{"id":845,"date":"2020-09-04T00:47:47","date_gmt":"2020-09-04T00:47:47","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=845"},"modified":"2021-05-12T22:11:00","modified_gmt":"2021-05-12T22:11:00","slug":"gesundheit-und-selbstbestimmung-fuer-inter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=845","title":{"rendered":"Gesundheit und Selbstbestimmung f\u00fcr Inter*"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Welche Rolle spielt dabei die Peer-Beratung?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Wenn es um Intergeschlechtlichkeit geht, geht es immer auch um das Thema Gesundheit. Die meisten intergeschlechtlichen Menschen machen Erfahrung damit, dass (die Gesundheit) ihre(r) K\u00f6rper in Frage gestellt werden. Eine untypische Geschlechtsentwicklung gilt als \u201eabnorm\u201c. Im Sozialen genauso wie im Medizinischen wird unsere Existenz in Frage gestellt, wenn es hei\u00dft: \u201eBist du ein M\u00e4dchen oder ein Bub?\u201c Untersuchungen, Operationen und Medikamente sollen unsere Geschlechtlichkeiten \u201ekl\u00e4ren\u201c und nach gesellschaftlichen, bin\u00e4ren Vorstellungen \u201evereindeutigen\u201c. Die Realit\u00e4t angepasst zu werden ohne Notwendigkeit, ohne uns zu fragen, bzw. dem Druck dazu ausgesetzt zu sein, hat einige Folgen f\u00fcr unsere Gesundheit. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur Ausgangslage\u2026<\/h3>\n\n\n\n<p>Bei Intergeschlechtlichkeit handelt es sich um Variationen der Geschlechtsmerkmale (VdG), die w\u00e4hrend der Schwangerschaft, Geburt, in der Pubert\u00e4t oder sp\u00e4ter ersichtlich werden k\u00f6nnen (oder auch nie). Insgesamt betrifft das ca. 1,7% der Bev\u00f6lkerung. Bei den Geschlechtsmerkmalen geht es um Auspr\u00e4gungen von inneren und \u00e4u\u00dferen Geschlechtsorganen, sowie Genetik (Chromosomen) und Hormonen, die auch die sogenannten sekund\u00e4ren Geschlechtsmerkmale beeinflussen. Das bedeutet, dass Genitalien und andere Geschlechtsmerkmale individueller aussehen oder angelegt sein k\u00f6nnen, bestimmte Geschlechtsentwicklungen ausbleiben oder \u00fcblicherweise \u201edem anderen\u201c Geschlecht zugeordnet werden. Meist werden Menschen mit diesen Auff\u00e4lligkeiten rund um strikt voneinander getrennte weibliche und m\u00e4nnliche Geschlechtsmerkmale anhand des Internationalen Krankheitsindex bzw. aus dem medizinischen Spektrum der \u201eVarianten der Geschlechtsentwicklung\u201c diagnostiziert. Das hei\u00dft, zahlreiche k\u00f6rperliche Variationen gelten als Krankheiten von M\u00e4nnern oder Frauen. Dadurch sind diese Menschen von Pathologisierung betroffen und werden h\u00e4ufig als behandlungsbed\u00fcrftig angesehen \u2013 auch wenn sie in der Regel gesund sind. Besonders problematisch ist das, wenn die Betroffenen noch Kinder sind und ohne deren Zustimmung, Entscheidungen getroffen werden, die in ihre K\u00f6rper eingreifen und diese irreversibel ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/79447555_2465673840355367_1294355147031314432_o-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-848\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/79447555_2465673840355367_1294355147031314432_o-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/79447555_2465673840355367_1294355147031314432_o-300x300.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/79447555_2465673840355367_1294355147031314432_o-150x150.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/79447555_2465673840355367_1294355147031314432_o-768x768.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/79447555_2465673840355367_1294355147031314432_o.jpg 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u2026in der Welt der zwei Geschlechter<\/h3>\n\n\n\n<p>In der Gesellschaft sind wenig Wissen, Sprache und R\u00e4ume zu Geschlechtervielfalt vorhanden. Es herrscht ein gro\u00dfes Tabu darum, wenn jemand nicht in die vorge\u00adgebene Norm von Mann oder Frau zu passen scheint. Das f\u00fchrt dazu, dass Kinder und Jugendliche mit Variationen der Geschlechtsmerkmale h\u00e4ufig mit den Gef\u00fchlen von Isolation und nicht \u201erichtig\u201c zu sein und (belastenden) Geheimnissen aufwachsen. Gerade f\u00fcr diese und ihre Familien fehlt es an Sichtbarkeit, positiven Vorbildern und Geschichten. Aufgrund sozialer Gr\u00fcnde wie z.B. \u00c4ngste vor Ausgrenzung oder Ablehnung, durch \u00fcberholte Statistiken (beispielsweise zu Krebsrisiken) und veraltete Vorstellungen kindlicher psycho-sexueller Entwicklung werden invasive medizinische Eingriffe an den Geschlechtsmerkmalen auch heute noch oft seitens der Medizin oder der Eltern bef\u00fcrwortet. Die Frage nach der Notwendigkeit dieser Eingriffe ist entscheidend, wobei diese sich nach medizinischer Indikation zu richten hat. Die Definition stellt sich in der Praxis allerdings als dehnbar heraus, obwohl dies rechtlich klar geregelt sein sollte. Eine Person muss vollumfassend aufgekl\u00e4rt werden und zustimmen k\u00f6nnen, wenn es um Interventionen geht, die nicht zu ihrer Lebensrettung dienen. Eine dringliche Gefahr f\u00fcr die Gesundheit, die nicht aufschiebbar ist, w\u00e4re z.B. ein Notfall, in dem die \u00c4rzt*innen auch ohne Konsens der Betroffenen entscheiden k\u00f6nnen. Kinder k\u00f6nnen an sich schon nicht zustimmen, wenn es darum geht, ihre Genitalien \u201efemininer\u201c oder \u201emaskuliner\u201c zu operieren. Wenn man ihre hormonproduzierenden Organe (Eierst\u00f6cke, Hoden, Mischgewebe) entnimmt, m\u00fcssen die fehlenden Hormone ein Leben lang zugef\u00fchrt werden. Es kann zu zahlreichen physischen Beeintr\u00e4chtigungen wie chronische Schmerzen, Taubheitsgef\u00fchle, Probleme beim Harnlassen und vielen anderen kommen, auch k\u00f6nnen weitere Operationen in Folge n\u00f6tig sein. St\u00e4ndige Untersuchungen werden mitunter als psychologische und sexuelle \u00dcbergriffe erlebt. Der Vertrauensbruch, der von den Kindern zu ihrer Familie entstehen kann, weil \u00fcber ihre K\u00f6pfe hinweg entschieden wurde, und die Scham \u00fcber den eigenen K\u00f6rper beeinflussen auch die psychische Gesundheit und das sp\u00e4tere soziale Leben. Nicht selten gibt es Verz\u00f6gerungen im Bildungsweg und Schwierigkeiten, Intimit\u00e4t zuzulassen. Dazu kommt der Druck oder Wunsch \u201enormal\u201c zu sein; denn auch sp\u00e4ter ist man oft im Alltag damit konfrontiert, dass andere nicht wissen, was Intergeschlechtlichkeit bedeutet. Zusammengefasst: Bei vielen intergeschlechtlichen Menschen sind Traumatisierungen eine Realit\u00e4t in ihrem Leben. Dabei ist die Existenz von vielf\u00e4ltigen K\u00f6rpern und Identit\u00e4ten \u201enormal\u201c \u2013 und gab es auch schon immer. Diese Erfahrungen f\u00fchlen sich aber alles andere als normal an. Es ergeben sich vielmehr die Fragen: Woher sollen Erwachsene wissen, wie sich ein Kind psychisch und physisch entwickeln wird, welche Identit\u00e4t und Sexualit\u00e4t es haben wird? In welchem K\u00f6rper es leben will? Wer wei\u00df das besser, als die Person selbst, wenn sie alt genug und entscheidungsf\u00e4hig ist, um sich dazu mitzuteilen?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Es braucht sensibilisierte Begleitung und Best\u00e4rkung!<\/h3>\n\n\n\n<p>Wie in einigen anderen L\u00e4ndern auch ist die Interessensvertretung VIM\u00d6 (Verein Intergeschlechtlicher Menschen \u00d6sterreich) aus Selbsthilfe-Treffen und der Notwendigkeit heraus entstanden, eine bis dahin nicht vorhandene Anlaufstelle f\u00fcr Menschen mit Variationen der Geschlechtsmerkmale und Angeh\u00f6rige zu schaffen. Bei Selbsthilfe-Treffen bzw. exklusiven Inter*-Treffen k\u00f6nnen diese sich in gesch\u00fctztem Rahmen austauschen und angstfrei \u00fcber Dinge sprechen, die die Umwelt oft nicht zu verstehen scheint. Gerade zu sozialen und medizinischen Themen gibt es viele Fragen, Erfahrungen und Belastungen. Wir erfahren dadurch seit Jahren, wie es Menschen geht, die eine oder mehrere der VdG-Diagnosen erhalten haben oder ein Verdacht im Raum steht. In der Regel sind diese Menschen und ihre Familien allein gelassen mit Situationen, in denen sie Diagnosen zu erfahren, Behandlungen vorgeschlagen zu bekommen und ganz pers\u00f6nliche Fragen zu haben. Oft ist Intergeschlechtlichkeit etwas, von dem sie noch nie geh\u00f6rt haben und auch im medizinischen Kontext meist nicht positiv kennenlernen k\u00f6nnen. Aus Begegnungen in der Inter*-Community kristallisiert sich sogar heraus: Nicht selten wissen Menschen \u00fcber (ihre) Variationen oder Wirkung und Folgen von bestimmten Medikamenten und Eingriffe mehr Bescheid als nicht-betroffene Menschen, die in Gesundheitsberufen arbeiten. Ein Selbsthilfe-Treffen kann und darf aber eine Beratung jeglicher Art nicht ersetzen. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Peer-Beratung bei VAR.GES<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_0071-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-847\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_0071-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_0071-300x225.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_0071-150x113.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_0071-768x576.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_0071-1200x900.jpg 1200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_0071.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein wichtiger Schl\u00fcssel-Moment f\u00fcr viele ist, andere Menschen kennen zu lernen, die \u00e4hnliche Geschichten teilen. Eine von der Klinik unabh\u00e4ngige Peer-Beratung durch intergeschlechtliche Erwachsene und Eltern, die \u201ewissen, wie es ist\u201c bietet hier einen unersetzbaren Austausch und Begleitung. Gespr\u00e4che k\u00f6nnen auf Augenh\u00f6he gef\u00fchrt, Erfahrungen geteilt und medizinische Beratung gemeinsam reflektiert werden. Ebenso k\u00f6nnen andere Fragen zur eigenen Situation Platz finden, die die Betroffene besch\u00e4ftigen, wie u. a. soziales Umfeld, Outing, Identit\u00e4t, Sexualit\u00e4t und Geschlechtseintr\u00e4ge. <\/p>\n\n\n\n<p>Diesen wertvollen Kontakt zu Erfahrungs-Expert*innen sollten alle gesundheitlichen und sozialen Berufsgruppen f\u00f6rdern, denn er stellt eine essentielle psycho-soziale Unterst\u00fctzung dar. VIM\u00d6 hat diesbez\u00fcglich das erstmalige Bildungs- und Peer-Beratungs-Projekt VAR.GES gegr\u00fcndet, das neben dem Angebot von Bildungsformaten zum Thema Geschlechtervielfalt auch Peer-Beratung von und f\u00fcr Menschen mit VdG und von und f\u00fcr Angeh\u00f6rige bietet. In diesem Sinne, wir freuen uns \u00fcber Kontaktaufnahme und Weitergabe unseres Kontakts! \u03bb<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mehr Infos unter: <br><a href=\"http:\/\/www.vimoe.at\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.vimoe.at<\/a><br><a href=\"http:\/\/www.varges.at\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.varges.at<\/a><br><a href=\"http:\/\/www.plattform-intersex.at\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.plattform-intersex.at<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Rolle spielt dabei die Peer-Beratung? Wenn es um Intergeschlechtlichkeit geht, geht es immer auch um das Thema Gesundheit. Die meisten intergeschlechtlichen Menschen machen Erfahrung damit, dass (die Gesundheit) ihre(r) K\u00f6rper in Frage gestellt werden. Eine untypische Geschlechtsentwicklung gilt als \u201eabnorm\u201c. Im Sozialen genauso wie im Medizinischen wird unsere Existenz in Frage gestellt, wenn es [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":25,"featured_media":846,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,20],"tags":[14],"class_list":["post-845","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheit","category-schwerpunkt","tag-lambda-181"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/25"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=845"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":849,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions\/849"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/846"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}