ein Risikofaktor f\u00fcr psychologische Belastungen\u201c, erkl\u00e4rt Schmitt. Online-Kontakte und Zugang zu Ressourcen seien eine wichtige Quelle der Unterst\u00fctzung und des R\u00fcckhalts. Und nicht nur Jugendliche profitieren: der Arzt berichtet von Eltern, die dank queerer Influencer*innen lernen, ihre Kinder besser zu unterst\u00fctzen und ein sicheres Umfeld zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die dunkle Seite des Feeds<\/h3>\n\n\n\n<p>Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite. Die Abh\u00e4ngigkeit von sozialen Medien, angetrieben von perfiden Algorithmen der Plattform-Betreiber, trifft Heranwachsende heute hart. LGBTIQ+ Jugendliche sind \u00fcberdurchschnittlich gef\u00e4hrdet. Denn: \u201eSie sind umso mehr auf der Suche nach Zugeh\u00f6rigkeit, Orientierung, Gemeinschaft\u201c, erkl\u00e4rt Patrick Schmitt. \u201eUnd genau das bieten Social Media, zumindest oberfl\u00e4chlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Netzwerkalgorithmen setzen auf unser biologisches Belohnungssystem. Wenn wir beim Scrollen positive Bilder oder Beitr\u00e4ge sehen, wird Dopamin ausgesch\u00fcttet \u2013 unser \u201eBelohnungshormon\u201c. So zieht uns der Feed immer weiter in seinen Bann, mit der Hoffnung, noch mehr und noch bessere Posts zu entdecken. Queere Jugendliche, die nach aufbauenden Inhalten und Best\u00e4tigung suchen, k\u00f6nnen daf\u00fcr besonders empf\u00e4nglich sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem dabei: Die Plattformen f\u00f6rdern, was Aufmerksamkeit erregt. Und das sind oft extreme, dramatische Inhalte. Jugendliche werden so mit Themen konfrontiert, f\u00fcr die sie in ihrem Entwicklungsstadium noch nicht bereit sind. M\u00e9lanie Millette erg\u00e4nzt: \u201eDie Sichtbarkeit queerer Personen auf Social Media ist nicht repr\u00e4sentativ.\u201c Wer Erfolg hat, sei oft normsch\u00f6n, bin\u00e4r, angepasst. Schmitt stimmt zu: \u201eWer da nicht mithalten kann, f\u00fchlt sich schnell \u201afalsch\u2018.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Jugendliche auf TikTok, Grindr und Co derartigen Sch\u00f6nheitsidealen, sexuellen Erwartungen oder Hasskommentaren ausgesetzt sind, hat das tiefgreifende Auswirkungen auf ihre Identit\u00e4tsentwicklung. F\u00fcr Patrick Schmitt ein Grund zur Sorge, denn: \u201eDas soziale Lernen findet so h\u00e4ufig auf Plattformen statt, die auf Oberfl\u00e4chenreize und Belohnungsmechanismen ausgelegt sind. Wenn der Dopaminhaushalt mit einem Scroll zufrieden ist, braucht es keine echten Begegnungen mehr.\u201c Die Folgen: Einsamkeit, Angst, depressive Symptome.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wenn digitale Gewalt real wird<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Bedrohung beschr\u00e4nkt sich aber nicht nur auf den digitalen Raum. M\u00e9lanie Millette warnt vor gezielter Hetze, vor TikTok-Accounts, die trans Personen aufsp\u00fcren und lokalisieren. \u201eDie Gewalt springt zunehmend vom Bildschirm auf die Stra\u00dfe\u201c, sagt sie. Es sei aber auch wichtig festzuhalten: \u201eGewalt im Netz ist real. Wer online bedroht wird, erlebt psychologisch denselben Stress wie bei einem \u00dcbergriff auf der Stra\u00dfe.\u201c Der \u201evirtuelle\u201c sei daher nicht mehr vom reellen Raum zu trennen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem neuen Forschungsprojekt zeigt sie auf, wie rechtsextreme Gruppen Social-Media-Inhalte instrumentalisieren, Narrative umkehren und die Verbreitung von Fake News vorantreiben. Ein eindrucksvolles Beispiel seien \u201edetransition stories\u201c \u2013 Berichte von trans Personen, die ihre k\u00f6rperliche Angleichung r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Diese w\u00fcrden von einschl\u00e4gigen Gruppen bewusst verzerrt, um die Geschlechtsanpassung als problematisch darzustellen und die Idee zu verbreiten, dass eine \u201eGeschlechtsidentit\u00e4t\u201c nicht existiere \u2013 eine Darstellung, die wissenschaftlich schlichtweg falsch ist. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur\u00fcck zur Verantwortung<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Expert*innen sind sich einig: Die Verantwortung liegt nicht bei den Jugendlichen. Rechtliche Regulierung sei zentral. \u201eWir alle haben als Gesellschaft vergessen, dass wir unseren \u00f6ffentlichen Diskurs in die H\u00e4nde von Privatunternehmen gegeben haben, die keinen ethischen Auftrag haben. Sie interessieren sich nur f\u00fcr Gewinnmaximierung\u201c, sagt Millette. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Verhalten der Plattform-Betreiber ist gegen\u00fcber Jugendlichen illoyal. Es kann aufgrund ihres Entwicklungsstandes nicht von ihnen erwartet werden, sich selbst zu sch\u00fctzen \u2013 das m\u00fcssen wir als Gesellschaft tun\u201c, betont auch Patrick Schmitt. F\u00fcr den Arzt ist der Ansatz Australiens, wo der Zugang zu sozialen Medien f\u00fcr Unter-16-J\u00e4hrige seit dem 1.1.2025 gesetzlich verboten ist, ein vielversprechendes Modell. <\/p>\n\n\n\n<p>Und Eltern, Schulen, Vereine? Sie spielen eine zentrale Rolle, aber \u201eviele Erwachsene haben selbst ein problematisches Verh\u00e4ltnis zu Social Media\u201c, so Schmitt. Es brauche mehr Schulung und Sensibilisierung \u2013 vor allem f\u00fcr Bezugspersonen von Jugendlichen. Das Stichwort lautet: Pr\u00e4vention durch digitale Kompetenz. \u201eEin sicherer Umgang mit Online-Tools und Plattformen muss von den Eltern vermittelt werden, sollte aber heutzutage auch Teil der Grundausbildung aller Menschen sein\u201c, fordert Schmitt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen gerade Vereine und Jugendzentren hier ansetzen: mit Workshops, Anlaufstellen, Aufkl\u00e4rung. Mit dem Ziel, gerade queere Jugendliche zu bef\u00e4higen, die Online-Welt wieder zu dem zu machen, was sie sein kann: ein Raum f\u00fcr Freiheit, Vielfalt und echte Verbindung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum Social Media f\u00fcr queere junge Menschen Ort des Vertrauens und Stressquelle zugleich sind Als in den fr\u00fchen 2000er Jahren die ersten sozialen Netzwerke online gingen, folgte eine kleine Revolution. Eine technologische, durch das, was pl\u00f6tzlich im Internet m\u00f6glich wurde, und eine gesellschaftliche. 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