{"id":938,"date":"2021-06-04T00:43:06","date_gmt":"2021-06-04T00:43:06","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=938"},"modified":"2021-06-23T19:08:51","modified_gmt":"2021-06-23T19:08:51","slug":"benachteiligung-ist-geil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=938","title":{"rendered":"Benachteiligung ist geil!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Die \u201ePride\u201c ist da! Jubel, Trubel, Priderkeit! \u201ePride\u201c hei\u00dft \u201eStolz\u201c (und wir vergessen jetzt erstmal, dass der r\u00f6misch-katholische Katechismus (1992) den Stolz als erste Haupts\u00fcnde nennt. Diese Typen liegen ja seit zweitausend Jahren verl\u00e4sslich daneben.) Lambda w\u00e4re nicht das erfolgreiche Zentralorgan der Arge SCHAS (SCH\u00f6ner Als Sex), w\u00fcrde diese Ausgabe nicht wieder mal in dem w\u00fchlen, was sich hinter unserem Stolz so alles zeigt, wenn man die Sau raus- und uns auf die Stra\u00dfe l\u00e4sst, die \u201ePride\u201c zu feiern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei uns ist man ja besonders gern stolz auf Sachen, zu deren Gelingen man gar nichts beigetragen hat. Diesen dummen Stolz auf die Schaufel nehmen ist daher so leicht wie Schaum vom Bier blasen in einem Land, das sich die Erfolge von Skirennfahrern, sonstigen TV-Sportlern und Mozart (in dieser Reihenfolge) als pers\u00f6nliches Verdienst anrechnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir aber, wir aus der LGBTIQ-Fraktion, wir sind stolz auf Edleres \u2013 auf unseren Kampf gegen Diskriminierung zum Beispiel. Es gibt da ja noch viel zu tun: Zum Beispiel die zwei Verfassungsgerichtsh\u00f6fe der deutschen Bundesl\u00e4nder Brandenburg und Th\u00fcringen an den Ohren nehmen. Die haben doch soeben glatt die jeweiligen \u201eParit\u00e4tsgesetze\u201c gekippt, nach denen jeder zweite Platz auf den Wahllisten mit Frauen zu besetzen war. Wegen einer Bagatelle: Es sei ein Eingriff in die Freiheit von Parteien, wenn man ihnen vorschreibt, wen sie auf eine Wahlliste setzen m\u00fcssen \u2013 und ein Eingriff in die Freiheit der W\u00e4hler*innen, wenn man ihnen vorschreibt, wen sie zu w\u00e4hlen haben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die spinnen doch, diese Paragraphenreiter! Diese Backenbremsen am Rad des Fortschrittes! Wir dagegen rufen es stolz hinaus: Die Parit\u00e4t muss her! Koste sie uns, was es wolle. Wir fangen damit ganz oben an: Der Nationalrat soll ja die Bev\u00f6lkerung parit\u00e4tisch widerspiegeln, also m\u00fcssen dort endlich 51 (statt bisher 40) Prozent Frauen sitzen, 6,2 Prozent LGBTIQ-Personen, ein halbes Waisenkind und 10 Prozent Inkontinente. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wissen: Parit\u00e4t ist erreicht, wenn M\u00e4nner h\u00e4keln und Frauen Holz hacken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parit\u00e4t ist ein Allheilmittel gegen die Ungleichheit, dieses Grund\u00fcbel aller \u00dcbel. Wo wir ihr nicht anders beikommen, erzwingen wir die Gleichheit eben durch Gesetze. Und wir sind stolz darauf, wie wir das hinkriegen: Was nicht unserem Grundstrom folgt, unterbinden wir als moralisch oder politisch unzul\u00e4ssig. Wer reden darf und wer nicht, was jemand reden darf und was nicht: Das ist unsere Cancel Culture, und wir sind stolz darauf. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer zum Beispiel das Kopftuch als Symbol f\u00fcr Unterdr\u00fcckung sieht, ist ein Menschenfeind (den man hier nicht zu gendern braucht). Wir tilgen missliebig gewordene Namen und Denkm\u00e4ler aus dem Stra\u00dfenverzeichnis, denn was und wer \u00f6ffentlich erinnert werden soll und wer nicht, das bestimmen wir \u2013 und auch darauf sind wir aber sowas von stolz! Und wir wissen, wie man sich zu \u00e4u\u00dfern hat \u00fcber People of Colour, Schwarze oder Farbige. Wir finden es ganz in Ordnung, wenn du an den Unis keine oder schlechtere Noten bekommst, weil du nicht gegendert hast: Illegal, aber es dient dem h\u00f6heren Zweck, Benachteiligungen auszugleichen. Manchmal muss man eben aufs Recht schei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Benachteiligung ist ja so geil! Wir haben sie zum Gesch\u00e4ftsmodell gemacht, zur Quelle moralischer Autorit\u00e4t. Join us! Wenn du jung bist, trans und m\u00f6glichst mit Migrationshintergrund, hast du dein Rederecht maximiert und maximale Anspr\u00fcche gegen\u00fcber dem alten wei\u00dfen Mann oder einer etwas weniger alten wei\u00dfen Frau. Haben wir echt gut hingekriegt, diese (zugegeben manchmal etwas inflation\u00e4r gebrauchte) Keule \u201emenschenfeindlich\u201c; \u201eNazi\u201c und \u201eRassist\u201c kommen gleich dahinter. Moralisierung ist eine unangreifbare Methode geworden, Unliebsame auszuschlie\u00dfen. Und wer entscheidet, was unzumutbar ist und also nicht gesagt werden darf? Klar, wir Benachteiligten und Unterlegenen selbst! Wir leiten aus unserer Benachteiligung das Recht ab, \u00fcber das Sagbare zu bestimmen. Wir sind so Kl\u00e4ger und Richter zugleich. Wir haben also unser pers\u00f6nliches Empfinden an die Stelle der Begr\u00fcndungspflicht gesetzt: Endlich wieder zur\u00fcck im Absolutismus! Voltaire, Kant, Gewaltenteilung und b\u00fcrgerliche Aufkl\u00e4rung \u2013 ab in den K\u00fcbel! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man darauf nicht stolz sein kann \u2013 worauf dann?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und noch was f\u00fcr jene unter unseren sch\u00f6nen und edlen Lesern, Leserinnen, Lesenden und Auserlesenen, die sich noch an den Herrn Foucault erinnern: Geschlecht, Rasse, Nation, die waren schon mal abmontiert (\u201edekonstruiert\u201c) als \u201eb\u00fcrgerliche Machtkonstrukte\u201c. Und jetzt sind genau die als Merkmale der Unterscheidung wieder da, in allen Ehren \u2013 nur diesmal, um UNSEREN Machtanspruch zu begr\u00fcnden. Das ist der ganze Unterschied. Pfau! High Five! Heute bringt\u00b4s die Zugeh\u00f6rigkeit zur benachteiligten Gruppe statt individueller Leistung und freier Entscheidung. Wenn man einen Vorstandsposten, eine Professur oder einen Sitz im Parlament nur als Mitglied einer Gruppe bekommen kann, hat die Wettbewerbsgesellschaft endlich ausgedient und wir sind zur\u00fcck in der st\u00e4ndischen Ordnung des Mittelalters. Frauenquoten sind da nur der Einstieg; es werden hoffentlich noch viele andere Gruppen folgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fassen wir es zusammen: Benachteiligungen auszugleichen ist eine sch\u00f6ne, edle und vor allem profitable Sache. Wir m\u00fcssen diesen \u00fcberf\u00e4lligen Ausgleich daher auch mit Methoden des Mittelalters \u201eim Namen der Wahrheit und Moral\u201c erzwingen. Denn wir haben den exklusiven Anspruch auf Wahrheit und Moral. In seinem Namen pfeifen wir auf die m\u00fchsamere Demokratie \u2013 und wir sind stolz darauf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201ePride\u201c ist da! Jubel, Trubel, Priderkeit! \u201ePride\u201c hei\u00dft \u201eStolz\u201c (und wir vergessen jetzt erstmal, dass der r\u00f6misch-katholische Katechismus (1992) den Stolz als erste Haupts\u00fcnde nennt. Diese Typen liegen ja seit zweitausend Jahren verl\u00e4sslich daneben.) 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