{"id":5130,"date":"2025-03-07T00:15:00","date_gmt":"2025-03-06T23:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5130"},"modified":"2025-03-06T23:13:50","modified_gmt":"2025-03-06T22:13:50","slug":"schwul-und-behindert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5130","title":{"rendered":"Schwul und behindert"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Na und?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Doppelte Diskriminierung als schwuler Behinderter? Schwer zu beantworten. Aber beginnen wir einmal so:<\/p>\n\n\n\n<p>13.11.2013, New York: Der Tag, der mein Leben ver\u00e4nderte. Ich war, kurz nach meinem 60. Geburtstag, eben von einem ganzt\u00e4gigen Seminar an der Brooklyner Pratt-Uni ins Hotel in Manhattan zur\u00fcckgekehrt, begann meinen Koffer f\u00fcr die am n\u00e4chsten Tag geplante Bahnfahrt nach Washington zu packen, wo ich an der \u00f6sterreichischen Botschaft ein weiteres Seminar leiten sollte. Dann ging ich ins Bad und \u2013 vermeintlich \u2013 zu Bett \u2026 Doch als ich aufwachte, lag ich in einem Krankenhauszimmer nach einer, wie ich sp\u00e4ter erfuhr, Gehirnoperation, denn man hatte mich nach ca. 12 Stunden bewusstlos auf dem Boden des Hotelzimmers gefunden. Mein Lebenspartner Werner, den ich eigentlich in Wien vermutete \u2013 er war sofort nach Erhalt der schrecklichen Nachricht nach New York geflogen und hatte sein Einverst\u00e4ndnis zu meiner OP gegeben \u2013 stand zu meinem Erstaunen neben dem Krankenhausbett und fl\u00fcsterte mir zu: Du hast einen Schlaganfall gehabt. Wir schaffen das gemeinsam. Erst sp\u00e4ter sagte man mir, dass ein Schlaganfall innerhalb einer Stunde behandelt werden m\u00fcsse, um st\u00e4rkere bleibende Sch\u00e4den zu verhindern. Bei mir hatte es insgesamt fast 24 Stunden gedauert, weil das private Krankenhaus, wohl um die Bezahlung durch die Versicherung zu kl\u00e4ren, mit der OP weitere 12 Stunden zugewartet hatte; amerikanisches Gesundheitssystem eben, Geld geht vor Gesundheit; die Kosten betrugen dann schlanke 300.000 Dollar &#8230;. \u201eWir schaffen das gemeinsam\u201c- das beruhigte mich vorerst. Es konnte ja jetzt nur mehr bergauf gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und tats\u00e4chlich, wir schafften das: Ambulanzflug nach Wien, neun Monate im Otto Wagner-Spital (heute Klinik Penzing, erstaunlich gut und beinahe angenehm; von Diskriminierung keine Spur), dann ein paar Monate im Neurologischen Zentrum Rosenh\u00fcgel (weniger gut und angenehm), Wohnungsumbau und seither immer noch regelm\u00e4\u00dfige Therapien. Aber auch ein zunehmend normales Leben mit Reisen, Besuchen bei Freunden, Theater- und Konzertabenden, Ausstellungsbesuchen etc. Schlie\u00dflich begann ich auch wieder im Homeworking zu arbeiten, wobei mir mein Arbeitgeber, die Stadt Wien, sehr entgegenkam.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich begannen dann auch die M\u00fchen des Alltags. Wien ist zwar in allen \u00f6ffentlichen Einrichtungen \u2013 \u00f6ffentlicher Verkehr, Museen, Amtsh\u00e4user, Theater- und Konzerth\u00e4user etc. \u2013 vorbildlich barrierefrei, an privaten Orten- \u00e4ltere Wohnh\u00e4user, Gesch\u00e4fte, Restaurants u.a. aber noch weit von Barrierefreiheit entfernt. Da geht es nicht ohne Hilfe, auch wenn ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung sich als r\u00fccksichtsvoll und \u2013 oft sogar zu \u2013 hilfsbereit erweist. <\/p>\n\n\n\n<p>Problematisch erscheint mir die Einstellung der Stadtplanung, die offenbar prim\u00e4r von jungen Menschen ohne Mobilit\u00e4tseinschr\u00e4nkung ausgeht. Nicht jeder kann sich aufs Rad schwingen, und auf dem Gehsteig oder durch Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen rasende Fahrr\u00e4der oder E-Roller stellen f\u00fcr Behinderte und \u00e4ltere Menschen nun einmal eine Gefahr dar; aus dem gleichen Grund meide ich Begegnungszonen wie auf der Mariahilferstra\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Nun sind das nat\u00fcrlich Einschr\u00e4nkungen, die alle, nicht nur queere Behinderte treffen. Ob sich die schwule Subkultur mit ihrem Jugend- und Fitnesskult gegen\u00fcber Behinderten zus\u00e4tzlich diskriminierend verh\u00e4lt, kann ich nicht beurteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch am\u00fcsante Situationen gab und gibt es: \u201eGlaubens, will der Papa a Suppn?\u201c fragte eine Kellnerin meinen Lebenspartner im Rehabilitationszentrum. Immer wieder gab es solche Momente. Wer im Rollstuhl sitzt, ist wohl zwangsl\u00e4ufig alt und hilflos oder auch schwerh\u00f6rig! Und wenn zwei \u00e4ltere M\u00e4nner gemeinsam erscheinen, muss wohl einer der \u201ePapa\u201c sein \u2026 Aber damit lernten wir umzugehen. F\u00fcr die Mehrheit der Menschen, so erfuhr ich, stellt meine Situation \u2013 offen gelebtes Schwulsein ebenso wie physische Behinderung \u2013 kein Problem dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Ob man sich als schwuler Behinderter diskriminiert oder gar doppelt benachteiligt f\u00fchlt, h\u00e4ngt wohl prim\u00e4r vom eigenen Verhalten ab \u2013 von der Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der man der Umwelt in beiderlei Hinsicht begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte freilich auch Gl\u00fcck. Zwar bin ich durch die Sch\u00e4digung des Gehirns halbseitig gel\u00e4hmt und daher auf einen Rollstuhl angewiesen und zugleich sprechtechnisch behindert, doch wurden meine Sprach- und Ged\u00e4chtniszentren nicht zerst\u00f6rt. Auch habe ich neben meinem gro\u00dfartigen Partner, der f\u00fcr mich sein eigenes Leben weitgehend umgestellt hat, zwei pers\u00f6nliche Assistenten, die mich im Alltag unterst\u00fctzen, bereitgestellt von der vorbildlichen Wiener Assistenzgenossenschaft (WAG) und finanziert vom Fonds Soziales Wien (FSW), beide sympathische, engagierte und gutaussehende junge (Hetero-)M\u00e4nner, beide offen und \u2013 im positiven Sinn \u2013 neugierig. Und wenn sie mich fragen, wie es mir als behindertem Schwulen geht, kann ich ehrlich antworten: Gut!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wolfgang F\u00f6rster<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>geb. 1953 in Wien, Architekt, gr\u00fcndete 1979 trotz gesetzlichen Verbots die HOSI, durch die er auch seinen Lebenspartner Werner Taibon kennenlernte, mit dem er seit 45 Jahren zusammenlebt \u2013 seit 2010 in eingetragener Partnerschaft. Im Jahr 2013 erlitt er w\u00e4hrend einer beruflichen Reise in New York einen schweren Schlaganfall, der zu einer halbseitigen L\u00e4hmung und einer Sprechst\u00f6rung f\u00fchrte. Seither ben\u00fctzt er au\u00dferhalb der Wohnung einen Rollstuhl. Der LGBTIQ\u2018- Bewegung f\u00fchlt sich Wolfgang F\u00f6rster immer noch verbunden, auch wenn sie heute unter ganz anderen Bedingungen agieren kann als zum Zeitpunkt ihrer Gr\u00fcndung.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Na und? Doppelte Diskriminierung als schwuler Behinderter? Schwer zu beantworten. Aber beginnen wir einmal so: 13.11.2013, New York: Der Tag, der mein Leben ver\u00e4nderte. Ich war, kurz nach meinem 60. 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