{"id":4848,"date":"2024-09-06T00:10:47","date_gmt":"2024-09-05T22:10:47","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4848"},"modified":"2025-06-04T21:30:44","modified_gmt":"2025-06-04T19:30:44","slug":"atheismus-und-queer-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4848","title":{"rendered":"Atheismus und Queer-Sein"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Atheist*Innen sind eine Minderheit. Im Jahr 2018 waren beispielsweise etwa nur 4&nbsp;% der in \u00d6sterreich lebenden Menschen \u00fcberzeugte Atheisten, das entsprach zu diesem Zeitpunkt lediglich 352.800 Personen. Atheisten glauben, wie den meisten bekannt sein wird, nicht an eine oder mehrere Gottheiten oder sonstige h\u00f6here Kr\u00e4fte, die unsere Welt beeinflussen. Etwas davon abgespalten existieren auch noch Agnostiker*Innen, die zwar nicht explizit an eine h\u00f6here Macht glauben, deren Existenz aber auch nicht ausschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diverse Religionen pr\u00e4gten essenziell unsere Welt und machten und machen sie zu dem Ort, der sie heute ist. In einigen L\u00e4ndern ist Religion auch heute noch ein fester Bestandteil der Gesetzeslage und -bildung. Oft l\u00e4sst sich leider beobachten, dass Religion auch als Grund herangezogen wird, um Queerfeindlichkeit zu rechtfertigen. Auch wenn wir in \u00d6sterreich schon deutlich weiter und toleranter in dieser Hinsicht sind als in manch anderen L\u00e4ndern, kann noch lange nicht davon die Rede sein, dass religi\u00f6se Ansichten, v. a. \u00fcberwiegend christliche, als Anhaltspunkt oder treibende Kraft bei Themen der Politik oder lauten Stimmen der \u00d6ffentlichkeit nicht mehr benutzt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Es muss wirklich schlimm sein, wenn man Teil einer Religionsgemeinschaft ist und diese sich gegen die eigene Lebensweise stellt und teils aufs Sch\u00e4rfste verurteilt. Es rutscht aber in wahrlich irrsinnige Dimensionen ab, wenn Hass verbreitet wird wegen etwas, an das man selbst nicht mal im Entferntesten glaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Queere Atheist*Innen sehen sich oft damit konfrontiert, dass jemand anderes \u00fcber sie anhand von Werten urteilt, die absolut nichts mit ihnen zu tun haben und die sie nicht teilen. Eine \u00e4hnliche Diskussion ist die Debatte \u00fcber die Freiheit einer geb\u00e4rf\u00e4higen Person, inwieweit sie das Recht auf eine Abtreibung habe sollte, die sich gerade in den U.S.A. in den letzten Monaten sehr hochschaukelte. Dann hei\u00dft es von vielen Seiten, dass es in den Augen der eigenen Religion verboten oder unrecht w\u00e4re; was aber hat das jemand anders zu interessieren? Religion ist Privatsache und niemand sollte das Recht haben \u00fcber eine andere Person zu urteilen, oder gar zu bestimmen, auf Grundlage der eigenen individuellen Glaubenswahl.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum also soll ich nicht sein d\u00fcrfen, wer und wie ich bin, nur weil es jemand anders nicht ins Weltbild passt? Es wird schlie\u00dflich immer irgendwo irgendjemanden geben, in dessen Augen ich mein Leben nicht richtig f\u00fchre. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein guter Leitsatz, an dem sich die Menschen, meiner Ansicht nach, orientieren sollten ist: \u201eGlaube und lebe wie du m\u00f6chtest, solange du andere damit nicht in ihrem Leben einschr\u00e4nkst.\u201c Es gibt etliche Religionen auf dieser Welt, dennoch ist jedem und jeder die eigene Religion die einzig wahre. Was macht es denn wahrscheinlicher, dass der christliche Gott realer ist als etwa der im muslimischen Glauben? Wer bestimmt, welche die einzig wahre Religion ist? Richtig: Niemand! Oder wie ich es als \u00fcberzeugter Atheist betrachte: Es gibt gar keine. Auch das ist nat\u00fcrlich nur meine pers\u00f6nliche Ansicht, und ich st\u00f6re mich nicht daran, dass andere meine Sichtweise nicht teilen. Allerdings m\u00f6chte ich auch nicht, dass andere mich daf\u00fcr verurteilen, nicht ihrem Glauben zu folgen oder mich nicht an ihre vermeintlichen Verhaltensregeln zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierzu ein kleiner pers\u00f6nlicher Exkurs:<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lebe in einer l\u00e4ndlichen Gegend und letztes Jahr besuchte ich mit meiner Freundin ein Feuerwehrfest in einem Dorf. Wir wollten einen netten Abend verbringen, gingen Hand in Hand umher und sahen uns die verschiedenen Verkaufsst\u00e4nde an. Es dauerte nicht lange, da wurde eine Gruppe junger Burschen auf uns aufmerksam, die ich auf zehn bis zw\u00f6lf Jahre gesch\u00e4tzt h\u00e4tte. Sie gingen einige Meter hinter uns her und lachten immer wieder. Etwas sp\u00e4ter kamen sie dann mit Wasserpistolen und liefen uns nach, w\u00e4hrend sie uns nass machten. Als wir sie dann zur Rede stellten, antwortete ein Junge, dass das, was wir da t\u00e4ten, abnormal und ekelhaft sei; wir m\u00fcssten zu Gott oder Allah finden und damit aufh\u00f6ren. Nachdem er davongelaufen war, sprach uns ein \u00e4lterer Herr an und fragte, was wir von dem Jungen gewollt h\u00e4tten. Wir erkl\u00e4rten die Situation und er zuckte lediglich mit den Schultern; das Verhalten sei schlie\u00dflich verst\u00e4ndlich, wie er sagte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade am Land ist Religion oftmals ein noch gr\u00f6\u00dferer Bestandteil des t\u00e4glichen Lebens als in einer gr\u00f6\u00dferen Stadt. Die Zeit scheint in manchen Gemeinden gar wie stehengeblieben zu sein. Sonntags ist die Messe in der katholischen Dorfkirche, die jedes noch so kleine Dorf hat, f\u00fcr viele ein Muss und wenn es vermeintliche Fehltritte von jemandem gibt, werden diese beim Pfarrkaffee besprochen \u2013 nat\u00fcrlich wird aber nicht gel\u00e4stert! Jeder ist sich selbst der N\u00e4chste. N\u00e4chstenliebe geh\u00f6rt schlie\u00dflich zu den christlichen Gepflogenheiten dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Braucht es aber denn wirklich eine Gottheit, damit man mit Empathie und N\u00e4chstenliebe durchs Leben geht? Gab es denn keine guten Eigenschaften in den Menschen, bevor die heutigen gro\u00dfen Religionen aufbl\u00fchten? Ich finde es eher erschreckend und traurig, wenn ein Mensch so wenig Eigenverantwortung oder Moral hat, sodass er blind einem Buch vertraut (oder vertrauen muss), um ihn zu leiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Religion ist ein Thema, mit dem ich mich immer wieder auseinandersetze. Mittlerweile umgebe ich mich fast ausschlie\u00dflich mit Menschen, die meine Grundwerte weitgehend teilen \u2013 auch unter ihnen sind teils sehr strenggl\u00e4ubige Personen. Sie sind die lebenden Beweise daf\u00fcr, dass nicht die Religion der Grund f\u00fcr Hass ist, sondern das Individuum, das die Religion als Grund missbraucht. Gerade im Falle eines christlichen Menschen ist die Doppelmoral oft kaum zu \u00fcbertreffen; ist es nicht eines der zehn Gebote, den Namen des eigenen Gottes nicht zu missbrauchen? S\u00fcndigen dann nicht eigentlich alle, die die Bibel und den vermeintlichen Willen ihres Gottes dazu benutzen, um in seinem Namen solches Handeln zu rechtfertigen? Sind sie in den Augen ihres Gottes dann nicht eigentlich genauso s\u00fcndhaft in ihrem Verhalten, wie queere Menschen angeblich mit ihrem Lebensstil? <\/p>\n\n\n\n<p>Woran machen Christ*Innen denn \u00fcberhaupt fest, welche Bibelteile sie jetzt ganz genau \u00fcbernehmen sollten, und welche eigentlich nicht mehr dem Geist der Zeit entsprechen? Queerfeindliche Passagen eignen sich selbstverst\u00e4ndlich ausgezeichnet f\u00fcr engstirnige Argumente gegen die Community, wie sieht es denn mit ebenso zeitgem\u00e4\u00dfen Zeilen \u00fcber Sklaverei aus? Ist es nach wie vor in Ordnung Sklaven zu halten? In den Augen dieser Menschen: Wer wei\u00df? Ihr moralischer Kompass scheint ja dem gleichen Buch zu entspringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Beitrag liest sich sehr religionskritisch \u2013 das ist mir bewusst. Deshalb m\u00f6chte ich zum Schluss nochmal betonen, dass jede Glaubensrichtung prinzipiell vollkommen in Ordnung und zu akzeptieren ist, solange sie dieses Recht auch allen anderen zugesteht. Hass ist keine Meinung. Jede Person hat ein Recht darauf zu sein, wer sie ist und zu glauben oder nicht zu glauben, woran auch immer sie m\u00f6chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Atheist*Innen sind eine Minderheit. Im Jahr 2018 waren beispielsweise etwa nur 4&nbsp;% der in \u00d6sterreich lebenden Menschen \u00fcberzeugte Atheisten, das entsprach zu diesem Zeitpunkt lediglich 352.800 Personen. Atheisten glauben, wie den meisten bekannt sein wird, nicht an eine oder mehrere Gottheiten oder sonstige h\u00f6here Kr\u00e4fte, die unsere Welt beeinflussen. 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