{"id":5089,"date":"2025-03-07T00:10:00","date_gmt":"2025-03-06T23:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5089"},"modified":"2025-03-06T23:14:10","modified_gmt":"2025-03-06T22:14:10","slug":"leben-mit-hiv-frueher-und-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5089","title":{"rendered":"Leben mit HIV fr\u00fcher und heute"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Behindertenpass als Beispiel der Ver\u00e4nderung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Dank der erreichten medizinischen Erfolge ist ein Leben mit HIV heute nicht ann\u00e4hernd mit dem in den Anfangszeiten der HIV-Epidemie zu vergleichen. Aus einer t\u00f6dlichen Erkrankung wurde durch die Therapie eine chronische Infektion. Heute sind eine hohe Lebenserwartung und gute gesundheitliche Lebensqualit\u00e4t m\u00f6glich. Dieser Erfolg macht sich auch in der sozialarbeiterischen Betreuung und Beratung von Menschen mit HIV bemerkbar, wie Ingrid Neumeier erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Perspektiven in einem Leben mit HIV, die heutzutage m\u00f6glich sind, w\u00e4ren fr\u00fcher undenkbar gewesen. Denn ohne effektive Therapie f\u00fchrt eine HIV-Infektion im Laufe der Zeit zu massiven gesundheitlichen Beeintr\u00e4chtigungen und schweren Zusatzerkrankungen. Die fr\u00fchen Therapien konnten zwar den t\u00f6dlichen Verlauf verhindern, nicht aber weitere sp\u00fcrbare gesundheitliche Auswirkungen. Viele Menschen mit HIV mussten physische und psychische Beeintr\u00e4chtigungen erleben und konnten ihr Alltags- und Arbeitsleben nicht mehr wie vorher weiterf\u00fchren. <\/p>\n\n\n\n<p>Themen wie Arbeitsunf\u00e4higkeit und Fr\u00fchpension waren f\u00fcr viele Menschen mit HIV genauso Lebensrealit\u00e4t wie ein sogenannter Behindertenpass. Der Behindertenpass gibt einen von Gutachter*innen bestimmten Grad der Beeintr\u00e4chtigung an und erm\u00f6glicht damit unterschiedlichste Verg\u00fcnstigungen, Zusatzleistungen oder auch Rechtsschutz. Damit kann der Lebens- und Berufsalltag der Menschen aktiv erleichtert bzw. eine Schlechterstellung verhindert werden. Heute stellt die HIV-Infektion im Regelfall keine Basis f\u00fcr einen Behindertenpass mehr dar, denn mit der modernen HIV- Therapie hat sich die Situation komplett ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Ver\u00e4nderung sieht man besonders anschaulich am R\u00fcckgang der AIDS-Diagnosen. Zur Erinnerung: Die Diagnose AIDS wird dann gestellt, wenn eine Person mit HIV ein massiv eingeschr\u00e4nktes Immunsystem hat oder bestimmte Zusatzerkrankungen auftreten. Bei rechtzeitigem Start und durchgehender effektiver Therapie kommt es nicht mehr zur Diagnose AIDS.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Studie aus Deutschland zeigte dies sichtbar auf. Daten von etwa 23.000 Menschen mit HIV wurden f\u00fcr den Zeitraum 1999 bis 2018 ausgewertet. Im Jahr 1999 wurden pro 1000 Personen mit HIV statistisch gesehen 45,6 AIDS-Diagnosen gestellt. Im Jahr 2018 waren es 4,1 Diagnosen. Dass leider immer noch Diagnosen gestellt werden und damit Menschen mit massiven gesundheitlichen Problemen durch die HIV-Infektion zu k\u00e4mpfen haben, liegt daran, dass immer wieder die Infektion lange unerkannt und somit ohne Therapie bleibt. Das ist auch in dieser Studie zu sehen, vor allem aber sieht man den enormen Erfolg der HIV-Therapie.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso anschaulich spiegelt sich der Therapieerfolg in der steigenden Lebenserwartung wider. Das Durchschnittsalter der Menschen mit HIV, die in den gro\u00dfen HIV-Schwerpunktspit\u00e4lern \u00d6sterreichs betreut werden, lag 2002 bei 39,2 Jahren&nbsp;\u2013 aktuell liegt es bei 50,8 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erfolge machen sich nat\u00fcrlich nicht nur auf medizinischer Ebene bemerkbar. Auch sozialarbeiterische Themen, wie z.&nbsp;B. der oben genannte Behindertenpass als Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahme, haben sich ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Interview mit Mag.a (FH) Ingrid Neumeier<\/h3>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.aidshilfen.at\" data-type=\"link\" data-id=\"www.aidshilfen.at\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.aidshilfen.at<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Du arbeitest seit vielen Jahren in der AIDSHILFE OBER\u00d6STERREICH und begleitest Menschen mit HIV in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Hast du z.\u00a0B. mit Behindertenausweisen zu tun?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, allerdings nicht regelm\u00e4\u00dfig. Nat\u00fcrlich habe ich schon Antr\u00e4ge auf einen Behindertenpass mit Klient*innen ausgef\u00fcllt. Der Ausweis selbst und der jeweilige Grad sind z.&nbsp;B. nicht unwesentlich f\u00fcr Pflegegeld, Heimantr\u00e4ge f\u00fcr Pflegeheime oder Leistungen nach dem Chancengleichheitsgesetz. Wie ich das so erlebe, f\u00e4llt HIV hier aber nicht mehr ins Gewicht, insbesondere da mittlerweile selten AIDS-Diagnosen gestellt werden m\u00fcssen. Daher ist dies f\u00fcr viele meiner Klient*innen gar kein Thema. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Um ein Gef\u00fchl f\u00fcr den Wandel der Zeit zu bekommen: Was sind denn Themen, die dich in deinem Arbeitsalltag und deine Klient*innen in ihrem Lebensalltag besch\u00e4ftigen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die jahrelange Arbeit mit Menschen mit HIV hat sich in den letzten 20 Jahren ver\u00e4ndert. Am Anfang meiner beruflichen T\u00e4tigkeit standen Fragen wie \u201eWie lange lebe ich noch?\u201c, \u201eBin ich lebenslang ansteckend?\u201c, \u201eWie sage ich es Partner*innen oder Familie?\u201c, \u201eKann ich jemals eine Familie gr\u00fcnden?\u201c oder z.&nbsp;B. \u201eVerliere ich meinen Job?\u201c im Vordergrund. Auch Sterbe- und Trauerbegleitung der Angeh\u00f6rigen waren damals noch sehr pr\u00e4sent.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit ein paar Jahren steht das Thema \u201e\u00c4lter werden mit HIV\u201c immer st\u00e4rker im Fokus. Dank der Therapie ist dies zum Gl\u00fcck m\u00f6glich, bringt aber nat\u00fcrlich auch neue Herausforderungen mit sich&nbsp;\u2013 nicht nur auf gesundheitlicher Ebene. Da geht es etwa um Vereinsamung oder die Angst vor Abh\u00e4ngigkeit von anderen Menschen im h\u00f6heren Alter. Eine andere h\u00e4ufige Sorge ist z.&nbsp;B. der Zugang zu kultur- und gendersensibler Pflege. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Gedanken um sensible Pflegeangebote im Alter sind vermutlich eher HIV-unabh\u00e4ngig?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja und nein. Zweifelsfrei ist kultur- und gendersensible Pflege eine grunds\u00e4tzliche gesellschaftliche Notwendigkeit, auch ohne den HIV-Kontext. Der Themenbereich beeinflusst die physische, psychische und sexuelle Lebensqualit\u00e4t von \u00e4lteren LGBTQIA+ Personen oder z.&nbsp;B. Personen mit Migrationshintergrund. Das betrifft wirklich viele Menschen, daher m\u00fcssen unbedingt ausreichend Angebote sichergestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zus\u00e4tzlich ist schon zu sagen, dass viele meiner Klient*innen mit sogenannter Intersektionalit\u00e4t konfrontiert sind. Das bedeutet, dass ihr Leben gleich mehrere Faktoren beinhaltet, die jeweils f\u00fcr sich bereits deutliches Diskriminierungspotenzial mit sich bringen: Beispielsweise, wenn eine alleinerziehende Mutter mit afrikanischen Wurzeln, die auf Grund der Sprachbarriere schwieriger Arbeit findet, zus\u00e4tzlich mit HIV lebt. Je mehr dieser Faktoren, desto eher brauchen die Menschen Unterst\u00fctzung, wie wir sie auch in den AIDS-Hilfen \u00d6sterreichs anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem anderen Beispiel geht es eher um das Lebensalter und pers\u00f6nlich miterlebte Zeiten. Meiner Erfahrung nach ist z.&nbsp;B. die Gruppe der 50 bis 70-j\u00e4hrigen homosexuellen M\u00e4nner, die mit HIV leben, sehr belastet. In dieser Altersgruppe hatten viele M\u00e4nner stark mit dem \u201eAIDS-Stigma\u201c zu k\u00e4mpfen und haben durch HIV\/AIDS den Familienanschluss, die Partner*innen oder Freund*innen verloren. Das versch\u00e4rfte sich durch die Kombination mit der fr\u00fcher vorherrschenden Diskriminierung und Kriminalisierung von Homosexualit\u00e4t. Wenn man dieser ausgepr\u00e4gten Mehrfachstigmatisierung von \u201eHIV und homosexuell\u201c ausgesetzt war, dann kann das die Menschen nachhaltig belasten. Und zwar trotz der ganzen erreichten Erfolge, von denen wir jetzt profitieren d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Das hei\u00dft, im Leben mit HIV haben sich die Problemstellungen ver\u00e4ndert?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht unbedingt nur ver\u00e4ndert, ich w\u00fcrde vielleicht sagen, zum Teil in der Gewichtung verschoben. Medizinische Themen, die mit der HIV-Infektion in Zusammenhang stehen, sind weniger geworden. Das hei\u00dft, damit sind auch Aspekte der gesundheitsbedingten physischen Beeintr\u00e4chtigungen stark reduziert im Vergleich zu fr\u00fcher. <\/p>\n\n\n\n<p>Einige psychosoziale Aspekte hingegen sind nicht im gleichen Ma\u00df weniger geworden und stehen daher bei uns im Berufsalltag mehr im Fokus. Themen der verinnerlichten Stigmatisierung und der vermeintlichen Schuld an der Infektion spielen im Leben vieler Klient*innen eine zentrale Rolle. <\/p>\n\n\n\n<p>Zus\u00e4tzlich liegen nicht selten Angstst\u00f6rungen, Depressionen, Suchterkrankungen sowie weitere psychiatrische Diagnosen vor. Eine verminderte psychische Gesundheit und damit einhergehende Beeintr\u00e4chtigungen sind auch heute sp\u00fcrbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Insofern hat sich nicht alles \u00fcber die Zeit ver\u00e4ndert&nbsp;\u2013 es geht auch nach wie vor darum, die Lebensqualit\u00e4t von Menschen mit HIV auf allen Ebenen zu sichern und zu st\u00e4rken. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Behindertenpass als Beispiel der Ver\u00e4nderung Dank der erreichten medizinischen Erfolge ist ein Leben mit HIV heute nicht ann\u00e4hernd mit dem in den Anfangszeiten der HIV-Epidemie zu vergleichen. Aus einer t\u00f6dlichen Erkrankung wurde durch die Therapie eine chronische Infektion. 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