{"id":9515,"date":"2025-05-30T00:20:00","date_gmt":"2025-05-29T22:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9515"},"modified":"2025-06-04T20:22:26","modified_gmt":"2025-06-04T18:22:26","slug":"daten-diversitaet-dilemma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9515","title":{"rendered":"Daten, Diversit\u00e4t, Dilemma"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie viel Evidenz braucht gerechte Inklusion?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Wer gerechte Inklusion gestalten will, braucht Informationen. Wie geht es queeren Menschen in ihrem Alltag? Was sind ihre Erfahrungen mit Diskriminierung, mit Beh\u00f6rden, mit der eigenen Familie? Um solche Fragen zu beantworten und Ma\u00dfnahmen zu entwickeln, die die Lebensqualit\u00e4t und Integration in der Gesellschaft verbessern sollen, braucht es Daten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Erhebung queerer Lebensrealit\u00e4ten ist oft l\u00fcckenhaft, punktuell und h\u00e4ngt vom ehrenamtlichen Engagement Einzelner ab. Ein Beispiel aus der Schweiz zeigt, wie es anders gehen kann \u2013 und wo auch dort die Grenzen liegen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Bei den Nachbarn nachgefragt<\/h3>\n\n\n\n<p>Etwa 170 Fragen. Mehr als 30 000 Antworten. Von 2812 homo-, hetero-, bi-, pan-, asexuellen, cis-, trans-, nonbin\u00e4ren, inter- und endogeschlechtlichen Personen. Auf Deutsch, Franz\u00f6sisch, Italienisch und Englisch. So lautet die Bilanz des Schweizer LGBTIQ+ Panels 2023. <\/p>\n\n\n\n<p>Was nach einem einmaligen Mammutprojekt klingt, ist l\u00e4ngst keine One-shot-Geschichte. Aufgrund \u2013 oder besser: dank \u2013 der vielen positiven R\u00fcckmeldungen auf die erste Ausgabe erhebt das Panel seit 2019 j\u00e4hrlich Daten zur Lebenssituation von queeren Menschen in der ganzen Schweiz. Die Umfrage richtet sich an Personen aller Identit\u00e4ten, Lebenslagen und Sprachregionen. Die Teilnahme ist freiwillig, die Ergebnisse sind in Form von Berichten auf der Webseite abrufbar. Hinter dem Projekt stehen Tabea H\u00e4ssler und L\u00e9\u00efla Eisner von der Universit\u00e4t Z\u00fcrich (Sozialpsychologie).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ehrenamtlicher Einsatz f\u00fcr wertvolle Daten<\/h3>\n\n\n\n<p>Der heutige Erfolg begann als ehrenamtliche Initiative. \u201eWir haben das Panel w\u00e4hrend unseres Doktorats aufgebaut \u2013 neben unserer Hauptt\u00e4tigkeit an der Uni, mit Unterst\u00fctzung von Freund*innen und Bekannten\u201c, erz\u00e4hlt Tabea H\u00e4ssler. Technische Hilfe, \u00dcbersetzungen, Verbreitung \u2013 vieles lief \u00fcber private Netzwerke. Und obwohl die Studie mittlerweile fest etabliert ist: eine langfristige Finanzierung gibt es bis heute nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sind die Daten des Panels wertvoll. Das wissen Tabea H\u00e4ssler und L\u00e9\u00efla Eisner, die beide im Bereich der LGBTIQ+ Thematik forschen. Und inzwischen wissen das auch \u00f6ffentliche Institutionen: Beh\u00f6rden, NGOs, Medien, auch politische Entscheidungstr\u00e4ger*innen greifen auf die Ergebnisse zur\u00fcck \u2013 teils direkt, teils \u00fcber Fachstellen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeit dem ersten Bericht 2019 bekommen wir regelm\u00e4\u00dfig Anfragen zu Vortr\u00e4gen und Workshops\u201c, sagt L\u00e9\u00efla Eisner. L\u00e4ngst ist das Panel mehr als ein Forschungsprojekt: Es dient als Informationsquelle f\u00fcr evidenzbasierte Inklusionspolitik. Tabea H\u00e4ssler erg\u00e4nzt: \u201eUns war es von Anfang an wichtig, die Daten nicht nur f\u00fcr Forschungszwecke zu erheben, sondern allen interessierten Personen und Organisationen, sowie auch den Teilnehmenden, zur Verf\u00fcgung zu stellen.\u201c Die beiden legen Wert auf Transparenz und Verst\u00e4ndlichkeit \u2013 ihre Ergebnisse teilen sie bewusst \u00f6ffentlich \u00fcber verschiedene Kan\u00e4le, darunter auch soziale Medien.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie oft braucht es Umfragen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein zentrales Element des Schweizer LGBTIQ+ Panels ist seine Regelm\u00e4\u00dfigkeit. Denn: \u201eNur wenn wir j\u00e4hrlich erheben, k\u00f6nnen wir bestimmte Ver\u00e4nderungen sichtbar machen \u2013 etwa vor und nach politischen Entscheidungen\u201c, erkl\u00e4rt L\u00e9\u00efla Eisner. Der Fragebogen ist daher modular aufgebaut und kombiniert fixe Fragen zu zentralen Bereichen wie Gesundheit und Coming-out mit flexiblen Elementen, je nach aktueller Themenlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Blick nach \u00d6sterreich zeigt: Hier l\u00e4uft vieles punktueller. In Wien wurde 2014 erstmals eine Umfrage zu den Lebensrealit\u00e4ten von LGBTIQ+ Personen durchgef\u00fchrt: \u201eQueer in Wien\u201c, umgesetzt vom Institut f\u00fcr H\u00f6here Studien (IHS) im Auftrag der Wiener Antidiskriminierungsstelle f\u00fcr LGBTIQ-Angelegenheiten (WASt). 3161 Personen nahmen an der Befragung teil. Anders als in der Schweiz war das Ziel von Beginn an, eine L\u00e4ngsschnittstudie zu gestalten. Allerdings: die Wiederholung folgte 2024, aktuell werden die Daten ausgewertet. Zehn Jahre liegen also zwischen den Messpunkten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ist dieser Rhythmus ausreichend, um Ver\u00e4nderungen verl\u00e4sslich abzubilden? \u201eJa\u201c, meint Wolfgang Wilhelm, Leiter der WASt. \u201eZum einen brauchen wir gen\u00fcgend Zeit, um die Daten zu erheben und auszuwerten. Vor allem aber, um daraus konkrete Ma\u00dfnahmen zu entwickeln und umzusetzen.\u201c So wurde etwa auf Grundlage der Umfrage von 2014 ein Sensibilisierungsprogramm f\u00fcr die Polizei zum Thema Gewalt gegen queere Menschen im \u00f6ffentlichen Raum entwickelt. \u201eBis wir dann den Effekt solcher Aktionen sinnvoll messen k\u00f6nnen, muss erst gen\u00fcgend Zeit vergehen.\u201c F\u00fcr h\u00e4ufigere Erhebungen fehlen schlicht die n\u00f6tigen Ressourcen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu einzelnen Themen werden in Wien erg\u00e4nzend Daten der Agentur der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr Grundrechte (FRA) herangezogen. Diese untersucht regelm\u00e4\u00dfig die Situation queerer Menschen in Europa. Die Erhebung ist allerdings breit angelegt, die Daten f\u00fcr spezifische nationale oder l\u00e4ndliche Kontexte wenig aussagekr\u00e4ftig. F\u00fcr \u00d6sterreich \u2013 abgesehen von Wien als einzigem gro\u00dfst\u00e4dtischen Raum \u2013 lassen sich daher kaum verl\u00e4ssliche Schl\u00fcsse ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine regelm\u00e4\u00dfige, repr\u00e4sentative Erhebung auf Bundesebene, wie in der Schweiz, gibt es bisher nicht. \u201eDiese L\u00fccke ist frustrierend. Wir w\u00fcrden uns eine kontinuierliche, landesweite Studie sehr w\u00fcnschen\u201c, meint dazu Flora Alvarado-Dupuy von der Gleichbehandlungsanwaltschaft.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Braucht gute Politik immer Daten?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dennoch: Nicht f\u00fcr alle Initiativen braucht es zwingend Umfragedaten, meinen die Expert*innen. \u201eWenn es um rechtliche Gleichstellung geht, wie beim Diskriminierungsschutz, ist der Handlungsbedarf offensichtlich \u2013 dazu sind keine speziellen Studien n\u00f6tig\u201c, sagt etwa Flora Alvarado-Dupuy. <\/p>\n\n\n\n<p>In anderen Bereichen aber seien Daten entscheidend: So ging etwa die Gr\u00fcndung des ersten queeren Jugendzentrums in Wien \u201eQ:WIR\u201c auch aus den Ergebnissen der Umfrage von 2014 hervor. \u201eWir waren uns des hohen Unterst\u00fctzungsbedarfs von queeren Jugendlichen davor nicht in dem Ausma\u00df bewusst. Daher haben wir 2020 noch eine vertiefende Erhebung zu queerer Jugendarbeit in Wien in Auftrag gegeben, die Daten haben uns wichtige Informationen geliefert\u201c, berichtet Wolfgang Wilhelm von der WASt. Vor allem beim Design des Jugendzentrums, das 2024 im 16. Wiener Gemeindebezirk er\u00f6ffnet wurde, haben die pers\u00f6nlichen Berichte der Umfrageteilnehmenden eine zentrale Rolle gespielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Tabea H\u00e4ssler und L\u00e9\u00efla Eisner betonen: Daten schaffen Sichtbarkeit \u2013 und politische \u00dcberzeugungskraft. \u201eEin Problem anzusprechen, reicht oft nicht. Um wirklich Geh\u00f6r zu finden, wollen Entscheidungstr\u00e4ger*innen Zahlen sehen\u201c, sagt L\u00e9\u00efla Eisner. Manchmal ist aber sogar das nicht ausreichend. \u201eIn der Debatte rund um trans Personen beobachten wir, dass vorhandene Daten h\u00e4ufig ignoriert werden\u201c, stellt Tabea H\u00e4ssler fest. \u201eStattdessen dominieren Emotionen und \u00c4ngste, oft bewusst gesch\u00fcrt.\u201c Es sei wichtig, solchen Verzerrungen entschieden entgegenzutreten \u2013 insbesondere, wenn sie gezielt politisch instrumentalisiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Zeiten, wo politische Diskussionen h\u00e4ufig von Halbwissen und Fake News gepr\u00e4gt sind, ist solide Forschung zur Lebensqualit\u00e4t gesellschaftlicher Minderheiten umso wichtiger. Dass diese nicht privatem Engagement \u00fcberlassen bleibt, ist eine Frage politischer und demokratischer Verantwortung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viel Evidenz braucht gerechte Inklusion? Wer gerechte Inklusion gestalten will, braucht Informationen. Wie geht es queeren Menschen in ihrem Alltag? 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