{"id":9467,"date":"2025-05-30T00:10:00","date_gmt":"2025-05-29T22:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9467"},"modified":"2025-05-29T20:27:23","modified_gmt":"2025-05-29T18:27:23","slug":"industrie-des-schweigens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9467","title":{"rendered":"Industrie des Schweigens"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie gro\u00dfe Konzerne vom NS-Regime profitierten und queere Opfer bis heute vergessen werden<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">KZ Sachsenhausen 1940. Ein Mann aus \u00d6sterreich sitzt in Str\u00e4flingskleidung wie viele andere an einem kleinen Tisch in einer gro\u00dfen Halle. Er verpackt Munition f\u00fcr Maschinengewehre, die von den damaligen Unternehmen IG Farben, Siemens oder Krupp f\u00fcr die Wehrmacht produziert werden. Der Mann ist jung, gerade erst 23 Jahre geworden und wurde erst letztes Jahr verhaftet, verurteilt und in das Konzentrationslager gebracht. Er verstie\u00df gegen den \u00a7129 I b des \u00f6sterreichischen Strafgesetzbuchs \u2013 sp\u00e4ter galt f\u00fcr ihn der \u00a7175 des deutschen Strafrechts, das gleichgeschlechtliche Handlungen unter M\u00e4nnern unter Strafe stellte. Deshalb tr\u00e4gt der Mann, der da an seinem kleinen Tisch in einer der Hallen des Lagers sitzt, den Rosa Winkel auf der linken Brustseite seiner Kleidung \u2013 ein Zeichen seines \u201eVerbrechens\u201c, das ihn zum Ziel besonderer Ausgrenzung auch innerhalb des Lagers macht. 1945 gelang dem jungen \u00d6sterreicher nach einem Todesmarsch von Flossenb\u00fcrg ins KZ Dachau die Flucht. Als der Krieg langsam zu Ende ging, versuchten die Nationalsozialisten Beweise so schnell wie m\u00f6glich zu vernichten, das betraf Dokumente, Einrichtungen \u2013 und Menschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann dieser Geschichte hei\u00dft Josef Kohout. Nach seiner Zeit im Gefangenenlager berichtete er in seinem Buch \u201eDie M\u00e4nner mit dem Rosa Winkel\u201c von seiner Gefangenschaft und schaffte zum ersten Mal einen umfassenden Bericht einer queeren Person, die von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager gebracht wurde. Ein wichtiger historischer Einblick, besonders f\u00fcr die LGBTQIA+ Community.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte ist vor nun 80 Jahren passiert. Neben Kohout gibt es noch unz\u00e4hlige queere Menschen, die verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt wurden und Zwangsarbeit verrichten mussten. Unz\u00e4hlige Menschen, die dort begraben wurden. Unz\u00e4hlige Geschichten, die mit den Menschen unter der Erde verloren gingen. Zahlreiche Unternehmen, die durch die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten wesentlich profitierten und leider auch viele Unternehmen, die die Aufarbeitung lange hinausz\u00f6gerten oder gar verweigerten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mit Zwangsarbeit zum Erfolg<\/h3>\n\n\n\n<p>Viele der heutigen Nachfolgeunternehmen begannen erst Jahrzehnte sp\u00e4ter mit der kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Rolle im NS-System \u2013 h\u00e4ufig erst auf \u00f6ffentlichen Druck hin. Die IG Farben etwa, ein Chemiekonzern, der unter anderem Zyklon B lieferte, betrieb in Auschwitz ein eigenes KZ-Au\u00dfenlager (Monowitz). Nach dem Krieg wurde der Konzern zerschlagen. Doch seine wirtschaftlichen Erben existieren bis heute \u2013 unter anderem in Form von Bayer, BASF oder Sanofi. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Firma Krupp, einem Gro\u00dfproduzenten von Waffen und Kriegsger\u00e4t, der Zwangsarbeiter*innen einsetzte und heute im Konzern ThyssenKrupp aufgegangen ist. Auch Siemens, damals wie heute einer der gr\u00f6\u00dften deutschen Konzerne, profitierte massiv vom NS-System und besch\u00e4ftigte zehntausende Zwangsarbeiter*innen in seinen Werken \u2013 auch wenn sich das Unternehmen heute teilweise dieser Geschichte gestellt hat. Unter den Zwangsarbeiter*innen befanden sich auch viele queere Menschen, die nicht selten auch ihren Tod in den Arbeitslagern gefunden haben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Schweigen danach<\/h3>\n\n\n\n<p>Die allgemeine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gewisser Firmen beziehungsweise ihrer Rechtsnachfolger verlief nach 1945 sehr l\u00fcckenhaft. Eine Beteiligung an der Erhaltung des menschenfeindlichen Regimes wurde meist abgetan, Dokumentationen eventueller gro\u00dfer Parteispenden an die NSDAP geschw\u00e4rzt. Es darf bei allen Pride Kollektionen, Einf\u00e4rben der Social Media Profile in Regenbogenfarben und Spenden an queere Projekte nicht vergessen werden \u2013 viele dieser Konzerne haben in der Vergangenheit mit ganz anderen Menschen zusammengearbeitet. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich haben viele Unternehmen eine unr\u00fchmliche NS-Vergangenheit und sehen die Rechte von queeren Menschen heute als \u201ewichtigen Teil der Firmenphilosophie\u201c. Zum Gl\u00fcck. Unternehmen st\u00e4ndig auf das zu reduzieren, was sie zwischen 1933 bis 1945 getan und wen sie unterst\u00fctzt haben, w\u00e4re nat\u00fcrlich unfair. Aber! Es geht auch um die Zeit nach dem NS-Regime. Um die Aufarbeitung der Vergangenheit beziehungsweise die Nicht-Aufarbeitung. Um das ohrenbet\u00e4ubende Schweigen, als es darum ging, wie sie das System aufrechterhielten und auch selbst davon profitierten. Als es um eine Zeit ging, in der sie J\u00fcd*innen, Roma &amp; Sinti, sogenannte \u201eAsoziale\u201c und queere Menschen f\u00fcr sie kostenlos als Zwangsarbeiter*innen besch\u00e4ftigten. Bei aller Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t mit der queeren Community scheint das ehrliche und konsequente Aufarbeiten der eigenen Vergangenheit keine hohe Priorit\u00e4t zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Selektive Solidarit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p>Heute geben sich viele der betroffenen Firmen queerfreundlich. Das ist zun\u00e4chst eine positive Entwicklung. Doch zwischen Symbolik und Substanz klafft oft eine L\u00fccke. Das Schweigen ist teilweise bis heute noch pr\u00e4sent. Adidas zum Beispiel tritt in Europa schon seit einiger Zeit mit Regenbogen-Produkten und gro\u00dfen Kampagnen auf. 2018 war Adidas Sponsor der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland \u2013 einem Land mit einer extrem restriktiven Gesetzeslage in Bezug auf queere Rechte. Ein anderes bekanntes Beispiel ist Amazon. Im Pride Month wirbt der Konzern mit einer gro\u00dfen Palette an Regenbogenartikel \u2013 besonders in den USA unterst\u00fctzt Amazon politische Aktionskomitees, die sich gegen trans Menschen und nicht-bin\u00e4re Menschen einsetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Unternehmen wie BMW, Mercedes oder Nestl\u00e9 f\u00e4rben im Juni ihre Social Media Profile sch\u00f6n in Regenbogenfarben ein, um ihre Solidarit\u00e4t zu bekunden. Aber oft nur in europ\u00e4ischen oder nordamerikanischen Staaten. In L\u00e4ndern wie Saudi-Arabien oder Russland verzichtet man lieber auf diese Solidarit\u00e4tsbekundung. Solidarit\u00e4t mit der queeren Community h\u00f6rt offenbar bei bestimmten Staatsgrenzen auf. Schweigen besteht bis heute, nur oft in anderen Teilen der Welt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Pride sind wir<\/h3>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Jahre bildete sich eine starke Erinnerungskultur. Rosa-Winkel-Gedenksteine, Stolpersteine, queere Gedenkinitiativen, NGOs und Vereine sorgen daf\u00fcr, dass Geschichten queerer Menschen im Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit geraten. Menschen auf der ganzen Welt engagieren sich f\u00fcr die queere Community \u2013 damals wie heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Pride ist nicht die Schaufensterdeko multinationaler Konzerne. Pride sind nicht die Unternehmen, die einmal im Jahr eine Regenbogenkollektion in ihren Auslagen anbieten. Ihre finanzielle und \u00f6ffentlichkeitswirksame Unterst\u00fctzung bei Aufkl\u00e4rungsprojekten und Pride-Paraden heute ist richtig und wichtig. Trotzdem sind Konzerne nicht das Herz und die Seele der queeren Bewegung. Wirtschaftlich orientierte Akteure sind nicht Pride.<\/p>\n\n\n\n<p>Pride sind wir. Die, die auf Pride-Paraden Farbe bekennen. Die, die jeden Tag mit Menschen \u00fcber queere Rechte diskutieren. Die, die aufkl\u00e4ren und bilden in Schulen, Unternehmen und sozialen Einrichtungen. Und besonders auch die, die in L\u00e4ndern wissentlich eine Verhaftung in Kauf nehmen, wenn sie f\u00fcr queere Sichtbarkeit demonstrieren. Wir k\u00f6nnen heute am Beispiel der USA beobachten, wie Queerfreundlichkeit und Diversit\u00e4t gro\u00dfer Konzerne unter politischem Druck oder unter wirtschaftlichen Abw\u00e4gungen schwinden. Aber wir, die Menschen, werden immer da sein, um die Regenbogenflagge zu hissen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Text von Sebastian Brandst\u00e4tter und Florian Niederseer<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie gro\u00dfe Konzerne vom NS-Regime profitierten und queere Opfer bis heute vergessen werden KZ Sachsenhausen 1940. Ein Mann aus \u00d6sterreich sitzt in Str\u00e4flingskleidung wie viele andere an einem kleinen Tisch in einer gro\u00dfen Halle. Er verpackt Munition f\u00fcr Maschinengewehre, die von den damaligen Unternehmen IG Farben, Siemens oder Krupp f\u00fcr die Wehrmacht produziert werden. 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