{"id":4887,"date":"2024-09-06T00:21:47","date_gmt":"2024-09-05T22:21:47","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4887"},"modified":"2024-09-05T21:41:39","modified_gmt":"2024-09-05T19:41:39","slug":"aids-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4887","title":{"rendered":"AIDS 2024"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Konferenz mit Emotionen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ende Juli 2024 fand in M\u00fcnchen die Welt-AIDS-Konferenz statt. Neben einigen medizinischen Highlights brachte sie vor allem eine Gewissheit: der Kampf gegen HIV findet l\u00e4ngst nicht mehr auf wissenschaftlicher, sondern haupts\u00e4chlich auf gesellschaftlicher Ebene statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Lambda-Ausgabe besch\u00e4ftigt sich unter anderem mit Themen rund um Glaube und Religion. Als Naturwissenschaftlerin m\u00f6chte ich zwar nichts dazu schreiben, m\u00f6chte aber motivieren zu reflektieren, warum welche gesellschaftlichen Dynamiken be- und entstehen. Und wie man damit umgehen muss bzw. kann bzw. m\u00f6chte. Denn auch im HIV-Bereich sind diese Fragen hochaktuell, wie die Welt-AIDS-Konferenz wieder zeigte. Mich pers\u00f6nlich zerriss sie zwischen Emotionen zu Erfolgen und Ungleichbehandlungen. Mit zwei kurzen Gedanken m\u00f6chte ich diesen Konflikt veranschaulichen. Welche Rolle Glaube und Religion dabei spielt, stelle ich einfach offen in den Raum.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Welt-AIDS-Konferenz<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Welt-AIDS-Konferenz stand ganz im Zeichen von Communities, Aktivismus und Gesellschaftspolitik, insbesondere im sogenannten Global Village. Dieses bot neben dem regul\u00e4ren Kongressprogramm einen \u00f6ffentlichen Raum f\u00fcr Organisationen und Aktivist*innen. Der Schwerpunkt lag auf den Themen Frauen, Jugend, trans* Personen und Sexwork. Mit unz\u00e4hligen Vortr\u00e4gen, Aktionen und Performances pr\u00e4sentierten Menschen aus allen Weltregionen und Lebenswelten ihre Arbeit und ihr Engagement. Das Global Village erm\u00f6glichte somit auch Menschen ohne Kongressticket, sich international zu vernetzen und aus der Konferenz Information und Motivation zu generieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Be\u00e4ngstigende HIV-Statistik <\/h3>\n\n\n\n<p>Die neue Statistik von UNAIDS (Programm der Vereinten Nationen gegen HIV\/AIDS) macht leider Angst: Im Vergleich zum Vorjahr konnte weder die Zahl der HIV-Neuinfektionen noch die der HIV-assoziierten Todesf\u00e4lle reduziert werden. 630.000 Personen verstarben 2023 an den Folgen einer HIV-Infektion, das ist mehr als ein Mensch pro Minute. F\u00fcr 2023 wird die Zahl der HIV-Neuinfektionen auf 1,3 Millionen gesch\u00e4tzt. Weltweit kam es jede Woche zu 4.000 Infektionen bei M\u00e4dchen und Frauen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren, davon 3.100 in Subsahara-Afrika. W\u00e4hrend die globale HIV-Pr\u00e4valenz bei 0,8&nbsp;% liegt, wird sie f\u00fcr Menschen in der Sexarbeit um 3 Prozentpunkte h\u00f6her, f\u00fcr M\u00e4nner, die Sex mit M\u00e4nnern, haben um 7,7 Prozentpunkte und f\u00fcr trans* Personen um 9,2 Prozentpunkte h\u00f6her angegeben. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">HIV-Epidemie am Wendepunkt<\/h3>\n\n\n\n<p>Das UNAIDS-Motto \u201eAIDS AT THE CROSSROADS\u201c unterstrich, dass wir an einem kritischen Wendepunkt stehen. Das Ziel, die Todesf\u00e4lle bis 2025 unter 250.000 und die HIV-Neuinfektionen unter 370.000 zu senken, ist utopisch. Berechnungen ergeben, dass bis 2050 mit weiteren 34,9 Million Neuinfektionen und 17,7 Millionen Todesf\u00e4llen zu rechnen ist. Doch auch ein positiver Wendepunkt zeichnet sich ab. Aktuell leben ca. 40 Millionen Menschen mit HIV. Das sind in etwa so viele Personen, wie seit Bekanntwerden der Epidemie verstorben sind. Damit verschiebt sich die statistische Dynamik zu Gunsten der lebenden Menschen mit HIV. Dieser Trend ist allerdings abh\u00e4ngig von der Therapieverf\u00fcgbarkeit. 2023 fehlte jeder 4. Person mit HIV und damit 9,2 Millionen Menschen der Zugang zu HIV-Therapie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lenacapavir als HIV-PrEP \u2013 Standing Ovations<\/h3>\n\n\n\n<p>Eines der gr\u00f6\u00dften Themen der Konferenz war die PURPOSE-1 Studie, die bei der Pr\u00e4sentation Standing Ovations erhielt. Sie ist eine von mehreren Studien, in denen Lenacapavir (LEN) als HIV-PrEP in diversen Bev\u00f6lkerungsgruppen und Settings untersucht wird. LEN ist ein neuer Wirkstoff gegen HIV, der sich u. a. durch eine lange Halbwertszeit auszeichnet, wodurch er l\u00e4nger im K\u00f6rper bleibt und weniger oft eingenommen werden muss. F\u00fcr bestimmte Situationen ist LEN in der HIV-Therapie bereits zugelassen, als HIV-PrEP ist LEN erst in Erforschung.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Studie hatten \u00fcber 5.300 cis M\u00e4dchen und Frauen in 28 Zentren in S\u00fcdafrika und Uganda teilgenommen. Eine Gruppe erhielt LEN als Injektion nur zwei Mal pro Jahr, zwei andere Gruppen erhielten eine \u00fcbliche PrEP aus t\u00e4glichen Tabletten. 55 HIV-Infektionen mussten registriert wurden. Bei den Frauen mit LEN-PrEP kam es zu keiner einzigen Infektion. In Folge dieser Zwischenergebnisse wurde die Studie abgebrochen und allen Teilnehmerinnen die injizierbare HIV-PrEP mit Lenacapavir angeboten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">HIV-PrEP: Selbstbestimmtes Leben als entscheidender Faktor<\/h3>\n\n\n\n<p>Es wurde immer wieder betont, keinesfalls zu untersch\u00e4tzen, dass f\u00fcr Frauen z.B. in Subsahara-Afrika die t\u00e4gliche Tabletteneinnahme eine enorme kulturelle, soziale und emotionale Herausforderung ist. Viele Vortr\u00e4ge fokussierten auf Lebenswelten von M\u00e4dchen und Frauen, denn h\u00e4ufig sind selbstbestimmtes Leben und Sexualit\u00e4t nicht m\u00f6glich und s\u00e4mtliche Lebensbereiche werden von extern dominiert. Das beeinflusst auch die orale PrEP.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Studie in Uganda und Kenia verdeutlichte dies nachdr\u00fccklich. Hier wurden Frauen unterschiedliche Formate einer HIV-PrEP angeboten (Injektionen und Tabletten). Die Begr\u00fcndungen, sich f\u00fcr die Injektions-PrEP zu entscheiden, sprachen f\u00fcr sich: 42&nbsp;% gaben an, dass sie verhindern wollten, dass jemand die Tabletteneinnahme beobachtet. 22&nbsp;% berichteten, ihr Partner w\u00fcrde eine Tabletteneinnahme nicht zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Gedanke dazu<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Standing Ovations f\u00fcr PURPOSE-1 galten also nicht nur der Studie und Lenacapavir als neue langwirksame Substanz selbst. Sie standen zeitgleich f\u00fcr die Vision, M\u00e4dchen und Frauen grunds\u00e4tzlich mehr Optionen und Lebensqualit\u00e4t anbieten zu k\u00f6nnen. Immerhin entfallen in dieser Region ca. 60&nbsp;% aller HIV-Neuinfektionen auf M\u00e4dchen und Frauen. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich mutet es schon eigenartig an, wenn pharmazeutische Forschung mehr die Situation menschengemachter Ungleichbehandlung statt medizinischen Bedarf verbessert. Gibt hier die Gesellschaft einfach Verantwortung ab?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">DoxyPrEP \u2013 kleine Studie bei MSM<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Einnahme von Doxycyclin nach einem sexuellen Risikokontakt kann Infektionen mit Chlamydien und Syphilis reduzieren. Und wenn es in der Region wenig Tetracyclin-resistente Tripper-Bakterien gibt, sieht man auch einen Effekt bei der Gonorrh\u00f6. W\u00e4hrend diese DoxyPEP bereits breit diskutiert wird, ist das Konzept der DoxyPrEP, also eine vorbeugende t\u00e4gliche Einnahme des Antibiotikums, wenig im Gespr\u00e4ch. Eine kleine kanadische Studie schaute sich den Effekt der DoxyPrEP bei 52 MSM (M\u00e4nner, die Sex mit M\u00e4nnern haben) an. Verglichen wurde Doxycyclin mit Placebo; Adh\u00e4renz und sexuelles Verhalten war in beiden Gruppen vergleichbar. Die Inzidenz (statistische Anzahl der Diagnosen bei 100 Personen pro Jahr) unterschied sich deutlich: In der Placebogruppe lag sie bei 120 und in der Gruppe mit DoxyPrEP bei 24.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">DoxyPrEP \u2013 kleine Studie bei Frauen <\/h3>\n\n\n\n<p>Eine japanische Studie befasste sich mit der DoxyPrEP bei cis Frauen, die in der Sexarbeit t\u00e4tig waren.<\/p>\n\n\n\n<p>42 Frauen erhielten eine t\u00e4gliche DoxyPrEP. Die Zahl der Syphilis Diagnosen sank mit der DoxyPrEP auf null, bei der Gonorrh\u00f6 z.B. gab es keine Ver\u00e4nderung. Wichtig war aber eher, dass jede 3. Frau sagte, sich besser zu f\u00fchlen, da sie weniger Angst vor eine STI h\u00e4tte. Die Zahlen geben dem recht: Vor Start der DoxyPrEP lag die STI-Inzidenz bei 233, mit Einsatz der DoxyPrEP sank sie auf ca. 80. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Gedanke dazu<\/h3>\n\n\n\n<p>Hier werden Unterschiede in Lebenswelten und Risiken f\u00fcr die sexuelle Gesundheit sichtbar. Die STI-Inzidenz der Sexarbeiterinnen in Tokyo ist enorm. Diese Zahlen einer kleinen Studie w\u00fchlen zumindest bei mir das ganze Thema der Doppelmoral in der Sexarbeit innerlich auf. Und die Frage, wie dieser Dienstleistung und ihren Anbieter*innen der ad\u00e4quate Wert zugeschrieben werden kann? Wie w\u00e4re die Sicherheit und Gesundheit von Sexarbeiter*innen zu st\u00e4rken? Ein Medikament d\u00fcrfte ja wohl kaum die echte L\u00f6sung sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mein Fazit zur Konferenz<\/h3>\n\n\n\n<p>Es wird auf medizinischer Ebene so viel erreicht und es scheitert dauernd an den Menschen. Daher muss man auch aus naturwissenschaftlicher Sicht darum bitten, immer zu hinterfragen, was man wie in der Gesellschaft selbst mitgestaltet. Denn die sind wir alle \u2013 da kann nicht einfach Verantwortung an Forschung und Medizin abgegeben werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Konferenz mit Emotionen Ende Juli 2024 fand in M\u00fcnchen die Welt-AIDS-Konferenz statt. Neben einigen medizinischen Highlights brachte sie vor allem eine Gewissheit: der Kampf gegen HIV findet l\u00e4ngst nicht mehr auf wissenschaftlicher, sondern haupts\u00e4chlich auf gesellschaftlicher Ebene statt. Diese Lambda-Ausgabe besch\u00e4ftigt sich unter anderem mit Themen rund um Glaube und Religion. 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