{"id":820,"date":"2020-09-04T00:52:38","date_gmt":"2020-09-04T00:52:38","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=820"},"modified":"2021-05-12T19:34:22","modified_gmt":"2021-05-12T19:34:22","slug":"25-jahre-transx","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=820","title":{"rendered":"25 Jahre TransX"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">25 Jahre Transgender-Emanzipation<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Als ich 1998 erstmals TransX besuchte, traf ich auf eine von Selbstmitleid gezeichnete Gruppe. \u201eDie Gesellschaft ist gegen Transgender\u201c war das traurige Credo, als ob \u201edie Gesellschaft\u201c \u00fcberhaupt einen Willen h\u00e4tte. Dabei kannte fast niemand den Begriff Transgender (TG): Unsere Schwestern wurden vor allem als Schwule beschimpft.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer von transvestitischen (TV)- und transsexuellen (TS) Identit\u00e4ten gepr\u00e4gten Welt war TransX schon bei seiner Gr\u00fcndung 1995 extrem fortschrittlich, als er sich \u00fcbergreifend \u201eVerein f\u00fcr TransGender-Personen\u201c nannte und damit die Gr\u00e4ben zu \u00fcberbr\u00fccken suchte. Es gelang nicht ganz. 1999 spaltete sich eine Gruppe von Hardcore Transsexuellen ab, die sich nicht mehr mit \u201efetischistischen Cross-Dressern\u201c auseinandersetzen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach wenigen Jahren war diese Gruppe untergegangen, so wie das Untergehen leider zum Programm von Geschlechtswechslern geh\u00f6rt. Die meisten interessieren sich nur w\u00e4hrend ihrer \u00dcbergangsphase f\u00fcr TG-Fragen und tauchen danach in die Anonymit\u00e4t ab, wo sie allzu oft an Depressionen ersticken. Anders als bei LG-Gruppen liegt die Halbwertszeit von TG-Aktivist*Innen nur bei etwa einem Jahr. Ein f\u00fcr LGB-Personen wichtiges Motiv, LG-Gruppen zu besuchen, n\u00e4mlich die Partnersuche, entf\u00e4llt f\u00fcr TGs, auch wenn sich gelegentlich auch Beziehungen zwischen TGs entwickelt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bedenkt man die zudem zahlenm\u00e4\u00dfig deutlich geringere Verbreitung von TGs im Verh\u00e4ltnis zu LGs wird verst\u00e4ndlich, wie schwach TG-Gruppen etwa im Vergleich zur HOSI Wien aufgestellt sind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der TG-Rat<\/h3>\n\n\n\n<p>Zum 10-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um von TransX mussten wir f\u00fcrchten nicht einmal einen mittelgro\u00dfen Saal f\u00fcr die Feier f\u00fcllen zu k\u00f6nnen. Wir traten die Flucht nach vorne an und fragten alle uns bekannten europ\u00e4\u00adischen TG-Gruppen, ob sie nach Wien zu einem Vernetzungstreffen kommen und dabei auch mit uns feiern wollten. Das Feedback war so \u00fcberw\u00e4ltigend, dass wir ein internationales Programmkomitee nominierten und schon bald das Treffen als ersten Europ\u00e4ischen Transgender-Rat ank\u00fcndigen konnten. Dank der Unterst\u00fctzung der WASt fand die Tagung Anfang November 2005 im Wiener Rathaus statt. 120 Aktivist*Innen aus 66 Gruppen von 21 L\u00e4ndern machten Geschichte: Erstmals stimmten Delegierte dar\u00fcber ab, welche politischen Trans-Forderungen sie mittragen wollen und k\u00f6nnen. Als Hauptforderungen kristallisierten sich das Recht auf Personenstands- und Vornamens\u00e4nderungen sowie die freie Wahl medizinischer Behandlungen innerhalb der EU heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit war der Grundstein f\u00fcr eine europ\u00e4ische TG-Bewegung gelegt. Es dauerte noch etwas \u00fcber ein Jahr bis das F\u00fchrungskomitee der Wiener Versammlung den Verein Transgender Europe (TGEU) gr\u00fcndete, der neben hervorragender Lobby- und PR-Arbeit bis heute noch alle zwei Jahre TG- Councils veranstaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem ersten TG-Rat wurde auch ein Signal gegen\u00fcber ILGA-Europe gesetzt. Obwohl dort nur wenige TGs beheimatet waren, h\u00e4tten im selben Herbst TG-Forderungen formuliert werden sollen. Wir haben es ihnen erspart. Seither bestehen intensive Kooperationen zwischen TGEU und ILGA-Europe, wobei klar ist, dass beide Gruppen die Schwerpunkte der anderen respektieren und keine nicht abgesprochenen Statements zu Themen der anderen abgeben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">LGB &amp; T<\/h3>\n\n\n\n<p>TransX hat bereits 2001 ein solches \u00dcbereinkommen mit der HOSI Wien getroffen: Wir lobbyieren, campaignen und agieren bei Homosexuellenfragen nur im Sinn der HOSI, die uns die Themenf\u00fchrerschaft bei TG-Fragen \u00fcberl\u00e4sst. Ich bin sehr froh, dass dieses Kooperationsmodell nun auch zwischen HOSI Wien, VIM\u00d6 (Verein Intergeschlechtlicher Menschen \u00d6sterreichs) und TransX best\u00e4tigt wurde. LGBTIQ-Politiken setzen keine All-In Gruppen voraus, sondern werden von den Schulterschl\u00fcssen extrem unterschiedlicher Gruppen getragen, die ganz spezifische Ziele verfolgen. Dabei kann es freilich auch zu Interessenskonflikten zwischen den Gruppen kommen: 2009 wollte etwa die \u00d6VP f\u00fcr ihrer Zustimmung zum Eingetragene Partnerschaft-Gesetz ein f\u00fcr uns unannehmbares TS-Gesetz durchboxen. Die HOSI Wien bezog zu dem \u201eDeal\u201c keine Stellung. Wir konnten das Gesetz noch knapp verhindern. Als umfassende LGBT-Gruppe h\u00e4tte die HOSI zur Realisierung der jahrelang erk\u00e4mpften Eingetragene Partnerschaft der \u00d6VP wohl zustimmen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Erfolgsgeschichte<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit seinem fast 25-j\u00e4hrigen Bestehen blickt TransX auf eine Erfolgsgeschichte der TG-Emanzipation zur\u00fcck. Anfangs f\u00fchlten sich die Betroffenen zurecht j\u00e4mmerlich. Personenstands\u00e4nderungen waren an Scheidungen (bis 2006) und genitalanpassende Operationen (bis 2010) gekn\u00fcpft. Die Zwangs-Psychotherapie ist 2014 gefallen. Geschlechtswechsel erfolgen heute meistens ohne Jobverlust. Aufgedeckte Transvestiten m\u00fcssen nicht mehr solche Diffamierungen bef\u00fcrchten, wie es fr\u00fcher \u00fcblich war.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch: Zentrale TransX-Forderungen sind noch unerf\u00fcllt. Nach wie vor d\u00fcrfen bei Vornamens\u00e4nderungen nur geschlechtskonforme Namen gew\u00e4hlt werden. Das ist eine spezifische gesetzliche Diskriminierung von TG-Personen. Eine Petition mit 3000 Unterschriften vergilbt seit 2005 im Parlament. Die Achtung der Menschenrechte von Minderheiten war ja nie eine Spezialit\u00e4t \u00f6sterreichischer Regierungen. Wahrscheinlich muss auch diese Frage, so wie schon zuvor der Scheidungs- und Operationszwang, von H\u00f6chstgerichten gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere TransX-Forderung ist die Streichung des Geschlechtseintrags aus Ausweisen jeder Art. Die staatliche Geschlechtsmarkierung hat l\u00e4ngst ihre sicherheitspolitische Legitimation verloren. Sie ist nur mehr Ausdruck sexistischer Strukturen, in denen die, die ambivalent zwischen den Geschlechtern stehen, unter die R\u00e4der kommen: Laut FRA (2020) erfuhren 25% der TGs im Vorjahr beim Zeigen ihrer Ausweise Diskriminierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die t\u00e4gliche Arbeit von TransX entz\u00fcndet sich immer wieder an konkreten Anl\u00e4ssen. 2003 begann die Unterst\u00fctzung minderj\u00e4hriger TGs und deren Eltern.<\/p>\n\n\n\n<p>2007 konnten wir den Menschenrechtskommissar des Europarates auf die unmenschlichen Bedingungen bei Personenstands\u00ad\u00e4nderungen aufmerksam machen. Das von ihm daraufhin ver\u00f6ffentlichte \u201eHammerberg-Papier\u201c half in vielen L\u00e4ndern den Sterilisations- und Operationszwang zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 2011 arbeiten wir intensiver mit nach \u00d6sterreich gefl\u00fcchteten TGs. Bis heute wird die Verfolgung von TG-Personen oft \u201e\u00fcbersehen\u201c, da die Betroffenen in den Abschiebezentren h\u00e4ufig aus Angst vor Misshandlungen ihre Transidentit\u00e4t verschweigen. Nach der wohl bislang gr\u00f6\u00dften TG-Demonstration gelang es, das Verfahren einer Transfrau, die sich bereits in Schubhaft befand, wieder aufzurollen. Heute hat sie einen anerkannten Asylstatus.<\/p>\n\n\n\n<p>Anerkannten Fl\u00fcchtlingen bleibt der Weg zu regul\u00e4ren Hormontherapien oft allein durch Sprachbarrieren verschlossen: Diagnosen und psychologische Testsoftware setzen meist Deutschkenntnisse voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>2012 r\u00fcckte die Betreuung von TG-H\u00e4ftlingen ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Etwa die H\u00e4lfte der inhaftierten TGs lebt im zeitlich unbeschr\u00e4nkten Ma\u00dfnahmenvollzug, ein Schicksal, das ansonsten nur etwa 10% aller H\u00e4ftlinge trifft. TG-Personen machen vermutlich bei Richter*Innen einen besonders gef\u00e4hrlichen Eindruck. Problematisch ist aber, insbesondere bei langen Haftzeiten, dass das Justizministerium kein Konzept f\u00fcr den Geschlechtswechsel Inhaftierter hat. Gar kein Konzept? Nein, ein Arbeitskreis, an dem wir beteiligt waren, hat eine Empfehlung erarbeitet. Seit der VP-FP Regierung liegt sie allerdings auf Eis. Der Aufschrei des Anti-Folter-Komitees des Europarats, wonach auch Inhaftierten ein Recht auf ihre Geschlechtsentwicklung einzur\u00e4umen ist, verhallt.<\/p>\n\n\n\n<p>2014 wurden endlich die \u201eEmpfehlungen f\u00fcr den Behandlungsproze\u00df von Transsexuellen\u201c  aus dem Jahr 1997 revidiert. Wir waren von dem Text des Gesundheitsministeriums ebenso schockiert wie viele der an der Entstehung beteiligten Expert*Innen. Er strotzte vor Fehlern und verlangte Behandlungsbed\u00fcrftigen die Prognose einer lebensl\u00e4nglichen \u201eTranssexualit\u00e4t\u201c \u2013 also den anhaltenden Wunsch nach neuen Geschlechtswechseln \u2013 ab. Nach heftigen Protesten wurden die Empfehlungen bis 2017 siebenmal revidiert. Heute k\u00f6nnen wir damit leben. Zufrieden sind wir allerdings nicht. In einem Exkurs definierte das Gesundheitsministerium in blanker Kompetenz\u00fcberschreitung neue Kriterien f\u00fcr Personenstands\u00e4nderungen. Das zust\u00e4ndige Innenministerium berief sich immer auf das VwGH-Urteil von 2009. Dieses zitierte den unver\u00f6ffentlichten Transsexuellenerlass des BMI von 1983 (!), der letztendlich 2006 vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurde. Demnach erkennt das BMI den Geschlechtswechsel an, wenn jemand \u201eunter der zwanghaften Vorstellung gelebt hat, dem anderen Geschlecht zuzugeh\u00f6ren\u201c. Das Gesundheitsministerium propagierte dagegen, dass die Diagnose der Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung \u201eTranssexualit\u00e4t\u201c notwendig sei. Standes\u00e4mter \u2013 selbst in Wien \u2013 haben sich dieser Pathologisierung angeschlossen. Wir hoffen, dass diese Versch\u00e4rfung bald zur\u00fcck genommen wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">TransX-Dynamik<\/h3>\n\n\n\n<p>Seit 25 Jahren finden zweimal monatlich TransX- Abende in der T\u00fcrkis-Rosa-Lila-Villa statt. Es sind in der Regel Themenabende zu TG-Angelegenheiten im weitersten Sinn. Immer wieder gelang es, hervorragende Expert*Innen f\u00fcr kostenlose Referate zu gewinnen. Dar\u00fcber hinaus veranstalten wir Workshops zu Themen wie Styling, K\u00f6rpersprache oder Selbstverteidigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wirkliche Dynamik geht dabei von den Besucher*Innen aus. Personen, die grade aus ihrem alten Geschlechtskorsett schl\u00fcpfen, bekommen von Erfahreneren Tipps und Unterst\u00fctzung, die sie sp\u00e4ter wieder an Neu-Ankommende weitergeben. Einige leisteten und leisten dabei f\u00fcr Personen in schwierigen Lebenslagen auch substantielle Hilfe. Darauf kann TransX wirklich stolz sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als gr\u00f6\u00dfte TG-Gruppe Wiens haben wir uns auch immer verpflichtet gesehen, Gruppen in den Bundesl\u00e4ndern \u00fcber aktuelle Entwicklungen zu informieren. F\u00fcr eine akkommodierte Politik haben wir immer wieder zu gesamt\u00f6sterreichischen Vernetzungs\u00adtreffen eingeladen, wobei u.a. auch gemeinsame Positionen zur Namens- und Personenstands\u00e4nderungen beschlossen wurden. Trotz sehr unterschiedlicher Ausrichtungen der einzelnen Gruppen sind wir hier einer Meinung: Wir fordern die Selbstbestimmung \u00fcber unser Geschlecht. Der Staat hat nicht in unser Geschlecht zu grapschen! \u03bb<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"945\" height=\"205\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/TransX_V.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-822\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/TransX_V.jpg 945w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/TransX_V-300x65.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/TransX_V-150x33.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/TransX_V-768x167.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 945px) 100vw, 945px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>Seit 2001 ist die erste Forderung von TransX:<br>Recht auf freien Ausdruck der eigenen Geschlechtlichkeit ohne Diskriminierung und Diffamierung!<br>JedeR hat das Recht auf freie Wahl des eigenen Geschlechts und auf den uneingeschr\u00e4nkten Ausdruck aller geschlechtlichen Empfindungen. Geschlechtskonformit\u00e4t darf kein Kriterium f\u00fcr die Achtung oder Missachtung von Menschen sein. Das Verhalten und die Wahl der Kleidung sind pers\u00f6nliche Entscheidungen, die nicht mehr zu Diffamierungen im Beruf und im Alltag f\u00fchren d\u00fcrfen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25 Jahre Transgender-Emanzipation Als ich 1998 erstmals TransX besuchte, traf ich auf eine von Selbstmitleid gezeichnete Gruppe. \u201eDie Gesellschaft ist gegen Transgender\u201c war das traurige Credo, als ob \u201edie Gesellschaft\u201c \u00fcberhaupt einen Willen h\u00e4tte. Dabei kannte fast niemand den Begriff Transgender (TG): Unsere Schwestern wurden vor allem als Schwule beschimpft. 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