{"id":4979,"date":"2024-12-06T00:14:00","date_gmt":"2024-12-05T23:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4979"},"modified":"2024-12-06T00:16:44","modified_gmt":"2024-12-05T23:16:44","slug":"queer-und-behindert-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4979","title":{"rendered":"Queer und behindert"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">In der queeren Community werden Menschen mit Behinderungen oft \u00fcbersehen.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich bin ein queerer Mann mit einer Mehrfachbehinderung. Ich verwende in diesem Artikel bewusst die W\u00f6rter Behinderung und Beeintr\u00e4chtigung, weil ich den Begriff \u201ebesondere Bed\u00fcrfnisse\u201c ablehne. Schlie\u00dflich habe ich die gleichen Bed\u00fcrfnisse wie alle Menschen \u2013 ich m\u00f6chte angenommen und geliebt werden so wie ich bin. Ich schreibe diesen Artikel, weil es mir wichtig ist, dass in der queeren Community auch die Perspektiven von behinderten Menschen ber\u00fccksichtigt werden. Denn ich habe den Eindruck, dass wir oft \u00fcbersehen werden. Ich bin mit einer seltenen genetischen Erkrankung auf die Welt gekommen. Als Kind und als Jugendlicher war ich bei vielen \u00c4rzt*innen und in zahlreichen Spit\u00e4lern. Erst im Alter von 16 Jahren habe ich eine Diagnose bekommen. F\u00fcr mich war das ein Schock. Denn mit der Diagnose wurde mir klar, dass keine Heilung m\u00f6glich ist. Ich musste mich damit abfinden, dass ich das ganze Leben lang behindert bin. Meine Erkrankung kann sich schubweise verschlimmern. Ich muss daher regelm\u00e4\u00dfig zu medizinischen Kontrollen. Diese sind m\u00fchsam und mit \u00c4ngsten verbunden. Wird die Erkrankung schlimmer, sind medizinische Eingriffe notwendig. Das Ganze beeinflusst auch mein psychisches Wohlbefinden. Es gab Phasen, in denen ich einfach meine Ruhe haben wollte und die Kontrolltermine nicht wahrgenommen habe. Hinzu kommen chronische Schmerzen, die mit der Beeintr\u00e4chtigung zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben mit einer Mehrfachbeeintr\u00e4chtigung ist nicht einfach. Christine Steger, die Behindertenanw\u00e4ltin der Republik \u00d6sterreich, sagt, dass \u00d6sterreich ein Land mit einer tiefsitzenden Behindertenfeindlichkeit ist. Ich kann das best\u00e4tigen. Bevor ich auf Diskriminierungsmuster in der queeren beziehungsweise schwulen Welt Bezug nehme, m\u00f6chte ich von meinen Erfahrungen in der heteronormativen Welt erz\u00e4hlen, weil ich hier geschlechtsspezifische Unterschiede wahrgenommen habe. Ich bin in der Schule gemobbt worden, weil ich wegen meiner Beeintr\u00e4chtigung einige Dinge nicht tun beziehungsweise bestimmte Leistungen nicht erbringen konnte. Es waren immer m\u00e4nnliche Mitsch\u00fcler, die mich ausgegrenzt haben. Ich habe den Turnunterricht gehasst. Bei Mannschaftswahlen bin ich immer als Letzter \u00fcbriggeblieben. Anstatt mich vom Turnunterricht abzumelden, wurde mir von den Eltern und von der Schule vermittelt, dass ich hart zu mir selbst sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin auch von m\u00e4nnlichen Lehrern gemobbt worden, aber nie von weiblichen Lehrerinnen. Ich kann mich an Situationen erinnern, in der mich m\u00e4nnliche Lehrer zum Gesp\u00f6tt der Klasse gemacht haben. Heute w\u00fcrde ich mich wehren und solche Lehrer melden. Doch ich bin in den 1970er Jahren in der \u00f6sterreichischen Provinz in einer zutiefst patriarchalen Welt aufgewachsen. Damals gab es kein Internet und keine Schul-Psycholog*innen, an die ich mich h\u00e4tte wenden k\u00f6nnen. Meine Eltern meinten nur: \u201eAchte darauf, dass du die Behinderung so gut wie m\u00f6glich verstecken kannst\u201c. Denn die Eltern hatten Angst, dass ich in die Sonderschule komme und damit noch mehr ausgegrenzt werde. Ich hoffe, dass heute Kinder und Jugendliche mit Beeintr\u00e4chtigungen solche diskriminierenden Erfahrungen nicht mehr machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich musste mir meine Akzeptanz erk\u00e4mpfen. Zum Gl\u00fcck haben sich die Hilfsmittel f\u00fcr Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen im Laufe der Zeit gebessert. Fr\u00fcher gab es etwa dicke H\u00f6rger\u00e4te, die nicht zu \u00fcbersehen waren. Heute werben die Hersteller*innen mit dem Slogan \u201eunsichtbare H\u00f6rger\u00e4te\u201c. Mit speziellen harten Kontaktlinsen und medizinischen Eingriffen habe ich auch meine Sehbehinderung in den Griff bekommen. Zu meiner genetischen Erkrankung geh\u00f6rt auch, dass sich mein Aussehen ver\u00e4ndert. Als ich 15 Jahre alt war, bekam ich am K\u00f6rper Altersflecken und graue Haare. Ich habe mir fr\u00fcher die Haare f\u00e4rben lassen, doch die Kopfhaut hat die Farbe nach einigen Jahren nicht mehr vertragen. Ich trug auch im Sommer lange Kleidung, damit niemand die Altersflecken sieht. Gleichzeitig f\u00fchlte ich mich von Teilen der queeren und schwulen Community, die sehr auf ein gutes Aussehen und perfekte K\u00f6rper achtet, ausgegrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich f\u00fcr die Beeintr\u00e4chtigungen lange Zeit gesch\u00e4mt. Als ich als Jugendlicher gemerkt habe, dass ich auch noch schwul bin, habe ich meinen K\u00f6rper noch mehr gehasst. Denn \u201eBehinderter\u201c und \u201eschwule Sau\u201c waren oft geh\u00f6rte Schimpfw\u00f6rter unter Jugendlichen. Ich hielt die Homosexualit\u00e4t auf dem Land geheim. Schlie\u00dflich war ich als Mann mit Mehrfachbeeintr\u00e4chtigungen schon genug ausgegrenzt. Ich habe die Schule geschafft und zog zum Studium nach Wien. Dort hatte ich mein Coming-out. Doch Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen waren in der damaligen schwulen Community kaum pr\u00e4sent. Die meisten Bars und Lokale waren nicht barrierefrei. Auch in schwulen oder queeren Medien kommt das Thema Behinderung nicht vor. Es scheint, als ob wir gar nicht existieren w\u00fcrden. Oder werden wir unsichtbar gemacht?<\/p>\n\n\n\n<p>Tatsache ist, dass sich die verschiedenen Behindertenverb\u00e4nde nicht wirklich mit queeren Themen auseinandersetzen. Und auch in der queeren Community sind Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen kaum vertreten. Dies f\u00e4ngt schon bei Filmen und Serien an, wo generell wenige Menschen mit Behinderungen zu sehen sind. Zwar gibt es die eine oder andere queere Serie mit Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen wie die Netflix-Serie \u201eEin besonderes Leben\u201c (Originaltitel: \u201eSpecial\u201c). Dabei handelt es sich um seltene Ausnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe gelernt, dass ich mir in der Beziehung zu meinem K\u00f6rper eine positive Sichtweise aneigne \u2013 nach dem Motto \u201edas Glas ist halbvoll und nicht halbleer\u201c. Auch wenn meine Behinderung Einschr\u00e4nkungen mit sich bringt, h\u00e4ngt es von meiner inneren Einstellung ab, ob ich mich dar\u00fcber \u00e4rgere oder ob ich mich auf die positiven Seiten fokussiere. Das gelingt mir nicht immer. Ohne Kontaktlinsen sehe ich leider fast nichts mehr. Es gibt immer wieder Tage, da habe ich solche Schmerzen, dass ich die Kontaktlinsen schon fr\u00fch am Abend herausnehmen muss. Leider bringt bei mir eine Brille fast keine Verbesserung. Anstatt frustriert zu sein, dass ich an manchen Abenden nichts mehr lesen und keine Filme sehen kann, h\u00f6re ich mit dem H\u00f6rger\u00e4t H\u00f6rb\u00fccher. Zum Gl\u00fcck gibt es vom Blinden- und Sehbehindertenverband f\u00fcr Behinderte eine kostenlose H\u00f6rb\u00fccherei. Dort sind aber nur drei queere H\u00f6rb\u00fccher aufgelistet.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Behinderung ist nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar. Dank H\u00f6rger\u00e4t und Sehbehelfen komme ich gut \u00fcber die Runden. Im Theater achte ich darauf, dass ich Pl\u00e4tze m\u00f6glichst weit vorne habe. Ich freue mich dar\u00fcber, dass es mit dem Behindertenpass entsprechende Erm\u00e4\u00dfigungen gibt. Ich vermeide Partys und Gruppen, in denen Menschen wild durcheinander sprechen. Ich gehe selten zu Weihnachts- und Geburtstagsfeiern, sondern ich feiere lieber zu zweit in einem ruhigen Raum ohne Hintergrundmusik. Insofern kann ich auch gut als Psychotherapeut arbeiten, weil ich mich dann nur auf eine Person im Raum konzentrieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche mir, dass in der queeren und schwulen Community mehr \u00fcber den Umgang mit Beeintr\u00e4chtigungen und \u00fcber Ableismus gesprochen wird. Beim Thema Ableismus geht es um Strukturen und Denkweisen, mit denen Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen oder chronischen Erkrankungen diskriminiert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der queeren Community werden Menschen mit Behinderungen oft \u00fcbersehen. Ich bin ein queerer Mann mit einer Mehrfachbehinderung. Ich verwende in diesem Artikel bewusst die W\u00f6rter Behinderung und Beeintr\u00e4chtigung, weil ich den Begriff \u201ebesondere Bed\u00fcrfnisse\u201c ablehne. Schlie\u00dflich habe ich die gleichen Bed\u00fcrfnisse wie alle Menschen \u2013 ich m\u00f6chte angenommen und geliebt werden so wie ich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":4981,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[114,113],"class_list":["post-4979","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-schwerpunkt","tag-bodyshaming","tag-lambda-197"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4979"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4979\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4982,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4979\/revisions\/4982"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4981"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}