{"id":9631,"date":"2025-09-05T00:07:00","date_gmt":"2025-09-04T22:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9631"},"modified":"2025-09-02T22:19:32","modified_gmt":"2025-09-02T20:19:32","slug":"gefilmte-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9631","title":{"rendered":"Gefilmte Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Interview mit Katharina M\u00fcller<br>\u00d6sterreichisches Filmmuseum<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Katharina Mu\u0308ller leitet seit 2018 die Abteilung f\u00fcr Forschung, Vermittlung und Publikationen des \u201e\u00d6sterreichischen Filmmuseums\u201c. Seit 2023 ist sie Elise-Richter-Stelleninhaberin am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaft (IFK) der Kunstuniversit\u00e4t Linz. Seit 2011 Lehrbeauftragte der Film-, Medien- und Kulturwissen\u00adschaf\u00adten an den Universit\u00e4ten Wien, St. Gallen (HSG), Salzburg sowie an der Akademie der bildenden K\u00fcnste Wien. Promotion 2014 (DOC\/\u00d6sterreichische Akademie der Wissenschaften). Kuratorische Arbeiten f\u00fcr diverse Filmfestivals, u.a. Diagonale \u2013 Festival des \u00f6sterreichischen Films.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du arbeitest gerade an einem Projekt zur Sicherung und Analyse von LGBTIQ-relevanten Laufbildern, also Filmen, TV Sendungen und private Aufnahmen \u2013 inklusive Material, das die HOSI Wien zur Verf\u00fcgung stellen konnte. Wie bist du an die Recherche herangegangen, inwiefern war Sprache beim Auffinden von Stichw\u00f6rtern eine Herausforderung?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was mir aufgefallen ist, entlang von Sprache als Stolperstein, ist, wenn ich Begriffe wie HOSI, Rosa Lila Villa oder Frauencafe bei der Schlagwortsuche im ORF Archiv eingebe, es zu fast keinem Ergebnis f\u00fchrt. Selbst die HOSI ist nicht in dem Ma\u00dfe als Schlagwort annotiert, dass ich sie als solche so finde. Das hei\u00dft, ich h\u00e4tte diese Geschichte nicht im gleichen Ma\u00dfe rekonstruieren k\u00f6nnen, wenn ich nicht diese HOSI Medlies (<em>Anm: verschiedenes, a varied mixture<\/em>) zur Hand gehabt h\u00e4tte. Sprache ist ja sozusagen die Grundlage von Auffindbarkeit und von Sichtbarkeit im Archiv \u2013 und genau das hat mich auch vorwiegend interessiert: diese Frage des Zug\u00e4nglichmachens. Denn eine Datenbank funktioniert immer mit Vereindeutigen, doch sexuelle, geschlechtliche Vielfalt liegt nat\u00fcrlich weit jenseits davon. Also da beginnt schon bei der Sprache das Problem. Wenn ich unter dem Begriff schwul, lesbisch oder trans im Bewegungsarchiv (<em>Anm: archivierte Dokumente, Filme, Fotos etc.der LGBTIQ Community<\/em>) etwas nicht finde, dann kann das sowohl ein Zeichen der Vernachl\u00e4ssigung sein wie aber auch ein Zeichen des Schutzes. Und das ist sozusagen die Kernambivalenz, das Kernproblem, mit dem ich gek\u00e4mpft habe bei meiner Suche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte am Anfang schon eine gro\u00dfe Eile bei diesem Projekt, weil ich wusste, dass diese Videokassetten, beispielsweise von gro\u00dfartigen Ereignissen wie die lesbisch-schwulen Festwochen der HOSI 1991, die warmen Wochen oder was auch immer die HOSI gefeiert hat, dass diese Kassetten, die jetzt \u00fcber 30 Jahre alt sind, noch eine zu erwartende Lebensdauer von m\u00f6glicherweise null Jahren haben. Somit hatte ich einen irren Stress mit der Frage: ob und wie archivieren? Und welche ethischen Fragestellungen tun sich da auf? Denn es geht hierbei nat\u00fcrlich um reale Personen, reale Existenzen in einer politisch aktuell eher angespannten bis hin zu ja sehr starker repressiver und faschistoider Tendenz. Und wenn etwas archiviert wird, unter welchen Begriffen? Denn in dem Moment, wo du einen Stempel draufgibst, machst du etwas angreifbar. Und da sind wir beispielsweise wieder in der NS-Geschichte, 1933 etwa: der Pl\u00fcnderung der Magnus Hirschfeld Archive. In dem Moment, wo ich etwas zentralistisch sammle und schwul, lesbisch, trans, LGBTIQ darauf schreibe, setzte ich es nat\u00fcrlich auch einer Gefahr aus. Deshalb verwehre ich mich, es in die gro\u00dfen Sammlungen, Datenbanken, oder online Ausstellungsm\u00f6glichkeiten zu geben. Ich habe das wirklich als Communitymaterial zur\u00fcck in die H\u00e4nde der Community gelegt, um gemeinsam mit ihr mehrere und vielf\u00e4ltige Wege der Archivierung oder Verl\u00e4ngerung dieser Geschichte zu \u00fcberlegen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kannst Du uns etwas zu Codew\u00f6rtern erz\u00e4hlen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Chiffren oder Codew\u00f6rter sind nat\u00fcrlich wichtige Elemente, allerdings nichts, womit man in einem hegemonialen Archiv wie etwa dem ORF f\u00fcndig wird. In den Community-Archiven zu Beginn meiner Recherchen fand sich eigentlich das allermeiste. Anders als bei Schriftnachl\u00e4ssen war zu Beginn meiner Recherchen sowohl im \u201eQwien \u2013 Zentrum f\u00fcr queere Geschichte\u201c als auch im \u201eStichwort \u2013 Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung\u201c noch kein so gro\u00dfes Bewusstsein oder auch Wissen zum Umgang mit visuellem Material gegeben. Das Problem ist aber sicher auch ein logistisches, die Digitalisierung von VHS-Kassetten ist teuer. Das hei\u00dft, es ging sehr stark auch darum, Strukturen \u00fcberhaupt erst zu finden und da waren sowohl das \u201e\u00d6sterreichische Filmmuseum\u201c als auch die \u201e\u00d6sterreichische Mediathek\u201c ein ganz toller Kooperationspartner, weil dadurch alles, was Aktivismus betrifft, der schon in eine&nbsp;\u00d6ffentlichkeit gegangen war, und somit Bilder, die ja wirklich schon auf der Stra\u00dfe drau\u00dfen waren, bewahrt, gesichert und zu Langzeitsicherungsstrukturen eingespielt werden konnten. Diese Medien sollten aber auch nicht ganz so einfach zug\u00e4nglich sein. Auffindbar ja, aber es sollte sich jemand schon ein wenig auskennen, drinnen sein in der Community sozusagen. Das habe ich versucht sicherzustellen, was nat\u00fcrlich schwierig ist; aber da muss jetzt jemand schon mit der Szene vertraut sein oder sich den Orten ann\u00e4hern, um letztendlich auch f\u00fcndig zu werden. Das gro\u00dfe Rauspreschen habe ich vermieden, aber wenn man es finden will, kann man es.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Projekt hat dich jahrelang in Anspruch genommen. Wirst du das \u00fcberhaupt einmal abschlie\u00dfen k\u00f6nnen, \u201ejetzt ist der Punkt erreicht wo es fertig ist\u201c?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Also die Idee hatte ich schon 2019. 2020\/21 habe ich begonnen zu suchen, zu fragen. N\u00e4chstes Jahr wird es hoffentlich als Habilitationsschrift eingereicht und dann wird man sehen, was die Beurteilenden dazu denken. Ich m\u00f6chte die Studie auf jeden Fall als Buch ver\u00f6ffentlichen und das wird sicherlich nochmals ein gro\u00dfer Aufwand, mit der Frage von Bildlichkeit etwa: was wird davon gezeigt, was nicht. Dann hoffe ich auf einen Abschluss. Ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet so viel Material zu finden. Queere Geschichte wird ja gerne als eine Geschichte der Repression erz\u00e4hlt und dass aufgrund des Totalverbots keine Bilder existieren bzw. was existiert hat vernichtet wurde (<em>Anm.: in \u00d6sterreich bestand bis Anfang 1997 mit \u00a7 220 Strafgesetzbuch ein Verbot der \u201cWerbung f\u00fcr Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechtes oder mit Tieren\u201d<\/em>). Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Aber dass ich so viel Material finden w\u00fcrde, das h\u00e4tte ich so nicht gedacht. Ich konnte dann auch nur einen Teil analysieren, aber das sind immer noch neben 100 Spielfilmen rund 400 TV-Sendungen und 500 Amateur\/aktivistische Filme. Ich habe mir vorgestellt \u201eein paar Filme werde ich schon finden, wenn es zu wenig ist, strecke ich es mit Fernsehen\u201c. Aber es ist genau umgekehrt gekommen. Ich hatte einen Sammelaufruf gemacht f\u00fcr den privaten Bereich, gemeinsam mit dem \u201e\u00d6sterreichischen Filmmuseum\u201c, Qwien und auch der HOSI, die ihn geteilt hat. Es war so auch der Versuch, in den Bundesl\u00e4ndern Leute zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gibt es vergleichbare Projekte dieser Art auch au\u00dferhalb \u00d6sterreichs?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es gibt kein vergleichbares Projekt. Das war auch der Ansatz und ein Argument, um es beim FWF einzureichen. Das Projekt entstand dann im Rahmen eines Elise Richter F\u00f6rderprogramms. Es gibt zwar einzelne kleinere Home Movie Initiativen in den USA, z. B. das Lesbian Home Movie Project in Maine, weiters eine Kollegin in Schweden, Dagmar Brunow, die sich im Zusammenhang mit dem \u201ebildwechsel\u201c-Archiv in Hamburg schon mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. Es hat sicher auch damit zu tun, dass \u00d6sterreich ein kleines Land ist und administrativ leichter zu bew\u00e4ltigen ist als etwa die USA oder auch Deutschland. \u00d6sterreich ist auch nochmals spannend aus dieser langen Verbotszeit heraus, das Schlusslicht in der EU, was die rechtliche Gleichstellung von LGBTIQ-Personen betrifft. Daher die Rechnung, die ja auch ich machte, \u201equeere Geschichte f\u00e4ngt eh erst 1997 an, weil es ja davor ein Verbot auf Laufbild gab\u201c. Aber so war es ganz und gar nicht, das hatte niemanden aufgehalten, privat Erinnerungen bildlich festzuhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Katharina M\u00fcller\u00d6sterreichisches Filmmuseum Katharina Mu\u0308ller leitet seit 2018 die Abteilung f\u00fcr Forschung, Vermittlung und Publikationen des \u201e\u00d6sterreichischen Filmmuseums\u201c. Seit 2023 ist sie Elise-Richter-Stelleninhaberin am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaft (IFK) der Kunstuniversit\u00e4t Linz. 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