{"id":4844,"date":"2024-09-06T00:09:47","date_gmt":"2024-09-05T22:09:47","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4844"},"modified":"2025-06-04T21:18:49","modified_gmt":"2025-06-04T19:18:49","slug":"peter-peter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4844","title":{"rendered":"Peter &amp; Peter"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Priesterpaar \u00fcber Queerness und Religion<\/h2>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ein Interview von Sebastian Brandst\u00e4tter.<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Zu Gast bei Peter und Peter im Pfarrhaus der evangelischen Kirche Hallein in Salzburg. Bei Kaffee und Kirschkuchen sprechen die beiden mit mir \u00fcber den Zusammenhang zwischen Religion und queeren Thematiken, gesellschaftliche sowie politische Entwicklungen und Meilensteine, die sie in den Jahren ihrer kirchlichen T\u00e4tigkeit miterlebt haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SB: Ihr beide seid ein Paar und habt auch noch den gleichen Vornamen? Um Verwirrungen vorzubeugen, k\u00f6nnt ihr euch beide erstmal vorstellen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>PP: Ich bin der Peter Pr\u00f6glh\u00f6f. Ich bin Fachinspektor f\u00fcr den evangelischen Religionsunterricht in Salzburg, Tirol und Vorarlberg und das seit dem Jahr 2000. Davor war ich evangelischer Pfarrer in Saalfelden.<\/p>\n\n\n\n<p>PG: Ich bin Peter Gabriel. Ich bin seit 2006 evangelischer Pfarrer in Hallein. Ich war davor Pfarrer in Salzburg. Wir beide sind seit 33 Jahren ein Paar. Wir haben im Jahr 2001 kirchlich und standesamtlich geheiratet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SB: Queer sein und Religion wird von einigen Menschen ja als ein Widerspruch angesehen. Kommen Menschen h\u00e4ufig zu euch, um euren Rat in dieser Thematik einzuholen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>PG: In dieser Gemeinde hier eher selten, weil es mittlerweile mit uns einfach selbstverst\u00e4ndlich ist. Es gibt halt immer wieder fundamentalistische Tendenzen, also Menschen, die die Bibel wortw\u00f6rtlich nehmen. Mit diesen Menschen sind Diskussionen oft auch nicht einfach. Ich hatte vor Kurzem ein Gespr\u00e4ch mit einem 15-j\u00e4hrigen Sch\u00fcler, der ein Pamphlet geschrieben hat. Das hat er an zig Pfarrer und Pfarrgemeinden verschickt. In dem steht dann beispielsweise, dass queere Menschen S\u00fcnder seien und auf der anderen Seite auch, dass Frauen nicht Pfarrerinnen sein d\u00fcrften. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>SB: Wie hast du darauf reagiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>PG: Ich habe gesagt, dass wir uns mal zusammensetzen und jetzt reden wir mal. Da wurde aber dieses Verst\u00e4ndnis \u201eAber das steht doch da in der Bibel\u201c des Jungen klar. Aber auch mit einer Doppelbotschaft, weil er sagte, dass er w\u00fcsste, dass ich mit meinem Partner zusammenlebe und er mich damit nicht verletzen wollte. Er bezeichnete es aber trotzdem als S\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SB: Wie argumentiert man dann am besten mit Leuten, die sagen: \u201eIn der Bibel steht aber dieses und jenes\u201c?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>PG: Eine Argumentation von mir ist: \u201eDas Wort Gottes ist nicht die Bibel, sondern Jesus Christus.\u201c Wenn ich sage, dass ich an das Wort Gottes glaube, dann glaube ich an die Person Jesus Christus. Die Bibel ist lediglich die Grundlage, in der die Geschichten drinnen stehen, aber das ist nicht das Entscheidende. Wenn man sich Jesus Christus als jemand vorstellt, der auf die Menschen zugeht und die bedingungslose Liebe verk\u00f6rpert, fallen mit diesem Bild gewisse Bibelstellen eigentlich raus. Viele Leute nehmen sich bei ihrer Argumentation auch die f\u00fcr sie passenden Bibelstellen raus. Sie argumentieren dann mit dem Alten Testament und mit der Stelle, dass \u201eein Mann nicht bei einem Mann liegen\u201c d\u00fcrfe. Andere Stellen der Bibel werden in ihrem Leben gar nicht ber\u00fccksichtigt. Es ist auch immer eine Frage, wie die Bibel ausgelegt und interpretiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SB: Ihr seid ja jetzt schon l\u00e4nger als queere Pfarrer aktiv und habt viele Entwicklungen mitbekommen. Was ist eurer Meinung nach politisch und gesellschaftlich der gr\u00f6\u00dfte Meilenstein, den ihr miterlebt habt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>PP: Ich w\u00fcrde sagen die rechtliche Absicherung. Die eingetragene Partnerschaft und dann die Ehe f\u00fcr Alle. Das ist f\u00fcr mich immer wieder ersch\u00fctternd, dass in \u00d6sterreich das alles immer nur \u00fcber Gerichtsurteile zustande gekommen ist und nie als politischer Wille des Parlaments. Die Nationalratsabgeordneten wurden letztlich nur gerichtlich zu solchen Entscheidungen gezwungen. Wenn man dar\u00fcber nachdenkt, ist das eigentlich furchtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>PG: Also im gesellschaftlichen Kontext w\u00fcrde ich schon sagen, das Adoptionsrecht. Das h\u00e4ngt ja mit dem Thema Partnerschaft und Ehe zusammen. Das er\u00f6ffnet queeren Paaren ganz andere Perspektiven. F\u00fcr uns beide war das damals klar, dass wir als Schwule zusammenleben, hei\u00dft kinderlos zu sein. Wir sind nat\u00fcrlich nicht kinderlos. Ich habe eine Gemeinde mit vielen Kindern und auch drei entz\u00fcckende Patenkinder. Wir haben aber eben auch ein Freundespaar: Die beiden sind Anfang 40 und die haben ein Kind adoptiert. Es ist schon nochmal eine neue Perspektive f\u00fcr queere Paare.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SB: Und f\u00fcr euch als Pfarrer und ehemaliger Pfarrer, was ist der gr\u00f6\u00dfte kirchliche Meilenstein und wo seht ihr bestehende Ungerechtigkeiten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>PG: Sehr entscheidend ist, dass f\u00fcr evangelische Kirchen gilt, dass eine Pfarrperson queer sein kann, dass das m\u00f6glich ist. F\u00fcr die evangelische Kirche ist das im Jahr 1996 so entschieden worden. Das ist in der katholischen Kirche nach wie vor nicht m\u00f6glich. Ich kann als katholische Kirche beispielsweise sagen, dass queere Menschen oder Frauen nicht Priester*innen sein d\u00fcrfen. <\/p>\n\n\n\n<p>PP: Es gibt leider auch nach wie vor noch viele Gemeinden, wo ich als queeres Paar nicht kirchlich heiraten kann, auch evangelisch nicht. Jede Gemeinde entscheidet, ob sie das machen m\u00f6chte oder nicht. Es gibt den Beschluss in der evangelischen Kirche, dass queere Paare heiraten k\u00f6nnen, aber jede Gemeinde entscheidet selbst, ob sie das machen m\u00f6chte. Wir argumentieren beim Thema Ehe f\u00fcr Alle damit, dass das die Ehe zwischen einem heterosexuellen Paar \u00fcberhaupt nicht entwertet. Also wenn queere Menschen nach \u00e4hnlichen Leitmotiven leben wie ein Heteropaar, dann ist es ja eine Aufwertung dieser Institution Ehe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SB: Peter (Pr\u00f6glh\u00f6f), Du hast mit deinem beruflichen Werdegang sicher genauer Einblicke in Schulen. Wie w\u00fcrdest du dieses Dreieck aus queer Sein, Religion und Schule beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>PP: Im schulischen Kontext begegnen wir nach wie vor besonders orthodoxe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, wobei es meistens Sch\u00fcler sind. Viele davon bekommen die famili\u00e4re Pr\u00e4gung sehr stark mit und stempeln queere Menschen deshalb konsequent als S\u00fcnde ab. Hier kamen und kommen manchmal auch queere Sch\u00fcler*innen auf mich zu und erz\u00e4hlen mir, dass sie von ihren orthodoxen Schulkolleg*innen als S\u00fcnder bezeichnet wurden. Das gibt es nach wie vor. Es gibt mittlerweile Gruppen, die man nicht mehr wirklich erreicht und mit denen eine konstruktive Diskussion sehr schwer geworden ist. Wir brauchen aber diese Diskussion, um Schritte aufeinander zugehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SB: Zum Abschluss m\u00f6chte ich euch beide noch etwas fragen. Was m\u00f6chtet ihr den Leser*innen der Lambda pers\u00f6nlich noch mitgeben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>PP: Ich mache es einfach: Trau dich du selbst zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>PG: Es ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass queere Menschen toleriert oder noch besser akzeptiert werden. Es ist nach wie vor wichtig, dass wir, die wir queer sind, daf\u00fcr arbeiten und k\u00e4mpfen. Wir m\u00fcssen weiter gemeinsam f\u00fcr unsere Rechte und Gleichberechtigung einstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Priesterpaar \u00fcber Queerness und Religion Ein Interview von Sebastian Brandst\u00e4tter. Zu Gast bei Peter und Peter im Pfarrhaus der evangelischen Kirche Hallein in Salzburg. 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