{"id":4976,"date":"2024-12-06T00:15:00","date_gmt":"2024-12-05T23:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4976"},"modified":"2024-12-06T00:19:16","modified_gmt":"2024-12-05T23:19:16","slug":"umgang-mit-hochgewichtigen-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4976","title":{"rendered":"Umgang mit hoch\u00adgewichtigen Menschen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Keine Norm sollte unreflektiert bleiben<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">\u201eDu schaust gro\u00dfartig aus \u2013 hast du abgenommen?\u201c Diese Frage bzw. Feststellung ist ein h\u00e4ufiges Kompliment. Aber was sagt man da eigentlich? Wieso ist es ein Kompliment? Der Umgang mit dem eigenen K\u00f6rpergewicht ist f\u00fcr viele Menschen eine enorme Herausforderung. Die Bewertung des Gewichts anderer Menschen hingegen ist meist selbstverst\u00e4ndlich. Im Interview diskutiert Aktivist*in Ronja Ziesel das Gewichtsthema und ruft dazu auf, sich reflektierter mit vermeintlichen Normen auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>BL: Wir starten gleich mit der Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Gewichtsdiskriminierung und queerer Community?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>RZ: Ich finde, die queere Community geht sehr offen und achtsam mit Menschen um. Ich erlebe hier wenig gewichtsbezogene Diskriminierung. Vor allem mit gender-nonconforming Menschen habe ich gute Erfahrungen gemacht. Aber es gibt nat\u00fcrlich auch in den queeren Lebenswelten Bereiche, in denen das Gewichtsthema schwieriger ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zusammenhang mit queeren Themen m\u00f6chte ich eher einen Vergleich ziehen: Gewichtsdiskriminierung ist eine Diskriminierungsform, die noch nicht als solche anerkannt wird. Nehmen wir im Gegensatz dazu etwa Homophobie oder Transphobie. Da gibt es zum Gl\u00fcck mittlerweile oft Situationen, in denen dieses Verhalten klar verurteilt wird. Dem ging ein jahrzehntelanger Kampf voraus und trotzdem sind wir noch nicht bei einer Gleichbehandlung innerhalb der Gesellschaft angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Gewichtsdiskriminierung ist das nicht so. Sie ist nach wie vor extrem stark in der Gesellschaft verankert. Da gibt es wenig bis keine Erfolge f\u00fcr ein diskriminierungsfreies Leben. Der Tenor lautet: \u201eGewichtsreduktion ist positiv und Gewichtszunahme ist negativ.\u201c Gerade in den Bereichen Sexualit\u00e4t und Medizin ist diese Meinung sehr pr\u00e4sent.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Geht man mit gewichtsbezogener Diskriminierung anders um als bei Bezug zu queeren Themen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, schon. Wenn sich z. B. Mediziner*innen negativ \u00fcber meine Sexualit\u00e4t \u00e4u\u00dfern, dann gibt es M\u00f6glichkeiten, sich zu wehren. Ich kann etwa ein homophobes Verhalten bei der Patient*innen-Anwaltschaft melden. Dasselbe funktioniert aber nicht bei Gewichtsdiskriminierung, weil es eine anerkannte Meinung in der Medizin ist, dass hohes Gewicht schlecht ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind deine Erfahrungen zum Umgang mit hochgewichtigen Menschen in der Medizin?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonders sichtbarer Aspekt ist, dass fast alles dem Gewicht zugeschrieben wird, auch wenn es keinen Zusammenhang gibt. Ich denke, viele trans Menschen kennen diesen Effekt nur zu gut nach dem Motto: Der Arm ist gebrochen und sofort wird irgendwie ein Bezug zu trans Themen gezogen. Das ist bei hochgewichtigen Menschen genauso.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders schwierig ist es bei der sexuellen Gesundheit. Denn hochgewichtigen Menschen wird Sexualit\u00e4t h\u00e4ufig abgesprochen. In der Gesellschaft allgemein und auch im medizinischen Setting. Das hei\u00dft, Aspekte der sexuellen Gesundheit werden gar nicht erst thematisiert. Die Annahmen der jeweiligen Mitarbeiter*innen definieren damit unsere Gesundheitsf\u00f6rderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder ich denke da an die Verweigerung einer Behandlung, z. B. wenn manche OPs ab einem bestimmten BMI nicht durchgef\u00fchrt werden. Das liegt meist nicht an den einzelnen Mediziner*innen, da ist das ganze System beteiligt. Student*innen lernen nicht mit hochgewichtigen Menschen. Und in den Studien werden viele Menschen von vornherein ausgeschlossen, z. B. auch mit hohem BMI. Es gibt also keine guten Daten und Erfahrungen und das ist logischerweise mit einem schlechteren Outcome f\u00fcr die Patient*innen verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einstufung nach BMI \u2013 wir alle kennen diesen Wert. M\u00f6chtest du den BMI gleich mal kommentieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unbedingt, es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Zum einen entstammt der BMI gar nicht der Absicht, einzelne Menschen zu bewerten, sondern war ein statistisches Tool, um ganze Bev\u00f6lkerungen zu vergleichen. Und wir wissen \u2013 Statistik hat nicht viel mit der pers\u00f6nlichen Realit\u00e4t zu tun. Rein statistisch gesehen gibt es ja auch mehr heterosexuelle cis Menschen. Und alle Personen mit queerem Bezug wissen, das entspricht nicht dem eigenen Leben. Statistiken sind also nur reflektiert zu betrachten. Das gilt auch f\u00fcr den BMI. Von Expert*innen gibt es l\u00e4ngst klare Aussagen, dass der BMI kein medizinisches Tool und kein guter Pr\u00e4diktor f\u00fcr individuelle Gesundheit ist. Es wird aber noch lange dauern, bis diese Aussage im System verankert ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bleiben wir noch kurz beim Gesamtsystem. Gibt es Bereiche, die diese systemimmanente Diskriminierung besonders verdeutlichen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr die Absurdit\u00e4t des Umgangs mit K\u00f6rpergewicht ist die Abnehm- und Di\u00e4tkultur. Ganze Industriezweige besch\u00e4ftigen sich mit Mitteln, die beim Abnehmen unterst\u00fctzen sollen. Interessant ist: Den hochgewichtigen Menschen werden die Mittel fast aufgezw\u00e4ngt und sind als gut eingestuft. Bei niedriggewichtigen Personen hingegen wird der Anwendung etwas Krankhaftes unterstellt. Die gleiche Intervention wird also als sehr negativ eingestuft. Beides wird in den sozialen Medien unglaublich diskriminierend hochstilisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vermeintliche \u201eGewichtsnorm\u201c ist eng begrenzt \u2013 zumal ein K\u00f6rper lebenslang hineinpassen soll. So viele Menschen k\u00e4mpfen ihr Leben lang damit, dieser \u201eNorm\u201c zu entsprechen. Das kostet unz\u00e4hligen Menschen Lebensqualit\u00e4t, psychische und auch physische Gesundheit. Dennoch sehen wir wenig \u00c4nderung. Die Gesellschaft h\u00e4lt daran fest: Gesund sein, bedeutet d\u00fcnn sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was macht das mit Menschen individuell?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Grat zwischen Di\u00e4tkultur und Essst\u00f6rung ist unglaublich schmal. Die Aussage ist: H\u00f6re nicht auf deinen K\u00f6rper, sondern h\u00f6re auf externe Werte, wie z. B. den BMI. Als hochgewichtige Person lernt man das von Anfang an. Wie soll man da ein gutes Verh\u00e4ltnis zu Essen, zu den Zeichen, die dir dein eigener K\u00f6rper gibt, oder zu sich selbst aufbauen? Viele hochgewichtige Menschen, die ich kenne, leiden unter einer Essst\u00f6rung. Und sie werden daf\u00fcr belohnt, da es ja dem Abnehmen dient. Leiden niedriggewichtige Menschen unter einer Essst\u00f6rung, werden sie f\u00fcr dieses Verhalten bestraft. Das ist einfach furchtbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Du hattest eingangs Sexualit\u00e4t erw\u00e4hnt. Was siehst du hier auf individueller Ebene?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterstellung, hochgewichtige Menschen h\u00e4tten keine Sexualit\u00e4t, ist oft sp\u00fcrbar. Die Aussage \u201eSei doch froh, wenn du jemanden als Beziehungs- oder Sexualpartner*in hast\u201c schwingt mit und impliziert, dass es eine Besonderheit ist oder man es eigentlich nicht wert sei, geliebt und begehrt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Innerhalb von Beziehungen entsteht dann schnell eine emotionale Erpressung nach dem Motto: Es will dich eh keine andere Person au\u00dfer mir, also sei dankbar und f\u00fcge dich meinen Konditionen. Es entsteht leicht emotionale und sexuelle Gewalt gegen\u00fcber hochgewichtigen Menschen. Und warum? Weil unreflektiert einer Gesellschaft recht gegeben wird, die besessen davon ist, nicht h\u00f6hergewichtig zu sein. Menschen registrieren teils gar nicht, wie sie anderen gegen\u00fcber agieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>So wie das vermeintliche Kompliment, das viele von uns kennen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unbedingt. Die Frage \u201eDu schaust gut aus \u2013 hast du abgenommen?\u201c ist genau das. Letztlich wird hier gesagt: Weil du abgenommen hast, siehst du besser aus. Bedeutet also, mit mehr Gewicht ist man nicht sch\u00f6n und Gewichtsverlust ist das ultimative Ziel ohne R\u00fccksicht auf die Menschen dahinter. Dass diese Frage fast immer als Kompliment gemeint ist, macht deutlich, wie tief verwurzelt die negative Bewertung von Menschen mit h\u00f6herem Gewicht ist. Man muss einfach mal anfangen, dar\u00fcber nachzudenken!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kommen wir abschlie\u00dfend noch mal zu den queeren Lebenswelten. Was w\u00e4re hier eine Message, die du mitgeben m\u00f6chtest?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da m\u00f6chte ich gerne das Thema der Hormonbehandlung im Rahmen einer Transition ansprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft habe ich erlebt, dass es in Gespr\u00e4chen zur Hormonbehandlung pl\u00f6tzlich hei\u00dft \u201eAchtung, davon nimmt man zu\u201c und dass trans Personen Angst davor haben oder bekommen. Das ist doch unertr\u00e4glich, wenn trans Menschen so viel auf sich nehmen, eben z. B. auch mit Hormonen und dann wird ihnen gleich die n\u00e4chste Diskriminierung umgeh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher m\u00f6chte ich auch in unserer queeren Lebensbubble motivieren, andere Diskriminierungsformen, wie eben die gewichtsbezogene, \u00f6fter zu reflektieren. Wenn wir als Community die Kraft haben, gemeinsam gegen die heteronormativen Ansichten zu k\u00e4mpfen, dann sollten wir uns auch nicht ungefragt anderen Normen unterordnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Norm sollte unreflektiert bleiben \u201eDu schaust gro\u00dfartig aus \u2013 hast du abgenommen?\u201c Diese Frage bzw. Feststellung ist ein h\u00e4ufiges Kompliment. Aber was sagt man da eigentlich? Wieso ist es ein Kompliment? Der Umgang mit dem eigenen K\u00f6rpergewicht ist f\u00fcr viele Menschen eine enorme Herausforderung. 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