{"id":813,"date":"2020-09-04T00:54:17","date_gmt":"2020-09-04T00:54:17","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=813"},"modified":"2021-05-11T21:16:30","modified_gmt":"2021-05-11T21:16:30","slug":"menschen-nicht-ideologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=813","title":{"rendered":"Menschen, nicht Ideologie"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Im Zuge der Covid-19-Krise waren die Medienberichte der letzten Monate gr\u00f6\u00dftenteils mit Corona verkn\u00fcpft. Wenig gab es zu lesen \u00fcber die Situation von LGBTI- Personen, auch die Regenbogenparaden fanden nicht statt \u2013 immerhin eine v.a. virtuelle World Pride am selben Tag. Eine einzige positive Nachricht ist mir in Erinnerung: dass in Montenegro am 1. Juli das Parlament mit einer knappen Mehrheit f\u00fcr die Einf\u00fchrung der gleichgeschlechtlichen Ehe stimmte \u2013 eine Pionierleistung f\u00fcr S\u00fcdosteuropa! Angesichts der schwie\u00adrigen Lage in Montenegro in Bezug auf Medienfreiheit sowie Korruption und Intransparenz in vielen demokratischen Entscheidungen w\u00e4re es jedoch w\u00fcnschenswert, wenn Pr\u00e4sident und Langzeitherrscher Milo \u0110ukanovi\u0107 auch in diesen Zusammenhang und nicht nur in Bezug auf LGBTI-Rechte die europ\u00e4ischen Werte hochhalten w\u00fcrde! Interessanterweise ist es in Montenegro die Russland und Serbien nahestehende Opposition, in enger Eintracht mit der serbisch-orthodoxen Kirche im Land, die die \u201etraditionellen Familienwerte\u201c verteidigt. \u201eDas Hauptziel dieses Gesetzes ist es, eine neues Wertesystem zu installieren. Nachdem sie uns schon alles andere genommen haben, wollen sie jetzt auch noch unsere Familien.\u201c, wie Neboj\u0161a Medojevi\u0107, einer der Oppositionschefs, ihre Haltung begr\u00fcndete. <\/p>\n\n\n\n<p>In Polen hingegen ist die regierende PiS- Partei zwar vehement anti-russisch, doch bei ihrer anti-LGBTI- und \u201epro-traditionelle Familienwerte\u201c-Haltung \u00e4hnelt sie markant der Haltung des Kreml-Herrschers Putin. Die Verfolgung und Hass-Kampagnen gegen unsereins in Polen, die sich im Zuge der j\u00fcngsten Pr\u00e4sidentschaftswahlen verst\u00e4rkt haben, sind im August eskaliert: Eine Aktivistin wurde verhaftet, beim Protest gegen diese Verhaftung wurden am 8. August rund 50 AktivistInnen verhaftet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Juli war Andrzej Duda in der Stichwahl mit einer sehr knappen Mehrheit als Staatspr\u00e4sident wiedergew\u00e4hlt worden. In seiner Zeit im Europaparlament 2014\/2015 war er nicht nur mir nicht aufgefallen, der deutsche Tagesspiegel bezeichnete ihn rund um seinen ersten Berlin-Besuch im August 2015 als \u201eHinterb\u00e4nkler\u201c. Womit er jedoch in seinem zweiten Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf im heurigen Juni sehr wohl aufgefallen ist, sind seine Aussagen, wir LGBTI-Personen seien nicht Menschen, sondern bei unseren Forderungen ginge es um pure Ideologie, und dass die \u201eLGBT-Ideologie\u201c zerst\u00f6rerischer als der Kommunismus sei\u2026 <\/p>\n\n\n\n<p>Nun, diese Aussagen richten sich selbst und zeugen von ideologie-getriebener Kurzsichtigkeit. Aber die Folgen derartiger homo-, lesbo- und transphober Aussagen von der h\u00f6chsten Stelle im Staate sind genau die o.g. Hetze und Gewalt gegen alle, die nicht die \u201etraditionellen Familienwerte\u201c verteidigen. Eines EU-Staates, dessen h\u00f6chste Amtstr\u00e4gerInnen die EU-Grundrechtecharta hochhalten sollten, sind sie unw\u00fcrdig \u2013 und sie sind gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Erfreulicherweise hat die EU-Kommission einen ersten richtigen Schritt gesetzt und die Antr\u00e4ge von 6 Gemeinden zur F\u00f6rderung ihrer jeweiligen St\u00e4dtepartnerschaften mit St\u00e4dten in anderen EU-Staaten abgelehnt. Begr\u00fcndung: diese Gemeinden hatten sich zu \u201eLGBT-freien\u201c Zonen erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erfreulich auch, dass es in Wien am 12. August, aus Anlass der oben erw\u00e4hnten Verhaftungen im Kontext der staatlich gef\u00f6rderten LGBT-feindlichen Stimmung, eine sehr spontane Protest- und Solidarit\u00e4ts-Kundgebung vor dem Polnischen Institut gab, rund 200-300 Leute waren, viele mit buntem Regenbogen-Mund-Nasenschutz, auf den Stufen vor Maria am Gestade anwesend. Ein starkes Zeichen!<\/p>\n\n\n\n<p>Informationen zur Hetze gegen LGBTI- Personen in Polen haben sehr wohl den Weg in unsere Mainstream-Medien gefunden, immerhin \u2013 aber vieles andere nicht, so wie etwa der Selbstmord der 30-j\u00e4hrigen \u00e4gyptischen LGBT-Aktivistin Sarah Hegazi am vergangenen 14. Juni im kanadischen Exil in Toronto.<\/p>\n\n\n\n<p>#RaiseTheFlagForSarah<\/p>\n\n\n\n<p>Im September 2017 hatte sie beim Kairoer Konzert der libanesischen Indie-Pop-Band Mashrou\u2019 Leila, deren Leads\u00e4nger Hamed Sinno aus seinem Schwulsein kein Geheimnis macht, die Regenbogenfahne hochgehalten. Dieses Foto von ihr, lachend auf den Schulten eines Freundes, wurde ihr zum Verh\u00e4ngnis: Das Foto ging durch die sozialen Medien, sie wurde \u2013 wie auch mehr als 70 andere LGBTI-AktivistInnen \u2013 zum Ziel staatlicher Gewalt: Verhaftung, Folter, Isolationshaft. Viele von ihnen wurden wegen \u201eAusschweifungen\u201c zu bis zu sechs Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hegazi selbst kam nach drei Monaten im Gef\u00e4ngnis im J\u00e4nner 2018 gegen Kaution wieder frei. Von ihrer Familie erhielt sie danach keine Unterst\u00fctzung. In der konservativ-reaktion\u00e4ren \u00e4gyptischen Mittelschicht ist es schlimmer, sich f\u00fcr LGBTI-Rechte einzusetzen, als \u201enur\u201c die \u201es\u00fcndhafte Sexualit\u00e4t\u201c zu leben, wie es nach ihrem Tod einige Kommentatoren auf So\u00adcial Media klar machten: Das Gesicht zu zeigen, offen f\u00fcr unsere Rechte einzutreten, ist das gr\u00f6\u00dfere Verbrechen, als einfach lesbisch oder schwul zu leben \u2013 und schon das ist nicht einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>2018 entschied sich die \u00e4gyptische Aktivistin, in Kanada um Asyl anzusuchen. In Toronto war sie u.a. in einem Netzwerk arabisch-st\u00e4mmiger AktivistInnen t\u00e4tig. Doch Sarah Hegazi litt nach ihrem Gef\u00e4ngnisaufenthalt an posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen. \u201eDas Gef\u00e4ngnis hat mich umgebracht\u201c, schrieb sie. Und: \u201eNach meiner Freilassung hatte ich noch immer vor allen Angst. Die Ungerechtigkeit\u201c habe ein \u201eschwarzes Loch\u201c in ihre Seele gegraben und \u201esie bluten lassen \u2013 ein Loch, das die \u00c4rzte noch nicht heilen konnten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Tag bevor sie sich am 14. Juni das Leben nahm hatte sie noch ein Bild von sich gepostet, wie sie auf gr\u00fcnem Gras lag, unter einem hellen blauen Himmel: \u201eDer Himmel ist sch\u00f6ner als die Erde, und ich will den Himmel, nicht die Erde.\u201c Hamed Sinno, der Lead-S\u00e4nger von Mashrou\u2019 Leila, postete das Bild von ihr mit der Regenbogenfahne und schrieb darunter \u201eFreiheit f\u00fcr deine Seele\u201c. Und er entschuldigte sich \u2013 selbst im selbst-gew\u00e4hlten Exil \u2013 auf Facebook daf\u00fcr, falls er \u201eirgendjemand Hoffnung gegeben habe, dass sie uns eines Tages als Menschen sehen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>In ihrer Abschiedsbotschaft schrieb Sarah Hegazi: \u201eAn meine Geschwister: Ich habe versucht zu \u00fcberleben, bin gescheitert. Vergebt mir. An meine Freundinnen und Freunde: die Erfahrungen waren grausam und ich bin zu schwach, weiter Widerstand zu leisten. Vergebt mir. An die Welt: du warst extrem grausam, aber ich vergebe.\u201c \u03bb<\/p>\n\n\n\n<p><em>Quellen zu Sarah Hegazi: Liberation, taz, NZZ, CNN<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge der Covid-19-Krise waren die Medienberichte der letzten Monate gr\u00f6\u00dftenteils mit Corona verkn\u00fcpft. Wenig gab es zu lesen \u00fcber die Situation von LGBTI- Personen, auch die Regenbogenparaden fanden nicht statt \u2013 immerhin eine v.a. virtuelle World Pride am selben Tag. 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