{"id":850,"date":"2020-09-04T00:46:46","date_gmt":"2020-09-04T00:46:46","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=850"},"modified":"2021-05-12T22:11:21","modified_gmt":"2021-05-12T22:11:21","slug":"mens-sana-in-corpore-sano-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=850","title":{"rendered":"Mens sana in corpore sano"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Auftakt<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Betrifft Millennials und alle danach Geborenen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Erst mit dem Erkenntnis des VfGH vom 3.12.2009 durften sich Kinder und Jugendliche in \u00d6sterreich sicher f\u00fchlen, dass ihr anderes Geschlechtsempfinden nicht irgendwann zu einem staatlichen Eingriff in die k\u00f6rperliche Integrit\u00e4t f\u00fchrt, sollten sie dieses Empfinden auch ausleben. Es hat sich in den letzten Jahren ei\u00adniges getan, doch die Zahl der Menschen die in eine diesbez\u00fcglich sichere und freie Welt geboren wurden ist noch klein. Denn allzu lang ist es noch nicht her. Und erst am 30.07.2020 twitterte EU Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen: \u201eUnsere Vertr\u00e4ge stellen sicher, dass alle Personen in Europa die Freiheit haben, zu sein, wer sie sind, zu leben, wo sie m\u00f6chten, zu lieben, wen sie m\u00f6chten und so viel Ehrgeiz zu entwickeln, wie sie wollen\u201c. Nun, diese hoffentlich ernst gemeinte Klarstellung in Bezug auf Identit\u00e4t und Orientierung kam dann doch \u00fcberraschend f\u00fcr LGBTI, die das Paper der EU-Kommission zur Gleichstellung vom M\u00e4rz 2020 lasen, in dem nur von cishetero-M\u00e4nnern und cishetero-Frauen, also von den \u201eM\u00e4nnern\u201c und den \u201eFrauen\u201c, die Rede ist. Allerdings m\u00fcssen die nicht diskriminierenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Und damit ist es wohl noch nicht so weit her. Skepsis bez\u00fcglich einer LGBTI geeigneten Umsetzung ist und bleibt wohl auch angebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>So hat die Kommission Sittenlehre und Moralphilosophie in biologischen Fragen, kurz die Bioethikkommission, in ihrer \u201eStellungnahme zur Intersexualit\u00e4t und Transsexualit\u00e4t\u201c aus dem Jahr 2017 in den Empfehlungen zur Geschlechtszuordnung in Punkt 9 in Bezug auf einen \u201estaatlichen\u201c Eingriff in die k\u00f6rperliche Integrit\u00e4t eine Hintert\u00fcr offen gelassen: \u201e\u2026jedoch vermag die fundierte Prognose depressiver St\u00f6rungen des Kindes und anderer seelischer Beeintr\u00e4chtigungen mit Krankheitswert nach allgemeinen Grunds\u00e4tzen eine medizinische Indikation zu begr\u00fcnden.\u201c [Gemeint sind hier geschlechtszuordnende Ma\u00dfnahmen im Neugeborenen- oder Kindesalter] Und damit kann leicht gedient werden. 39% der 27.217 Trans, die den Fragebogen zum U.S. Transgendersurvey 2015 vom Nation Center for Transgender Equality ausgef\u00fcllt haben, hatten im Monat der Befragung ernsthafte psychische Probleme. 7% versuchten im Jahr vor der Befragung einen Selbstmord. Da ist diese Prognose doch aufgelegt, oder? Es stellt sich jedoch eine Frage, die durch die Bioethikkommission wohl nicht beantwortet werden kann: Liegen hier medizinische oder biologische Gr\u00fcnde f\u00fcr psychische Probleme vor, oder ist es doch das Resultat der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse? Es gibt in der Kommission einfach keine fachliche Kompetenz zu Gesellschaftsfragen, setzt sich doch diese Kommission, insgesamt 25 Personen, aus 13 Mediziner*Innen, 8 Jurist*Innen, und 4 Personen aus anderen Fakult\u00e4ten zusammen, wobei nur eine Person den Sozialwissenschaften zugerechnet werden kann. (M:F = 15:10, nicht einmal \u201eDie Quote\u201c ist erf\u00fcllt) Das ist doch mal ein richtig sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr gelebte Diversit\u00e4t! Dabei gibt es dazu schon klare Antworten aus der Forschung: Es sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchre dieses Beispiel an, da es besonders krass demonstriert, wie mit ein bisschen Wissen sehr fadenscheinig wohlwollend, geradezu paternalistisch, f\u00fcr vermeintliche \u201eGrundrechte\u201c eingetreten wird. Und dies ohne Betroffene zu fragen, geschweige denn im Prozess zu inkludieren. Ja, es stimmt, dass cross-over Vergleiche mehr als schwierig sind. Trans und Inter sind nicht gleich zu setzten, auch wenn es historische \u00dcberlappungen gibt. Es handelt sich hier aber um soziale Gender-Inkongruenz, welche die Bioethikkommission Inter hier unterstellt, obwohl diese bei Inter (als \u201edisorder of sex development\u201c) gar nicht so h\u00e4ufig auftritt. Dieses Wissen unterstelle ich hier der Bioethikkommission.\u2028Und die USA und Europa lassen sich in vielerlei Hinsicht vergleichen. Nicht zuletzt ist auch die steigende Zahl jugendlicher Frau zu Mann Trans sowohl in den USA wie auch in Europa nahezu identisch. Als Argument f\u00fcr eine \u201efundierte Prognose\u201c und um, in diesem Fall \u201eEltern\u201c, Angst einzujagen reicht es allemal. Und das mit der Angst hat wohl System. Ein Verbot des Eingriffes ohne Informed Consent, wie es auch von der World Professional Association for Transgender Health (WPATH) in den Standards of Care f\u00fcr Trans gefordert wird, ist damit noch lange nicht Realit\u00e4t.\u2028Hier ein klares \u201eNein!\u201c: Geschlechtsangleichende Operationen an Neugeborenen und Kindern m\u00fcssen generell verboten werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Warum? Selbst ein selbsterkl\u00e4rendes Geschlecht, und hier auch nur die dazu geh\u00f6renden Organe, ist allein und nur in Fragen der Reproduktion, also mit der Fertilit\u00e4t, Gegenstand der Medizin. Und die Medizin, das gilt f\u00fcr alle Naturwissenschaften, kann die Frage des Geschlechts sui generis einfach nicht eindeutig erkl\u00e4ren oder gar definieren. Dabei beziehe ich mich auf ein Rechtsgutachten von Mangold, Markwald und R\u00f6hner (12\/2019) zum deutschen \u00a7 45b PStG, welches in der Kernaussage unter Anderem auch f\u00fcr das \u00f6sterreichische Personenstandsgesetz und anderen Materien herangezogen werden kann:\t\u2028\u201e\u2026Bisher wurde in der medizinisch-biologischen Forschung also kein eindeutiges biologisches Kriterium identifiziert, das alle anderen \u00fcberlagert und ein biologisch definiertes Geschlecht [\u2026] bestimmen k\u00f6nnte. [\u2026] Medizinisches Wissen ist damit kein stabiles Fundament, auf dem die Rechtsordnung einfach aufbauen und auf welches sie ohne Weiteres zur\u00fcckgreifen kann.\u201c\u2028Geschlecht, welches auch immer, kann demnach nur selbstbestimmt sein. Daher muss das bisherige Vorgehen der Geschlechtsbestimmung gr\u00fcndlich \u00fcberdacht werden. Eine M\u00f6glichkeit w\u00e4re die vorl\u00e4ufige Auswahl einer Geschlechtsoption durch den*die Erziehungsberechtigte, welche in einem passenden Alter durch die betroffene Person best\u00e4tigt oder ge\u00e4ndert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Also zur\u00fcck auf Los! Vielleicht einfach dem Artikel 8 der Europ\u00e4ische Menschenrechtskonvention folgend: Recht auf Achtung des Privatlebens, Autonomie des Menschen und Recht auf Selbstbestimmung, Recht auf Identit\u00e4t und Entwicklung der Person, Recht auf k\u00f6rperliche Integrit\u00e4t und geistige Gesundheit (und vieles mehr). Waren da nicht auch 8 ausgewiesene Jurist*Innen in der Bioethikkommission?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mens sana in corpore sano, aber wie?<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich gehe hier mal von einer konservativen und zur\u00fcckhaltenden und durchaus belastbaren Sch\u00e4tzung von 1:441 = 0,23% Trans in der Bev\u00f6lkerung aus. Das bedeutet f\u00fcr Wien \u00fcber alle Alter hinweg um die 4.000 Trans. Davon gehen nicht alle den ganzen Weg bis zur geschlechtsangleichenden Operation, was mit dem Erkenntnis des VfGH vom 3.12.2009 auch nicht mehr notwendig ist.\u2028Nun hat Univ.-Prof. Dr. Christian Egarter, selbst auch Mitglied der Bioethikkommission und Leiter der Abteilung f\u00fcr Gyn\u00e4kologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am AKH, in einem Artikel vom 14.11.2019 auf medinlive.at zur Situation der Transsexuellen-Ambulanz am AKH von mehr als 1.300 Personen berichtet, davon \u00fcber 700 Mann zu Frau und \u00fcber 600 Frau zu Mann, welche ein regelm\u00e4\u00dfiges Hormonscreening und eine fortlaufende Betreuung in Anspruch nehmen. Nachdem diese Ambulanz nur an zwei Tagen Parteienverkehr hat, kann sich jede* ausrechnen, dass es hier eng ist. Das w\u00e4ren 12,5 Personen am Tag, allein bei einem nur einmal j\u00e4hrlichen Besuch. Dabei ist der Einzugsbereich der Transsexuellen-Ambulanz nicht auf Wien und Umgebung begrenzt. Es ist die einzige ihrer Art in \u00d6sterreich. Und ja, es kommen Menschen aus allen Bundesl\u00e4ndern angereist.\u2028Dabei reicht die Kapazit\u00e4t dieser Ambulanz gerade mal f\u00fcr ein Drittel der Menschen in Wien, die potentiell eine hormonelle Versorgung in Anspruch nehmen k\u00f6nnten. Wartezeiten von einem Jahr, auch f\u00fcr \u201eBestandskund*Innen\u201c sind keine Seltenheit mehr und schrecken entsprechend ab, was zu einer vollkommen ungeregelten Versorgung f\u00fchrt, wie zu Selbstmedikation und Beschaffung \u201einoffizieller\u201c Medikamente. Daher gab es auch bereits von TransX, der \u00c4rztekammer und der Transsexuellen-Ambulanz selbst den Aufruf an \u00c4rzte im niedergelassen Bereich, sich f\u00fcr die fachgerechte Einleitung und Begleitung einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie zu melden. Das w\u00fcrde auch den Empfehlungen der WPATH entsprechen eine entsprechende ortsnahe \u201ehaus\u00e4rztliche\u201c Versorgung zu etablieren.\t\u2028Ein gravierendes Problem ist das g\u00e4nzliche Fehlen der Trans und Inter Thematik im verpflichtenden \u00e4rztlichen Curriculum, wie es von medizinischen Experten seit Jahren kritisiert wird.\u2028Ich dilettiere mal wieder in anderen F\u00e4chern, denn, wie es ein* junger Non Binary oder Trans mal in einer Gruppe formulierte: \u201eM\u00fcssen wir ein Studium mit den F\u00e4chern Medizin, Jus, Psychologie und Politikwissenschaften absolvieren, um sein zu d\u00fcrfen?\u201c. Es bleibt uns sehr oft nicht erspart, Professionist*Innen diesbez\u00fcglich ins Bild zu setzten.\t\u2028Das Problem mangelnder Kapazit\u00e4ten und fehlenden Spezialwissen kann nur in einer anderen Struktur aufgel\u00f6st werden. Dabei ist das Modell ein zun\u00e4chst mal unabh\u00e4ngiges interdisziplin\u00e4res Gender-Competence-Center einzurichten, wie es bereits in anderen L\u00e4ndern etabliert ist, eine gute M\u00f6glichkeit. Denn Gender Kompetenz ist nicht allein in Trans und Inter Fragen relevant und w\u00e4re ein Fundament einer umfassenden Gesundheitsversorgung aller Menschen. Dieses Zentrum w\u00e4re auch eine zentrale Anlaufstelle f\u00fcr den niedergelassenen haus\u00e4rztlichen Bereich womit auch die Forderung der WPATH nach einer erreichbaren Versorgung erf\u00fcllt w\u00e4re.\t\u2028Es gibt zwar bereits verschiedene Gender Units, welche sich vornehmlich mit Forschung besch\u00e4ftigen. In der Grundversorgung von Trans und Inter geht es aber definitiv um etablierte und bereits definierte Regelleistungen. Daher w\u00e4re es konkret ein \u201eGender-Competence-Center f\u00fcr evidenzbasierte angewandte Medizin\u201c. Eine begleitende Forschung w\u00e4re vielleicht w\u00fcnschenswert, geht aber weit \u00fcber die Grundversorgung mit Hormon\u00adscreening und geschlechtsangleichenden Operationen hinaus, welche in \u00d6sterreich einfach nicht vorhanden ist. Damit h\u00e4ngt derzeit das Grundrecht auf Gesundheit f\u00fcr Trans und Inter weiter in der Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6rperliche Unversehrtheit, mit oder ohne \u201e(wieder)herstellende\u201c Operation ist eine Grundvoraussetzung f\u00fcr psychosoziale Gesundheit. Dazu ist eine Reprise in der n\u00e4chsten Lambda geplant. \u03bb<\/p>\n\n\n\n<p>[Anm. der Autorin: Wir sprechen von M\u00e4nnern und Frauen und nicht von m\u00e4nnlichen oder weiblichen Personen. Es ist eine Frage der Identit\u00e4t. Daher verwende ich Trans und Inter bewusst identit\u00e4tspolitisch innerhalb des bin\u00e4ren Geschlechterregimes, auch wenn Trans und Inter manchmal einfach nur als Frauen und M\u00e4nner oder ganz anders gesehen werden wollen und trans und inter nur als ein zus\u00e4tzliches Attribut von vielen f\u00fchren.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Auftakt Betrifft Millennials und alle danach Geborenen Erst mit dem Erkenntnis des VfGH vom 3.12.2009 durften sich Kinder und Jugendliche in \u00d6sterreich sicher f\u00fchlen, dass ihr anderes Geschlechtsempfinden nicht irgendwann zu einem staatlichen Eingriff in die k\u00f6rperliche Integrit\u00e4t f\u00fchrt, sollten sie dieses Empfinden auch ausleben. 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