{"id":5070,"date":"2025-03-07T00:05:00","date_gmt":"2025-03-06T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5070"},"modified":"2025-03-06T23:14:43","modified_gmt":"2025-03-06T22:14:43","slug":"wie-ich-lernte-meine-behinderung-anzunehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=5070","title":{"rendered":"Wie ich lernte, meine Behinderung anzunehmen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Bekomme ich eine Einladung zu einem Klassentreffen, zieht sich mein Magen zusammen. Dann kommen alte Erinnerungen hoch. Denn in der Schule wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass ich anders bin. Zwar haben mir die Eltern eingetrichtert, dass ich meine Behinderung verstecken soll. Doch das ist nicht immer m\u00f6glich. Wenn ich mit Menschen l\u00e4nger zusammen bin, wie damals in der Schule, machen sich meine k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkungen bemerkbar. Ich bin mehrfachbehindert, da ich mit einer seltenen genetischen Erkrankung geboren wurde. Zu meiner Erkrankung geh\u00f6rt, dass ich seit meiner Kindheit Symptome hatte, wie man sie von \u00e4lteren Menschen kennt, wie Schwerh\u00f6rigkeit (Taubheit auf dem rechten Ohr, auch auf dem linken Ohr h\u00f6re ich weniger), Sehbehinderung (auf einem Auge sehe ich fast gar nichts), graue Haare, Altersflecken, schw\u00e4cherer K\u00f6rperbau. Ich muss regelm\u00e4\u00dfig zu Untersuchungen. Verschlechtert sich die Situation, sind medizinische Eingriffe notwendig. Um kein allzu starker Au\u00dfenseiter zu sein, habe ich die grauen Haare f\u00e4rben lassen. Damit niemand die Altersflecken sieht, trug ich auch im Sommer lange Kleidung. Besonders geholfen hat mir das Lippenlesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem wurde ich in der Schule ausgegrenzt. So bekam ich in der Volksschule im Turnunterricht die schlechteste Note von allen Mitsch\u00fcler*innen in meiner Klasse. Denn ich konnte die erforderlichen sportlichen Leistungen nicht erbringen. Der Lehrer sagte mir, er sei bei der Notenvergabe an die schulischen Vorgaben gebunden und k\u00f6nne leider nichts machen. Der Lehrer versicherte mir aber, dass er mich im Turnunterricht nicht durchfallen lassen werde. Es klang so, als ob ich ihm daf\u00fcr dankbar sein m\u00fcsse. Das Ganze zog sich bis zur Matura. Ich hatte in allen Jahreszeugnissen im Turnunterricht immer die schlechteste Note. Bei Mannschaftsspielen wurde ich als Letzter ausgew\u00e4hlt. Ich wurde von Mitsch\u00fcler*innen mit bestimmten Schimpfw\u00f6rtern, die ich hier nicht wiedergeben m\u00f6chte, gemobbt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schwierig war f\u00fcr mich auch der Musikunterricht. Ich kann wegen der Schwerh\u00f6rigkeit nicht singen. Trotzdem musste im Gymnasium bei der Pr\u00fcfung jede*r Sch\u00fcler*in vor der versammelten Klasse ein Lied vorsingen. Ich sang das Lied v\u00f6llig falsch. Die ganze Klasse lachte mich aus. Das \u201eMusiktrauma\u201c ist bis heute geblieben. Ich meide Veranstaltungen oder Feiern, auf denen die Menschen viel zum Mitsingen aufgefordert werden. Ich hoffe, dass behinderte Menschen heute im Unterricht anders behandelt werden. Doch ich bin den 1970er Jahren tief in der \u00f6sterreichischen Provinz aufgewachsen. F\u00fcr mich war dieses Notensystem ungerecht. Ich habe mir meine Behinderung nicht ausgesucht. Auch wenn ich mich noch so anstrengte, konnte ich im Turnunterricht keine besseren Leistungen erbringen. Ich hasste damals meinen K\u00f6rper. Es gab Tage, da h\u00e4tte ich mein H\u00f6rger\u00e4t und die Sehbehelfe am liebsten zerst\u00f6rt. In der Pubert\u00e4t wurde es schlimmer. Denn ich entdeckte auch, dass ich auf M\u00e4nner stehe. Dann hasste ich meinen K\u00f6rper noch mehr. Ich hatte Suizidgedanken und viel Wut. Ich habe mich nicht selbst verletzt. Ich lebte meine Zerst\u00f6rungswut beim Spielen aus. Computerspiele gab es damals nicht. Ich zog mich am Nachmittag in mein Zimmer zur\u00fcck und spielte viel mit Lego. Ich baute mit Lego H\u00e4user und T\u00fcrme, die ich dann mit voller Wut zerst\u00f6rte, was mir psychische Erleichterung verschaffte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ich baute einen Panzer um mich auf&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Aus Angst, ausgegrenzt und gemobbt zu werden, mied ich andere Menschen. Ich baute einen Panzer auf und tat viel, um wenig aufzufallen. Ich wollte nicht auf meine Behinderung angesprochen werden. Gleichzeitig musste ich wegen der Schwerh\u00f6rigkeit und der Seheinschr\u00e4nkungen in der Klasse vorne sitzen, um dem Unterricht folgen zu k\u00f6nnen. Ich hatte einen Neid auf Menschen, die nicht behindert waren und unbeschwert ihr Leben f\u00fchren konnten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach der Matura nach Wien zog, tat ich mich anfangs in der schwulen Community schwer. Denn Teile der schwulen Community sind stark auf das Aussehen fixiert. Hier konnte ich mit der Behinderung schwer mithalten. Ich habe keine offene Behindertenfeindlichkeit erlebt. Die Diskriminierung verlief subtiler. Ich habe fr\u00fcher auf Dating-Plattform verschiedene Profile ausprobiert. Wenn ich die Behinderung angegeben habe, meldete sich kaum jemand. Auch machte es einen gro\u00dfen Unterschied, ob ich ein Foto mit grauen oder mit gef\u00e4rbten Haaren hochgeladen habe. Solche Erfahrungen machen aber nicht nur Schwule mit Behinderungen. Ich kenne auch viele heterosexuelle Menschen mit k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkungen, denen es \u00e4hnlich ergeht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe der Jahre und durch Psychotherapie habe ich gelernt, dass ich die Welt und viele Mitmenschen nur bedingt \u00e4ndern kann. Ich habe gelernt, Grenzen zu setzen. Ich meide Menschen und Situationen, die mir nicht guttun. Damit habe ich die Opferrolle verlassen. Als Kind konnte ich mich gegen die Diskriminierung schwer wehren. Es gab damals kein Internet. Ich konnte vom Dorf nicht so einfach zu einer Beratungsstelle in die Stadt fahren. Meine Eltern meinten, ich soll mich in der Schule nicht aufregen. Denn sie hatten Angst, dass ich in die Sonderschule abgeschoben und damit noch mehr ausgegrenzt werde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weg mit alten Glaubenss\u00e4tzen&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Heute suche ich mir mein Umfeld aus. Ich entscheide, mit welchen Menschen ich mich treffe. Ich kann mich beschweren, wenn ich ungerecht behandelt werden. Vieles h\u00e4ngt auch von meiner inneren Einstellung ab. Fr\u00fcher hielten mich Glaubenss\u00e4tze gefangen wie \u201eImmer trifft es mich\u201c oder \u201eIch will, aber es geht nicht &#8230;\u201c Passiert mir heute etwas Unerfreuliches, versuche ich aktiv an die Sache heranzugehen und das Beste daraus zu machen. Denn ewiges Jammern bringt mich nicht weiter. Ich habe aufgeh\u00f6rt, mich mit anderen Menschen zu vergleichen. Es wird immer Personen geben, die sch\u00f6ner und besser sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wichtigste ist, dass ich mich selbst angenommen habe. Fr\u00fcher habe ich gedacht, ich bin erst liebenswert, wenn meine Behinderung weg ist, wenn ich sportlicher bin und beruflich mehr leiste. Als Kind und Jugendlicher haben mich meine Eltern zu allen m\u00f6glichen \u00c4rzt*innen gebracht. Diese haben betont, dass bei mir keine Heilung m\u00f6glich ist. Doch meine Eltern wollten das nicht h\u00f6ren. Sie haben neue \u00c4rzt*innen gesucht und sind mit mir sogar zu spirituellen Wunderheiler*innen gefahren. Behinderung galt fr\u00fcher auf dem Land als Stigma.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Erwachsener habe ich den Kampf gegen meine Behinderung beendet. Das ist keine Resignation, sondern eine aktive Entscheidung zu einem Perspektivenwechsel. Es h\u00e4ngt von meiner inneren Einstellung ab, wie ich mit Stress und in Krisensituationen umgehen. Ich habe aufgeh\u00f6rt, die Schuld in \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden zu suchen. Ich habe gelernt, wie ich in schlechten Zeiten f\u00fcr mich sorgen kann. Ich bin dankbar f\u00fcr Mentor*innen und Freund*innen, die mich begleiten. Fr\u00fcher habe ich mich darauf fokussiert, was ich nicht kann. Dies f\u00fchrte zu Neid und Selbsthass. Heute akzeptiere ich die Grenzen, die mir der K\u00f6rper setzt. Ich bin daf\u00fcr dankbar, was ich kann und was mit der Behinderung m\u00f6glich ist. Ich bin f\u00fcr mein Denken, mein Handeln und meine Sichtweise auf meinen K\u00f6rper selbst verantwortlich. Dieser Weg ist nicht immer einfach, doch er lohnt sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bekomme ich eine Einladung zu einem Klassentreffen, zieht sich mein Magen zusammen. Dann kommen alte Erinnerungen hoch. Denn in der Schule wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass ich anders bin. 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