{"id":9512,"date":"2025-05-30T00:19:00","date_gmt":"2025-05-29T22:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9512"},"modified":"2025-05-29T21:20:20","modified_gmt":"2025-05-29T19:20:20","slug":"hiv-zwischen-fortschritt-und-rueckschritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9512","title":{"rendered":"HIV zwischen Fortschritt und R\u00fcckschritt"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Back to the 80s?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">HIV hat sich von einer t\u00f6dlichen in eine gut behandelbare chronische Infektion mit hoher Lebenserwartung ver\u00e4ndert. Die heutige Situation \u00e4hnelt nicht ann\u00e4hernd den Anfangszeiten der HIV-Epidemie in den 80er-Jahren. Und trotzdem muss man sich der Vision stellen, dass vergleichbare Zust\u00e4nde wieder Realit\u00e4t werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfolge im Bereich HIV sind enorm und zu Recht spricht man von einer medizinischen Erfolgsgeschichte. In den ersten 15 Jahren nach Bekanntwerden von HIV waren keine bzw. nur bedingt wirksame Medikamente verf\u00fcgbar. Das Resultat ist hinl\u00e4nglich bekannt: Millionen Menschen verstarben infolge einer HIV-Infektion \u2013 mit verheerenden Konsequenzen auf pers\u00f6nlicher Ebene f\u00fcr Familien, Partner*innen und Freund*innen sowie auf gesellschaftlicher, politischer und auch wirtschaftlicher Ebene. Inzwischen kann dank moderner Therapien ein langes Leben mit HIV voller individueller Perspektiven und mit guter gesundheitsbezogener Lebensqualit\u00e4t erm\u00f6glicht werden. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Therapie feiert Erfolge<\/h3>\n\n\n\n<p>Die modernen Wirkstoffe sind hocheffektiv und im Regelfall sehr gut vertr\u00e4glich. Ein weiterer Fortschritt ist z.&nbsp;B., dass es bei heutigen Medikamenten seltener zu Resistenzen kommt und sie weniger Wechselwirkungen mit anderen Substanzen hervorrufen als die fr\u00fchen Wirkstoffe. Zus\u00e4tzlich kann die Therapie leichter in den Alltag integriert werden, da sie meistens nur aus einer Tablette pro Tag oder aus zwei Injektionen alle zwei Monate besteht. Der Erfolg der Therapie l\u00e4sst sich mit einer globalen und einer \u00f6sterreichischen Statistik besonders leicht veranschaulichen: Die Anzahl der weltweiten HIV-assoziierten Todesf\u00e4lle ist in den letzten 20 Jahren von \u00fcber 2 Millionen auf 680.000 pro Jahr gesunken. In \u00d6sterreich ist das mediane Alter der Patient*innen, die in den gro\u00dfen Schwerpunktspit\u00e4lern betreut werden, in der gleichen Zeit von 39,2 auf 50,8 Jahre gestiegen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Pr\u00e4vention feiert Erfolge<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch in der Pr\u00e4vention hat sich, zus\u00e4tzlich zu den bew\u00e4hrten Schutzma\u00dfnahmen wie das Verwenden eines Kondoms, viel getan und ebenfalls spielen HIV-Medikamente eine tragende Rolle. Es ist l\u00e4ngst bekannt, dass unter effektiver Therapie sexuelle \u00dcbertragungen nicht mehr m\u00f6glich sind. Daher liegt auf der Hand: Je mehr Menschen mit HIV eine Therapie verfolgen k\u00f6nnen, desto weniger Neuinfektionen werden auftreten. Genauso hat die HIV-PrEP den Bereich revolutioniert und kann ebenfalls ausgezeichneten Schutz bieten. Erst 2024 hatte wieder eine neue PrEP-Studie bahnbrechende Erfolge gefeiert: Es kam zu keiner einzigen Infektion bei cis Frauen in Subsahara-Afrika. Die Forschung schreitet also weiter voran.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Medizin kann Epidemie beenden<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Fazit ist klar: Die Medizin hat ausgezeichnete Optionen geschaffen. Modellrechnungen zeigen, dass bei richtigem Einsatz dieser M\u00f6glichkeiten ein Ende der HIV-Epidemie nicht nur machbar, sondern auch zum Greifen nahe w\u00e4re. Kernpunkte im Beenden sind unter anderem Testangebote, damit gen\u00fcgend Menschen \u00fcber ihren HIV-Status informiert sind, Therapieverf\u00fcgbarkeit, damit Menschen die lebensrettende Behandlung einnehmen k\u00f6nnen, und ad\u00e4quate unterst\u00fctzende Gesundheitsstrukturen, damit die Therapieziele anhaltend und lebenslang erreicht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">HIV-Statistik sieht anders aus<\/h3>\n\n\n\n<p>Die reale Situation sieht jedoch anders aus und in der globalen Statistik von 2023 ist keinerlei Verbesserung zu sehen. Die Neuinfektionen sind mit 1,3 Millionen auf exakt gleichem Niveau wie das Jahr zuvor und auch die HIV-assoziierten Todesf\u00e4lle wurden nicht reduziert. Jede vierte Person mit HIV hatte keinen Zugang zu Therapie. Zus\u00e4tzlich zu diesen ern\u00fcchternden Zahlen zeigt die Statistik, dass manche Menschen einem deutlich h\u00f6heren Risiko f\u00fcr eine Infektion ausgesetzt sind. So liegt die weltweite HIV-Pr\u00e4valenz bei 0,8&nbsp;%, aber in der Gruppe der M\u00e4nner, die Sex mit M\u00e4nnern haben, ist sie um 7,7&nbsp;% und in der Gruppe der trans* Personen um 9,2&nbsp;% h\u00f6her.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wissenschaftliche HIV-Konferenz bezieht Stellung<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2025 fand mit der sogenannten CROI (Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections) die renommierteste infektiologische Konferenz f\u00fcr Expert*innen aus Forschung und Medizin statt. Obwohl der Kongress seit jeher eine rein wissenschaftliche Ausrichtung hat, waren heuer (zumindest am Rande) gesellschaftspolitische Themen sichtbar. Damit bezog die CROI durchaus Stellung zu aktuellen Entwicklungen. Nachdem es sich um eine US-amerikanische Konferenz handelt, fand dies auch Aufmerksamkeit. Interessant war in dem Zusammenhang etwa ein neu inkludierter Satz zur Etikette der Konferenz. Seit vielen Jahren werden hier von der CROI ein paar \u201eBenimmregeln\u201c zusammengefasst. Bis dato waren dies allgemeine und eher organisatorische Hinweise, etwa dass Handys in Vortr\u00e4gen auszuschalten sind oder keine Fotos und Videomitschnitte von Vortr\u00e4gen ver\u00f6ffentlicht werden d\u00fcrfen. Dieses Jahr war erstmals zu lesen, dass die Kommunikation zwischen allen Teilnehmer*innen respektvoll und auf den wissenschaftlichen Inhalt konzentriert sein sollte. Ein Hinweis, der nun leider notwendig scheint.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trans* Menschen zwischen Respekt und Verleugnung<\/h3>\n\n\n\n<p>Als renommierteste HIV-Konferenz besch\u00e4ftigt sich die CROI auch mit der Situation von trans* Personen und wie ihre Gesundheit und Lebensqualit\u00e4t besser gef\u00f6rdert werden kann. Viele wissenschaftliche Arbeiten der Konferenz widmeten sich auch heuer dezidiert den Bed\u00fcrfnissen dieser Bev\u00f6lkerungsgruppe. Zus\u00e4tzlich fordert die Konferenz traditionell ganz aktiv die korrekte Verwendung von Begriffen und damit einen respektvollen Umgang mit trans* Menschen ein. In Anbetracht der oben erw\u00e4hnten hohen HIV-Pr\u00e4valenz ist dieser Anspruch ein essenzieller Bestandteil im Kampf gegen die Epidemie. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist jedoch zu bef\u00fcrchten, dass die Expert*innen diesen Ansatz nicht mehr lange aufrechterhalten k\u00f6nnen. Denn w\u00e4hrend sich die CROI f\u00fcr trans* Menschen einsetzt, ist zeitgleich seit Fr\u00fchjahr 2025 auf der Website der CDC (Centers for Disease Control and Prevention) etwas ganz anderes zu lesen. Mit Bezug auf die Trump-Administration findet sich der Hinweis, dass die epidemiologischen Daten zu HIV extrem ungenau seien, denn die Statistiken seien \u201elosgel\u00f6st von der unver\u00e4nderlichen biologischen Realit\u00e4t, dass es zwei Geschlechter gibt, m\u00e4nnlich und weiblich\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">PEPFAR zwischen weltf\u00fchrend und katastrophal<\/h3>\n\n\n\n<p>PEPFAR (President\u2019s Emergency Plan for AIDS Relief) wurde 2003 von den USA als Antwort auf die HIV-Epidemie initiiert und galt bis jetzt als das weltweit gr\u00f6\u00dfte und erfolgreichste Programm gegen HIV\/AIDS. Dank PEPFAR konnte in den letzten 20 Jahren das Leben von \u00fcber 25 Millionen Menschen gerettet werden. Damit haben die USA Geschichte geschrieben. Nun ver\u00e4ndert sich die Situation. Mit Anfang 2025 wurden PEPFAR-Gelder eingefroren. Als direkte Konsequenz mussten in vielen L\u00e4ndern Test- und Therapieprogramme pausiert bzw. eingestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die CROI 2025 gab dem die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche B\u00fchne. Die erste Plenarsitzung der Konferenz und damit eine der prominentesten Positionen im Kongressprogramm befasste sich mit PEPFAR und den aktuellen Geschehnissen. Eine Hochrechnung zeigte die tragende Rolle von PEPFAR am Beispiel von 12 Hochpr\u00e4valenzl\u00e4ndern auf: Bei Beibehaltung des Programms k\u00f6nnen hier in den kommenden f\u00fcnf Jahren etwa 5,2 Millionen HIV-assoziierte Todesf\u00e4lle verhindert werden. Die Anzahl der Waisenkinder, deren Eltern an HIV\/AIDS verstarben, sinkt um 4 Millionen. Solche Erfolgszahlen in nur wenigen Jahren zeigen den Einfluss von PEPFAR auf. Wird \u00adPEPFAR eingestellt, steigt im gleichen Zeitraum die Todesrate um 400&nbsp;% an und verdoppelt sich die Zahl der AIDS-Waisen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit der derzeitigen Entwicklung ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Situation in Bezug auf HIV in einigen Regionen der Welt und in manchen Bev\u00f6lkerungsgruppen wieder wie in den 80er-Jahren aussieht. Der Aufruf kann daher nur sein, dem alles entgegenzusetzen, was m\u00f6glich ist, auch wenn man selbst keinen direkten Bezug dazuhat. Denn wie Martin Luther King sagte: \u201eUngerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Back to the 80s? HIV hat sich von einer t\u00f6dlichen in eine gut behandelbare chronische Infektion mit hoher Lebenserwartung ver\u00e4ndert. Die heutige Situation \u00e4hnelt nicht ann\u00e4hernd den Anfangszeiten der HIV-Epidemie in den 80er-Jahren. 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