{"id":4866,"date":"2024-09-06T00:15:47","date_gmt":"2024-09-05T22:15:47","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4866"},"modified":"2024-09-05T21:39:22","modified_gmt":"2024-09-05T19:39:22","slug":"religioeser-extremismus-an-schulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4866","title":{"rendered":"Religi\u00f6ser Extremismus an Schulen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Das 2021 gegr\u00fcndete Bildungsprojekt \u201equeerfacts\u201c hat sich zum Ziel gesetzt, gegen sexistische und extremistische Tendenzen in \u00d6sterreich vorzugehen. Nicht etwa mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Reflexionsimpulsen, Gedankenaustausch und dem unverbindlichen Angebot, etwas dazu zu lernen. Besonders geeignet, um Geschlechterrollenbilder zu hinterfragen, ist wohl die blo\u00dfe Existenz von uns als LGBTIAQ-Personen. Wir blicken bei unseren Workshops immer wieder in erstaunte Gesichter, wenn wir \u00fcber pansexuelle Frauen, intergeschlechtliche Menschen, oder aromantische Menschen sprechen. Man k\u00f6nnte meinen, Jugendliche heutzutage haben von allen Facetten des queeren Lebens eine Vorstellung, da wir nicht selten h\u00f6ren, sie seien durch Seriencharaktere, Pride-Paraden und Social Media st\u00e4ndig mit LGBTIAQ-Themen konfrontiert. F\u00fcr sie f\u00fchle es sich dann so an, als ob sie gezwungen seien, eine unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Repr\u00e4sentation unserer Community auszuhalten. Laut Umfragen schwanken die Prozentzahlen der Menschen, die sich selbst als LGBTIAQ bezeichnen je nach Generation zwischen 6&nbsp;% bis sogar 20&nbsp;%, die meisten deuten auf eine Zahl um die 10&nbsp;% herum hin, das ist jede zehnte Person. Also rein statistisch gesehen m\u00fcsste es in jeder Schulklasse 2-3 Personen geben. Wenn wir davon ausgehen, jeder zehnte Seriencharakter, jede zehnte Person in einem Zeitungsartikel, etc. m\u00fcsste queer sein, dann ist die Theorie der \u00dcberrepr\u00e4sentation schlichtweg nicht haltbar. Trotzdem l\u00e4sst sich nicht abstreiten, dass ein Gef\u00fchl der Bedrohung des eigenen Glaubens, hier nun im weltlichen Sinne, nicht immer wegzurationalisieren ist. Scheinbar angestaubte konservative Werte, die wir wahrscheinlich eher bei Baby Boomern vermuten w\u00fcrden, finden wieder vermehrt Anklang bei den Jungen. In einer Zeit voller Unsicherheit, mit kriegerischen Auseinandersetzungen, Wohnungsnot in Gro\u00dfst\u00e4dten, wo es f\u00fcr die meisten unm\u00f6glich ist, gr\u00f6\u00dfere Anschaffungen zu machen, besinnen sich wohl viele unbewusst auf eine scheinbar bessere Zeit zur\u00fcck. Was f\u00fcr einige Queers die Horrorvorstellung vom Leben ist, jung heiraten, Kinder bekommen, ein Haus kaufen, und blo\u00df nicht von vorgetrampelten Wegen abkommen, ist auf der anderen Seite eine sichere Zukunft, \u00fcber die man sich nur wenige Gedanken machen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Wertekompass, den immer mehr junge Leute deshalb befragen, sind die heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen. In unseren Workshops spielen da vor allem das in \u00d6sterreich tief verankerte Christentum eine Rolle, weil es Meinungen und Debatten noch immer stark beeinflusst, ohne dass es den jeweiligen Diskutant*innen meist so bewusst ist, und au\u00dferdem verschiedene muslimische Glaubensauslebungen. Gl\u00e4ubige muslimische Menschen haben, im Gegensatz zu katholischen, jedoch kaum neutrale oder positive Repr\u00e4sentation in der \u00f6sterreichischen \u00d6ffentlichkeit. Demnach hat eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen, die damit einhergehen, bisher nur sehr begrenzt stattgefunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir in Workshops mit starker Ablehnung aufgrund religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen konfrontiert sind, l\u00e4sst sich in Wien eine Tendenz erkennen. W\u00e4hrend au\u00dferhalb von Wien, vor allem fernab der gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte, religi\u00f6s begr\u00fcndete Ablehnung gegen\u00fcber unserer LGBTIAQ-Community eher von katholischer Seite kommt, zeigen sich in Wien \u00f6fter Konflikte mit Lehren des Koran. Unabh\u00e4ngig des Glaubensbekenntnisses f\u00e4llt es Jugendlichen sichtlich schwer, sich von den Glaubenss\u00e4tzen ihrer eigenen Eltern abzugrenzen. Es ist kein Geheimnis, wie wichtig Vorbilder f\u00fcr Jugendliche in ihrer Entwicklungsphase sind. Auch wenn sich nat\u00fcrlicherweise in der Pubert\u00e4t Jugendliche von ihren Eltern zu l\u00f6sen versuchen, spielt das direkte Umfeld eine \u00fcbergeordnete Rolle bei der Wertebildung. Nicht alle haben das Privileg, ihre eigenen \u00dcberzeugungen v\u00f6llig auf den Kopf zu stellen und neu zu denken. Einen Ansto\u00df dazu versuchen wir in den queerfacts-Workshops zu geben. Dazu ist es unerl\u00e4sslich, sich mit den jeweiligen Lehren zu besch\u00e4ftigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nat\u00fcrlich eine Herausforderung, den richtigen Ton zu treffen, wenn man als atheistische Person mit einer religi\u00f6sen Person \u00fcber Religion spricht. Das hei\u00dft aber nicht, dass wir uns deshalb dieser Herausforderung nicht stellen sollten. Wichtig ist dabei nur, so viel Respekt gegen\u00fcber der Religion zu haben, dass man sich mit den Grunds\u00e4tzen auseinandersetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr unseren speziellen Fall sind in der Bibel und Tora nat\u00fcrlich die Mosesbriefe relevant, wo in etwa steht, ein Mann solle nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau. Hier besteht wohl ein Widerspruch zur als gottgegebenen Aufgabe der Menschen sich fortzupflanzen. Streng genommen w\u00e4ren alle Arten von Geschlechtsverkehr, die nicht mit dem Ziel der Fortpflanzung vollzogen werden, s\u00fcndhaft. Daraus leitet sich weiters die momentane Positionierung des Vatikans zur Bewertung von Transgeschlechtlichkeit ab. Sie gehen f\u00e4lschlicherweise davon aus, dass alle trans Personen in solcher Form medizinisch transitionieren, dass sie zeugungsunf\u00e4hig w\u00fcrden. Was ja vor allem seit der Aufhebung des gesetzlichen Sterilisationszwangs bei Personenstands\u00e4nderungen durchaus nicht sein muss. Des Weiteren l\u00e4sst die Fokussierung auf Menschen als Fortpflanzungswerkzeuge bereits von Natur aus zeugungsunf\u00e4hige Menschen au\u00dfer Acht. Diese Diskrepanzen in der theologischen Lehre aufzuzeigen, kann bei manchen schon ein Umdenken ausl\u00f6sen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Islam gibt es Suren, bei denen es strittig ist, ob dort au\u00dferehelicher Sex unter M\u00e4nnern und Frauen, oder gleichgeschlechtlicher gemeint ist. In jedem Fall k\u00f6nnte man die kritisierte Praxis in etwa mit \u201eUnzucht\u201c \u00fcbersetzen. Interessanterweise gibt es dagegen Belege f\u00fcr androgyne Geschlechter zwischen oder neben Mann und Frau, was f\u00fcr manche Islamwissenschaftler*innen ein Hinweis auf die Anerkennung von trans Personen ist. In der Praxis sieht das nat\u00fcrlich je nach Land und Glaubensgemeinschaft anders aus. W\u00e4hrend in manchen muslimisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern Transidentit\u00e4t im Gegensatz zu gleichgeschlechtlichem Sex mehr oder weniger als anerkannt gilt, gibt es andere, in denen trans Personen aufgrund kultureller Praxis diskriminiert und sogar verfolgt werden. Ein Fehler, den wir in \u00d6sterreich gerne machen, ist, nur unsere dominant christlich gepr\u00e4gte Geschichte differenziert zu sehen, wohingegen wir allerdings zu oft nur \u00fcber \u201eden Islam\u201c sprechen. Wobei es leichter zu argumentieren w\u00e4re, den Vatikan als religi\u00f6ses Zentrum zu sehen, welches alle Entscheidungen und Weisungen zentralisiert. Es ist wichtig uns ins Ged\u00e4chtnis zu rufen, wie viele Kirchengemeinden allein in \u00d6sterreich Regenbogen-Pride-Flaggen an ihre Kircht\u00fcrme geh\u00e4ngt haben, gerade WEIL sie gegen die d\u00e4monisierenden Aussagen des Papstes zu Menschen unserer Community protestieren wollten. In anderen L\u00e4ndern ist es mittlerweile selbstverst\u00e4ndlich, eine oder sogar mehrere dezidiert muslimische Gemeinden bei den Pride-Paraden dabei zu haben. Der kulturelle Austausch hinkt wie gewohnt in \u00d6sterreich nach. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn muslimisch erzogene Jugendliche neben einem Fehlen von positiven Vorbildern gleichzeitig Fremdenfeindlichkeit und andere Ausgrenzung erleben, sollte es nicht wundern, wenn diese Jugendlichen sich in einem verzweifelten Versuch nach Halt im Leben dem Glauben zuwenden. Das ist grunds\u00e4tzlich ja noch kein Problem, da bekanntlich Religionsfreiheit in \u00d6sterreich herrscht. Es ist jedoch unsere Aufgabe als Gesellschaft, ihnen den Unterschied zwischen Meinungs- und Religionsfreiheit auf der einen, und Diskriminierung auf der anderen Seite zu erkl\u00e4ren. Ein \u00e4hnliches Beispiel daf\u00fcr ist die Debatte um legalen Schwangerschaftsabbruch. Hier darf sich der Einfluss der katholischen Kirche nicht negativ auf das Recht der nicht-religi\u00f6sen Menschen auf eine mitunter lebensnotwendige medizinische Versorgung auswirken. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gilt also unsere gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten und das Fundament f\u00fcr eine friedliche gemeinsame Zukunft zu legen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 2021 gegr\u00fcndete Bildungsprojekt \u201equeerfacts\u201c hat sich zum Ziel gesetzt, gegen sexistische und extremistische Tendenzen in \u00d6sterreich vorzugehen. Nicht etwa mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Reflexionsimpulsen, Gedankenaustausch und dem unverbindlichen Angebot, etwas dazu zu lernen. Besonders geeignet, um Geschlechterrollenbilder zu hinterfragen, ist wohl die blo\u00dfe Existenz von uns als LGBTIAQ-Personen. 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