{"id":9518,"date":"2025-05-30T00:21:00","date_gmt":"2025-05-29T22:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9518"},"modified":"2025-05-29T21:29:09","modified_gmt":"2025-05-29T19:29:09","slug":"queer-und-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9518","title":{"rendered":"Queer und rechts"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Beim Thema Queerfeindlichkeit sind extrem rechte Parteien widerspr\u00fcchlich. Auf der einen Seite gibt es autokratisch regierte Staaten wie Russland, Ungarn und die T\u00fcrkei, die mit H\u00e4rte gegen alle queeren Personen vorgehen. Daneben gibt es L\u00e4nder in Westeuropa und in den USA, in denen Schwule und Lesben mit rechten Parteien gemeinsame Sache machen. In Deutschland etwa hat die rechte AfD mit Alice Weidel eine lesbische Parteivorsitzende. In Frankreich sympathisieren viele Homosexuelle mit der Rechtspopulistin Marine Le Pen. In \u00d6sterreich und in Deutschland ver\u00f6ffentlicht das schwule Dating-Portal Romeo regelm\u00e4\u00dfig Wahlumfragen, wonach deren m\u00e4nnliche Nutzer oft rechte Parteien wie die FP\u00d6 und die AfD w\u00e4hlen. Dies sorgt f\u00fcr Kontroversen und Unverst\u00e4ndnis. Das Dating-Portal verteidigt jedoch seine Umfragen und weist Manipulationsvorw\u00fcrfe zur\u00fcck. Damit stellt sich die Frage, warum manche queere Personen so gut mit rechten Parteien k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Psychologie gibt es daf\u00fcr mehrere Erkl\u00e4rungsversuche. Eine Antwort ist, dass sich Minderheiten besonders stark bem\u00fchen, von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden. Nach diesem Konzept d\u00fcrfe eine diskriminierte Personengruppe auf noch mehr Akzeptanz hoffen, wenn sie gemeinsam mit der Mehrheitsbev\u00f6lkerung gegen eine andere Gruppe vorgeht. So akzeptieren beispielsweise rechte Parteien nur Schwule und Lesben, die sozial angepasst, b\u00fcrgerlich, wirtschaftlich erfolgreich und monogam sind. Gemeinsam grenzen sie dann Asylwerber*innen und trans Personen aus. So hat beispielsweise US-Pr\u00e4sident Donald Trump den 63-j\u00e4hrigen schwulen Hedgefonds-Manager Scott Bessent zum neuen Finanzminister ernannt. Bessent ist der erste offen schwule Finanzminister in der US-Geschichte. Er wurde in der Vergangenheit wegen seiner Homosexualit\u00e4t ausgegrenzt. Es war ihm fr\u00fcher nicht m\u00f6glich, die US-Marineakademie zu besuchen. Bessent machte in der Finanzbranche Karriere und gilt als sehr verm\u00f6gend. Privat f\u00fchrt er ein b\u00fcrgerliches Leben. Er hat einen Ehemann und zwei Kinder. Bessent gilt als loyaler Gefolgsmann von Trump, dessen Regierung zahlreiche Gesetze gegen Migrant*innen und trans Personen verabschiedet hat.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00a0Unbearbeitetes Trauma<\/h3>\n\n\n\n<p>Eine andere psychologische Erkl\u00e4rung, warum Schwule und Lesben rechte Parteien w\u00e4hlen, sind unbearbeitete Traumata und lang anhaltende Diskriminierungserfahrungen. Der Begriff Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet Verletzung und Wunde. Gemeint ist, dass einem Menschen eine psychische Wunde zugef\u00fcgt wurde. Zu diesem Thema passt das Theaterst\u00fcck \u201eDas Verm\u00e4chtnis\u201c, das gerade im Wiener Theater in der Josefstadt aufgef\u00fchrt wird. Das Drama des US-Autors Matthew L\u00f3pez gilt als eines der bedeutendsten schwulen B\u00fchnenst\u00fccke und hat weltweit zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Kein anderes Theaterst\u00fcck setzt sich so intensiv und tiefgr\u00fcndig mit verschiedenen schwulen Lebensgeschichten auseinander. Obwohl es haupts\u00e4chlich um Schwule geht, ist die siebenst\u00fcndige Auff\u00fchrung f\u00fcr alle empfehlenswert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den vielen verschiedenen Figuren taucht in dem St\u00fcck der Milliard\u00e4r und New Yorker Immobilienmakler Henry Wilcox auf. Dieser steht f\u00fcr einen reichen und privilegierten wei\u00dfen Cis-Schwulen, der die Republikaner*innen von Trump w\u00e4hlt. F\u00fcr Henry sind Geld, die unternehmerische Freiheit und der pers\u00f6nliche Erfolg das Wichtigste. Bei einem Brunch im Freundeskreis erz\u00e4hlt er, dass die Pharmaindustrie die Medikamente gegen Aids nicht aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden, sondern nur aus Profitgier entwickelt habe. Daher w\u00e4hle er die Republikaner*innen, weil diese die unternehmerische Freiheit hochhalten und sich f\u00fcr einen schlanken Staat aussprechen. Henry gilt als erfolgreicher Dealmaker. Um seinen Gef\u00fchlen zu entfliehen, geht Henry mit einem anderen Schwulen einen \u201eEhe-Deal\u201c ein. Denn ihm ist es wichtig, nach au\u00dfen eine b\u00fcrgerliche Fassade aufrecht zu erhalten. Doch Henry hat noch eine andere Seite. Er konsumiert Sexarbeit zur Triebbefriedigung. Auch hier geht es f\u00fcr ihn nur um ein Gesch\u00e4ft. Henry w\u00e4hlt als \u00e4lterer Mann j\u00fcngere, normsch\u00f6ne Sexarbeiter aus. Dass einer seiner Sexarbeiter obdachlos ist, ber\u00fchrt den Multimilliard\u00e4r nicht. Er l\u00e4sst mit S\u00e4tzen wie \u201eWas k\u00fcmmert mich, wen ich ficke\u201c aufhorchen. Im Laufe des St\u00fccks wird deutlich, dass der Republikaner-W\u00e4hler Henry ein altes Trauma nicht aufarbeiten will. Er tut alles, um seine emotionalen Schmerzen und seine innere Verwundung zu unterdr\u00fccken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Beim St\u00fcck \u201eDas Verm\u00e4chtnis\u201c geht es um die Frage, wie Schwul-Sein beziehungsweise Queer-Sein gelebt werden kann. Verfolgen schwule M\u00e4nner egoistisch den eigenen Weg, w\u00e4hlen sie rechte Parteien und benutzen sie andere r\u00fccksichtslos beim Sex? Oder arbeiten sie ihre Traumata auf, zeigen sie Mitgef\u00fchl und sind solidarisch mit trans Geschwistern, Obdachlosen und People of Color? Die W\u00f6rter \u201eficken\u201c und \u201egefickt werden\u201c sind in der Auff\u00fchrung oft zu h\u00f6ren. Auf die schwule Welt wird schonungslos in allen Facetten eingegangen wie Drogenmissbrauch, Chemsex, ungesch\u00fctztem Sex, die Einnahme von PrEP und sexualisierte Gewalt. Es gibt Heiratsantr\u00e4ge und eine Hochzeit, in denen von Liebe nichts zu sp\u00fcren ist. Einmal wird Liebe von einem Mann als schlimmes Gef\u00fchl bezeichnet, weil er es nicht bet\u00e4uben kann. \u201eDas Verm\u00e4chtnis\u201c ist ein St\u00fcck \u00fcber gebrochene Herzen und schwule Traumata, aber auch von Liebe und Solidarit\u00e4t.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unterdr\u00fcckte Gef\u00fchle<\/h3>\n\n\n\n<p>Das St\u00fcck macht deutlich, dass queere Personen oft Traumata erlebt und lang anhaltende Diskriminierungserfahrungen gemacht haben. Bei einem Trauma kommt es zu starken \u00c4ngsten und Verlusten wie dem Verlust der Sicherheit und Geborgenheit, was zu einer andauernden Ohnmacht, Hilflosigkeit und Einsamkeit f\u00fchren kann. Die Betroffenen werden davon \u00fcberw\u00e4ltigt und spalten dann ihre eigenen Gef\u00fchle ab. Um von einem Trauma loszukommen, kann es hilfreich sein, die fr\u00fcheren Verluste zu betrauern und die emotionalen Verwundungen zu bearbeiten. Das ist meist ein schmerzhafter Prozess. Gerade M\u00e4nner wollen sich aber oft schmerzhaften Gef\u00fchlen nicht stellen, sondern setzen auf H\u00e4rte. Sie haben Angst, Gef\u00fchle zu zeigen, weil das als Schw\u00e4che interpretiert werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Psycholog*innen vertreten die These, dass unbearbeitete Traumata mit dem Aufstieg von rechten Parteien zusammenh\u00e4ngen k\u00f6nnen. Denn wir leben in einer immer komplexer werdenden Welt mit schnellen Ver\u00e4nderungen. Das f\u00fchrt zu einer starken Unsicherheit und Ohnmacht, die durch ungel\u00f6ste Traumata aus der Vergangenheit getriggert werden. Die betroffenen Menschen w\u00e4hlen dann unter Umst\u00e4nden rechte Parteien, die einfache L\u00f6sungen versprechen. Wobei es hier keinen Automatismus gibt. Nicht jedes unbehandelte Trauma f\u00fchrt zu einer Radikalisierung oder zur Unterst\u00fctzung von rechten Bewegungen. Manche Personen k\u00f6nnen mit der Verdr\u00e4ngung der alten Gef\u00fchle gut leben. Andere leiden unter starken \u00c4ngsten, Panikattacken, \u00fcbertriebener Wachsamkeit, Alptr\u00e4umen mit Schlafst\u00f6rungen, Depressionen oder entwickeln ein Suchtverhalten. Eine Folge von unbearbeiteten Traumata k\u00f6nnen auch Impulsivit\u00e4t und Hyperaktivit\u00e4t sein. Dies kann sich im \u00fcbertriebenem Aktionismus \u00e4u\u00dfern. Andere halten sich f\u00fcr etwas Besonderes und wollen immer im Mittelpunkt stehen, weil sie die fr\u00fcheren Gef\u00fchle von Ohnmacht und Hilflosigkeit nicht mehr sp\u00fcren m\u00f6chten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Thema Queerfeindlichkeit sind extrem rechte Parteien widerspr\u00fcchlich. Auf der einen Seite gibt es autokratisch regierte Staaten wie Russland, Ungarn und die T\u00fcrkei, die mit H\u00e4rte gegen alle queeren Personen vorgehen. Daneben gibt es L\u00e4nder in Westeuropa und in den USA, in denen Schwule und Lesben mit rechten Parteien gemeinsame Sache machen. 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