{"id":861,"date":"2020-09-04T00:44:12","date_gmt":"2020-09-04T00:44:12","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=861"},"modified":"2021-05-12T22:11:58","modified_gmt":"2021-05-12T22:11:58","slug":"ein-zweites-coming-out%e2%80%a9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=861","title":{"rendered":"Ein zweites Coming-out\u2029"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">In Teilen der LGBTIQ-Community sind psychische Erkrankungen ein Tabuthema. Doch je offener damit umgegangen wird, desto mehr kann betroffenen Menschen geholfen werden.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">In meiner psychotherapeutischen Arbeit empfehle ich immer wieder bestimmte B\u00fccher und Filme. Denn diese k\u00f6nnen Impulse und Denkanst\u00f6\u00dfe geben, um eine Krisensituation zu bew\u00e4ltigen oder mit einer Erkrankung umzugehen. Ein Buch, das mich zuletzt sehr angesprochen hat, ist die Autobiografie des schwulen Autors Cordt Winkler mit dem Titel \u201eIch ist manchmal ein anderer \u2013 Mein Leben mit Schizophrenie\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Winkler war Anfang 20, als er die Diagnose paranoide Schizophrenie bekam. Die Erkrankung stellte sein Leben auf den Kopf. Nicht wenigen Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, hat das Buch Mut gemacht. Denn Winkler pflegt einen offenen Umgang mit seinen \u201eT\u00fcdel\u00fct\u201c-Phasen. Und was ich besonders toll finde: Winkler zeigt, dass es m\u00f6glich ist, mit Schizophrenie ein gutes Leben zu f\u00fchren: Er studierte Medienwissenschaften, hat einen Partner und arbeitet in einer Trendforschungsagentur. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Cordt-Winkler-credit_Caroline-Pitzke-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-862\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Cordt-Winkler-credit_Caroline-Pitzke-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Cordt-Winkler-credit_Caroline-Pitzke-300x200.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Cordt-Winkler-credit_Caroline-Pitzke-150x100.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Cordt-Winkler-credit_Caroline-Pitzke-768x512.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Cordt-Winkler-credit_Caroline-Pitzke-1200x799.jpg 1200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Cordt-Winkler-credit_Caroline-Pitzke.jpg 1273w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Cordt Winkler (\u00a9 Caroline Pitzke)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser ehrliche Umgang tut gut. Denn in unserer Gesellschaft sind psychische Erkrankungen oft ein Tabuthema. Auch in der LGBTIQ-Community haben es Menschen mit psychischen Beschwerden nicht immer leicht. Dabei zeigen verschiedene Studien, dass solche Erkrankungen generell zugenommen haben. Dazu geh\u00f6ren Depressionen, Angsterkrankungen, Panikattacken, manische Episoden, Zw\u00e4nge, S\u00fcchte, Essst\u00f6rungen, nicht organische Schlafst\u00f6rungen und Schizophrenie. Das Buch von Cordt Winkler kann hier helfen, Vorurteile abzubauen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings fiel es auch ihm zun\u00e4chst nicht so leicht, seiner Familie und den Freund*innen von der Erkrankung zu erz\u00e4hlen. In dem Buch spricht er von einem \u201ezweiten Coming-out\u201c. Diese Wortwahl kenne ich von LGBTIQ-Menschen in meiner psychotherapeutischen Arbeit. Auch sie erz\u00e4hlen, dass es sich wie ein zweites Coming-out angef\u00fchlt hat, als sie zum ersten Mal mit Nahestehenden \u00fcber ihre psychische Erkrankung gesprochen haben. In einem Interview mit der Zeitschrift \u201eMannschaft\u201c sagte Winkler: Als er sich als schwul ge\u00adoutet habe, sei er erst 18 Jahre alt gewesen. Damals habe er noch kein so gro\u00dfes Selbstvertrauen gehabt. Mittlerweile f\u00fchle er sich viel geerdeter. \u201eEntsprechend lief mein zweites Coming-out.\u201c Es sei etwas Befreiendes gewesen, als er Menschen von der Erkrankung erz\u00e4hlt habe. Er habe viele positive R\u00fcckmeldungen bekommen. \u201eKomisches Feedback gab es noch nie, h\u00f6chstens mal hinter meinem R\u00fccken, aber das ist mir egal\u201c, so Winkler. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben dem offenen Umgang mit der Erkrankung hat mich das Buch noch aus folgenden Gr\u00fcnden angesprochen:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Empowerment<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider wird in Teilen der Gesellschaft oft die Ansicht vertreten, dass psychische Erkrankungen ein Zeichen von Schw\u00e4che sind, was aber nicht stimmt. Viele betroffene Menschen f\u00fchlen sich stigmatisiert. Sie versuchen, die Erkrankung zu verdr\u00e4ngen oder sie zu bek\u00e4mpfen. Doch das kann auf die Dauer nicht funktionieren. Cordt Winkler schreibt in dem Buch, die Lebensqualit\u00e4t steige in dem Moment, in dem Betroffene aufh\u00f6ren, die Krankheit zu bek\u00e4mpfen. Viel besser sei es, einen guten Umgang mit den \u201eT\u00fcdel\u00fct\u201c-Phasen zu finden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Psychotherapeut bin ich ein entschiedener Bef\u00fcrworter des \u201eEmpowerment\u201c-Konzepts. Empowerment bedeutet Selbsterm\u00e4chtigung beziehungsweise Selbstbef\u00e4higung und entstammt urspr\u00fcnglich der Emanzipationsbewegung von Frauen und der Befreiungsbewegung von \u201epeople of color\u201c in den USA. Empowerment bedeutet in der Psychotherapie unter anderem die F\u00f6rderung und St\u00e4rkung der pers\u00f6nlichen F\u00e4higkeiten und Ressourcen. Cordt Winkler bezeichnet in seinem Buch Empowerment als Kompetenz, sich trotz der psychischen Erkrankung \u201edie Hoheit \u00fcber das eigene Leben zu erhalten, Stigmata zu \u00fcberwinden und zu einem positiven Selbstbild zu gelangen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Expert*innen in eigener Sache<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtiger Bestandteil des Empowerment-Konzepts ist, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu Expert*innen in eigener Sache werden. Ziel ist es, dass sie sich den Beschwerden nicht passiv ausgeliefert f\u00fchlen, sondern dass sie sich damit aktiv auseinandersetzen. Damit verbunden ist auch Psychoedukation. Hier geht es darum, dass die betroffenen Menschen, Freund*innen und Angeh\u00f6rigen mehr \u00fcber die verschiedenen Aspekte der jeweiligen Erkrankung erfahren: Welche M\u00f6glichkeiten der Behandlung gibt es? Wie gehen andere Menschen damit um? Gibt es Bereiche, in denen es sinnvoll ist, das Leben zu \u00e4ndern? Wie sieht der Verlauf der Erkrankung aus? Denn psychische Beschwerden haben viele individuelle Komponenten. Auch die Symptome k\u00f6nnen unterschiedlich sein und phasenweise auftreten. Bei Cordt Winkler beispielsweise haben sich die Episoden im September ereignet. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sein Buch liest, erf\u00e4hrt viel Wissenswertes \u00fcber Schizophrenie. Eine Schizophrenie bedeutet nicht gespaltene Pers\u00f6nlichkeit, wie oft umgangssprachlich vermutet wird, sondern die Erkrankung kann verschiedene Symptome umfassen wie etwa Halluzinationen, Wahn und Denkst\u00f6rungen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Keine Stigmatisierung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein gro\u00dfes Problem ist die mediale Berichterstattung im Zusammenhang mit Schizophrenie und die damit verbundene \u00f6ffentliche Wahrnehmung. Taucht der Begriff in Zeitungen auf, geht es \u201e\u00fcberwiegend um be\u00e4ngstigende Straftaten vermeintlich schizophrener T\u00e4ter oder um Skurrilit\u00e4ten\u201c, schreibt Winkler. In der medialen Berichterstattung entstehe somit der \u201eEindruck eines bedrohlichen und gef\u00e4hrlichen Leidens, das mit schweren Straftaten wie T\u00f6tungsdelikten\u201c verbunden sei. Doch das entspricht nicht der Realit\u00e4t. Das negative Bild in der \u00d6ffentlichkeit f\u00fchrt oft dazu, dass betroffene Menschen anderen nichts \u00fcber die Erkrankung erz\u00e4hlen. Damit stigmatisieren sich die Personen selbst. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Selbststigmatisierung und nicht die eigentliche Erkrankung sind nach Expertenansicht schuld daran, dass sich betroffene Menschen immer mehr zur\u00fcckziehen. Mit Selbststigmatisierung ist laut Winkler die \u201eVerinnerlichung negativer Bewertungen durch die Umwelt gemeint\u201c, wobei auch Freunde und Familie von (Selbst-)Stigmatisierung betroffen sein k\u00f6nnen. Umso wichtiger ist, dass der Teufelskreis durchbrochen wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unterst\u00fctzung annehmen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr psychische Erkrankungen gibt es verschiedene Behandlungsformen wie Medikamente, station\u00e4re Aufenthalte in einem Krankenhaus oder Psychotherapie. Ein wichtiger Punkt bei der Suche nach Psychotherapeut*innen ist das Vertrauensverh\u00e4ltnis. Eine Psychotherapie kann nur wirken, wenn sich die Menschen in der Therapie gut aufgehoben f\u00fchlen und sich \u00f6ffnen k\u00f6nnen. Ob Psychotherapeut*innen zu bestimmten Menschen passen, ist individuell verschieden, auch Gender-Aspekte k\u00f6nnen bei der Suche eine Rolle spielen. Empfehlenswert ist es daher, mit Therapeut*innen zun\u00e4chst ein erstes Gespr\u00e4ch zum Kennenlernen zu vereinbaren. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cordt Winkler schreibt, er sei \u00fcberrascht gewesen, dass es in seiner Therapie einen \u201epragmatischen Blick nach vorn gab und nicht Mutter oder Vater schuld zu sein schienen\u201c. Winkler sollte in der Therapie zun\u00e4chst \u201edarauf achten, wie ich mit mir selbst umging\u201c. Im Gespr\u00e4ch mit dem Therapeuten habe er gelernt, seine unterschiedlichen Pers\u00f6nlichkeitsanteile zu akzeptieren und besser zu verstehen. \u201eViel Platz nahm mein innerer Kritiker ein, der sich wie ein fieser Oberlehrer auff\u00fchrte\u201c, schreibt Winkler.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Humor schafft Distanz<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Winkler hatte manche Krankheitsphasen, die teilweise besonders heftig verlaufen sind. Einmal irrte er im Wahn tagelang alleine in Italien umher, warf seine Reisetasche mit Reisepass, Schl\u00fcssel, Handy und Kreditkarten weg. Seine Rettung waren Carabineri, die ihn in die Notaufnahme eines Krankenhauses brachten. Trotz solcher Erlebnisse hat es Winkler geschafft, auch einen humorvollen Blick auf die Erkrankung zu haben. In dem Buch schreibt er lieber von \u201eT\u00fcdel\u00fct-Phasen\u201c anstatt von Schizophrenie. Seine \u00c4rztin ist f\u00fcr ihn \u201eFrau Doktor T\u00fcdel\u00fct\u201c. Winkler kann auch \u00fcber sich selbst lachen. Schlie\u00dflich waren manche T\u00fcdel\u00fct-Phasen besonders skurril. Humor kann jedenfalls helfen, Abstand zu schwierigen Dingen zu bekommen und diese in einem anderen Licht zu sehen. \u03bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Teilen der LGBTIQ-Community sind psychische Erkrankungen ein Tabuthema. Doch je offener damit umgegangen wird, desto mehr kann betroffenen Menschen geholfen werden. 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