{"id":4937,"date":"2024-12-06T00:22:00","date_gmt":"2024-12-05T23:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4937"},"modified":"2025-09-04T22:11:01","modified_gmt":"2025-09-04T20:11:01","slug":"zwischen-ruestung-und-selbstakzeptanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4937","title":{"rendered":"Zwischen R\u00fcstung und Selbstakzeptanz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">\u201eKurz bevor ich das Ende des Tunnels erreichte, schlug ich den Kragen meiner Lederjacke hoch. Nicht weil es kalt war. Es war erst Anfang September. Nein, es hatte denselben Effekt wie ein unverwundbarer Panzer. Eine gl\u00e4nzende R\u00fcstung, in der du durch das Portal einer Burg reitest, um die Tochter des K\u00f6nigs zu entf\u00fchren.\u201c (Mirjam M\u00fcntefering, \u201eAda sucht Eva\u201c)<\/p>\n\n\n\n<p>Hast du dich schon einmal durch deine Kleidung oder Make-Up gesch\u00fctzt? Vielleicht eine Lederjacke \u00fcbergestreift oder mit extra rotem Lippenstift die Lippen nachgezogen? Wir k\u00f6nnen selbst entscheiden, wann und ob wir solch einen k\u00f6rperlichen Schutz brauchen. Aber wenn man eine queere und (meist) bin\u00e4r weiblich gelesene Person ist, ist man einer doppelten Belastung durch Bodyshaming ausgesetzt. Einerseits wirken gesellschaftliche Sch\u00f6nheitsstandards auf uns ein, die unser Denken \u00fcber unsere Figur, unsere Frisuren, bestimmte K\u00f6rperteile und Kleidungsst\u00fccke beeinflussen. Andererseits sind wir auch bestimmten Erwartungen innerhalb der Community ausgesetzt. Wir erleben den Druck, welcher unsere eigene Wahrnehmung, unser Selbstbewusstsein, unser K\u00f6rperbild und das Dating-Leben beeinflussen kann. Entsprechen wir nicht den Klischees, so k\u00f6nnen wir uns unsichtbar f\u00fchlen, egal ob in der Welt da drau\u00dfen oder in der eigentlich gesch\u00fctzten Community. Wir sp\u00fcren also den Druck des \u201ePassings\u201c, wollen hineinpassen in die Welt, in die Community. Dies kann dazu f\u00fchren, dass wir unser eigenes Wohlgef\u00fchl und unsere Authentizit\u00e4t unterdr\u00fccken, um die externen Anforderungen zu erf\u00fcllen. Dabei kann es der Person, der du gerade ins Gesicht schaust, genauso gehen wie dir \u2013 denn sie teilt vielleicht die gleichen Erfahrungen. Um diesem Druck etwas entgegenzusetzen, k\u00f6nnen wir uns Wege wie unsere Kleidung oder die Gestaltung unseres \u00c4u\u00dferen suchen, um eine Art R\u00fcstung als Schutz unserer K\u00f6rper anzulegen. Das kann eine Lederjacke sein, aber auch andere M\u00f6glichkeiten sind denkbar. Die Freiheit, diese R\u00fcstung an- oder ablegen zu k\u00f6nnen, kann uns dabei helfen, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln und uns Mut geben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Scham statt Zorn oder Zorn statt Scham<\/h3>\n\n\n\n<p>Was meint Bodyshaming eigentlich? Das englische Verb \u201eto shame\u201c bedeutet jemanden beleidigen, besch\u00e4men. Diese Besch\u00e4mung ist hier auf den K\u00f6rper bezogen und in diesem begr\u00fcndet. Es kann jede Form der Abwertung umfassen, zum Beispiel Gewicht, Kleidung oder Erscheinungsbild. Dabei ist in bin\u00e4r gedachten K\u00f6rpern sehr viel gesellschaftlich eingeschrieben, insbesondere in weiblich gelesene K\u00f6rper. So lernen weiblich sozialisierte Personen beispielsweise Scham zu empfinden, wenn ihnen jemand unrecht antut, statt Zorn zu empfinden und entsprechend zu handeln. Sie reagieren somit mit Selbstbeschuldigung, statt T\u00e4ter*innen laut und zornig auf Normverst\u00f6\u00dfe hinzuweisen. Sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben, statt zu benennen, dass die andere Person falsches Verhalten zeigt. Sie erlernen das ideale Normverhalten und das normierte Aussehen und sind sich dessen bewusst, wenn sie dem nicht entsprechen. Es erfordert Kraft und Reflektion, diesem erlernten Verhalten entgegenzutreten und aktiv dagegen zu handeln, um neue Verhaltensmuster zu etablieren und Selbstakzeptanz zu empfinden. Dabei kann Zorn kraftvoll und befreiend wirken, wenn dieser ans Au\u00dfen gerichtet ist, statt wie Scham auf das Innen. Er kann uns die Kraft geben, Unrecht offen zu thematisieren und uns Unterst\u00fctzung von anderen einbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Erfahren von Bodyshaming f\u00fchlt die betroffene Person selbst Scham, Unsicherheit, es ersch\u00fcttert m\u00f6glicherweise tiefgreifend das eigene Selbstbewusstsein. Dabei ist es der eigene K\u00f6rper, der von au\u00dfen bewertet wird \u2013 eine Bewertung, die dem Gegen\u00fcber nicht zusteht. Auch in der Community sind Personen, die bewertendes Verhalten erlernt haben, wir k\u00f6nnen uns w\u00e4hrend unserer Sozialisation kaum dagegen wehren. Aber wir k\u00f6nnen aktiv dagegenhandeln. Wir k\u00f6nnen uns daf\u00fcr entscheiden, solche gesellschaftlichen Strukturen zu durchbrechen und als Grundannahme annehmen: Fremde K\u00f6rper werden nicht bewertet. Reflektiere ich selbst mein Verhalten nicht und bewerte andere, sorge ich daf\u00fcr, dass andere sich schlecht f\u00fchlen, dann bin ich selbst im Unrecht. Die Scham sollte nicht bei der bewerteten Person liegen. Entscheiden wir uns als Community immer wieder daf\u00fcr, aktiv solches Verhalten zu \u00e4ndern, k\u00f6nnen wir den uns auferlegten Klischees widerstehen. Wir k\u00f6nnen unsere K\u00f6rper als Schutz nutzen, aber auch als Ausdrucksformen unserer Identit\u00e4ten, wir k\u00f6nnen Grenzen setzen und f\u00fcr Respekt einstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eKurz bevor ich das Ende des Tunnels erreichte, schlug ich den Kragen meiner Lederjacke hoch. Nicht weil es kalt war. Es war erst Anfang September. Nein, es hatte denselben Effekt wie ein unverwundbarer Panzer. 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