{"id":9439,"date":"2025-05-30T00:02:00","date_gmt":"2025-05-29T22:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9439"},"modified":"2025-05-29T19:50:07","modified_gmt":"2025-05-29T17:50:07","slug":"150-filme-und-kein-bisschen-leise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9439","title":{"rendered":"150 Filme und kein bisschen leise"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rosa von Praunheim<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Sch\u00f6n, dass \u201eSatanische Sau\u201c, das neue autobiographische Werk des Berliner K\u00fcnstlers Rosa von Praunheim, der bei der Berlinale seit eh und je zu Hause ist, als bester Dokumentarfilm mit dem Teddy Award ausgezeichnet wurde. Der Teddy f\u00fcr den besten Spielfilm ging derweil an den australischen Beitrag \u201eLesbian Space Princess\u201c von Leela Varghese und Emma Hough Hobbs, die gemeinsam ihren Film auf der Berlinale vorstellten und viel Spa\u00df im Teddy-Interview hatten. In dem farbenfroh und humorvoll animierten Beitrag geht es um eine Prinzessin, deren Freundin pl\u00f6tzlich mit ihr Schluss macht, weil diese ihre Partnerin als unertr\u00e4glich liebesbed\u00fcrftig bewertet. Aber nach einer Entf\u00fchrung muss die eine Frau die andere retten, und es wird alles anders. Das alles passiert im unendlichen Weltraum, in dem die Freundinnen m\u00fchelos durch die Atmosph\u00e4re schweben.<\/p>\n\n\n\n<p>Praunheims Film ist nicht animiert, wirkt aber manchmal so, wenn die Schweinsmasken durchs Zimmer fliegen. Nicht, dass Praunheim etwas gegen Schweine h\u00e4tte, aber mancher hat ihn wohl schon mal entsprechend beschimpft. \u201eAus der Perspektive von rechten Leuten w\u00e4re ich eine satanische Sau\u201c, sagt Praunheim. Andererseits gibt er zu, dass \u201eheutzutage\u201c alles \u201eviel liberaler\u201c geworden sei und er solcherlei Anfeindungen eher nicht mehr erlebe. Und wiederum: \u201eWut ist was Sch\u00f6nes, und das w\u00fcnsche ich allen\u201c.&nbsp;&nbsp;Im selben Interview erz\u00e4hlt der heute 82-J\u00e4hrige, dass ihm eine Astrologin vor ein paar Jahren geweissagt h\u00e4tte, dass er kurz vor seinem 81. Geburtstag \u201esanft verscheiden\u201c werde. Daraufhin habe er sich \u201eein Grab gemietet\u201c und f\u00fcr einen Termin kurz vor seinem 81. Geburtstag seine eigene Beerdigung angesetzt. Niemand sei erschienen, er selbst \u00fcbrigens auch nicht. Dem Tod stehe er jedenfalls positiv gegen\u00fcber: \u201eIch finde es wunderbar, zu sterben, es gibt ja Sex nach dem Tode.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was \u00f6ffentliche Kritik an seiner eigenen Person und Arbeit angeht, ist diese fast verstummt. Zum einen ist da wohl die Angst, selbst geoutet werden zu k\u00f6nnen beziehungsweise die Ehrfurcht vor den Leistungen Praunheims. Und diese haben es in sich. Angefangen hat zumindest filmisch gesehen alles mit \u201eNicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt\u201c (1971), der zwar damals auf der Berlinale lief, aber dessen Fernsehausstrahlung anfangs unterbunden wurde. Zur gleichen Zeit etwa entstand auch \u201eDie Bettwurst\u201c \u2013 in zehn Drehtagen mit Amateurschauspieler*innen (unter anderem seiner Tante) in sehr lustigem Format entstanden, das sp\u00e4tere Musical-Remake daraus, \u201eDie Armee der Liebenden\u201c (1979) und sehr viel sp\u00e4ter \u201eRex Gildo \u2013 der letzte Tanz\u201c (2022). \u00c4u\u00dferst unterhaltsam ist auch \u201eK\u00f6nig des Comics\u201c (2012) \u00fcber den Zeichner Ralf K\u00f6nig. Und es gibt viele weitere dokumentarische Titel, auch wenn sie nicht immer im schwulen Milieu angelegt sind: \u201e\u00dcberleben in New York\u201c (1989), \u00fcber drei deutsche Frauen und wie sie sich im Gro\u00dfstadt\u00addschungel durchschlagen, dazu Jahrzehnte sp\u00e4ter so etwas wie die Fortsetzung: \u201eNew York Memories\u201c (2010) und dann so \u00e4hnlich nach Berlin versetzt: \u201e\u00dcberleben in Neuk\u00f6lln\u201c (2017). Seelische Abgr\u00fcnde und Gewalt kommen bei Praunheim ebenfalls vor, so in \u201eDarkroom\u201c (2019) \u00fcber einen schwulen Serienm\u00f6rder oder in \u201eH\u00e4rte\u201c (2015) \u00fcber den ehemaligen Zuh\u00e4lter und sp\u00e4teren Kampfsportler Andreas Marquardt. Herausragend gespielt wird darin die \u00fcbergriffige Mutter von Katy Karrenbauer, die auch in \u201eSatanische Sau\u201c dabei ist, und der pr\u00fcgelnde Marquardt von Hanno Koffler.<\/p>\n\n\n\n<p>Der neue Film, sozusagen Praunheims Memoiren, in denen Armin Dallapiccola Praunheim in ausgew\u00e4hlten \u201esatanischen\u201c Szenen verk\u00f6rpert, spielt mit Gummisauk\u00f6pfen und anderen kuriosen Relikten. Ansonsten erkl\u00e4rt sich das Spektakel selbst, wenn es so durch Praunheims Leben, Werken und Wirken schwebt, drastische Spr\u00fcche von Praunheim oder seinen Kritiker*innen einbaut, viel l\u00fcsternes Lachen und Schnaufen in vollgestopfter Wohnung zum Besten gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Praunheim sagte bei der Berlinale, dass er hoffe, dass sich die Leute \u00fcber den Film \u201e\u00e4rgern werden\u201c. W\u00e4hrend des Teddy-Interviews wirkt er tats\u00e4chlich entt\u00e4uscht, als der Interviewer zugibt, dass ihm der Film \u201esehr gut gefallen\u201c habe. Reaktion: \u201eDas ist ja ein schlechtes Zeichen.\u201c Dabei macht er ein bierernstes Gesicht und trommelt ungeduldig mit den Fingern auf der Sessellehne. Lieber w\u00e4re es ihm wohl gewesen, wenn das Publikum in allgemeines Entsetzen verfallen w\u00e4re. Aber nach 50 Jahren Filmarbeit hat sich selbst der Mainstream an seine unorthodoxe Art gew\u00f6hnt \u2013 wie auch an seine Provokationen, so dass diese kaum noch als solche wahrgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film zeigt, dass Praunheim weiterhin viel Spa\u00df an seiner Filmarbeit und an Auseinandersetzungen jeglicher Art hat. Er hat nichts von seinem Mut und seiner Entschlossenheit eingeb\u00fc\u00dft, sich immer wieder zu outen und sich mit eigenem Beispiel f\u00fcr eine diverse und menschliche Welt einzusetzen. Auch wenn das nicht immer so verstanden wurde. \u201eJeder Mensch ist vielseitig und kann stolz sein, auf das, was er tut\u201c, sagt der K\u00fcnstler dementsprechend \u2013 und bezieht sich selbst damit ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rosa von Praunheim Sch\u00f6n, dass \u201eSatanische Sau\u201c, das neue autobiographische Werk des Berliner K\u00fcnstlers Rosa von Praunheim, der bei der Berlinale seit eh und je zu Hause ist, als bester Dokumentarfilm mit dem Teddy Award ausgezeichnet wurde. 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