{"id":4965,"date":"2024-12-06T00:18:00","date_gmt":"2024-12-05T23:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4965"},"modified":"2024-12-06T00:18:49","modified_gmt":"2024-12-05T23:18:49","slug":"mehrwertgewicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4965","title":{"rendered":"Mehr(wert)Gewicht"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unterrepr\u00e4sentierung &amp; Fatshaming.<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gedanken einer fetten, queeren und weiblich gelesene Person in der Community.<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Yvonne. Wei\u00df. 36 Jahre. Fett. Queer.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Aufmerksame Leser*innen fragen sich jetzt vermutlich, warum ich mich selbst als fett bezeichne. In unserer Gesellschaft wird das Wort \u201eFett\u201c entweder gemieden, in negativen Zusammenh\u00e4ngen oder als Schimpfwort verwendet. Ich m\u00f6chte W\u00f6rter wie dick und fett wieder f\u00fcr mich zur\u00fcckgewinnen, n\u00e4mlich als das, was sie sind \u2013 eine Beschreibung. Nicht mehr und nicht weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist es mir zu erw\u00e4hnen, dass es sich dabei um eine Selbstbezeichnung handelt. Der politisch korrekte und neutrale Begriff ist Mehrgewicht. Weiters m\u00f6chte ich festhalten, dass es genauso wesentlich ist, sich seiner eigenen Positionierung und den damit einhergehenden Privilegien bewusst zu werden. Ich als wei\u00dfe, fette Person, mache andere Erfahrungen als zum Beispiel eine mehrgewichtige Person of Colour. Wahrnehmungen und Erfahrungen unterscheiden sich aufgrund verschiedener intersektionaler Ebenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrgewichtige Personen sind t\u00e4glich teils mehrfach mit Ausgrenzung und Diskriminierung konfrontiert. Sei es im \u00f6ffentlichen Leben, in der Medizin oder im privaten Bereich. Nicht nur einmal wurde mir in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln der Platz angeboten, weil ich f\u00fcr schwanger gehalten wurde, Beschwerden nicht ernstgenommen, n\u00f6tige medizinische Versorgung verwehrt oder die Eigenschaft der Faulheit zugeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrgewichtige Personen tendieren aus diesem Grund dazu, sich zur\u00fcckzuziehen, am \u00f6ffentlichen Leben nicht oder nur selten teilzunehmen und sich selbst als weniger wert zu empfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin seit ca. 20 Jahren als lesbisch geoutet und habe immer schon dem schlanken Sch\u00f6nheitsideal unserer Gesellschaft nicht entsprochen. Schnell musste ich lernen und akzeptieren, dass Leistungen einer dicken Person gesellschaftlich weniger wert sind, sei es im Sport oder Berufsleben. S\u00e4tze wie \u201eStell dir vor, was du erreichen k\u00f6nntest, wenn du abnehmen w\u00fcrdest\u201c stehen f\u00fcr mich an der Tagesordnung, unabh\u00e4ngig davon wie gut meine Leistungen sind. Waren meine Leistungen mal nicht so gut, wurde schnell ein Grund daf\u00fcr gefunden \u2013 mein Gewicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 16 habe ich versucht, meine ersten Schritte in der Community zu wagen und musste feststellen, dass K\u00f6rper, die anders als die Norm aussahen, quasi nicht vorhanden waren. Mehrgewichtige K\u00f6rper wurden von Anwesenden dementsprechend bewertet, abgewertet oder ignoriert. Aus diesem Grund habe ich mich schnell wieder aus der Community zur\u00fcckgezogen und mich dieser erst wieder vor 2 Jahren zugewandt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit dieser Zeit besch\u00e4ftige ich mich intensiv mit queerfeministischen Themen mit einem Schwerpunkt auf K\u00f6rperbilder und setze mich als Aktivist*in f\u00fcr die Akzeptanz ALLER K\u00f6rper ein. Ich m\u00f6chte meine Wahrnehmungen \u00fcber die derzeitige Situation auf zwei unterschiedlichen Ebenen beleuchten, der institutionellen und der pers\u00f6nlichen Ebene.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was hat sich in den letzten 20 Jahren aus meiner Perspektive ge\u00e4ndert?<\/h3>\n\n\n\n<p>Heute blicke ich auf queere Veranstaltungsseiten und finde vermehrt den Hinweis, dass dieser Ort ein Safe Space f\u00fcr alle Geschlechter und K\u00f6rper ist. Ich scrolle weiter zu den Werbebildern und Fotos von vergangenen Veranstaltungen und sehe vor allem eines: wei\u00dfe, d\u00fcnne und den Sch\u00f6nheitsidealen unserer Gesellschaft entsprechenden Personen. Inklusion &amp; K\u00f6rperdiversit\u00e4t suche ich weiterhin vergeblich. Ich frage mich: F\u00fcr welche K\u00f6rper ist dieser Ort\/Veranstaltung ein sicherer Raum? Mehrgewichtige Personen sind ganz oft nicht damit gemeint. Wenn Betreiber*innen oder G\u00e4st*innen gefragt werden, kommt ganz oft \u201eJa, wenn Dicke wollen k\u00f6nnen sie eh teilnehmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber: Personen, die t\u00e4glich mit Diskriminierung konfrontiert sind, sowohl Erfahrungen in verschiedenen queeren R\u00e4umen oder auch auf Veranstaltungen gemacht haben, werden nicht auf einmal an Veranstaltungen teilnehmen, nur weil dort der nichtssagende Satz \u201eF\u00fcr alle K\u00f6rper offen\u201c steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was macht eine Veranstaltung zu einem Ort f\u00fcr alle K\u00f6rper? Wurden Bed\u00fcrfnisse mit Betroffenen vorab besprochen und erfragt? Ist der Ort barrierefrei bzw. barrierearm? Welche Barrieren gibt es, z.B. sind vorhandene Sitzgelegenheiten f\u00fcr alle K\u00f6rperformen geeignet? W\u00e4hrend einer Veranstaltung am Boden sitzen zu m\u00fcssen ist keine Veranstaltung, die f\u00fcr alle K\u00f6rper und Bed\u00fcrfnisse offen ist. Sind Kleiderordnungen, wie zum Beispiel auf B\u00e4llen, tats\u00e4chlich inklusiv? Mehrgewichtige Personen finden nicht mal eben ein passendes Kleid oder Hosenanzug von der Stange, von Ressourcen und finanziellen Mitteln mal ganz abgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist l\u00e4ngst an der Zeit, dass queere Veranstaltungen &amp; R\u00e4ume sich nicht nur an den W\u00f6rtern inklusiv und divers bedienen, weil es gerade hip und cool ist. Es ist an der Zeit, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen, Konzepte im Austausch mit Expert*innen und betroffenen Personen zu erarbeiten, um R\u00e4ume f\u00fcr m\u00f6glichst alle K\u00f6rper zu \u00f6ffnen. Eventuell m\u00fcssen Veranstalter*innen sich eingestehen, dass manche Veranstaltungen aus welchen Gr\u00fcnden auch immer nicht inklusiv und divers sind. Sollte dies der Fall sein, sollten diese Informationen vorab klar und transparent kommuniziert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist mir wichtig zu betonen, dass es vereinzelt Veranstaltungen gibt, die ernsthaft daran arbeiten den Anspr\u00fcchen von Inklusion und Diversit\u00e4t gerecht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Ebene ist die pers\u00f6nliche. Dabei m\u00f6chte ich Ina Holub (Fatacceptance Aktivistin) aus meiner Podcastfolge (\u201ea fat queer feminist\u201c) vom 21.M\u00e4rz 2024 zitieren:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eDann finden halt alle Queers \u201eThe Gossip\u201c und \u201eBeth Ditto\u201c supercool, aber ich sag\u2018s jetzt ganz plakativ: Mit ihr schlafen oder zusammen sein, that\u2018s another story.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein meiner Meinung nach sehr treffender Satz, der das Ph\u00e4nomen Fatshaming exzellent beschreibt. Ich m\u00f6chte in Bezug auf Dating und soziale Beziehungen mit mehrgewichtigen Beziehungen darauf aufmerksam machen, dass wir uns alle selbst hinterfragen m\u00fcssen. S\u00e4tze wie \u201eIch finde das eben wirklich nicht sch\u00f6n, sondern eklig.\u201c sind diskriminierend und fettfeindlich. Wenn wir uns darauf einigen, dass unsere Gesellschaft ein Konstrukt ist, dann sind auch Sch\u00f6nheitsideale von eben dieser ein Konstrukt und vielleicht etwas, das wir nur gelernt haben sch\u00f6n oder gut zu finden. Als weiblich gelesene Personen sind wir Bewertungen unseres K\u00f6rpers st\u00e4ndig und \u00fcberall ausgesetzt, leider auch ganz massiv in unseren queeren Communities.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen uns deshalb auch auf individueller Ebene die Frage stellen, wie wir Orte und R\u00e4ume f\u00fcr alle K\u00f6rper schaffen k\u00f6nnen. Wir sind gepr\u00e4gt von heteronormativen und patriarchalen Strukturen, in diesen sozialisiert und tragen alle verschiedenste Vorurteile in uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Als queere Community, die den Anspruch hat, inklusiv zu sein, m\u00fcssen wir versuchen unsere \u201e\u00dcberheblichkeit der Diversit\u00e4t\u201c abzulegen. Ein reflektierter Umgang mit Diversit\u00e4t und Inklusion sollte unser gelebter Alltag sein, vor allem als marginalisierte Personengruppe, die Teil davon ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle K\u00f6rper, egal woher sie kommen, welche Form oder Gr\u00f6\u00dfe diese haben, m\u00fcssen ein sichtbarer und repr\u00e4sentierter Teil unserer Community werden. Um gemeinsam stark, geeint und nachhaltig gegen Diskriminierung und f\u00fcr eine offene, selbstbestimmte Welt f\u00fcr alle k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend ist es mir wichtig zu sagen:<\/p>\n\n\n\n<p>Lasst uns einander jetzt, in Zeiten von R\u00fcckschl\u00e4gen und dem Erstarken der rechten Kr\u00e4fte in \u00d6sterreich, Europa und auf der ganzen Welt, nicht spalten. Lasst uns gemeinsam und f\u00fcreinander einstehen, Seite an Seite, in all unserer Vielfalt \u2013 mit unseren unterschiedlichen K\u00f6rpern und Identit\u00e4ten. Queere Rechte sind Menschenrechte und haben einen MEHRwert f\u00fcr ALLE.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Text von von Yvonne Laussermayer, Aktivist*in und Podcaster*in<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unterrepr\u00e4sentierung &amp; Fatshaming. Gedanken einer fetten, queeren und weiblich gelesene Person in der Community. Yvonne. Wei\u00df. 36 Jahre. Fett. Queer. 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