{"id":5073,"date":"2025-03-07T00:06:00","date_gmt":"2025-03-06T23:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5073"},"modified":"2025-03-06T23:14:29","modified_gmt":"2025-03-06T22:14:29","slug":"die-moeglichkeit-der-solidaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5073","title":{"rendered":"Die M\u00f6glichkeit der Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Alle drei Monate gehe ich zur Blutabnahme. Dort hat sich inzwischen ein kleines Ritual zwischen dem Personal an der Rezeption und mir entwickelt. Jedes Mal l\u00e4uft es in etwa so ab: Sie nehmen meine Karte und \u00dcberweisung entgegen. Ich weise darauf hin, dass der Geschlechtseintrag auf meiner e-card nicht mit meinem Passgeschlecht \u00fcbereinstimmt und auch nicht f\u00fcr Vergleichswerte herangezogen werden sollte. Sie schauen bedr\u00fcckt und m\u00fcssen mir leider mitteilen, dass sie ein bin\u00e4res Geschlecht angeben m\u00fcssen. Ich seufze und w\u00fcrfle vor ihnen aus, welches Bin\u00e4rgeschlecht denn dieses Mal meine Referenzwerte bestimmen soll. \u201eBitte vergessen Sie beim Aufrufen nicht, nur den Namen ohne Anrede zu verwenden.\u201c Jedes Mal vergessen sie es doch. Jedes Mal entscheidet im Hintergrund jemand vom \u00e4rztlichen Personal, dass das Geschlecht auf der e-card verwendet werden muss. Jedes Mal erhalte ich einen Befund, der mit Hilfe von Durchschnittswerten erstellt wird, die f\u00fcr mich nicht wirklich halten und jedes Mal neu mit meiner Diabetologin erst rekontextualisiert werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn periodisch davon ausgegangen wird, eigentlich bin ich aber gar nicht wegen meines inter* K\u00f6rpers da. Selbst in der Zeit, in der ich regelm\u00e4\u00dfig Hormone zu mir nehmen sollte, wurde mein Blutspiegel nicht kontrolliert, obwohl dies bei trans* Personen durchweg und dringend empfohlen wird. F\u00fcr mich ist inter* sein aber eigentlich etwas, das mir erst dadurch zug\u00e4nglich wurde, als ich lernte, die (Zwangs-)Medikalisierung von mir zu streifen und einen selbstbestimmten Zugang zu meinem K\u00f6rper und \u2014 zumindest f\u00fcr mich \u2014 meiner nicht-bin\u00e4ren Geschlechtsidentit\u00e4t zu finden. W\u00e4hrend also inter* K\u00f6rper oft medikalisiert werden, streitet die Bewegung (in \u00d6sterreich beispielsweise vertreten durch den Verein Intergeschlechtlicher Menschen \u00d6sterreich; VIM\u00d6) daf\u00fcr, eben nicht als chronische Krankheit, sondern als simple Variation der Geschlechtsmerkmale behandelt zu werden. Damit soll nicht verneint werden, dass manche dieser Variationen medizinische Aufmerksamkeit erfordern. Jedoch werden diese in der Praxis nicht von denjenigen unterschieden, in denen ein inter* K\u00f6rper ohne medizinische Notwendigkeit einem bin\u00e4ren Erwartungsmuster nach Mann oder Frau entsprechend normiert werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick k\u00f6nnte das Verh\u00e4ltnis zwischen der intergeschlechtlichen und der Behindertenrechtsbewegung als ein angespanntes verstanden werden; insbesondere da sich eine inter* Erfahrung auch oftmals aus einer (zwangs-)medikalisierten Zuschreibung von inter* nicht als Varianz, sondern als chronische (zu behandelnde) Krankheit speist. Als eine Person, welche beides kennt, also inter* ist und chronisch krank, gibt es f\u00fcr mich vehemente Unterschiede dahingehend, wie ich diese Aspekte meines Lebens wahrnehme, auch wenn ihnen gemein ist, dass sie auf vieles, auch unverhofft, Einfluss nehmen. Inter* sein bedeutet f\u00fcr mich einen Aspekt meiner Identit\u00e4t, einer, der sich aus Community speist, nicht vollkommen starr, aber dynamisch um einen festen Kern herum. Inter* zu sein bedeutet f\u00fcr mich, meine Identit\u00e4t zu leben, nicht zu verwalten. Ganz anders sieht es dahingehend bei meinen chronischen Krankheiten aus. Sie befinden sich auch in einem dynamischen Prozess, allerdings sehr viel unbest\u00e4ndiger. Es gibt Zustandsver\u00e4nderungen (\u00f6fter schlechter, manchmal gleichbleibend, sehr selten besser werdend) und Sch\u00fcbe. Es gibt Aufs und Abs. Es gibt Tage, an denen ich nicht wirklich viel machen kann, und es gibt Tage, an denen ich meine Energie gut einteilen kann. Meine chronischen Krankheiten gilt es zu beobachten, zu managen, zu verwalten. Sie beeinflussen, was ich wie machen kann, aber nicht zwingend, wer ich bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Inter* zu sein hat aber wiederum Auswirkungen darauf, inwiefern es mir m\u00f6glich ist, ad\u00e4quate medizinische Versorgung f\u00fcr meine chronischen Krankheiten zu bekommen. Erst seit kurzem ist es mir \u00fcberhaupt m\u00f6glich, einen Antrag auf einen Behindertenpass zu stellen, da lange Zeit nicht alle in \u00d6sterreich legalen Geschlechter angegeben werden konnten. Die Vergleichswerte f\u00fcr meine eigenen Blutanalysen k\u00f6nnen zwar mit meiner \u00c4rztin noch rekontextualisiert und eingeordnet werden, um informierte Entscheidungen zwecks meiner Behandlung zu treffen; die Daten, die in den Systemen bleiben, befinden sich dort jedoch in einer bin\u00e4rgeschlechtlichen Form. In einer Welt, in der immer mehr von algorithmischer (oder auch k\u00fcnstlicher) Intelligenz ganz konkret auch in medizinischen Bereichen gesprochen wird, macht mir die Datenlage hier grundlegend Sorgen. Systeme, die Menschen dabei helfen sollen, medizinisch relevante Entscheidungen im Hinblick auf Wahrscheinlichkeiten zu treffen, stellen f\u00fcr unwahrscheinliche Menschen immer eine Bedrohung dar. Und w\u00e4hrend mit gesch\u00e4tzt 1,7% der Bev\u00f6lkerung zwar ein weitaus gr\u00f6\u00dferer Teil als intergeschlechtlich gilt als gemeinhin angenommen, handelt es sich bei den jeweiligen Varianten immer noch um welche, die einfach nicht so h\u00e4ufig vorkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahingehend l\u00e4sst sich auch ein etwas anderer Zugang zu Gemeinschaft feststellen. Mit anderen inter* Personen komme ich zusammen, um f\u00fcr die eigenen Rechte zu k\u00e4mpfen, gegen ein defizit\u00e4res Verst\u00e4ndnis unserer K\u00f6rper, f\u00fcr eine Wertsch\u00e4tzung von (ja, auch biologischer) Vielfalt. Mit Personen, die meine chronischen Krankheiten teilen, verbindet mich ein Streit um bessere medizinische Versorgung \u2014 eine Versorgung, die sich im Zweifelsfall nicht nur auf unsere Lebensqualit\u00e4t, sondern auch auf die Lebensdauer mehr oder weniger deutlich auswirken kann. Dabei ist in meinem Fall nicht einmal konkret klar, wie dies tats\u00e4chlich zu bewerkstelligen sei, da kaum medizinische Daten f\u00fcr inter* Personen au\u00dferhalb spezifisch inter*-bezogener Medikalisierung vorhanden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein inter* Leben spielt sich an dieser Schnittstelle von Ablehnung eines medizinischen Zwanges und der gleichzeitigen Einforderung medizinischer Leistungen ab. Aus diesem Wunsch, dass inter* K\u00f6rper erstmal als gleichwertige Variation angesehen werden, ergibt sich jedoch eine Ann\u00e4herung an die Behindertenrechtsbewegung. Auch hier wird eine Ablehnung eines defizit\u00e4r-individualisierenden medizinischen Modells angestrebt und eine Akzeptanz unterschiedlicher K\u00f6rperlichkeit eingefordert, die durch die Realisierung ebenb\u00fcrtiger Zugangsrechte erreicht werden soll. Daraus ergeben sich Potentiale f\u00fcr positiv konnotierte Allianzen. So streiten auch geh\u00f6rlose Personen f\u00fcr eine Anerkennung der eigenen Sprache und Kultur mit kritischem Auge auf den Impuls der h\u00f6renden Mehrheitsgesellschaft, den H\u00f6rstatus von geh\u00f6rlosen Kindern zu normieren. Diese werden n\u00e4mlich mehrheitlich in h\u00f6rende Familien geboren. Wenn diesen Eltern dann keine Wahlfreiheit gegeben wird, weil sie lediglich \u00fcber medizinisch-technische M\u00f6glichkeiten informiert werden, wachsen geh\u00f6rlose Kinder ohne Zugang zu Geb\u00e4rdensprachen und Gemeinschaft mit anderen auf. Damit wird ihnen eine positive Identifikation mit dem eigenen Minderheitenk\u00f6rper verwehrt. Wir streiten also f\u00fcr \u00e4hnliche Belange: k\u00f6rperliche Selbstbestimmung in Einklang mit der eigenen Identit\u00e4t und gemeinschaftliche Zugeh\u00f6rigkeit. Immer mit der Forderung, die M\u00f6glichkeiten zu erweitern, in denen sich die pers\u00f6nliche Entwicklung entfalten kann. Aus dieser geteilten Position ergibt sich noch eine weitere M\u00f6glichkeit, eine M\u00f6glichkeit der gegenseitigen Solidarit\u00e4t, die versteht, dass uns ein tiefes Bed\u00fcrfnis nach Selbstbestimmung eint, und dass, frei nach Maya Angelou, dieses Recht nur f\u00fcr uns gelten kann, wenn es f\u00fcr alle gilt.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Katta Spiel<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Assistenzprofessor*in f\u00fcr Critical Access in Embodied Computing an der Human-Computer Interaction Group der Technischen Universit\u00e4t Wien. Zus\u00e4tzlich ist Katta bei VIM\u00d6 (Verein Intergeschlechtlicher Menschen \u00d6sterreich) und VARGES (der Beratungs\u00adstelle f\u00fcr Variationen der Ge\u00adschlechts\u00admerkmale) organisiert sowie Mitglied im nationalen Monitoringausschuss zur \u00dcberwachung der UN Behindertenrechtskonvention.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle drei Monate gehe ich zur Blutabnahme. Dort hat sich inzwischen ein kleines Ritual zwischen dem Personal an der Rezeption und mir entwickelt. Jedes Mal l\u00e4uft es in etwa so ab: Sie nehmen meine Karte und \u00dcberweisung entgegen. 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