{"id":4851,"date":"2024-09-06T00:11:47","date_gmt":"2024-09-05T22:11:47","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4851"},"modified":"2024-09-06T07:49:00","modified_gmt":"2024-09-06T05:49:00","slug":"queere-astrologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4851","title":{"rendered":"Queere Astrologie"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Ersatz f\u00fcr die Religion?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Laut einem Artikel im New Yorker ist Astrologie so beliebt wie seit den 1970er-Jahren nicht mehr. Astrologie ist momentan wieder gefragt, das zeigen unter anderem auch Tiktok-Trends. Gerade in der LGBTIQ+-Gemeinschaft scheint die Astrologie besonderen Anklang zu finden. So gibt es zum Beispiel spezifisch queere Horoskope und die Bewegung der queeren Astrologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Astrologie hat, obwohl sie als Wissenschaft zusammen mit der Astronomie entstand, heutzutage nichts mehr mit wissenschaftlichen Methoden zu tun. Dass Geburtstag, -ort oder -zeit einen Zusammenhang mit bestimmten Charaktereigenschaften (wie jenen der Sternzeichen) aufweist, wurde in verschiedenen Studien untersucht und konnte nicht best\u00e4tigt werden. Genauso steht es mit dem Einfluss der Sterne und Planeten auf die Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist der aktuelle Trend zumindest \u00fcberraschend. Bedenklich ist es gerade dann, wenn Menschen in Orientierungslosigkeit Gewissheit in der Astrologie suchen. Obwohl meist keine konkreten Aussagen gemacht werden, gibt es sogar Internetseiten, die manche Geburtshoroskope mit bestimmten sexuellen Orientierungen in Verbindung setzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Warum interessieren sich queere Menschen also so sehr f\u00fcr Astrologie?<\/h3>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise h\u00e4ngt das gro\u00dfe Interesse an Astrologie mit dem R\u00fcckgang der Bedeutung der Kirche zusammen. Gerade queere Menschen, die in religi\u00f6sen Institutionen oft Diskriminierung erfahren, haben dort weniger die M\u00f6glichkeit Spiritualit\u00e4t auszuleben. K\u00f6nnte es also sein, dass sie sich stattdessen der Astrologie zuwenden, die dem Universum ebenfalls Sinnhaftigkeit und Bedeutung zuspricht, jedoch nicht so konservativ und patriarchal gepr\u00e4gt ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Um dies zu beantworten, muss gekl\u00e4rt werden, ob es so etwas wie ein Bed\u00fcrfnis nach Spiritualit\u00e4t \u00fcberhaupt gibt und welche Funktionen Religion und Spiritualit\u00e4t f\u00fcr Menschen und die Gesellschaft haben. Evolutionstechnisch gesehen gibt es verschiedene Theorien, die die Existenz von Religion und Spiritualit\u00e4t erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kognitive Revolution: Religion als Mittel f\u00fcr eine geregelte Gesellschaft<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein Erkl\u00e4rungsansatz f\u00fchrt das Aufkommen von Religion auf die kognitive Revolution zur\u00fcck, einer Zeit von ungef\u00e4hr 700.000 vor Christus, in der die Menschen in immer komplexeren sozialen Strukturen zusammenlebten. Religion k\u00f6nnte als Mittel f\u00fcr Zusammenhalt und Orientierung in der Gemeinschaft gedient haben. Der Glaube an etwas Gr\u00f6\u00dferes schaffte gemeinsame Werte und Rituale, und auch eine moralische Grundlage. Die Vorstellung eines allm\u00e4chtigen Gottes, der alles sieht und S\u00fcnden bestraft, war von Nutzen, um die Gesellschaft intakt zu erhalten und geregeltes Sozialverhalten zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings f\u00fchrte diese Moralvorstellung nicht nur zu erw\u00fcnschtem Sozialverhalten, sondern unter anderem auch zu Diskriminierung von queeren Menschen. Auch heutzutage werden beispielsweise Homophobie und Hass gegen\u00fcber der LGBTIQ+-Gemeinschaft immer noch mit Bibelzitaten gerechtfertigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Astrologie als Wissenschaft entstand, k\u00f6nnte sie heutzutage \u00e4hnliche Funktionen wie die der Religion erf\u00fcllen. Die Identifikation mit den Sternzeichen, die Interpretation der Sterne und Planeten und der Glaube, dass das Universum Einfluss auf die Menschen nimmt, kann Orientierung und Sinn schaffen. Es kann auch zum Gemeinschaftsgef\u00fchl beitragen, wenn sich Menschen treffen, die an das Gleiche glauben. Es gibt zwar keine organisierten Treffen wie Gottesdienste, aber gemeinschaftliche Aktivit\u00e4ten sind durchaus m\u00f6glich. Astrologie besch\u00e4ftigt sich auch durch die Analyse von Beziehungen oder Freundschaften mit der Gemeinschaft. Im Gegensatz zu den meisten Religionen gibt es jedoch keine organisierte Institution und dementsprechend keine Hierarchien, diskriminierenden Regeln oder Ausschlusskriterien.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Astrologie \u00e4hnliche Funktionen wie Religion erf\u00fcllt, jedoch niemanden diskriminierend ausschlie\u00dft, bietet diese Theorie eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Zuwendung queerer Menschen zur Astrologie. Sie geht allerdings nicht auf ein m\u00f6gliches, individuelles Bed\u00fcrfnis nach Spiritualit\u00e4t ein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Psychologische Tendenzen zur Spiritualit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein anderer Ansatz geht davon aus, dass Spiritualit\u00e4t in gewisser Weise angeboren ist, und untersucht verschiedene Konzepte, die spirituelles Verhalten erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispielsweise geht es bei der sogenannte \u201eTheory of mind\u201c um die F\u00e4higkeit von Menschen zu verstehen, dass andere Menschen denken, und sich in sie hineinzuversetzen. Diese F\u00e4higkeit entwickeln Kinder tats\u00e4chlich erst mit vier Jahren. Sie kann mit Hilfe von Gehirn-Scans deutlich gemacht werden und ist grundlegend f\u00fcr menschliche Interaktion. Eine Erweiterung dieses Konzepts ist die \u201eExistential theory of mind\u201c. Diese beschreibt, dass Menschen nicht nur anderen Menschen, sondern auch Tieren und Dingen oder eben \u00fcbernat\u00fcrlichen Kr\u00e4ften, wie G\u00f6ttern, den Sternen oder dem Universum selbstbestimmtes Denken zuweisen k\u00f6nnen. Ohne diese F\u00e4higkeit w\u00e4re der Glaube an eine h\u00f6here Macht nicht m\u00f6glich und dies erkl\u00e4rt au\u00dferdem, warum in der Bibel zum Beispiel Gott, selbst nicht menschlich, h\u00e4ufig menschliche Verhaltensz\u00fcge wie Emotionen zeigt und nach ihnen handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Ph\u00e4nomen ist das theologische Begr\u00fcnden, also wenn Menschen f\u00fcr Dinge oder Erfahrungen \u00fcbernat\u00fcrliche Erkl\u00e4rungen finden. Wissenschaftler*innen vermuten, dass dies aus der menschlichen Tendenz, die Welt als sinnhaft, selbstbestimmt und geplant wahrzunehmen, resultiert. Schon Kinder m\u00f6chten intuitiv wohl Dingen und Ereignissen eine Funktion oder einen Sinn zuordnen. Zum Beispiel gibt es eine Studie, die zeigt, dass Kinder auch bei nat\u00fcrlichen Vorkommnissen wie dem Wetter Erkl\u00e4rungen bevorzugen, die dem Wetter einen Sinn zuordnen, wie zum Beispiel: Die Wolken sind zum Regnen da.<\/p>\n\n\n\n<p>Religion oder andere Arten der Spiritualit\u00e4t k\u00f6nnen also dazu dienen, den Ereignissen im Leben und der Welt um einen herum einen Sinn zu geben, was auch erkl\u00e4rt, warum Menschen gerade im Umgang mit dem Tod oder in ungewissen Lebensumst\u00e4nden zu Spiritualit\u00e4t neigen. Da queere Menschen in religi\u00f6sem Umfeld h\u00e4ufig nicht willkommen sind, finden sie m\u00f6glicherweise ihren Platz in der Astrologie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Queere Astrologie<\/h3>\n\n\n\n<p>Doch auch die Astrologie ist nicht frei von patriarchalen Vorstellungen, denn die Interpretation der Sternzeichen ist geschlechterspezifisch. Das bedeutet zum einen, dass eine H\u00e4lfte der Sternzeichen weiblich und die andere m\u00e4nnlich ist. Luft und Feuerzeichen, zum Beispiel L\u00f6we und Steinbock, sind m\u00e4nnlich. Wasser und Erdzeichen dagegen, zum Beispiel Krebs oder Stier, sind weiblich. Das Geschlecht eines Sternzeichens ist wiederum mit bestimmten Charaktereigenschaften verbunden. So sind weibliche Sternzeichen eher intuitiv, sorgf\u00e4ltig, emotional und kreativ, w\u00e4hrend m\u00e4nnliche Sternzeichen voller Tatendrang, Durchsetzungsverm\u00f6gen und Selbstbewusstsein sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen beeinflusst das Geschlecht einer Person auch die Interpretation dessen Sternzeichens. Es gibt also Unterschiede zwischen einem Krebsmann und einer Krebsfrau. Aber was, wenn man sich weder als Mann noch als Frau identifiziert? Diese Unterscheidungen schlie\u00dfen also Personen aus, die nicht in das bin\u00e4re Geschlechterkonzept passen. Au\u00dferdem sind die zugeschriebenen Charaktereigenschaften generalisierend und verst\u00e4rken Stereotypen.<\/p>\n\n\n\n<p>Deswegen gibt es eine Bewegung, das Lesen der Sternzeichen geschlechtsneutraler zu gestalten. Die Queere Astrologie zum Beispiel orientiert sich an der Queer-Theorie, welche die Heteronormativit\u00e4t, also dass  Heterosexualit\u00e4t und stereotypische Geschlechterrollen als Normalit\u00e4t in einer Gesellschaft gelten, infrage stellt. F\u00fcr die Astrologie bedeutet das ebenfalls, die geschlechterspezifischen Beschreibungen kritisch zu hinterfragen und das Geburtshoroskop individuell und unabh\u00e4ngig vom Geschlecht zu interpretieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob Spiritualit\u00e4t nun aus der kognitiven Revolution entstand oder angeboren ist, bleibt offen. Beide Theorien zeigen jedoch, dass Religion und Astrologie \u00e4hnliche Funktionen erf\u00fcllen k\u00f6nnen, was gerade f\u00fcr Menschen der LGBTIQ+-Gemeinschaft, die nicht Teil der konservativen und religi\u00f6sen Institutionen sein wollen oder dort nicht willkommen sind, wichtig ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Ersatz f\u00fcr die Religion? Laut einem Artikel im New Yorker ist Astrologie so beliebt wie seit den 1970er-Jahren nicht mehr. Astrologie ist momentan wieder gefragt, das zeigen unter anderem auch Tiktok-Trends. Gerade in der LGBTIQ+-Gemeinschaft scheint die Astrologie besonderen Anklang zu finden. 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