{"id":4947,"date":"2024-12-06T00:21:00","date_gmt":"2024-12-05T23:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4947"},"modified":"2025-06-04T20:58:52","modified_gmt":"2025-06-04T18:58:52","slug":"beduerfnisse-erkennen-barrieren-abbauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4947","title":{"rendered":"Bed\u00fcrfnisse (er)kennen, Barrieren abbauen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">LGBTIQ+ Krebsversorgung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Eine Krebsdiagnose l\u00f6st bei Betroffenen oft Angst aus. Wenn dazu noch die Unsicherheit kommt, wie das behandelnde medizinische Personal auf eine Person zugeht und ob sich \u00c4rzt*innen und Pflegende mit den Besonderheiten der LGBTIQ+-Community auskennen, kann dies zus\u00e4tzliche Sorgen hervorrufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Europ\u00e4ische Gesellschaft f\u00fcr Onkologie (European Society For Medical Oncology, ESMO) scheint sich dessen bewusst zu sein. Gemeinsam mit Kolleg*innen der p\u00e4diatrischen Onkologie (Soci\u00e9t\u00e9 internationale d\u2019oncologie p\u00e9diatrique Europe, SIOPE) hat der Verband beim Gesundheitsfachpersonal in 75 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern nachgefragt, wie es um deren Kenntnisse und Einstellungen im Umgang mit queeren Betroffenen steht. Das Ziel: herauszufinden, was es braucht, damit Fachpersonen besser auf die Bed\u00fcrfnisse ihrer Patient*innen eingehen k\u00f6nnen. Die Ergebnisse der Umfrage wurden nun ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aufgeschlossen und empathisch<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gute Nachricht vorweg: Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Umfrageteilnehmenden zeigt sich aufgeschlossen und sensibilisiert. Neun von zehn Befragten geben an, sich im Umgang mit queeren Patient*innen sicher zu f\u00fchlen. Und: etwa zwei Drittel sind damit einverstanden, in Adresslisten explizit als LGBTIQ+-freundliche Gesundheitsdienstleistende genannt zu werden. Diese Bereitschaft belegt ein Bewusstsein, dass queere Menschen mitunter andere Bed\u00fcrfnisse und Anliegen haben als cis-heterosexuelle Personen. Bei trans Betroffenen sieht es \u00e4hnlich aus: Laut Befragung f\u00fchlen sich acht von zehn Fachpersonen in der Lage, trans Personen ad\u00e4quat zu behandeln.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mangelndes Wissen \u00fcber spezielle Bed\u00fcrfnisse<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlechter steht es allerdings um das Wissen medizinischer Fachkr\u00e4fte \u00fcber den besonderen Unterst\u00fctzungsbedarf von LGBTIQ+-Personen. Weniger als die H\u00e4lfte der Befragten (44%) f\u00fchlt sich gut informiert \u00fcber die allgemeinen Gesundheitsbed\u00fcrfnisse von homosexuellen Patient*innen; bei trans Betroffenen ist es nur ein knappes Viertel. Gefragt nach ihrem Verst\u00e4ndnis der speziellen psychosozialen Anliegen von LGBTIQ+-Personen zeigt sich ein breites Spektrum: Etwa ein Drittel der Kliniker*innen gibt an, gut informiert zu sein; ein Drittel ist der Meinung, keine ausreichenden Kenntnisse zu besitzen; und ein Drittel antwortet \u201eneutral\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erw\u00e4hnenswert, wenn auch wenig \u00fcberraschend, ist, dass Befragte, die sich selbst als LGBTIQ+ identifizieren, hier besser abschneiden. Sie f\u00fchlen sich allgemein besser informiert \u00fcber die spezifischen Bed\u00fcrfnisse der Community \u2013 sowohl wenn es um emotionale und soziale Anliegen geht als auch bei medizinischen Besonderheiten. Dazu geh\u00f6ren etwa Unterschiede im Risiko f\u00fcr einzelne Krebsarten aufgrund hormoneller Behandlungen oder Lebensstilfaktoren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unsicherheit aufgrund fehlender Ausbildung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein ausschlaggebender Moment ist der erste Kontakt. Um auf die Bed\u00fcrfnisse queerer Patient*innen eingehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen Gesundheitsfachpersonen diese zuerst erkennen. Obwohl mehr als die H\u00e4lfte der Befragten es wichtig findet, Genderidentit\u00e4t und sexuelle Orientierung ihrer Patient*innen zu kennen, gibt nur etwa ein Drittel an, diese Fragen beim ersten Beratungsgespr\u00e4ch zu stellen. \u201ePflegefachkr\u00e4fte trauen sich oft nicht, sensible Themen wie Genderidentit\u00e4t oder Orientierung anzusprechen, weil sie Angst haben, die betroffene Person durch ungeschickte Wortwahl zu verletzen\u201c, sagt Johan De Munter, Pflegefachmann am Krebszentrum des Universit\u00e4tsspitals Gent (Belgien) und Mitglied des SIOPE-Komitees f\u00fcr Jugendliche und junge Erwachsene. In seinem Fachbereich, der H\u00e4matologie, ist er selbst viel im Kontakt mit jungen Betroffenen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr ihn und seine Kolleg*innen ist es wichtig, Vertrauen zu schaffen: \u201eWir m\u00f6chten Patient*innen einen gesch\u00fctzten Raum bieten, in dem sie all ihre Sorgen und \u00c4ngste ansprechen k\u00f6nnen. Nur so k\u00f6nnen wir die beste Behandlung f\u00fcr jede einzelne Person sicherstellen.\u201c Doch im Austausch mit Pflegefachpersonen h\u00f6rt De Munter immer wieder, dass mangelndes Wissen, vor allem \u00fcber die richtige Sprache, eine H\u00fcrde im Umgang mit queeren Menschen darstellt. Seine eigene Erfahrung entspricht jener der meisten Befragten der ESMO\/SIOPE-Umfrage: \u201eDie Frage \u201aWie gehe ich respektvoll und sensibel mit LGBTIQ+-Patient*innen um?\u2018 kam in meiner Fachausbildung nie zur Sprache. So geht es vielen, daher f\u00fchlen sie sich nicht gut vorbereitet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wunsch nach ausf\u00fchrlicherer Schulung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So sind sich mehr als 75% der Befragten einig, dass die Bed\u00fcrfnisse von LGBTIQ+-Personen sowohl im Basisstudium als auch in postgradualen Fortbildungen thematisiert werden sollten. Die onkologischen Fachverb\u00e4nde geben daher die Empfehlung ab, entsprechende Themen in die Ausbildungsprogramme aufzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um Fachpersonen mit konkreten Beispielen und Tipps f\u00fcr den Umgang mit Krebsbetroffenen aus der LGBTIQ+-Community sowie anderen gesellschaftlichen Minderheiten zu unterst\u00fctzen, hat die EU-gef\u00f6rderte Initiative Youth Cancer Europe einen Leitfaden entwickelt. Dieser soll dem Gesundheitspersonal die notwendigen Tools zur Verf\u00fcgung stellen, um einen respektvollen und vertraulichen Rahmen f\u00fcr Patient*innen zu schaffen. \u201eDas ist eine wertvolle Quelle, damit die Krebsversorgung europaweit inklusiver wird\u201c, findet Johan De Munter, der das Dokument als Pflegeexperte begutachtet hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abschlie\u00dfend betont der Fachmann die Rolle der Forschung, um Bewusstsein und Wissen um die Gesundheitsanliegen der Community zu schaffen: \u201eUm zu wissen, wie wir besser auf spezielle Bed\u00fcrfnisse eingehen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir diese genau kennen. Bei ESMO, SIOPE und dem europ\u00e4ischen Onkologie-Pflegefachverband (European Oncology Nursing Society, EONS) laufen derzeit einige Projekte, die die Anliegen von LGBTIQ+ Krebsbetroffenen genauer erforschen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Feinheiten der Umfrage im Fokus<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Interpretation der Umfrageergebnisse sind einige Eckdaten wichtig: Von mehr als 26.000 ESMO- und SIOPE-Mitgliedern, an die der Fragebogen versendet wurde, beantworteten 672 Personen diesen zumindest teilweise. Die geringe Antwortrate k\u00f6nnte auf Faktoren wie Zeitmangel, fehlendes Bewusstsein f\u00fcr die Relevanz der Umfrage im Alltag der Fachpersonen, oder allgemein mangelndes Interesse an der Thematik zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Wie insbesondere die letzten beiden Punkte die erhobenen Daten m\u00f6glicherweise beeinflussen und schwer verallgemeinerbar machen, sollte nicht untersch\u00e4tzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den Antwortenden gilt weiters zu wissen, dass es sich zu mehr als zwei Drittel um Onkolog*innen und Kinderkrebs-Fach\u00e4rzt*innen handelt \u2013 etwa die H\u00e4lfte von ihnen im Alter zwischen 30 und 39 Jahren; das liegt am Mitgliederprofil der beiden Verb\u00e4nde. In der Krebsversorgung werden Betroffene aber meist von multidisziplin\u00e4ren Teams begleitet; vor allem Pflegefachkr\u00e4fte, psychosoziales Personal und unterst\u00fctzende Therapeut*innen spielen eine Schl\u00fcsselrolle. Ihre Ansichten spiegeln sich nicht in den erhobenen Daten wider.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bez\u00fcglich Genderidentit\u00e4t und sexueller Orientierung identifizieren sich die Teilnehmenden \u2013 bis auf drei trans Personen \u2013 etwa zur H\u00e4lfte als (cis) Frauen (45%) oder M\u00e4nner (54%). Der Gro\u00dfteil (rund 70%) gibt sich als heterosexuell zu erkennen, 14% als schwul, 5% als bisexuell, 3% als lesbisch, 2% als unsicher und 1% als \u201esonstige\u201c. 30 Personen (5,6%) wollten zu ihrer sexuellen Orientierung keine Angaben machen. Welchen Einfluss die Identit\u00e4t der Befragten auf einige der Antworten hat, wird im Studienbericht an mehreren Stellen erl\u00e4utert \u2013 ein Beispiel ist der weiter oben geschilderte Wissensstand um die Bed\u00fcrfnisse der Community.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich sei erw\u00e4hnt, dass die Umfrage in 75 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern durchgef\u00fchrt wurde. Landesspezifische soziokulturelle und gesetzliche Faktoren wurden in die Analyse aber nicht einbezogen. \u201eDie politische Lage, aber auch Unterschiede in der Ausbildung des Gesundheitspersonals in verschiedenen L\u00e4ndern, spielen bestimmt eine Rolle\u201c, meint Johan De Munter. \u201eIch bin aber zuversichtlich, dass Personen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, generell offen und sensibel sind. Politische Trends k\u00f6nnen die Fortschrittlichkeit des Gesundheitssystems und der Gesellschaft im Allgemeinen gef\u00e4hrden. Trotzdem steht f\u00fcr uns immer die beste Versorgung f\u00fcr jede*n einzelne*n Patient*in im Mittelpunkt \u2013 um das sicherzustellen, m\u00fcssen wir deren individuelle Bed\u00fcrfnisse kennen und respektieren, egal ob es um Genderidentit\u00e4t, sexuelle Orientierung, Religion oder andere pers\u00f6nliche Umst\u00e4nde geht. Es liegt nicht an uns zu urteilen, sondern zu helfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Text von Klara Soukup, Wissenschaftsjournalistin<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>LGBTIQ+ Krebsversorgung Eine Krebsdiagnose l\u00f6st bei Betroffenen oft Angst aus. Wenn dazu noch die Unsicherheit kommt, wie das behandelnde medizinische Personal auf eine Person zugeht und ob sich \u00c4rzt*innen und Pflegende mit den Besonderheiten der LGBTIQ+-Community auskennen, kann dies zus\u00e4tzliche Sorgen hervorrufen. 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