{"id":5076,"date":"2025-03-07T00:07:00","date_gmt":"2025-03-06T23:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5076"},"modified":"2025-03-06T23:14:23","modified_gmt":"2025-03-06T22:14:23","slug":"ich-habe-was-was-du-nicht-siehst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5076","title":{"rendered":"Ich habe was, was du (nicht) siehst"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Die UN-Behindertenrechtskonvention definiert im Artikel 1 Menschen mit Behinderung als Menschen, welche \u201elangfristige k\u00f6rperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeintr\u00e4chtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern k\u00f6nnen\u201c. Eine Behinderung kann somit nicht nur Sinnesbehinderungen oder Mobilit\u00e4tseinschr\u00e4nkungen betreffen, sondern zum Beispiel auch durch chronische\/psychische Erkrankungen, kognitive Beeintr\u00e4chtigungen und\/oder Neurodivergenz etc. auftreten und zu einer Behinderung werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht alle Beeintr\u00e4chtigungen sind daher auf den ersten Blick oder \u00fcberhaupt erkennbar. Sogenannte \u201aunsichtbare\u2018 bzw. \u201anicht-sichtbare\u2018 Behinderungen erkennt man von au\u00dfen nicht oder nur teilweise. Nicht-sichtbare Behinderungen sind genauso vielf\u00e4ltig wie andere Behinderungen und k\u00f6nnen sich auch bei ein- und derselben Diagnose unterschiedlich auswirken. Beispiele f\u00fcr nicht-sichtbare Behinderungen sind etwa Multiple Sklerose, Endometriose, Diabetes, Epilepsie, chronische Darmerkrankungen oder Autismus. Menschen mit nicht-sichtbaren Behinderungen benutzen teilweise Mobilit\u00e4tshilfen (Gehstock, Rollstuhl, etc.), aber nicht alle. Manche haben eine sogenannte \u201adynamische Behinderung\u2018, was bedeutet, dass sie manchmal bestimmte Hilfsmittel bzw. Mobilit\u00e4tshilfen brauchen und manchmal nicht. Die Auspr\u00e4gung der Behinderung kann auch fluktuieren und sich zum Beispiel von Tag zu Tag, je nach Verfassung, unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Facetten der Diskriminierung<\/h3>\n\n\n\n<p>Menschen mit Behinderung sind oft Vorurteilen, Barrieren oder Bevormundung ausgesetzt. Diese Form von Diskriminierung wird \u201aAbleismus\u2018 genannt. Innerhalb des Ableismus gibt es verschiedene Unterscheidungen, beispielsweise zwischen dem \u201aabwertenden\u2018 Ableismus (Diskriminierung aufgrund Ungleichbehandlung) und \u201aaufwertenden\u2018 Ableismus (Zuschreibung von F\u00e4higkeiten \u201atrotz\u2018 der Behinderung), oder eben Diskriminierung von sichtbaren und nicht-sichtbaren Behinderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht selten passiert es, dass Menschen mit sichtbaren Behinderungen scheinbar harmlose oder \u201agut gemeinte\u2018 Bemerkungen, Fragen oder Handlungen erleben. Der Fachbegriff f\u00fcr solche Situationen nennt sich \u201aMikroaggression\u2018, welcher urspr\u00fcnglich im Umgang mit rassistischen Alltagserfahrungen entstanden ist, aber auch im Zusammenhang mit anderen Formen der Diskriminierung verwendet wird. Beispiele daf\u00fcr w\u00e4ren das unaufgeforderte \u201aHelfen\u2018 einer Person im Rollstuhl durch Anschieben der Mobilit\u00e4tshilfe, oder ausschlie\u00dfliche Kommunikation mit der Begleitperson. Anhaltendes Starren sowie private Fragen nach der Diagnose oder dem Sexualleben z\u00e4hlen genauso zu Invasionen der Privatsph\u00e4re. Betroffene erleben diese Mikroaggressionen als belastend, weil sie (auch unbeabsichtigt) bestimmte abwertende und verallgemeinernde Botschaften transportieren. Das wiederholte Erleben von solchen Situationen kann in Summe einen hohen Grad an \u201aMinderheiten-Stress\u2018 ausl\u00f6sen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Ursache hinter Ableismus und Mikroagressionen ist oft gro\u00dfes Unwissen im Umgang mit Behinderungen und l\u00e4ngst \u00fcberholte Weltbilder im Zusammenhang mit dem Thema. Behinderte Menschen seien etwa \u201aunbeholfen\u2018 und \u201af\u00fcr alles auf fremde Hilfe angewiesen\u2018. Die Behinderung selbst sei eine rein negative, leidvolle Erfahrung, die unbedingt vermieden oder beseitigt werden muss. Diese Vorstellungen resultieren oft in unerw\u00fcnschten Mitleidsbekundungen oder umgekehrt in Lob f\u00fcr Allt\u00e4gliches, wie etwa Anerkennung daf\u00fcr, allein einkaufen zu gehen und \u201adas Leben zu meistern\u2018. F\u00fcr viele Menschen ist nicht oder nur schwer vorstellbar, dass Menschen mit Behinderung eine gleichwertig vollkommene Lebensrealit\u00e4t f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unsichtbar ist ungreifbar<\/h3>\n\n\n\n<p>Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen k\u00e4mpfen oft mit einem starken Anpassungsdruck, denn sie sind der Erwartungshaltung ausgesetzt, Allt\u00e4gliches und andere Herausforderungen im Leben mit derselben Energieleistung wie Menschen ohne Behinderung zu meistern. Nicht selten ist es allerdings so, dass der Umgang mit der Behinderung allein schon viel Energie fordert, und die restlichen Lebensaufgaben, wie zum Beispiel ein Studium oder Erwerbsarbeit, eine Zusatzbelastung darstellen. Der Leistungsdruck kann zur \u00dcberforderung und in weiterer Folge bis zu einem Studienabbruch oder zur K\u00fcndigung der betroffenen Personen f\u00fchren. Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen haben au\u00dferdem oft damit zu k\u00e4mpfen, sich erkl\u00e4ren oder rechtfertigen zu m\u00fcssen. H\u00e4ufig wird von ihnen verlangt, dass sie Au\u00dfenstehenden \u201abeweisen\u2018, dass sie eine Behinderung haben, was wiederum eine Form des Ableismus ist. Ob sich eine Person mit Behinderung \u201aouten\u2018 m\u00f6chte (also das \u00f6ffentliche Bekanntmachen der eigenen Behinderung) ist \u00e4hnlich wie bei Sexualit\u00e4t eine sehr sensible, individuelle Entscheidung. Manche Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen nehmen sich nicht als \u201abehindert\u2018 wahr, oder haben Angst davor, nach einem Outing stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden. Es kann andererseits auch Vorteile haben, geoutet zu sein, wie etwa durch sogenannte \u201aNachteilsausgleiche\u2018. Diese Ausgleiche f\u00fcr Mehraufw\u00e4nde k\u00f6nnen sich zum Beispiel in Form von modifizierten Studien- oder Pr\u00fcfungsbedingungen oder Zusatzurlaub beantragen lassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Innerhalb der Gruppe von Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen gibt es auch noch weitere Unterscheidungen, und die wahrscheinlich am st\u00e4rksten stigmatisierte Gruppe ist jene mit psychischen Erkrankungen. Diese Menschen sind oft aufgrund der Krankheit mit negativen Stereotypen konfrontiert. Beispielsweise werden Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, h\u00e4ufig als gewaltt\u00e4tig und unberechenbar eingestuft. Menschen mit Depressionen oder einer Suchterkrankung bekommen oft zu h\u00f6ren, ihnen fehle nur die n\u00f6tige Selbstdisziplin. Die Angst vor sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung h\u00e4lt viele Menschen davon ab, sich in Behandlung zu begeben, was in weiterer Folge dazu f\u00fchren kann, dass die Erkrankung chronisch wird. Die Diskriminierung und Stigmatisierung findet wie bei fast allen Minderheitsgruppen in jedem Lebensbereich statt. Angefangen in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, \u00fcber den Studien- oder Arbeitsplatz bis hin zur Politik und der Darstellung psychisch erkrankter Menschen in den Medien. Tatsache ist jedoch, dass psychische Erkrankungen jede Person jederzeit betreffen k\u00f6nnen und daher keinerlei R\u00fcck\u00adschl\u00fcsse auf die Leistungs- und Belastungsf\u00e4higkeit oder den Charakter eines Menschen zulassen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mehrfachdiskriminierung<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201aIntersektionalit\u00e4t\u2018 ist die \u00dcberschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Formen von Diskriminierung gegen\u00fcber einer Person in der Gesellschaft. Queere Menschen mit Behinderung sind daher einer Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt. Oftmals \u00fcberschneiden sich Herausforderungen von queeren Menschen mit und ohne Behinderung, teilweise entstehen aufgrund der Behinderung neue. Ein zentraler Punkt der Thematik Behinderung und Queerness ist die Tatsache, dass behinderten Menschen generell in der Gesellschaft Sexualit\u00e4t abgeschrieben wird. Sexuell aktive oder willige behinderte Menschen sind f\u00fcr die Allgemeinheit unsichtbar: laut dem Gender-Gesundheitsbericht 2024 fehlen Daten f\u00fcr \u00d6sterreich zum Thema sexuelle und reproduktive Gesundheit von Menschen mit Behinderungen g\u00e4nzlich. Dass Menschen mit Behinderung nicht nur sexuell interessiert, sondern dann auch noch schwul, lesbisch oder anders queer sein k\u00f6nnen, ist f\u00fcr viele undenkbar. Doch auch innerhalb der queeren Szene ist nicht immer alles so diskriminierungsfrei, wie man sich das w\u00fcnschen k\u00f6nnte. Lokalbesuche sind oft nicht barrierefrei, wenn nur eine Treppe zur Tanzfl\u00e4che f\u00fchrt, und meist sind auch die sehr lauten, lichtergrellen Diskotheken f\u00fcr hochsensible Menschen nicht besuchbar. Umso wichtiger sind Ma\u00dfnahmen und Angebote, welche eine m\u00f6glichst barrierefreie Atmosph\u00e4re bieten. Intersektionalit\u00e4t ist somit ein Thema, mit dem sich jede queere Person auseinandersetzen sollte, vor allem diejenigen, die es nicht oder nur wenig betrifft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die UN-Behindertenrechtskonvention definiert im Artikel 1 Menschen mit Behinderung als Menschen, welche \u201elangfristige k\u00f6rperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeintr\u00e4chtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern k\u00f6nnen\u201c. 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