{"id":5146,"date":"2025-03-07T00:20:00","date_gmt":"2025-03-06T23:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5146"},"modified":"2025-06-04T20:58:14","modified_gmt":"2025-06-04T18:58:14","slug":"lebensabend-in-wuerde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5146","title":{"rendered":"Lebensabend in W\u00fcrde"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie ein Schweizer Forschungsprojekt Palliativversorgung f\u00fcr LGBTIQ+ Menschen verbessert<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">\u201eIhre Frau kann gerne beim n\u00e4chsten Mal mitkommen\u201c, sagt der Krankenpfleger freundlich beim Verabschieden, \u201e\u2013 oder sonst jemand aus der Familie.\u201c Eine gut gemeinte Einladung. Nur dass Tom, der an Darmkrebs leidet und palliativmedizinisch begleitet wird, nicht mit einer Frau verheiratet ist. Er lebt seit gut 20 Jahren mit seinem Partner Frank zusammen. Familie? Ja, aber nicht im traditionellen Sinn. Vielmehr eine \u201echosen family\u201c, enge Freund*innen, die meisten aus der queeren Community. Tom setzt an, um zu antworten \u2013 aber aus Angst vor der Reaktion des Pflegers entscheidet er sich f\u00fcr ein schwaches L\u00e4cheln und nickt blo\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie Tom ergeht es LGBTIQ+ Personen im Gesundheitssystem h\u00e4ufig. Palliativbetreuung betrifft eine besonders verletzliche Lebensphase, in der medizinische Fachleute Sicherheit geben und Vertrauen schaffen wollen. Doch wie in anderen Bereichen fehlt es oft an Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Lebensrealit\u00e4ten queerer Menschen. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Projekt von, mit und f\u00fcr die Community <\/h3>\n\n\n\n<p>Hier setzt ein neues Schweizer Forschungsprojekt an. \u201eTRUST-PALL\u201c nennt sich die Initiative, die Anfang 2025 am Universit\u00e4tsspital Lausanne (CHUV) zusammen mit der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und der Fachhochschule Westschweiz gestartet wurde. Das bedeutungsvolle Akronym steht f\u00fcr \u201eTailoring Respectful and Understanding SupporT for LGBTIQ+ individuals in Palliative and End-of-Life Contexts\u201c. Die Studie untersucht die Bed\u00fcrfnisse von LGBTIQ+ Personen in Palliativbetreuung, mit dem Ziel ma\u00dfgeschneiderte und respektvolle Begleitung zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Besondere: Die Community selbst gestaltet das Projekt mit. Durch Befragungen, Diskussionsrunden und Workshops bringen queere Personen ihre Erfahrungen ein und lenken so den Projektverlauf mit. Dabei kann jede*r mitmachen, die oder der etwas beizutragen hat. Auch innerhalb des wissenschaftlichen Teams sind queere Menschen vertreten und bringen ihre Expertise ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ins Leben gerufen wurde TRUST-PALL von Claudia Gamondi, Professorin an der Universit\u00e4t Lausanne und Leiterin der Abteilung f\u00fcr Palliativ- und Supportive Care des CHUV. \u201eMir war schnell klar, dass wir hier verschiedene Kompetenzen an Bord holen und die LGBTIQ+ Community von Beginn an aktiv einbinden m\u00fcssen, damit unser Vorhaben Sinn macht.\u201c Daher hat die \u00c4rztin ein buntes Team zusammengestellt: Palliativmediziner*innen, Pflegefachkr\u00e4fte, Sozialpsychologinnen mit Forschungserfahrung zu LGBTIQ+ Themen, Expertinnen f\u00fcr partizipative Forschung und f\u00fcr \u00f6ffentliche Gesundheit. Und vor allem: Queers aller Lebenslagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um zu verstehen, was f\u00fcr diese z\u00e4hlt, verfolgt TRUST-PALL einen partizipativen Forschungsansatz. \u201eWir forschen nicht \u00fcber, sondern mit der Community\u201c, betont Gamondi. Dazu greift ihr Team auf die Erfahrungen des Schweizer LGBTIQ+ Panels zur\u00fcck \u2013 ein Forschungsprojekt, das seit 2019 j\u00e4hrlich die Situation von LGBTIQ+ Personen in der Schweiz untersucht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schritt 1: Bei den Betroffenen nachgefragt <\/h3>\n\n\n\n<p>Das Panel wurde von Dr. Tabea H\u00e4ssler und Dr. L\u00e9\u00efla Eisner, Oberassistierende am Lehrstuhl f\u00fcr Sozialpsychologie der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, gegr\u00fcndet. Sie sind spezialisiert auf LGBTIQ+ Forschung und Teil des Teams von TRUST-PALL. Echte Inklusion aller Teilnehmenden ist f\u00fcr sie zentral. \u201eMit dem Schweizer LGBTIQ+ Panel verfolgen wir mehrere Ziele\u201c, erkl\u00e4rt Tabea H\u00e4ssler. \u201eErstens erheben wir solide Daten \u00fcber die Integration queerer Menschen in der Schweiz. Das ist wichtig f\u00fcr wissenschaftliche Zwecke, aber f\u00fcr uns z\u00e4hlt vor allem, die Ergebnisse den Betroffenen zur\u00fcckzumelden. Alle Daten sind daher in Form leicht verst\u00e4ndlicher Berichte auf unserer Webseite abrufbar. Und schlie\u00dflich k\u00f6nnen wir dank der Erhebung Ver\u00e4nderungen im Laufe der Jahre beobachten und messen, welche Auswirkungen gesellschaftliche Ereignisse haben.\u201c 2023 haben rund 2500 LGBTIQ+ und 350 cis-heterosexuelle Personen bei der Umfrage mitgemacht, Tendenz steigend. Die Daten werden auch von politischen Entscheidungstr\u00e4gern f\u00fcr die Gestaltung sozialer und gesetzlicher Ma\u00dfnahmen herangezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls Claudia Gamondi uns kontaktiert hat, waren wir sofort neugierig\u201c, erg\u00e4nzt L\u00e9\u00efla Eisner. Von der Wichtigkeit des Themas \u00fcberzeugt, haben sie in die Panel-Umfrage 2025 mehrere Fragen zu den speziellen Bed\u00fcrfnissen der LGBTIQ+ Community in der Palliativpflege aufgenommen. Dabei werden alle Sprachregionen der Schweiz und verschiedene Subgruppen ber\u00fccksichtigt, um kulturelle und soziale Unterschiede mit einzubeziehen. \u201eWir wissen, dass es da enorme Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen, aber auch l\u00e4ndlichen und st\u00e4dtischen Regionen gibt\u201c, betont Eisner.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schritt 2: Forschende und Community gestalten gemeinsam<\/h3>\n\n\n\n<p>Auf Grundlage der Umfrageergebnisse werden in der n\u00e4chsten Etappe Diskussionsrunden und Workshops organisiert, in denen konkrete Handlungsempfehlungen von Betroffenen, Forschenden und Gesundheitspersonal gemeinsam erarbeitet werden. Dabei sollen sowohl \u00fcbergreifende Bed\u00fcrfnisse verschiedener Gruppen ber\u00fccksichtigt werden als auch spezielle Anforderungen einzelner Subgruppen \u2013 etwa von trans Personen, bestimmten Altersgruppen oder Menschen in unterschiedlichen regionalen Kontexten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Erkenntnisse flie\u00dfen direkt in den weiteren Projektverlauf ein\u201c, erkl\u00e4rt Philip Larkin, Professor f\u00fcr Palliativpflege am CHUV und Mitinitiator von TRUST-PALL. Er bringt langj\u00e4hrige Erfahrung aus partizipativen Forschungsprojekten ein. Das dreij\u00e4hrige, vom Schweizerischen Nationalfonds gef\u00f6rderte Projekt will so wissenschaftliche Vorgehensweise mit den realen Bed\u00fcrfnissen der LGBTIQ+ Community verbinden. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn: \u201eIch h\u00f6re oft von Kolleg*innen: \u201aWir behandeln alle gleich&#8216;. Damit wollen sie ausdr\u00fccken, dass sie niemanden diskriminieren\u201c, berichtet Larkin. \u201eAber das ist ein Irrglaube. Wer die spezifischen Herausforderungen von LGBTIQ+ Personen nicht kennt, kann sie auch nicht ber\u00fccksichtigen.\u201c Tabea H\u00e4ssler best\u00e4tigt das. \u201ePrivilegien sind unsichtbar. Das beginnt bei der Art wie eine Frage formuliert wird. Wenn eine \u00c4rztin zu ihrer Patientin sagt \u201aIhr Partner oder Ihre Partnerin\u2018 statt \u201aIhr Mann&#8216;, dann schafft das Vertrauen und signalisiert \u201aOK, ich kann hier offen \u00fcber meine Lebenssituation reden&#8216;.\u201c Die Bedeutung von inklusiver Sprache und Symbolik werde von Gesundheitsfachpersonen oft untersch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schritt 3: Konkrete Handlungsempfehlungen entwickeln<\/h3>\n\n\n\n<p>Daher sollen Fachpersonen am Ende das n\u00f6tige Wissen und die Werkzeuge erhalten, damit sie den Bed\u00fcrfnissen queerer Patient*innen angemessen entgegenkommen k\u00f6nnen. Zentrales Ziel von TRUST-PALL ist die Entwicklung eines \u201eRainbow Book\u201c: ein praxisorientierter Leitfaden, der dem Gesundheitsfachpersonal konkrete Empfehlungen geben soll.<\/p>\n\n\n\n<p>In mehreren L\u00e4ndern, wie Irland oder den Niederlanden, gibt es bereits Richtlinien f\u00fcr LGBTIQ+-inklusive Palliativversorgung. In der Schweiz, sowie auch in \u00d6sterreich, fehlen solche Konzepte bislang. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Projekt mit Signalwirkung?<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Vertrauen zwischen Patient*innen, ihren Angeh\u00f6rigen und Gesundheitsfachpersonen ist eine zentrale Voraussetzung f\u00fcr gute Palliativversorgung. Doch Vertrauen muss aufgebaut werden \u2013 besonders in einer Community, die jahrzehntelang Erfahrungen mit Ausgrenzung, Pathologisierung und mangelnder Sensibilit\u00e4t gemacht hat. \u201eTRUST-PALL will Vertrauen schaffen, indem wir LGBTIQ+ Personen direkt fragen, was ihre Bed\u00fcrfnisse sind, um so klinisches Personal f\u00fcr einen respektvollen Umgang zu sensibilisieren\u201c, sagt Gamondi.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr die Palliativmedizinerin selbst ist das Projekt ein Lernprozess. \u201eIch muss mich immer wieder daran erinnern, \u201athey\u2018 zu sagen, wenn es um nicht-bin\u00e4re Personen geht\u201c, gibt sie zu. \u201eDas ist eine Lernkurve. Aber wir m\u00fcssen diesen Effort machen. Ich sage meinen Kolleg*innen immer: Korrigiert mich, ich will es richtig machen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>TRUST-PALL zeigt, wie durch respektvollen und inklusiven Umgang Verst\u00e4ndnis geschaffen werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass \u00e4hnliche Initiativen zuk\u00fcnftig auch in anderen L\u00e4ndern, wie \u00d6sterreich, dazu beitragen, die Bed\u00fcrfnisse queerer Menschen in ihrer letzten Lebensphase angemessen zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Klara Soukup<br>Wissenschaftsjournalistin<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ein Schweizer Forschungsprojekt Palliativversorgung f\u00fcr LGBTIQ+ Menschen verbessert \u201eIhre Frau kann gerne beim n\u00e4chsten Mal mitkommen\u201c, sagt der Krankenpfleger freundlich beim Verabschieden, \u201e\u2013 oder sonst jemand aus der Familie.\u201c Eine gut gemeinte Einladung. Nur dass Tom, der an Darmkrebs leidet und palliativmedizinisch begleitet wird, nicht mit einer Frau verheiratet ist. 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