{"id":9611,"date":"2025-09-05T00:01:00","date_gmt":"2025-09-04T22:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9611"},"modified":"2025-09-02T21:52:16","modified_gmt":"2025-09-02T19:52:16","slug":"christian-berkel-ist-seiner-geschichte-auf-der-spur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9611","title":{"rendered":"Christian Berkel ist seiner Geschichte auf der Spur"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">\u201eSputnik\u201c ist der dritte Teil seiner autofiktionalen Romantrilogie, erschienen Anfang des Jahres. In \u201eSputnik\u201c erscheint die Geschichte um den Berliner Jungen, der als Baby vertauscht wurde, nicht greifbar. So wenig, wie der junge Mann sp\u00e4ter seine Herkunft als zuordenbar sieht. Als er ein Gespr\u00e4ch seiner Eltern belauscht, kriegt er n\u00e4mlich mit, dass es diesen Verwechslungsfall im Krankenhaus tats\u00e4chlich gegeben hat, dass der Vater darauf bestand, dass das Baby nicht sein Sohn sei. Woraufhin ihm ein anderes Baby ausgeh\u00e4ndigt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Ereignis erz\u00e4hlt auch der Autor Berkel selbst \u00fcber seine eigene Herkunft. So geschehen bei einer Lesung im Juni dieses Jahres in Heide\/Dithmarschen. Aber belassen wir es vielleicht bei der Romanfigur, auch wenn die Geschichte nach Angaben des Autors autofiktional ist, sich also in wichtigen Teilen tats\u00e4chlich so zugetragen haben soll.<\/p>\n\n\n\n<p>So oder so, lange Zeit f\u00fchlt sich der Junge nicht zugeh\u00f6rig, sieht sich weder als richtig deutsch noch wirklich j\u00fcdisch, zweifelt an allem, versteckt sich an der franz\u00f6sischen Schule und fl\u00fcchtet sich in die franz\u00f6sische Kultur. Er f\u00fchlt sich halb, f\u00fcrchtet sich vor dem Deutschsein wohl noch mehr als vor dem J\u00fcdischsein, wei\u00df aber auch damit nichts anzufangen, weil man ihn im katholischen Glauben erzogen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kann man das alles als Sinn- und Identit\u00e4tssuche in der Pubert\u00e4t sehen, doch bleibt auch die Frage, wer er in Bezug auf seine Sexualit\u00e4t ist. Sein Vater, der die Vaterrolle mit strenger Hand aus\u00fcbt, stand in seiner eigenen Jugend ebenso zwischen den St\u00fchlen. Er wurde von dem Vater seiner sp\u00e4teren Frau, also seinem sp\u00e4teren Schwiegervater, begehrt. Tats\u00e4chlich lie\u00df dieser nur von ihm ab, weil die Tochter, also Sputniks sp\u00e4tere Mutter, sich in den G\u00fcnstling ihres Vaters ebenfalls verliebte und der Vater ihr das Vorrecht an dem jungen Mann \u00fcberlie\u00df, da er dem Gl\u00fcck seiner Tochter nicht im Wege stehen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sputniks Vater hatte zwar laut Romanhandlung(en) \u2013 in \u201eDer Apfelbaum\u201c (2018) und \u201eAda\u201c (2020) geht Berkel ausf\u00fchrlicher auf diese Verwicklungen ein \u2013 die Liebe des Vaters seiner sp\u00e4teren Braut nicht explizit erwidert, aber doch Nutzen aus der Schw\u00e4rmerei des \u00e4lteren Mannes gezogen. Trotz der Heirat zu Sputniks Gro\u00dfmutter hatte sich der Gro\u00dfvater als homosexuell gesehen und lebte definitiv bisexuell. Durch ihn erfuhr Sputniks Vater erste B\u00fccherbildung und lernte ein intellektuelles Leben kennen, was ihm half, seine medizinische Laufbahn einzuschlagen. Auf jeden Fall ist diese Geschichte, die auch zum realen Lebenslauf des Autors zu geh\u00f6ren scheint, mehr als kurios. Da aber Christian Berkel nicht nur ein ber\u00fchmter Schauspieler, sondern ein ebenso grandioser Geschichtenerz\u00e4hler ist, der die drei Romane so spannend gestaltet hat, dass man\/frau* jeden Band als eigenst\u00e4ndigen Roman lesen kann, ist es v\u00f6llig egal, wie weit die Handlung der tats\u00e4chlichen Familiengeschichte entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall verbindet Sputnik mit seiner Familie, dass er selbst lange nicht wei\u00df, wohin er mit seiner Lust, seinen Sehns\u00fcchten und seiner Liebe soll. Zwischendurch hat er auch gef\u00fchlvolle Kontakte zu jungen M\u00e4nnern, zum Beispiel w\u00e4hrend seiner Schul- und Studienaufenthalte in Frankreich. Wie sein Vater Jahrzehnte zuvor, kommt er in Kontakt mit Angeh\u00f6rigen oberer Gesellschaftsschichten. Aber der intellektuelle und gediegene Schein seines Umfelds h\u00e4lt nicht immer, was er verspricht. So sind die B\u00fccher der Bibliothek, in der er den Nachmittagstee bei seinem Freund einnimmt, auf Furnier gemalte Attrappen: \u201eDie W\u00e4nde dieser Bibliothek waren flach und glatt. Hier standen keine B\u00fccher. Diese Bibliothek war eine perfekt ausgef\u00fchrte Trompe-l\u2019oeil-Malerei\u201c (\u201eSputnik\u201c, S. 225).<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie es auch um Sputniks Identit\u00e4t und Orientierung bestellt ist, sein Gro\u00dfvater hat ein schwules Leben gef\u00fchrt. Das wird aus den beiden zuvor ver\u00f6ffentlichten Romanen \u201eDer Apfelbaum\u201c und \u201eAda\u201c deutlich. Die Vorliebe f\u00fcr M\u00e4nner, die der Gro\u00dfvater niemals verleugnete, brachte ihn sogar ins Visier der Nazis. Die Verwicklungen werden in \u201eSputnik\u201c so beschrieben: \u201eMein Gro\u00dfvater war von seinem Vater rausgeworfen worden, als dieser seinen Sohn nach einer l\u00e4ngeren Reise mit einigen jungen M\u00e4nnern in seinem Ehebett erwischt hatte. Mein Gro\u00dfvater Jean war damals mit seinem zeitweiligen Lebensgef\u00e4hrten, dem Anarchisten und Dichter Erich M\u00fchsam, \u00fcber M\u00fcnchen und Italien an den Monte Verit\u00e0 gezogen.\u201c Und einige Zeilen sp\u00e4ter hei\u00dft es: \u201eDas Zerw\u00fcrfnis mit dem Vater wurde endg\u00fcltig, als der homosexuelle Sohn dort seine zuk\u00fcnftige Frau kennenlernte, meine Gro\u00dfmutter Iza. Dass sie mosaischen Glaubens war, wie sich der Vater in seinem letzten Brief ausdr\u00fcckte, schien noch schwerer zu wiegen als die sittliche Verirrung, die er noch bereit gewesen w\u00e4re der Jugend und mangelnden Reife seines Sohnes zuzuschreiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was Berkel da beschreibt, ist keineswegs als Verleugnung seiner eigenen Herkunft oder seines homosexuellen Vorfahren zu sehen, sondern als der nachtr\u00e4gliche Versuch, mithilfe seiner drei Romane \u201eDer Apfelbaum\u201c, \u201eAda\u201c und \u201eSputnik\u201c mit sich selbst ins Reine zu kommen, sich \u00fcber seine Herkunft und Familiengeschichte klarzuwerden, mit der er sich detailliert auseinandersetzt, als seine Eltern bereits gestorben sind. Er selbst formuliert es auf der R\u00fcckseite des Buchumschlags zu \u201eDer Apfelbaum\u201c so: \u201eJahrelang bin ich vor meiner Geschichte davongelaufen. Dann erfand ich sie neu.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSputnik\u201c ist der dritte Teil seiner autofiktionalen Romantrilogie, erschienen Anfang des Jahres. In \u201eSputnik\u201c erscheint die Geschichte um den Berliner Jungen, der als Baby vertauscht wurde, nicht greifbar. So wenig, wie der junge Mann sp\u00e4ter seine Herkunft als zuordenbar sieht. Als er ein Gespr\u00e4ch seiner Eltern belauscht, kriegt er n\u00e4mlich mit, dass es diesen Verwechslungsfall [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":9612,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[24,120],"class_list":["post-9611","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","tag-buecher","tag-lambda-200"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9611","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9611"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9611\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9613,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9611\/revisions\/9613"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9612"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9611"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}