{"id":9634,"date":"2025-09-05T00:08:00","date_gmt":"2025-09-04T22:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9634"},"modified":"2025-09-02T22:19:07","modified_gmt":"2025-09-02T20:19:07","slug":"gedruckte-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9634","title":{"rendered":"Gedruckte Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein historischer \u00dcberblick \u00fcber deutschsprachige Zeitschriften<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Lambda z\u00e4hlt heute zu den \u00e4ltesten noch erscheinenden queeren Magazinen der Welt. Nur \u201eThe Advocate\u201c in den USA ist etwas \u00e4lter und der \u201eGay Krant\u201c aus den Niederlanden erscheint \u00e4hnlich lang. Damit ist die \u201elambda\u201c ein Relikt aus einer Zeit, in der Zeitschriften zu den zentralen Informationstr\u00e4gern der queeren Community z\u00e4hlten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits 1870 startete der Aktivist und Sexualforscher Karl Heinrich Ulrichs den aber schon nach einer Ausgabe gescheiterten Versuch, mit \u201eUranus\u201c eine Zeitschrift zu gr\u00fcnden. Die Zeitschrift stellte f\u00fcr ihn eine M\u00f6glichkeit dar, seine revolution\u00e4ren Ideen von der Nat\u00fcrlichkeit gleichgeschlechtlichen Begehrens zu verbreiten. Er betrieb Aufkl\u00e4rung, Selbstvergewisserung und Propaganda gleichzeitig.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aufkl\u00e4rung und Propaganda<\/h3>\n\n\n\n<p>In diesem Spannungsfeld bewegten sich viele der seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erscheinenden Druckwerke. Die \u00e4lteste Homosexuellenzeitschrift war \u201eDer Eigene. Ein Blatt f\u00fcr m\u00e4nnliche Kultur\u201c (1896-1932). Die von Adolf Brand herausgegebene Publikation huldigte einem \u201eheldisch-virilen\u201c M\u00e4nnlichkeitsideal, das Brand sp\u00e4ter auch in seiner Hinwendung zum Nationalsozialismus erf\u00fcllt sah. Ein Exemplar des Jahresbands von 1906 ist die \u00e4lteste Zeitschrift, die sich im Qwien Archiv befindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Brand positionierte sich mit antisemitischen \u00dcberzeugungen auch gegen den j\u00fcdischen, sozialdemokratischen Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der mit dem Wissenschaftlich-humanit\u00e4ren Komitee (WHK) 1897 in Berlin die erste Homosexuellenorganisation der Welt gegr\u00fcndet hatte. Auch Hirschfeld war publizistisch t\u00e4tig, doch hatten die vom ihm herausgegebenen \u201eMonatsberichte des WHK\u201c (1902-1908) und das \u201eJahrbuch f\u00fcr sexuelle Zwischenstufen\u201c (1899-1923) einen deutlich wissenschaftlichen Charakter. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Erste Publikationswelle<\/h3>\n\n\n\n<p>Die 1920er-Jahre waren ein erstes goldenes Zeitalter f\u00fcr die queere Publizistik, weil nun auch Zeitschriften erschienen, die sich an lesbische Frauen und trans Personen wandten. Diese hatten wie \u201eDie Freundschaft\u201c (1919-1933) Auflagen von 40.000-50.000 St\u00fcck. Davon k\u00f6nnen heute erscheinende queere Magazine nur tr\u00e4umen. <\/p>\n\n\n\n<p>Friedrich Radszuweit wurde zum wichtigsten Verleger dieser Zeit. In seinem Verlag erschienen die \u201eBl\u00e4tter f\u00fcr Menschenrecht\u201c (1923-1933), das Organ des Bundes f\u00fcr Menschenrecht, der gr\u00f6\u00dften Homosexuellenorganisation der Weimarer Republik. Neben dem Kampf gegen die strafrechtliche Verfolgung von Homosexualit\u00e4t, f\u00fcllten Berichte \u00fcber das Leben als Homosexueller, historische Portr\u00e4ts, Besprechungen literarischer Werke, Inserate f\u00fcr einschl\u00e4gige Lokale und Kontaktanzeigen die Seiten. Sie sind heute eine unsch\u00e4tzbar wertvolle Quelle f\u00fcr die queere Geschichtsforschung. Zumindest in Berlin wurden sie \u00f6ffentlich im Zeitungskiosk verkauft und waren damit auch ein Zeichen der Sichtbarkeit einer sich zunehmend selbstbewusst pr\u00e4sentierenden Gemeinschaft. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Publizistische Diversit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p>Der geschickte Verleger Radszuweit erkannte die Bed\u00fcrfnisse nach Information und Austausch und gr\u00fcndete 1924 die erste lesbische Zeitschrift der Welt: \u201eDie Freundin\u201c. Bereits in ihrer ersten Ausgabe erschien als Beilage \u201eDer Transvestit\u201c, womit auch trans Personen erstmals publizistisch wahrgenommen wurden. Unter dem Titel \u201eDas 3. Geschlecht\u201c wurde in Berlin zwischen 1930 und 1932 eine eigene Zeitschrift f\u00fcr trans Personen ver\u00f6ffentlicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl nur f\u00fcnf Hefte erschienen, war \u201eDas 3. Geschlecht\u201c ein publizistischer Meilenstein, weil erstmals Transvestit:innen und trans Personen eine identit\u00e4tsstiftende Zeitschrift hatten, in der neben medizinischen Artikeln auch aktivistische Beitr\u00e4ge und (auto)biografische Texte erschienen. 1933 wurden mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten alle queeren Publikationen verboten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Brachland \u00d6sterreich<\/h3>\n\n\n\n<p>\u00d6sterreich war in der Zwischenkriegszeit ein publizistisches Brachland. Zwar gibt es Hinweise, dass es hierzulande Abonnent:innen der deutschen Zeitschriften gab, die Beh\u00f6rden gingen aber im reaktion\u00e4ren \u00d6sterreich hart gegen jede Regung homosexueller Emanzipation vor. So wurde die Gr\u00fcndung eines \u00f6sterreichischen Ablegers des Bundes f\u00fcr Menschenrecht 1928 von den Beh\u00f6rden untersagt. Auch das Rote Wien hatte trotz fortschrittlicher Ans\u00e4tze auf anderen Gebieten kein Interesse an einer Unterst\u00fctzung queerer Anliegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00e4nderte sich auch nach dem 2. Weltkrieg nicht. Es waren die Schweiz, die junge BRD und D\u00e4nemark, die im deutschsprachigen Raum schwule M\u00e4nner mit Lesestoff versorgten. Aus D\u00e4nemark erfolgte haupts\u00e4chlich der Import pornografischer Zeitschriften. Mit dem \u201eFreundschafts-Banner\u201c erschien ab 1932 in der Schweiz auch w\u00e4hrend der NS-Zeit eine Zeitschrift, die sich an homosexuelle M\u00e4nner und Frauen wandte, ab 1943 wurde daraus der nur mehr M\u00e4nner ansprechende \u201eKreis\u201c, der bis 1967 als dreisprachiges Magazin erschien. \u201eDer Kreis\u201c versuchte wie die ab 1951 in Hamburg publizierte Zeitschrift \u201eDer Weg (zu Freundschaft und Toleranz)\u201c an die von den Nationalsozialisten zerst\u00f6rte Bewegung der Weimarer Republik anzuschlie\u00dfen, allerdings erreichten beide nur \u00fcberschaubare Auflagen. Ausgaben von \u201eDer Kreis\u201c und \u201eDer Weg\u201c finden sich auch im Archiv von Qwien.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Publizistische Explosion <\/h3>\n\n\n\n<p>Ab Ende der 1960er Jahre explodierte der Markt. Stonewall in den USA, die Reform des \u00a7 175 in Deutschland und die zunehmende sexuelle Freiz\u00fcgigkeit lie\u00dfen auch eine Reihe kommerziell erfolgreicher Magazine f\u00fcr schwule M\u00e4nner entstehen: \u201edu+ich\u201c (1969-2014), \u201ehim\u201c (1970-1981), \u201eDON\u201c (1970-1995), \u201eADAM\u201c (1972-2011) oder \u201eM\u00e4nner\u201c (1987-2017). All diesen Publikationen gemeinsam ist eine mehr oder minder ausgewogenen Mischung aus Information und erotischer Unterhaltung. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit unterscheiden sie sich ma\u00dfgeblich von der Vielzahl an Publikationen, die emanzipatorische Vereine ab Mitte der 1970er Jahre herausgaben und zu denen die \u201eCO-Info\u201c (1976-1978), die \u00e4lteste in \u00d6sterreich erschienene Schwulen-Zeitschrift, aber auch die \u201eLambda Nachrichten\u201c der HOSI Wien z\u00e4hlen. Viele dieser Magazine hatten nur eine regionale Verbreitung, bieten aber heute wichtige Infos \u00fcber die Bewegung. In \u00d6sterreich erschienen noch weitere mehr oder weniger langlebige Publikationen. Sie alle sind im Katalog der Qwien Bibliothek zu finden. Die meisten davon wurden von Qwien digitalisiert, sind aber aus rechtlichen Gr\u00fcnden nicht online zug\u00e4nglich. Als gedruckte Zeitschriften haben, neben der \u201elambda\u201c, das \u201ePride\u201c der HOSI Linz und das in Wien erscheinende \u201eXTRA!\u201c \u00fcberlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zunehmende Sichtbarkeit von Lesben zeigt sich auch an eigenen Zeitschriften wie dem von den HOSI-Lesben herausgegeben \u201eLesbenrundbrief\u201c. Die lesbischen Magazine unterscheiden sich von vielen schwulen dahingehend, dass ihre Inhalte aktivistischer waren und lesbischer Life-Style erst recht sp\u00e4t mit Magazinen wie dem \u201eL-Mag\u201c oder dem queer-feministischen \u201eMissy Magazine\u201c den Markt eroberte. Diese sind auch als Printmagazine nach wie vor erfolgreich.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Umfangreiche Best\u00e4nde<\/h3>\n\n\n\n<p>Heute gibt es nur noch wenige \u00fcberregionale Magazine, das Internet und der damit einbrechende Werbemarkt lie\u00dfen viele vom Markt verschwinden. Popul\u00e4r sind noch Stadtmagazine wie \u201eOur Munich\u201c (M\u00fcnchen), \u201eHinnerk\u201c (Hamburg) oder \u201eSergej\u201c (Berlin), die aber oft kaum mehr als Werbefl\u00e4chen f\u00fcr lokale Veranstalter sind. Von \u00fcberregionaler Bedeutung und inhaltlich interessant sind heute nur noch wenige queere Magazine: \u201eDie Mannschaft\u201c aus der Schweiz, die \u201eSiegess\u00e4ule\u201c aus Berlin und die \u201elambda\u201c der HOSI Wien.<\/p>\n\n\n\n<p>Qwien beherbergt auch dank einer umfangreichen Schenkung der HOSI Wien die gr\u00f6\u00dfte Sammlung von schwulen, lesbischen und queeren Zeitschriften in \u00d6sterreich. Sie umfasst Zeitschriften der Schwulen- und Lesbenbewegung ebenso wie Lifestyle-, Szene- und pornografische Magazine \u2013 in Summe rund 25.000 einzelne Hefte von mehr als 700 verschiedenen Zeitschriften aus rund 20 L\u00e4ndern, in 25 verschiedenen Sprachen, von 1951 bis zur Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zu finden sind alle Zeitschriften im Katalog: <a href=\"http:\/\/katalog.qwien.at\">katalog.qwien.at<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas Brunner<br>Wissenschaftlicher Leiter<br>Qwien \u2013 Zentrum f\u00fcr queere Kultur und Geschichte<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein historischer \u00dcberblick \u00fcber deutschsprachige Zeitschriften Die Lambda z\u00e4hlt heute zu den \u00e4ltesten noch erscheinenden queeren Magazinen der Welt. Nur \u201eThe Advocate\u201c in den USA ist etwas \u00e4lter und der \u201eGay Krant\u201c aus den Niederlanden erscheint \u00e4hnlich lang. 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