{"id":816,"date":"2020-09-04T00:53:21","date_gmt":"2020-09-04T00:53:21","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=816"},"modified":"2021-05-11T21:16:36","modified_gmt":"2021-05-11T21:16:36","slug":"das-gugg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=816","title":{"rendered":"Das Gugg"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Am Anfang stand ein K\u00e4mpfer von Format: Der Rechtsanwalt Dr. Franz Xaver Gugg, der das Startkapital gab. Dann kamen Aktivisten von Format, die Zeit, M\u00fche und Engagement investierten. Und jetzt kommt die Zukunft auch als queeres Jugendzentrum, f\u00fcr Frauen und die ganze Community.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum \u00fcberhaupt eine Geschichte \u00fcber unser Gugg? Vereinsr\u00e4umlichkeiten sind mehr als eine blo\u00dfe Infrastruktur zur Abhaltung \u201enotwendiger\u201c Treffen und Veranstaltungen. Sie geben einer Gemeinschaft wie der HOSI Wien ein Zuhause \u2013 f\u00fcr manche sind sie sogar das zweite Zuhause \u2013 und machen Dinge m\u00f6glich, die ohne den pers\u00f6nlichen Kontakt nicht m\u00f6glich w\u00e4ren. <\/p>\n\n\n\n<p>So hatte auch die HOSI Wien bis zum Jahr 2010 mit ihrem Vereinszentrum in der Novaragasse ein kleines, gem\u00fctliches Zuhause. Wenn mensch aber bedenkt, dass die wichtigsten Gruppenangebote der HOSI Wien an Frauen und Jugendliche gerichtet sind, war es doch ung\u00fcnstig, dass wir uns im Rotlichtviertel befanden, Besucherinnen f\u00fcr Prostituierte gehalten wurden und ungeoutete Jugendliche den Weg hinein oft nicht wagten, weil er \u00fcber eine enge Treppe ins Souterrain f\u00fchrte. Vom Rest der LGBTIQ*-Szene waren wir ohnehin g\u00e4nzlich abgeh\u00e4ngt. Die Bed\u00fcrfnisse waren also klar auf etwas Neues gerichtet, nur die Vereinsmittel waren es nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es bedurfte der gl\u00fccklichen F\u00fcgung in Form der Erbschaft des Rechtsanwaltes Dr. Franz Xaver Gugg, die es uns erm\u00f6glichte, ein neues Lokal einzurichten. 1921 in O\u00d6 geboren, erlebte er die dunkelsten Phasen der \u00f6sterreichischen Geschichte, vor allem in Hinblick auf (Homo-)Sexualit\u00e4t. 1963 gr\u00fcndete er den \u201eVerband f\u00fcr freie Mutterschaft und sexuelle Gleichberechtigung\u201c mit, der erstmals queerfeministische Forderungen stellte. Das erzeugte zwar mediales Aufsehen, aber erwartungsgem\u00e4\u00df in diffamierender Weise. So blieben \u00fcberforderte Aktivist*innen \u00fcbrig, Unterst\u00fctzung und damit Erfolge aber leider aus. Dass dies in Zeiten des Totalverbots gleichgeschlechtlicher Handlungen sehr mutig war, zeigte sich, als Gugg 1967 selbst zu dessen Opfer wurde. F\u00fcr ihn, der Kriegsgefangenschaft erlebt hatte, waren die zehn Monate schwerer Kerker nacheigenen Aussagen nicht allzu schlimm, doch verlor er mit der Verurteilung auch seine Zulassung als Rechtsanwalt und sogar sein Wahlrecht. Trotz seiner juristischen Expertise bekam er all das erst nach einem Kampf wieder, der zehn Jahre dauern und ihn bis zum Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte f\u00fchren sollte. Ab Gr\u00fcndung der HOSI Wien 1980 war er bereits ein unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfer F\u00f6rderer. Nachdem ihm 2003 drohte, ein Pflegefall zu werden, entschied er sich, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Ein ausf\u00fchrliches Portrait von Martin Weber findet sich unter hosiwien.at\/img\/pdf\/ln302gugg.pdf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun fragen sich manche, wieso unser zu seinen Ehren nach ihm benannte Zentrum erst 2010 \u00f6ffnete, wenn Gugg die HOSI Wien doch bereits sieben Jahre zuvor bedacht hatte. Die Antwort findet sich in einer Justizposse, in der das Originaltestament verschlampt wurde, die Kopien nicht anerkannt wurden und entfernte Verwandte und Guggs Sohn statt der HOSI Wien als Erben eingesetzt werden h\u00e4tten sollen. Die Vertreter der HOSI Wien mussten jahrelang Zeit, Nerven und finanzielles Risiko auf sich nehmen, so dass mensch sich noch fragen kann, ob die HOSI das Geld geerbt und nicht de facto sauer verdient hatte. Der komplette Verlauf des Verfahrens kann in den Lambda Nachrichten 1\/2010 (lambdanachrichten.at) nachgelesen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn das Erbe ein Segen war, reichte es auch nur zur Anschaffung des Inventars.Auch in den folgenden Jahren wurden die baulichen Arbeiten selbst und ehrenamtlich verrichtet. Dabei ist besonders Giovanni Reichmann zu ehren, der mit viel Expertise in diesen zehn Jahren alle baulichen Projekte koordiniert hat, selbst die allermeiste Arbeit verrichtete und im laufenden Betrieb stets die Technik betreute. Nur so konnte das Gugg am 25. September 2010 feierlich durch die damalige Stadtr\u00e4tin Sandra Frauenberger er\u00f6ffnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Umzug ein voller Erfolg war, stellte sich rasch heraus: So erh\u00f6hte sich die Besucher*innenzahl von Jugend- und Lesbengruppe immens und bald kamen auch weitere Angebote wie die Diskussionen zu queeren Themen, dienst\u00e4glichen Spieleabende, Yogaworkshops, Selbstverteidigungskurse uvm. hinzu. Auch bei den vereinseigenen, beliebten Events HOSIsters und Schlagerakademie konnten im neuen Veranstaltungssaal mehr Interessierte Platz finden. Enorm stark stieg weiters die Nachfrage von Privatpersonen f\u00fcr Feierlichkeiten, queeren Kulturschaffenden und auch von anderen Vereinen wie den Song-Contest-Fanclub OGAE, die AIDS-Hilfe Wien, queerconnexion, QWIEN, VIM\u00d6, MiGay, SoHo, FAmOS, visibility, Resis.danse, Ace\/Aro und Queer Business Women.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2048\" height=\"1365\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/3-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-818\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/3-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/3-300x200.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/3-150x100.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/3-768x512.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/3-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/3-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/3-1980x1320.jpg 1980w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/3.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><figcaption>F\u00fcr gem\u00fctliche, gesellige Abende \u2013 vor allem f\u00fcr Frauen und trans* Frauen \u2013 ist das Gugg ebenso bekannt.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nachdem die HOSI Wien auch immer mehr Eigenbedarf an B\u00fcro- und Seminarr\u00e4umen hatte, platzte das Gugg nach nur wenigen Jahren aus allen N\u00e4hten, weswegen 2013 ein Lager angemietet und das Lokal 2015 erweitert werden musste. Wieder konnte das nur gro\u00dfteils ehrenamtlich und durch gro\u00dfz\u00fcgige Spenden geschehen. Auch zwischendurch gab es immer wieder qualitative, bauliche Ma\u00dfnahmen, die Technik, Komfort, betriebliche Kapazit\u00e4ten und den Look des HOSI Wien-Zentrums verbessern konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Verdoppelung der Nutzfl\u00e4che war nun wieder einige Zeit lang Raum, um fast alle Nutzungsanfragen zu bedienen, doch mit der \u00dcbernahme der Vienna Pride (inkl. EuroPride 2019) wurde es dann schon wieder zu eng, so dass in der benachbarten Franzensgasse weitere B\u00fcror\u00e4ume angemietet werden mussten. Und trotzdem schossen die Anfragen von Externen auch so weit in die H\u00f6he, dass zu Sto\u00dfzeiten im Fr\u00fchling und Herbst leider nicht mehr immer alle bedient werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt kann in aller Bescheidenheit gesagt werden, dass es sich beim Arbeitsbereich von Gugg, HOSIsters, Jugend- und Lesbengruppe um ein von Anfang an couragiertes Projekt handelt. Schlie\u00dflich ist es eher un\u00fcblich, ohne gro\u00dfe F\u00f6rderung ein Kultur- und Sozialzentrum in Eigenregie zu betreiben, dabei noch andere Vereine in der Regel kostenlos zu beherbergen und das Risiko hoher Fixkosten zu tragen. So konnte auch der laufende Betrieb nur durch gro\u00dfes, ehrenamtliches Engagement abgewickelt werden, allen voran durch Kurt Krickler, der neben der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung bis 2018 \u00fcber 5.000 ehrenamtliche Barstunden geleistet hat \u2013 daneben dutzende weitere, vor allem aktive Mitglieder der Lesben- und Jugendgruppe, die hier nicht alle namentlich erw\u00e4hnt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle w\u00e4re ein Ausblick in die Zukunft des Gugg passend, doch die Tatsache, dass es formal ein Kaffeehaus ist, erlaubt noch keine Kaffeesudleserei. Nicht nur das aktuelle Weltgeschehen w\u00fcrde konkrete Aussagen zu einer solchen machen, auch die Entwicklung interner und externer Projektgruppen ist daf\u00fcr zu dynamisch. Die langj\u00e4hrige Forderung nach einem queeren Jugendzentrum, die der Gemeinderat beschlossen hat, wird hier Angebote auch mittelfristig in daf\u00fcr geeignetere R\u00e4umlichkeiten verlagern. Bedarf w\u00e4re aber in vielerlei Hinsicht gegeben, f\u00fcr den es aber wieder engagierte Freiwillige braucht. Besonders f\u00fcr \u00adqueere Frauen, f\u00fcr die die Privatwirtschaft viel zu wenig bietet, br\u00e4uchte es mehr und vielf\u00e4ltigere Angebote, aber auch f\u00fcr alle anderen queeren Personen, denn die Interessen der Community sind so bunt und vielf\u00e4ltig wie sie selbst. Zu hoffen bleibt aber, dass die HOSI Wien mit dem Gugg sich selbst und anderen bedarfsgerechten Raum bieten kann. \u03bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang stand ein K\u00e4mpfer von Format: Der Rechtsanwalt Dr. Franz Xaver Gugg, der das Startkapital gab. Dann kamen Aktivisten von Format, die Zeit, M\u00fche und Engagement investierten. Und jetzt kommt die Zukunft auch als queeres Jugendzentrum, f\u00fcr Frauen und die ganze Community. Warum \u00fcberhaupt eine Geschichte \u00fcber unser Gugg? 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