{"id":9531,"date":"2025-05-30T00:24:00","date_gmt":"2025-05-29T22:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9531"},"modified":"2025-09-04T22:09:26","modified_gmt":"2025-09-04T20:09:26","slug":"sichtbarkeit-als-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9531","title":{"rendered":"Sichtbarkeit als Widerstand"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Wenn ich in der Bahn sitze, gibt es diese stillen Momente: Jemand tr\u00e4gt eine kleine Lesbenflagge am Rucksack. Zwei Frauen k\u00fcssen sich am Bahnsteig. Pl\u00f6tzlich sp\u00fcre ich: Wir kennen uns nicht, aber ich f\u00fchle mich verbunden. Ich f\u00fchle mich sicherer, freier, gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich bedeutet lesbische* Sichtbarkeit genau das: Andere zu erkennen, mit denen ich Erfahrungen teile. Zu wissen: Ich bin nicht allein. Es gibt Verb\u00fcndete, gerade in kritischen Situationen. Doch diese Momente sind selten. Lesbische*, bi+, queere Frauen und nicht-bin\u00e4re Personen werden immer noch oft unsichtbar gemacht \u2013 gesellschaftlich, kulturell und politisch. Historisch wurden lesbische* Personen aus Politik, Wissenschaft, Kunst und Geschichtsschreibung verdr\u00e4ngt oder ihre Liebe als \u201eFreundschaft\u201c verleugnet. Das ist kein Zufall, sondern strukturelles Unsichtbarmachen. Sie nimmt uns die M\u00f6glichkeit, uns selbst zu sehen, Vorbilder zu haben und unsere Geschichten zu erz\u00e4hlen. Diese Unsichtbarkeit hat Folgen. Viele erleben psychische Belastungen, weil Vorbilder fehlen, weil sie sich isoliert f\u00fchlen oder weil sie mehrfach diskriminiert werden \u2013 als Frauen*, als Queers, als Menschen, die nicht ins Schema passen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sichtbar zu sein ist nicht f\u00fcr alle gleich leicht \u2013 besonders, wenn weitere Diskriminierungen wie Rassismus, Ableismus oder andere hinzukommen. F\u00fcr manche bedeutet Sichtbarkeit auch ein Risiko: Sie m\u00fcssen abw\u00e4gen, ob sie sich zeigen k\u00f6nnen, ohne ihre Sicherheit zu gef\u00e4hrden. Das macht es umso wichtiger, dass wir uns gegenseitig st\u00e4rken und sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele meiden Situationen, in denen sie offen lesbisch* oder queer sein k\u00f6nnten \u2013 aus Angst vor Ablehnung oder Gewalt. Das gesellschaftliche Klima ist oft nicht so offen, wie es scheint. Immer noch werden wir als Ausnahme, als Sidekick oder als Fetischbild dargestellt \u2013 aber selten als reale, vielf\u00e4ltige Menschen. Auch in den Medien ist lesbische* Repr\u00e4sentation sp\u00e4rlich. Wenn queere Frauen* und nicht-bin\u00e4re Figuren \u00fcberhaupt vorkommen, dann meist aus einer m\u00e4nnlich-heterosexuellen Perspektive. Lesbische* Figuren d\u00fcrfen selten komplex, politisch oder widerspr\u00fcchlich sein \u2013 sie sollen \u201efunktionieren\u201c, nicht st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es gibt auch Hoffnung. Immer mehr queere Menschen schaffen eigene R\u00e4ume: Vereine, Lokale, Podcasts, Social-Media-Kan\u00e4le, queere Filmfestivals. Ich denke an L\u00f6wenherz als erste queere Buchhandlung, die ich besucht habe \u2013 ein Ort voller Geschichten, in denen ich mich wiederfinden konnte. Solche R\u00e4ume und Vorbilder geben Kraft, inspirieren und verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen mehr eigene Medien, mehr queere Veranstaltungen, mehr Unterst\u00fctzung von Allys \u2013 und den Mut, uns gegenseitig sichtbar zu machen. Empowerment hei\u00dft f\u00fcr mich auch, andere zu ermutigen, ihre Geschichten zu erz\u00e4hlen und f\u00fcr ihre Rechte einzustehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Jahr versammeln wir uns am Helga-Pankratz-Platz und erinnern an Helga, eine Pionierin der HOSI Wien. Sie hat mit anderen Aktivist*innen R\u00e4ume geschaffen \u2013 f\u00fcr Austausch, f\u00fcr Lesben*, die Jugendgruppe, f\u00fcr queeren Widerstand. Ihre Geschichte tr\u00e4gt uns. Ihre Spuren sind sichtbar \u2013 und das macht auch uns sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin stolz, Teil dieser Bewegung zu sein. Ich h\u00f6re zu, wenn andere Aktivist*innen erz\u00e4hlen. Ich erkenne: Ich bin nicht allein. Wir k\u00e4mpfen zusammen. Denn lesbisch zu sein hei\u00dft nicht nur zu lieben, sondern auch, sich zu zeigen und Platz einzunehmen. Wir schaffen R\u00e4ume, bleiben sichtbar und laut.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die n\u00e4chste gro\u00dfe Gelegenheit, gemeinsam laut und sichtbar zu sein, steht schon bevor: Vienna Pride bringt die Community zusammen. Wir zeigen und erleben selbst, wie vielf\u00e4ltig, kraftvoll und solidarisch unsere Community ist. Und wir zeigen auch, dass lesbische* Sichtbarkeit immer auch Widerstand und Freude bedeutet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich in der Bahn sitze, gibt es diese stillen Momente: Jemand tr\u00e4gt eine kleine Lesbenflagge am Rucksack. Zwei Frauen k\u00fcssen sich am Bahnsteig. 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