{"id":4859,"date":"2024-09-06T00:13:47","date_gmt":"2024-09-05T22:13:47","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4859"},"modified":"2024-09-05T21:38:53","modified_gmt":"2024-09-05T19:38:53","slug":"mein-zorn-auf-die-katholische-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4859","title":{"rendered":"Mein Zorn auf die katholische Kirche"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Als ich jung war, habe ich queere Menschen \u2013 und damit auch mich selbst \u2013 gehasst. Schuld daran war die katholische Kirche. Ich bin in den 1970er Jahren in einem kleinen Dorf tief in der \u00f6sterreichischen Provinz aufgewachsen. Es war eine Zeit, in der es kein Internet gab. Zuhause hatten wir noch einen Schwarz-Wei\u00df-Fernseher, mit dem wir nur ORF1 und ORF2 empfangen konnten. Die n\u00e4chste Landeshauptstadt war mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln eineinhalb Stunden entfernt. Im Dorf war das gesellschaftliche und politische Leben eng mit der Kirche verbunden. Alles war streng katholisch und konservativ ausgerichtet. Der sonnt\u00e4gliche Kirchgang war Pflicht. Frauen waren wenig wert. Bei uns gab es keine Ministrantinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei kirchlichen Prozessionen wurde die patriarchale Herrschaftsordnung im Dorf abgebildet. Vorne ging der Pfarrer mit dem Allerheiligsten, dann folgten der \u00d6VP-B\u00fcrgermeister, Gro\u00dfbauern und Gro\u00dfgrundbesitzer (nur M\u00e4nner). Nach einem gewissen Respektabstand marschierten die \u201eeinfachen\u201c M\u00e4nner wie Arbeiter und Angestellten. Erst ganz zum Schluss durften die Frauen erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ich wollte hetero werden<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich kann mich noch gut erinnern, als der Pfarrer im Religionsunterricht \u00fcber sexuelle Verbote sprach und Homosexualit\u00e4t als Tods\u00fcnde bezeichnete. Demnach w\u00fcrden Schwule (es war nie von Lesben die Rede) nach dem Tod direkt in die H\u00f6lle kommen. Homosexualit\u00e4t sei verachtenswert und m\u00fcsse ausgemerzt werden, wurde mir eingetrichtert. Als ich in der Pubert\u00e4t gemerkt habe, dass ich mich zu M\u00e4nnern hingezogen f\u00fchlte, habe ich mich daf\u00fcr gesch\u00e4mt. Ich konnte mit niemandem dar\u00fcber reden. Ich habe mich gefragt, warum es ausgerechnet mich getroffen hat. Ich habe alles M\u00f6gliche versucht, um hetero zu werde. Ich habe gebetet. Ich habe versucht, beim Masturbieren an Frauen zu denken. Doch meine homosexuellen Gedanken sind nicht verschwunden. Ich habe in meiner jugendlichen Naivit\u00e4t katholische Priester bewundert, weil ich geglaubt habe, dass sie ihre Sexualit\u00e4t abt\u00f6ten konnten. Genau das wollte ich auch. Nach jeder Masturbation hatte ich Schuldgef\u00fchle. Mein Selbsthass wurde immer gr\u00f6\u00dfer. \u201eSelbsthass ist die schlimmste Form des Hasses\u201c, schreibt der Psychiater Reinhard Haller. Hass sei destruktiv und auf Zerst\u00f6rung ausgerichtet. \u201eDem Selbsthass gehen immer Angriffe auf den Selbstwert, Kr\u00e4nkungen und Traumatisierungen oder Benachteiligung und Entw\u00fcrdigung voraus\u201c, so Haller. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Wut gab mir Energie<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich tat alles, um schnell aus der Enge des Dorfes wegzukommen. Gleich nach der Matura zog ich zum Studium nach Wien. Doch leider gab es f\u00fcr mich in Wien keine sexuelle Befreiung. Es folgte die Aids-Krise, was in mir eine unglaubliche Angst vor Sexualit\u00e4t ausl\u00f6ste. Es sind damals viele Schwule gestorben. Ich habe einige gekannt. Es war eine schwere und traurige Zeit. Wenn ich heute dar\u00fcber schreibe, habe ich Tr\u00e4nen in den Augen. Damals konnte ich keine Gef\u00fchle zeigen. Die Angst hat mich gel\u00e4hmt. Im Dorf hatte ich Angst, als Schwuler entdeckt zu werden \u2013 und in Wien hatte ich Angst, mich mit einer damals t\u00f6dlichen Krankheit anzustecken. Anstatt Empathie und Mitgef\u00fchl f\u00fcr Menschen in einer schwierigen Situation aufzubringen, zeigten sich manche hochrangige katholische Kirchenvertreter erbarmungslos. So erkl\u00e4rte der damalige Salzburger Erzbischof Georg Eder, Aids sei \u201eeine Strafe Gottes f\u00fcr widernat\u00fcrliches sexuelles Verhalten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p> Solche und \u00e4hnliche Wortmeldungen brachten in mir das Fass zum \u00dcberlaufen. Irgendwann hat es mir gereicht. Ich bekam eine Wut und einen Zorn auf die Kirche. Denn Schwulsein war f\u00fcr mich keine Entscheidung. Es gab keine Auswahlm\u00f6glichkeiten. Die Wut gab mir Energie. Ich habe mich gewehrt. Als ich beispielsweise aus der Kirche ausgetreten bin, hat der Pfarrer meine Eltern besucht und versucht, auf sie Druck auszu\u00fcben, damit ich den Schritt r\u00fcckg\u00e4ngig mache. Ich habe das als bodenlose Frechheit empfunden. Ich habe den Pfarrer angerufen und ihm am Telefon deutlich meine Meinung gesagt. Meine Wut kann manchmal heftig ausfallen. Wenn bei Veranstaltungen oder Feiern katholische Priester andere Menschen \u00fcber Sexualit\u00e4t und Genderthemen belehren wollen, kann es sein, dass ich sofort einschreite und energisch widerspreche. Zorn muss nicht immer etwas Schlechtes bedeuten. Viele Widerstandsbewegungen wie der Stonewall-Aufstand, Black Lives Matter und die Suffragetten sind aus Wut und Zorn heraus entstanden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hinter der Wut steckte ein tiefer Schmerz<\/h3>\n\n\n\n<p>Heute habe ich meinen Frieden gefunden. Ich habe meine Themen in jahrelanger Therapie aufgearbeitet. Das war kein einfacher Weg. Zun\u00e4chst habe ich mir meinen Zorn auf das Katholische eingestanden. Wut und Zorn waren bei mir sekund\u00e4re Gef\u00fchle. In der Therapie ging es darum, dahinter zu blicken. Gezeigt hat sich ein tiefer innerer Schmerz. Es dauerte lange, meine innere Verwundung offen zu legen. Denn ich habe in meiner Kindheit und Jugend viele Schutzschichten aufgebaut, was viel Kraft kostete. Die Versuchung war gro\u00df, den Schmerz weiterhin zu unterdr\u00fccken und zu bet\u00e4uben. Der Schmerz handelt davon, nicht gewollt, fehl am Platz zu sein und nirgendwo dazuzugeh\u00f6ren. Wobei es nicht nur um mein Schwul-Sein, sondern auch um meine Behinderung ging. Wegen der Behinderung wurde ich in der Schule viel gemobbt. Es tut weh, diesen Schmerz zu f\u00fchlen. Ich habe damals viel geweint. Je mehr ich meinen Schmerz zulie\u00df, umso besser ging es mir. Gleichzeitig habe ich gelernt, mich als queere Person selbst zu lieben. Ich bin nicht auf die Anerkennung von anderen Menschen oder Institutionen angewiesen. Heute suche ich mir mein Umfeld aus. Ein weiterer wichtiger Schritt war es, mich emotional abzugrenzen. Wenn beispielsweise im Fernsehen kirchliche Leute etwas erz\u00e4hlen, das mich aufregt, atme ich einmal tief durch und wechsle das Programm. Ich vermeide Situationen, die mich triggern k\u00f6nnten. Ich entscheide, ob ich in den Kampfmodus gehe. Als einmal der katholische Pfarrer bei einer Feier eine Moralpredigt hielt, habe ich in der Kirche Kopfh\u00f6rer aufgesetzt und \u00fcber das Handy Musik geh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich unterst\u00fctze queere Vereine und freue mich \u00fcber queere Bewegungen wie Queer Glauben in Wien, die Metropolitan Community Church (MCC) in Wien, EvanQueer, Regenbogenpastoral, Queer Lounge, OutInChurch, Rainbow Catholics, queere J\u00fcd*innen, queere Buddhist*innen und queere Muslim*innen etc. Ich finde es gro\u00dfartig, dass die altkatholische Kirche in \u00d6sterreich eine Bisch\u00f6fin hat. Zur katholischen Kirche: Die offiziellen Verlautbarungen sind heute netter als fr\u00fcher. Gleichgeschlechtliche Paare d\u00fcrfen inzwischen gesegnet werden. Trotzdem betont die katholische Lehre noch immer, dass gleichgeschlechtliche intime Handlungen \u201ein sich nicht in Ordnung\u201c seien. Ich fordere, dass meine gleichgeschlechtliche Liebe und alle queeren Lebensrealit\u00e4ten ohne Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr gut empfunden werden. Auch m\u00fcssen alle Diskriminierungen beendet werden. Gleichzeitig w\u00fcnsche ich mir eine umfassende und glaubw\u00fcrdige Entschuldigung f\u00fcr das Leid und die Verletzungen, die queeren Menschen zugef\u00fcgt wurden und bis heute zugef\u00fcgt werden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich jung war, habe ich queere Menschen \u2013 und damit auch mich selbst \u2013 gehasst. Schuld daran war die katholische Kirche. Ich bin in den 1970er Jahren in einem kleinen Dorf tief in der \u00f6sterreichischen Provinz aufgewachsen. Es war eine Zeit, in der es kein Internet gab. 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