{"id":5079,"date":"2025-03-07T00:08:00","date_gmt":"2025-03-06T23:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5079"},"modified":"2025-06-04T21:28:51","modified_gmt":"2025-06-04T19:28:51","slug":"zusammenhang-zwischen-trans-identitaet-und-autismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5079","title":{"rendered":"Zusammenhang zwischen trans-Identit\u00e4t und Autismus?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Schon vor einigen Jahren fiel ForscherInnen* auf, dass sich Menschen auf dem Autismusspektrum h\u00e4ufiger als transgender zu identifizieren scheinen als nicht-autistische (allistische) Menschen. Neben der Abweichung von einer bin\u00e4ren Geschlechtsidentit\u00e4t f\u00e4llt aber auch auf, dass sie h\u00e4ufiger sexuellen Minderheiten angeh\u00f6ren bzw. h\u00e4ufiger nicht-heterosexuell sind als nicht-autistische Personen. Der tats\u00e4chliche Zusammenhang dieser Umst\u00e4nde wird hei\u00df diskutiert, doch was ist Autismus eigentlich? <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hier ein kleiner Exkurs:<\/h3>\n\n\n\n<p>Viele haben ein gefestigtes Bild von Menschen mit Autismus im Kopf, doch Autismus, bzw. die Autismusspektrumsst\u00f6rung (ASS), ist deutlich vielf\u00e4ltiger in ihrer Auspr\u00e4gung, als das auf Stereotypen basierende und durch Medien gepr\u00e4gte Bild. Eine ASS zeichnet sich vor allem durch Auff\u00e4lligkeiten in der wechselwirkenden Interaktion und Kommunikation mit anderen, als auch durch stereotype Verhaltensweisen aus, wobei sich eine ASS sehr unterschiedlich von Mensch zu Mensch auspr\u00e4gen kann. Andere h\u00e4ufige Charakteristika sind unter anderem intensive Interessen (special interests) und atypische sensorische Empfindungen (sensory issues).<\/p>\n\n\n\n<p>Autismus ist eine Entwicklungsst\u00f6rung; fr\u00fcher und teils auch heute klassifiziert man noch in Unterdiagnosen (Asperger-Syndrom, fr\u00fchkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Rett-Syndrom und desintegrative St\u00f6rung im Kindesalter), was langsam in den letzten Jahren durch die Einf\u00fchrung des Begriffs der Autismusspektrumsst\u00f6rung abgel\u00f6st wird. Betroffene werden bei der ASS danach eingeteilt, wie hoch ihr Unterst\u00fctzungsbedarf ist, dieser kann dabei von low-support-needs zu high-support-needs reichen. W\u00e4hrend manche AutistInnen* ihr Leben selbstst\u00e4ndig mit minimaler oder keiner Unterst\u00fctzung bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen, ben\u00f6tigen andere ihr Leben lang intensive Unterst\u00fctzung, was nichts daran \u00e4ndert, dass sie alle eine ASS haben \u2013 nur eben anders ausgepr\u00e4gt mit unterschiedlichen Herausforderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>ForscherInnen* gehen davon aus, dass ungef\u00e4hr 1-2% aller Menschen von einer ASS betroffen sind, wobei der Zugang zu einer offiziellen Diagnose f\u00fcr manche Personengruppen deutlich schwieriger ist als f\u00fcr andere. Neben der weltweit stark unterschiedlich ausgebauten medizinischen und psychologischen Versorgung ist es f\u00fcr als weiblich gelesene Personen und ethnische bzw. religi\u00f6se Minderheiten h\u00e4ufig schwieriger eine Diagnose zu erhalten als etwa f\u00fcr cis-geschlechtliche M\u00e4nner (oder als m\u00e4nnlich gelesene Personen). Viele DiagnosestellerInnen* halten au\u00dferdem an einem veralteten Bild von Autismus fest, das sich sehr eindeutig so darstellt, wie es vor langer Zeit bei wei\u00dfen autistischen Buben beobachtet wurde. Die von dieser Personengruppe abweichende Sozialisierung anderer Personengruppen wurde dabei nicht beachtet, wobei manche Fachleute fr\u00fcher sogar soweit gingen zu behaupten, dass Frauen gar keine ASS haben k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Autismus pr\u00e4sentiert sich in Frauen h\u00e4ufig anders als in M\u00e4nnern, weshalb Frauen nach wie vor noch oft gar nicht oder fehldiagnostiziert werden. In der Forschung wird daher debattiert ob es sein k\u00f6nne, dass sich Autismus auch in trans-Personen anders manifestiert und ob deshalb auch die Diagnosekriterien dementsprechend angepasst werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine im Jahr 2020 in der online Fachzeitschrift \u201eNature Communications\u201c ver\u00f6ffentlichte Studie mit 641.860 TeilnehmerInnen* zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit autistisch zu sein bei trans-geschlechtlichen und genderqueeren Menschen 3,03 bis 6,36 mal h\u00f6her ist, als bei cis-geschlechtlichen Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund f\u00fcr diese Korrelation von ASS und Transidentit\u00e4t ist nicht wissenschaftlich gekl\u00e4rt. Ein diskutierter Ansatz ist, dass autistische Kinder durch ihre Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und mit sozialen Normen durch die Geschlechterpr\u00e4sentationen in ihrer Umwelt \u201everwirrt\u201c werden und dadurch kein klares Identit\u00e4tsbild f\u00fcr sich selbst finden k\u00f6nnen, was dann Geschlechtsdysphorie verursacht. Weiters gibt es die Theorie, dass viele autistische Kinder in ihrer Vorstellungskraft limitiert sind und es dadurch schwierig f\u00fcr sie sein k\u00f6nnte zu identifizieren, dass sie einer gewissen Geschlechtsgruppe angeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Theorie ist, dass AutistInnen* sich nicht in gleichem Ma\u00dfe an soziale Normen gebunden f\u00fchlen und dadurch offener mit ihrer Identit\u00e4t umgehen, als cis-geschlechtliche Menschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl es viele verschiedene Theorien gibt, die versuchen diesen Zusammenhang zu erkl\u00e4ren, sind die wenigsten davon ausreichend erforscht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was bedeutet all das aber nun f\u00fcr Personen auf dem Autismusspektrum und deren gesundheitliche Versorgung?<\/h3>\n\n\n\n<p>Sowohl eine ASS als auch eine trans-Identit\u00e4t stellen ein Randgruppendasein dar, im Falle eines Zusammenauftretens einer ASS und trans-Identit\u00e4t umso mehr. Das Gef\u00fchl einer Randgruppe bzw. Minderheit anzugeh\u00f6ren, kann belastend sein. Transgender AutistInnen* sind besonders gef\u00e4hrdet Diskriminierung und Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Umso wichtiger ist es, dass medizinisches und psychologisches Personal darin geschult ist, PatientInnen* in beiden dieser Bereiche zu unterst\u00fctzen und internalisierte stereotype Vorurteile abzubauen. Wichtig ist auch, dass die Anliegen und der Leidensdruck von AutistInnen* ernst genommen werden, da Menschen am Spektrum, so wie viele andere Menschen mit div. k\u00f6rperlichen und psychischen Krankheiten und Behinderungen, nicht selten voreingenommen und teilweise auch infantilisiert (wie ein Kind) behandelt werden. Einer Studie von 2018 zufolge, ver\u00f6ffentlich auf Springer Nature Link, berichteten 32% der StudienteilnehmerInnen*, dass das medizinische Personal, das sie bei geschlechtsangleichenden Ma\u00dfnahmen betreute, ihre Geschlechtsidentit\u00e4t auf der Grundlage, dass sie auch eine ASS hatten, hinterfragte. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dass besonders medizinisches Personal im Bereich der geschlechtsangleichenden Medizin auch im Fachbereich des Autismus sowie anderer Neurodivergenzen (d. h. Ein Abweichen der kognitiven Hirnfunktionen von der neurotypischen Norm) ausgebildet ist. Denn nur wenn alle Aspekte der Gesundheit und Identit\u00e4t beachtet, akzeptiert und gef\u00f6rdert werden, kann ein Mensch wahrlich gesund und gl\u00fccklich sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon vor einigen Jahren fiel ForscherInnen* auf, dass sich Menschen auf dem Autismusspektrum h\u00e4ufiger als transgender zu identifizieren scheinen als nicht-autistische (allistische) Menschen. Neben der Abweichung von einer bin\u00e4ren Geschlechtsidentit\u00e4t f\u00e4llt aber auch auf, dass sie h\u00e4ufiger sexuellen Minderheiten angeh\u00f6ren bzw. h\u00e4ufiger nicht-heterosexuell sind als nicht-autistische Personen. 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