{"id":4813,"date":"2024-09-06T00:01:28","date_gmt":"2024-09-05T22:01:28","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4813"},"modified":"2024-09-05T21:34:03","modified_gmt":"2024-09-05T19:34:03","slug":"fluechtige-bekanntschaften-die-nachwirken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4813","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtige Bekanntschaften, die nachwirken"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">In ihrem zweiten Episodenroman erz\u00e4hlt Connie Haller von einsamen Figuren, die auf ihren allt\u00e4glichen Streifz\u00fcgen ungleichen Verwandten und gegens\u00e4tzlichen Vertrauten begegnen<\/p>\n\n\n\n<p>Ging es in \u201e23 Leben\u201c noch um die titelgebende Anzahl von Figuren, hat sich im k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten \u201eDie Butter und der Schlitten\u201c die Zahl der Hauptcharakter*innen, aus deren Perspektiven erz\u00e4hlt wird, reduziert: \u201eEine bewegende Geschichte von f\u00fcnf Menschen\u201c ist der Untertitel. Die im vergangenen Jahr erschienen Episoden ver\u00f6ffentlichte der Kampenwand Verlag unter dem Namen C.P. Haller; das neue Buch, ebenfalls bei Kampenwand erschienen, stammt von Connie Haller. Autorin beider Romane ist ein und dieselbe Person: 1982 in Dresden geboren, gelernte Erzieherin und \u00c4rztin, lebt mit ihrer Frau in M\u00fcnchen \u2013 letztere Angabe fehlt allerdings im zuletzt erschienenen Roman.<\/p>\n\n\n\n<p>Ziehen sich in \u201e23 Leben\u201c Szenen, die von Missverst\u00e4ndnissen und Kommunikationsunf\u00e4higkeit gepr\u00e4gt sind, durch das Romanleben, so ist \u201eDie Butter und der Schlitten\u201c vor allem von Einsamkeit bestimmt, die die Figuren streckenweise sogar handlungsunf\u00e4hig macht. Der Lesestoff taucht vollst\u00e4ndig und tief in das Innenleben jeder*jedes einzelnen Protagonist*in ein. Die Handlung startet mit Emma, 91 Jahre alt, die von ihrem kleinen Balkon aus auf das Treiben in der Stra\u00dfe blickt. Die Figur der alten Frau, in deren Kapiteln es jeweils R\u00fcckblicke auf ihre eigene Kindheit in den 1930ern und 1940ern gibt, basiert auf den Erlebnissen einer realen Person (H. Weitzmann, geb. 1928), wie man aus dem Buch erf\u00e4hrt. Als Emma einen Nachbarn mit Tochter vom Balkon aus beobachtet, erinnert sie sich an ihren eigenen Verlust der Mutter, die sie zu Weihnachten 1930 als Zweij\u00e4hrige das letzte Mal sah, als diese nach einer Operation im Krankenhausbett lag. Leonard ist der Mann, den die alte Frau vom Balkon aus beobachtet, als dieser mit dem Trotzanfall seiner vierj\u00e4hrigen Tochter zu tun hat. Das Kindergeschrei bringt zudem die sch\u00f6ne Joy aufs Parkett, die sich gerade aus ihrem Bett qu\u00e4lt, in dem noch das \u201eDating-App\u201c-Abenteuer der vergangenen Nacht liegt. Beim Verlassen der Wohnung beantwortet sie die Handy-Nachricht von Violetta, die Joy noch nicht leibhaftig getroffen hat, von deren Online-Bildern sie sich aber eine \u201ehei\u00dfe Nacht\u201c verspricht. Violetta wiederum, die von ihrer Wohnung aus ebenfalls das Kindergeschrei von drau\u00dfen h\u00f6rt, ist \u201eschwer verliebt\u201c in die attraktive Joy, entspricht selbst zwar nicht dem versprochenen Online-Bild von \u201eschlank und sexy\u201c, sp\u00fcrt aber trotz aller virtuellen Entfernung und eigener Schummelei, die sie eigentlich auch von ihrem Online-Pendant erwarten d\u00fcrfte, \u201eeine intensive N\u00e4he\u201c zu Joy, von der sie sich, obwohl sie sie gar nicht kennt, \u201edie wahre Liebe\u201c verspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle bisher beschriebenen Hauptcharakter*innen der ersten 24 Seiten des Buches leben als Singles. Auf Seite 25 gibt es einen kurzzeitigen Bruch mit dieser Tradition, als Martin aus der Garage f\u00e4hrt und neben ihm seine Ehefrau sitzt. Die Verbindung zu den bisher beschriebenen Figuren besteht darin, dass Martin auf einem Datingportal ebenfalls auf Joy gesto\u00dfen ist und mit ihr \u201esexy gechattet\u201c hat. Damit endet Kapitel I, Teil 1. Der zweite Teil des ersten Kapitels beginnt wieder mit Emma und geht mit den anderen bereits beschriebenen Charakter*innen weiter. Bis Seite 50 hat sich alles im Oktober abgespielt, mit dem ersten Teil von Kapitel II geht es im November weiter. Kapitel III kommt im Dezember an, Kapitel IV spielt im Januar, Kapitel V im Februar. Kapitel VI \u2013 das Schlusskapitel \u2013 hat vier Teile, die im M\u00e4rz stattfinden, und endet mit Emma und ihren Erinnerungen an das Nachkriegsjahr 1946. Alle Kapitel und Teile spielen sich an einem Montag ab, abwechselnd morgens und abends.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt sind Connie Hallers Romangeschichten Protokolle einsamer Charakter*innen, die jede*r f\u00fcr sich auf der Suche nach Kontakt, Verbindung, Liebe und Sinn sind. Auf unterschiedlichste Art und Weise sind sie durch Zuf\u00e4lle, Unf\u00e4lle, Aff\u00e4ren, Internetchats, Verzweiflung oder Schicksalsschl\u00e4ge zeitweilig miteinander verbunden, manchmal auch nur dadurch, dass sie sich fl\u00fcchtig begegnen und trotzdem Bezug aufeinander nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht immer konnte ich den Charakter*innen folgen, da sich die Geschichten so eng \u00fcberschneiden, dass ich nicht immer wusste, wer wann genau gemeint ist \u2013 vor allem in den Nebenhandlungen, die nicht die Hauptfigur des jeweiligen Abschnitts betreffen. Andererseits erf\u00e4hrt man viel aus den Leben einzelner, was sie bewegt, warum sie sich von einander abwenden, welchen Irrungen und Wirrungen sie unterliegen, um ans Ziel ihres Weges zu kommen. Der Roman zeigt, wie fl\u00fcchtig die Entscheidung f\u00fcr oder gegen jemanden sein kann und best\u00e4tigt, dass der erste Eindruck nicht immer der beste oder richtige ist. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Connie Haller: Die Butter und der Schlitten. Kampenwand Verlag, Frankfurt 2024.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem zweiten Episodenroman erz\u00e4hlt Connie Haller von einsamen Figuren, die auf ihren allt\u00e4glichen Streifz\u00fcgen ungleichen Verwandten und gegens\u00e4tzlichen Vertrauten begegnen Ging es in \u201e23 Leben\u201c noch um die titelgebende Anzahl von Figuren, hat sich im k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten \u201eDie Butter und der Schlitten\u201c die Zahl der Hauptcharakter*innen, aus deren Perspektiven erz\u00e4hlt wird, reduziert: \u201eEine bewegende [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":4814,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[24,110],"class_list":["post-4813","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","tag-buecher","tag-lambda-196"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4813","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4813"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4813\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4817,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4813\/revisions\/4817"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4814"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4813"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4813"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4813"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}