{"id":941,"date":"2021-06-04T00:44:53","date_gmt":"2021-06-04T00:44:53","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=941"},"modified":"2021-05-30T13:38:44","modified_gmt":"2021-05-30T13:38:44","slug":"berlinale-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=941","title":{"rendered":"Berlinale 2021"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gewalt, Gender, Gl\u00fcck und die Schwere des Seins<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Man kann die Coronakrise als \u201echaotische Zeiten\u201c bezeichnen, wie die Veranstalter*Innen des 35. Teddy Awards es tun, oder sie auch als stille Phase betrachten, denn f\u00fcr die Besucher*Innen der BERLINALE war das sonst so quirlige Festival, dessen erster Teil in diesem zweiten Coronajahr im M\u00e4rz stattfand, wohl eher einsam. Hastete man noch im vergangenen Jahr von Kinosaal zu Kinosaal und von Publikumsgespr\u00e4ch zu Pressekonferenz, fanden nun alle Events online statt, sowohl die Filmvorf\u00fchrungen, als auch die vereinzelten Talks. War das Festival bisher un\u00fcbersichtlich vielf\u00e4ltig, gestaltete es sich in diesem Jahr eher beschaulich am heimischen Computer, an dem viele ohnehin fast ihre gesamte Arbeits- und Freizeit verbringen. Und auch der zweite Teil der diesj\u00e4hrigen BERLINALE, der eigentlich in pr\u00e4senter Form im Juni stattfinden sollte, steht inzwischen zur Disposition. Wenn \u00fcberhaupt wird das Publikumsfest wohl unter freiem Himmel veranstaltet und damit nicht die gewohnte Technik, Akustik und Atmosph\u00e4re bieten k\u00f6nnen. Und so sch\u00f6n es auch war, Anfang M\u00e4rz die Filme im eigenen Tempo anschauen zu k\u00f6nnen, so fehlen doch im R\u00fcckblick die Live-Momente, die man mit den Filmen verbindet, wenn zum Beispiel Regisseur*Innen auf die B\u00fchne treten, begeistert beklatscht und\/oder mit Fragen gel\u00f6chert, beziehungsweise nachdenklichem Schweigen bedacht werden. Im Nachhinein betrachtet verschwimmen die Filme zu einer fast monotonen Veranstaltung. Und doch werde ich mich im Folgenden bem\u00fchen, die Lichtblicke, die hier und da aufblitzten, mit Euch zu teilen, verehrte Lambda-Leser*Innen!<\/p>\n\n\n\n<p>Um gleich mit einem Film anzufangen, der gut in unsere unberechenbare Zeit passt, erw\u00e4hne ich den USA-Beitrag \u201e<strong>Ted K<\/strong>\u201c von Tony Stone. Ted K ist Theodore John Kaczynski, der sogenannte Unabomber, ein hochbegabter Mathematikdozent, der 25 Jahre in einer einsamen Waldh\u00fctte in Montana lebte, wo er ab Ende der 1970er Briefbomben baute, die er an Entscheidungstr\u00e4ger an Universit\u00e4ten und Airlines schickte. Drei seiner Adressaten kamen bei den Attentaten ums Leben, viele wurden verletzt. 1995 wollte er seine anarchistisch-technologiekritischen Theorien einem erweiterten Publikum zug\u00e4nglich machen, weshalb er einigen Zeitungsverlagen die Ver\u00f6ffentlichung der Texte ans Herz legte, mit dem Versprechen, nach Ver\u00f6ffentlichung den Terror einzustellen. Anhand dieser Texte und eines Hinweises seines Bruders konnte Kaczynski 1996 gefasst werden. Er ist heute noch in Haft. Der Film zeichnet seinen Werdegang nach und legt besonderen Wert auf sein Leben im Wald und die selbsterkl\u00e4rte Verbundenheit mit der Natur. Mit sozialen Kontakten tut er sich schwer, pflegt sporadischen Kontakt zu Mutter und Bruder, die ihn mit den Jahren nicht mehr mit Geldzuwendungen unterst\u00fctzen wollen, nachdem sein Traum von der Selbstversorgung zu scheitern droht. Zwischen den sp\u00e4rlichen Dialogen gibt es l\u00e4ngere Betrachtungen auf abgeholzte Fl\u00e4chen, verschmutzte Gew\u00e4sser und ihrer Lebensgrundlage beraubter Wildtiere. Zusammengehalten wird das Ganze von gelesenen Passagen aus Kaczynskis Schriften. Der Film zeigt einen durch pers\u00f6nliche Erfahrungen traumatisierten Menschen, der der Umweltverschmutzung und Naturzerst\u00f6rung um ihn herum ohnm\u00e4chtig gegen\u00fcbersteht, und der daraus die Konsequenz zieht, dass jeglicher wissenschaftlicher und technischer Fortschritt von dem \u00dcbel gezeichnet ist, das er ein friedliches Leben in der Natur und Zusammenleben von Menschen zunichte macht. Das Paradoxe ist, dass er glaubt, er habe ein Recht, mit Gewaltaus\u00fcbung gegen die potentiellen Verursacher beziehungsweise Verantwortlichen vorzugehen. Dabei kann man zerst\u00f6rerisches Handeln nicht durch Gewaltakte korrigieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Um Gewalt geht es auch in einem weiteren USA-Beitrag, n\u00e4mlich \u201e<strong>The Inheritance<\/strong>\u201c von Ephraim Asili, allerdings eher um Gewaltfreiheit, nach der ein Kollektiv in Philadelphia strebt. Die Gruppe stellt verschiedene Aspekte rund um die Themen afroamerikanische Kultur- und Sprachtheorie, Literatur, Kunst und Geschichte vor. Im Zusammenleben und Zusammenarbeiten der neun Frauen und M\u00e4nner kommt es zu Alltags- und Kompetenzkonflikten, die detailliert ausgefochten werden. Bezug genommen wird unter anderem auf die 1972 gegr\u00fcndete Bewegung MOVE, Christian Movement for Life, und ihren Initiator John Africa, der mit anderen Aktivist*Innen in Philadelphia \u00fcber Rassismus, Korruption und Polizeigewalt unterrichtete. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"338\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Miguels-War.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-944\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Miguels-War.jpg 600w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Miguels-War-300x169.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Miguels-War-150x85.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption>Miguel\u2019s War<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch die queeren Filme haben es in sich. Auch sie verhandeln Aspekte von Gewalt und Gewaltbereitschaft. \u201e<strong>Genderation<\/strong>\u201c, \u201e<strong>Gl\u00fcck<\/strong>\u201c, \u201e<strong>It\u2019s a sin<\/strong>\u201c, \u201e<strong>Language Lessons<\/strong>\u201c, \u201e<strong>Miguel\u2019s war<\/strong>\u201c und \u201e<strong>North by current<\/strong>\u201c jonglieren zwischen dem Gef\u00fchl von verlorener Jugend beziehungsweise verpassten Chancen und unverbesserlichem Optimismus, einem Trotzalledem und der Hoffnung auf \u201eWas uns nicht umbringt, macht uns nur st\u00e4rker\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Doku \u201e<strong>Genderation<\/strong>\u201c besucht Monika Treut zwanzig Jahre nach ihrem Film \u201e<strong>Gendernauts<\/strong>\u201c die Protagonist*Innen der Transgenderszene San Franciscos erneut. Vieles hat sich ver\u00e4ndert, die Stadt ist gentrifiziert, die Technikindustrie hat queere Kiezstrukturen verdr\u00e4ngt, und zuletzt fielen Antidiskriminierungsrechte der Trump-Herrschaft zum Opfer. Andererseits ist der Kampfgeist der Szene geblieben, Perspektiven haben sich entwickelt, neue Str\u00f6mungen wurden integriert. Trotz R\u00fcckschrittserfahrungen der Protagonist*Innen strahlt Treuts Film Hoffnung aus. Allen Widrigkeiten zum Trotz haben sich die Portraitierten etabliert, sich ihre kleinen, famili\u00e4ren, k\u00fcnstlerischen und gesellschaftlichen Idylle geschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>North by current<\/strong>\u201c ist ebenfalls eine Doku, die US-amerikanische Geschichte aufarbeitet, n\u00e4mlich Regisseur Angelo Madsen Minax\u2018 eigene Geschichte als Transmann, der aus einer Mormonenfamilie in Michigan stammt, die er f\u00fcr die Filmarbeiten regelm\u00e4\u00dfig aufsucht, um in der Auseinandersetzung mit ihr Kr\u00e4nkungen und Verletzungen aufzuarbeiten und sich seines Emanzipationsweges zu vergewissern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"333\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Glueck.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-943\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Glueck.jpg 600w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Glueck-300x167.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Glueck-150x83.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption>Gl\u00fcck<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch der schwule Protagonist in \u201e<strong>Miguel\u2019s War<\/strong>\u201c von Eliane Raheb reist zur\u00fcck zu seinen Wurzeln, in diesem Falle Libanon, um Jahrzehnte nach seiner Flucht Konflikten um die eigene Identit\u00e4t auf die Spur zu kommen. Und mit der Serie \u201e<strong>It\u2019s a sin<\/strong>\u201c macht sich Peter Hoar in die Aids-Krise der 1980er Jahre in Gro\u00dfbritannien auf, wenn er sich an die fiktiven Fersen von Ritchie, Colin und Roscoe heftet, die das Londoner Nachtleben erkunden und zusammen in einer queeren WG leben. Alles scheint verhei\u00dfungsvoll und m\u00f6glich, bis das t\u00f6dliche Virus sich auch im Freundeskreis ausbreitet. \u201e<strong>Gl\u00fcck<\/strong>\u201c von Henrika Kull handelt von Maria und Sascha, Kolleginnen in einem Berliner Bordell, die sich ineinander verlieben und f\u00fcr sich als Paar eine alternative Realit\u00e4t etablieren, die au\u00dferhalb ihrer ausbeuterischen Arbeitswelt existiert. Ganz anders ist da \u201e<strong>Language Lessons<\/strong>\u201c von Natalie Morales, in der die Filmemacherin selbst die Hauptrolle als Spanischlehrerin spielt, neben Mark Duplass als Sch\u00fcler, der von seinem Ehemann die Sprachstunden geschenkt bekommt. In den w\u00f6chentlichen Onlinekonferenzschaltungen kommen sich Lehrerin und Sch\u00fcler n\u00e4her, durchleben schwierige Phasen miteinander und stehen sich in Freundschaft zur Seite. Klingt eher langweilig, ist aber in der jeweiligen Situationskomik zuweilen k\u00f6stlich und an manchen Stellen sogar unterhaltsam tragisch-dramatisch. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"224\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Una-pelicula-de-policias.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-945\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Una-pelicula-de-policias.jpg 600w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Una-pelicula-de-policias-300x112.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Una-pelicula-de-policias-150x56.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption>Una pel\u00edcula de polic\u00edas<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Preise der Internationalen Jury wurden bereits verliehen, andere Preise, wie zum Beispiel die Teddys, sollen in der Sommerverleihung folgen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Goldene B\u00e4r f\u00fcr den Besten Film: Regisseur Radu Jude und Produzentin Ada Solomon f\u00fcr \u201e<strong>Babardeala cu bucluc sau porno balamuc<\/strong>\u201c (eine satirische Social-Network-Story \u00fcber ein Pornovideo und die digitale Aburteilung seiner Heldin)<\/li><li>Silberner B\u00e4r Gro\u00dfer Preis der Jury: \u201e<strong>Guzen to sozo<\/strong>\u201c (Schicksale um drei Frauenfiguren und eine Dreieckskonstellation) von Ryusuke Hamaguchi<\/li><li>Silberner B\u00e4r Preis der Jury: \u201e<strong>Herr Bachmann und seine Klasse<\/strong>\u201c (Portrait einer multikulturellen hessischen Schulklasse und ihres Lehrers) von Maria Speth<\/li><li>Silberner B\u00e4r f\u00fcr die Beste Regie: \u201e<strong>Term\u00e9szetes f\u00e9ny<\/strong>\u201c (1943 in der besetzten Sowjetunion, eine ungarische Sondereinheit durchsucht die D\u00f6rfer nach Partisanen) von D\u00e9nes Nagy<\/li><li>Silberner B\u00e4r f\u00fcr die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Maren Eggert in \u201e<strong>Ich bin dein Mensch<\/strong>\u201c (ein Experiment, in dem ein Robotermann einer alleinstehenden Frau der perfekte Lebenspartner sein soll) von Maria Schrader<\/li><li>Silberner B\u00e4r f\u00fcr die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Lilla Kizlinger in \u201e<strong>Rengeteg \u2013 mindenhol l\u00e1tlak<\/strong>\u201c (Psychokaleidoskop um schweigenden Gro\u00dfvater, zum Kleiderschrank sprechenden Mann, die M\u00fctter schockierende junge M\u00e4nner, einen in den Tod treibenden Scharlatan) von Bence Fliegauf<\/li><li>Silberner B\u00e4r f\u00fcr das Beste Drehbuch an Hong Sangsoo f\u00fcr \u201e<strong>Inteurodeoksyeon<\/strong>\u201c (Studium in Berlin, M\u00fctter vermitteln Bekanntschaften und M\u00f6glichkeiten, es kommt anders als geplant) von Hong Sangsoo<\/li><li>Silberner B\u00e4r f\u00fcr eine Herausragende K\u00fcnstlerische Leistung: Yibr\u00e1n Asuad f\u00fcr die Montage von \u201e<strong>Una pelicula de policias<\/strong>\u201c (Analyse um die Frage, was es bedeutet, Polizist in Mexico City zu sein) von Alonso Ruizpalacios. <\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewalt, Gender, Gl\u00fcck und die Schwere des Seins Man kann die Coronakrise als \u201echaotische Zeiten\u201c bezeichnen, wie die Veranstalter*Innen des 35. 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