{"id":9628,"date":"2025-09-05T00:06:00","date_gmt":"2025-09-04T22:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9628"},"modified":"2025-09-02T22:07:04","modified_gmt":"2025-09-02T20:07:04","slug":"queermedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9628","title":{"rendered":"QUEER=MEDIEN?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber die Bedeutung unserer eigenen Mediengeschichte, und was wir aus dem Fall Aeryn Gillern lernen sollten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Frage nach der Repr\u00e4sentation von Minderheiten in den Medien, ist die nach der Henne und dem Ei. Immerhin waren Minderheiten schon immer ein Teil der Gesellschaft in beobachtender, aber auch gestalterischer Rolle. Speziell im Fall der LGBTIQ-Community l\u00e4sst sich diese Frage nicht f\u00fcr jeden Teil der sehr divers zusammengefassten Gruppe gleich beantworten. Vielmehr spielen sozio\u00f6konomische Faktoren genauso eine Rolle, wie die Zeit \u00fcber die wir reden, oder welches Geschlecht eine Person hat. Besonders im letzten Jahrhundert kamen viele neue Medien auf. Trotzdem waren Zeitungen, Bilder, bewegte Bilder und orale Praktiken der Wissensweitergabe die vorherrschenden. Bis auf letztere Methode, war es in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts f\u00fcr das \u201egemeine Volk\u201c kaum m\u00f6glich, den Diskurs zu einem Thema so stark zu beeinflussen, dass sich wirklich eine Ver\u00e4nderung im kollektiven Bewusstsein festsetzte. <\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrte unter anderem dazu, dass es f\u00fcr uns heutzutage so schwierig ist, genauer herauszufinden welche Menschen sich unter unserer heutigen Linse von LGBTIQ-Identit\u00e4ten so definiert h\u00e4tten, dass wir sie in der Forschung ohne schlechtes Gewissen dazu z\u00e4hlen k\u00f6nnen. Zum Beispiel viele vermutete trans Personen beschrieben zwar m\u00fcndlich, sich wie ein anderes Geschlecht als ihr biologisches zu f\u00fchlen, konnten dem aber durch eine erschwerte Verbreitung der Begriffe kaum einen Namen geben. Heutzutage bleiben uns zur Bestimmung dieser Identit\u00e4ten, neben einem k\u00fcrzeren progressiven Aufschwung durch das Berliner Institut von Magnus Hirschfeld, oft nur Fremdbeschreibungen der Vernehmungen in der Homosexuellenverfolgung der Nazionalsozialisten. Einen kleinen Einblick darin kann mein Artikel in der Lambda #4\/2023 \u201eZur Verfolgung nicht-gendernormativer Identit\u00e4ten w\u00e4hrend der NS-Zeit\u201c geben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Artikel vor fast zwei Jahren war der Versuch, das Narrativ wie \u00fcber uns als queere Menschen gesprochen wird, wieder an uns zu rei\u00dfen. Denn die Lambda ist als \u00e4lteste deutschsprachige LGBTIQ-Zeitschrift eine M\u00f6glichkeit in unseren eigenen Mikrokosmos, in dem wir die Expertise und gelebte Erfahrung haben, einzugreifen. Die Menschen damals haben selbst aus den (Massen-)Medien nicht \u00fcber ihre eigene Sprache erfahren k\u00f6nnen, weil das eben die breite Masse oft nicht interessiert. Sie \u00fcbernahmen deshalb nicht selten abwertende Bezeichnungen f\u00fcr sich selbst, die sie aus den Zeitungen und Gesetzen gegen sie kannten, aus den diskriminierenden Erfahrungen, die sie mit \u00c4rzten und medizinischem Personal machten. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch in m\u00fcndlicher Tradition und heimlich gehandelten Schriften gab es nat\u00fcrlich auch selbsterm\u00e4chtigende oder gar positive M\u00f6glichkeiten, \u00fcber sich zu sprechen. Wenn sich vor allem Butches im letzten Jahrhundert \u201ekesse V\u00e4ter\u201c nannten, dann war das etwas spielerisch bis positiv Besetztes. Viele solcher Begriffe gingen jedoch mit der B\u00fccher- und Aktenverbrennung der Nationalsozialisten verloren, oder waren bis vor nicht allzu langer Zeit verschollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch deshalb galten die Stonewall Riots in unserem kollektiven Bewusstsein lange als Aufstand wei\u00dfer gender-normativer Schwuler. Die Ikonen dieser Bewegung, welche nicht nur dabei, sondern mittendrin waren, wie Marsha P. Johnson, nannten sich lange selbst \u201eGay Men\u201c, oder \u201eTransvestiten\u201c. Nicht viele konnten mit den Begriffen transgender, pansexuell, etc. etwas anfangen, obwohl es diese Begriffe schon Jahrzehnte l\u00e4nger gibt, als man allgemein vermuten w\u00fcrde. Auch literarische Werke mit queeren Figuren, wie der Roman \u201eGiovannis Zimmer\u201c von James Baldwin, der selbst ein schwuler Schwarzer Autor war, \u201eDas Bildnis des Dorian Gray\u201c von Oscar Wilde aus dem 19. Jahrhundert, oder sogar die Tageb\u00fccher der vor den Nazis gefl\u00fcchteten und dann ermordeten Ruth Maier, die Liebesgedichte deren Partnerin Gunvor Hofmo, das alles sind wichtige Zeugnisse queerer Identit\u00e4ten, die uns heute einen Einblick geben, der nur wenig von Au\u00dfen gef\u00e4rbt wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Genau deshalb ist es so wichtig unsere \u201eeigenen Medien\u201c zu haben, \u00fcber unsere eigene Kultur selbst aufzukl\u00e4ren, sie auszuleben, zu zeigen. Bilder der Regenbogenparade, aus dem Gugg, von einer queeren Party oder beispielsweise das Buchcover eines Romans mit schwulem Protagonisten sind nicht umsonst feste Bestandteile der meisten queeren Medien wie queere Magazine und Lifestyle-Blogs. Wir zeigen die Minderheiten in der Gesellschaft, also die LGBTIQ-Leben, und innerhalb dieser Minderheit, weitere Minderheiten aus unserer Community, wie die Lebensrealit\u00e4ten von intergeschlechtlichen Menschen, oder eine Gruppe die entgegen ihrer tats\u00e4chlichen Gruppengr\u00f6\u00dfe in der Community wie eine Minderheit, zumindest stiefm\u00fctterlich, behandelt wird: die der Bisexuellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Heutzutage k\u00f6nnte man meinen, die Kommunikation sei durch Soziale Medien wie TikTok, Instagram und Co demokratisierter als noch vor hundert Jahren. In gewisser Weise ist dem wohl auch grunds\u00e4tzlich wenig entgegenzusetzen, denn wir haben mit den schier endlosen M\u00f6glichkeiten des Internets und neuer Werkzeuge wie AI-Tools mehr Informationen zur Verf\u00fcgung als je zuvor. Jedoch darf nicht \u00fcbersehen werden, dass letztlich jede Publikation, jedes Medium, egal ob aus unserer Community heraus oder von au\u00dfen \u00fcber uns, gef\u00e4rbt ist. Auch wenn es so wirken kann, als ob Google, Chat GPT, Wikipedia, ein Lexikon oder ein Zeitungsbeitrag, ein Polizeibericht die ungesch\u00f6nte, neutrale Wahrheit darbieten, alles ist gef\u00e4rbt. Von eigenen Erfahrungen, eigenen \u00c4ngsten. Davor sollten wir keine Angst haben. Deshalb sage ich Menschen, die mehr \u00fcber die LGBTIQ-Community erfahren wollen, auch nicht gerne \u201eschau bitte selbst nach\u201c, wie von einigen erkl\u00e4rungsm\u00fcden Queers gerne verlangt wird. Ich rate eher \u201eschau dir doch mal diese Lambda zum \u00dcberthema, das dich interessiert, an! Lass dir von jemandem im Gugg \u00fcber das und das etwas erz\u00e4hlen! Da gibt es einen Dokumentarfilm, ein Liebesdrama, ein Comedy-Set, ich lade dich ein, es dir anzusehen!\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Denn \u201eunsere Medien\u201c bilden die Realit\u00e4t von uns als Community logischerweise viel eher so ab, wie wir sie auch wirklich erleben. Da wird mal ein Streit \u00fcber das Thema XY in der Lambda \u00fcber mehrere Ausgaben hinweg ausgetragen, oder ich sehe einen Film \u00fcber die T\u00fcrkis Rosa Lila Villa aus den 80ern, wo sich die Schwulen dar\u00fcber aufregen, dass die Lesben im Wohnverein nur arbeiten wollen, und die Lesben dar\u00fcber, dass die Schwulen nur feiern und mit anderen M\u00e4nnern tanzen wollen, statt Demoplakate zu basteln. Diese scheinbar banalen Dokumentationen gilt es auch gerade f\u00fcr die Nachwelt festzuhalten, und sei es nur um sich versichern zu k\u00f6nnen, dass sich in mehreren Jahrzehnten bei uns manchmal scheinbar gar nicht so viel ver\u00e4ndert. <\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet gleichzeitig, es ist wichtig auszuw\u00e4hlen was wichtig genug, oder zu unwichtig ist, um es in unseren Medien abzubilden. Ein Fall, der mir dabei ganz besonders ins Auge sticht, ist der Vermisstenfall von Aeryn Gillern. Ein US-Amerikanischer Staatsb\u00fcrger und seinerzeit der erste Mister Gay Austria, der 2007 in bzw. vor der geschichtstr\u00e4chtigen Herrensauna Kaiserbr\u00fcndl verschwand. Ich hatte davon nur erfahren, weil mir im Gugg von einem schwulen Freund davon erz\u00e4hlt wurde. Bei meiner Recherche dar\u00fcber, von B\u00fcchern zu dem Thema \u00fcber das Nachlesen von parlamentarischen Anfragen \u00fcber Podcasts bis hin zu Hintergrundgespr\u00e4chen, ist mir eines aufgefallen: Scheinbar berichteten zum Zeitpunkt des Verschwindens \u00fcberwiegend bis ausschlie\u00dflich nicht-Community Medien dar\u00fcber, nicht aber unsere eigenen. Nach einer vorverurteilenden Einordnung der lokalen Ermittlungsbeh\u00f6rden wurde der Fall zu schnell und ohne handfeste Beweise als Suizid eingestuft, weshalb er vorerst zu den Akten gelegt wurde. Logischerweise war dadurch und einem allgemein angespannten Verh\u00e4ltnis unserer Community zur Polizei, besonders 2007, das Vertrauen, sich bei den Beh\u00f6rden mit Hinweisen zu melden, nicht sehr gro\u00df. Als Aeryn Gillern Mister Gay Austria wurde, berichtete beispielsweise das Magazin XTRA! mit einer Titelseite dar\u00fcber. Als er nun aber vermisst wurde, gab es, trotz des Wunsches daf\u00fcr durch seine angereiste Mutter, keine weitere Berichterstattung in \u00e4hnlichem Ausma\u00df. Selbst wenn der Vermisste in der Community durchaus gemischte Gef\u00fchle vor seinem Verschwinden hervorrief, m\u00fcssen wir uns nun leider alle die Frage stellen: H\u00e4tte er gefunden werden k\u00f6nnen, wenn in unseren Medien mehr \u00fcber ihn berichtet worden w\u00e4re und sich dadurch vielleicht Zeug*innen mit Hinweisen gemeldet h\u00e4tten? <\/p>\n\n\n\n<p>Auch das sollte n\u00e4mlich eine Aufgabe \u201eunserer Medien\u201c sein. Denn egal welches Verh\u00e4ltnis man zu einer Person aus unserer Community hat, sobald jemandem von uns etwas passiert, geschieht es uns allen. Pers\u00f6nliche Trag\u00f6dien haben als Gemeinschaft eine kollektive Tragweite. <\/p>\n\n\n\n<p>Unterhaltung kann, sollte jedoch wahrlich nicht die einzige Aufgabe der Medien sein, die wir aus uns heraus, \u00fcberwiegend f\u00fcr uns gegenseitig, produzieren. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Hinweise &amp; Anmerkungen zum Verschwinden von Aeryn Gillern bitte an <a href=\"mailto:mo.blau@hosiwien.at\">mo.blau@hosiwien.at<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Bedeutung unserer eigenen Mediengeschichte, und was wir aus dem Fall Aeryn Gillern lernen sollten Die Frage nach der Repr\u00e4sentation von Minderheiten in den Medien, ist die nach der Henne und dem Ei. Immerhin waren Minderheiten schon immer ein Teil der Gesellschaft in beobachtender, aber auch gestalterischer Rolle. 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