{"id":475,"date":"2021-03-12T00:44:30","date_gmt":"2021-03-12T00:44:30","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=475"},"modified":"2021-05-09T13:30:43","modified_gmt":"2021-05-09T13:30:43","slug":"anti-%e2%80%a9androgynitaet%e2%80%a9-angst-und%e2%80%a9-anpassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=475","title":{"rendered":"Anti-Androgynit\u00e4t, Angst und Anpassung."},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von Ausgrenzung, der Angst androgyn wirken zu m\u00fcssen und dem Suchen nach einer eigenen Kultur. <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Neulich in Wien, es ist dunkel. Ich h\u00f6re ein Auto von hinten an mir vorbei fahren das langsamer wird. Eine Gruppe junger Erwachsener versucht aus den Autofenstern auf sich aufmerksam zu machen und mich zum Umdrehen zu bewegen, obwohl ich Kopfh\u00f6rer trage und spazieren will. Als die Gruppe (die ich als M\u00e4nner lese) mein Gesicht sieht, beginnen sie laut zu lachen und zu gr\u00f6hlen: \u201each schei\u00dfe, ich schulde dir nen 5er\u201c, sie beleidigen mich als Dreckskind und fahren weiter. Ich trage einen schwarzen Trainingsanzug, habe meine Haare zusammengebunden und einen gro\u00dfen Schal&#8230;ich frage mich kurz, ob ich vielleicht an der unangenehmen Situation Schuld habe, weil ich durch mein Aussehen zur Verwirrung beigetragen habe und verwerfe den Gedanken schnell wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzten Sommer in Wien, es ist mitten am Tag. Ich traue mich nicht innerhalb der \u00f6ffentlichen Toilette mit der Aufschrift \u201eM\u00e4nner\u201c zu warten, bis die Person vor mir die Kabine freigibt, um m\u00f6glichen Fragen um meine Identit\u00e4t aus dem Weg zu gehen. Also warte ich zwischen der T\u00fcr auf der \u201eM\u00e4nner\u201c steht und der mit der Aufschrift \u201eFrauen\u201c. Ein Ehepaar kommt auf mich zu und beginnt sich zu streiten, ohne mein Zutun, auf das Freiwerden welche der beiden Toiletten ich wohl warte. Da ich aus Scham bereits eine Person habe passieren lassen, obwohl es dringend w\u00e4re, nehme ich meinen Mut zusammen und deute auf das M\u00e4nner-WC. \u201eIch warte auf die da\u201c. Zu meiner Verwunderung verteidigt mich die Person die f\u00fcr mich wie ein Mann wirkt vor seiner Partnerin: \u201eNa wenn er sagt, dass er auf das M\u00e4nnerklo wartet, dann wird das schon stimmen.\u201c Sie hingegen besteht weiter darauf: \u201eSchatz jetzt geh einfach rein, es ist sicher frei, warum sollte sie denn aufs M\u00e4nnerklo warten?\u201c Meine Shorts zeigen an diesem Tag meine behaarten Beine und ich habe ein kurzes Shirt an, das genau \u00fcber meinem Bauchnabel endet, der wiederum vom Hosenbund verdeckt ist. Ich habe meine Augenringe leicht mit Make-up abgedeckt und trage zusammengebundene Haare. Ich schaue an mir herunter und \u00fcberlege kurz, ob ich mit meinem Aussehen zu dieser Unangenehmen Situation beigetragen habe, verwerfe den Gedanken aber schnell wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Situationen geschehen nat\u00fcrlich ebenso im Fr\u00fchling wie im Herbst, in der Schulzeit wie heute, \u00fcberproportional ausgehend von M\u00e4nnern, weshalb ich eine tiefsitzende Angst gegen\u00fcber \u201em\u00e4nnlichen\u201c Personen entwickelt habe, die ich nicht als queer lese. Ich frage Ansammlungen von ihnen nicht nach dem Weg, benutze nur im Notfall ein Pissoir und schaue ihnen in den \u00d6ffis nicht (zu) lange in die Augen. Auch sexuelle Gewalt scheint allzuoft gerechtfertigt, weil ich nicht den g\u00e4ngigen Normen eines heterosexuellen Mannes entspreche und das auch gar nicht m\u00f6chte. In der queer Community werde ich gleichzeitig ohne mein Zutun angefeindet. Ich erlebe Diskrimierung als Frau* und von Frauen* ausgehend, Diskriminierung als bin\u00e4re transgender*-Person und von ihnen ausgehend, Diskriminierung als schwuler Mann* und von schwulen M\u00e4nnern*, obwohl ich all diese Dinge eigentlich gar nicht bin, aber manchmal von au\u00dfen so gelesen werde. Was ich stattdessen bin? Auf jeden Fall nicht in die zweigeschlechtliche Ordnung einzuordnen. Ich bin&#8230;etwas nicht, n\u00e4mlich bin\u00e4r. Weder Mann noch Frau, auch nicht dazwischen, obwohl manche von uns sich so f\u00fchlen, ich bin non-binary, also zu Deutsch nicht-bin\u00e4r!<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Viele scheint es ein v\u00f6llig neues Konzept zu sein, andere sind hingegen verwundert \u00fcber die Aufregung, die das Thema, auch in \u201equeeren Kreisen\u201c, verursacht: nicht-bin\u00e4re Geschlechtsidentit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist es jetzt etwas Neues, oder gab es uns schon immer? Diese Frage l\u00e4sst sich wohl nicht ganz beantworten. Zumal Identit\u00e4t in der Vergangenheit schlichtweg anders definiert wurde. Wir m\u00fcssen uns bewusst dar\u00fcber sein wie stark Identit\u00e4tsbezeichnungen von der jeweiligen Epoche und nat\u00fcrlich auch dem Kulturkreis abh\u00e4ngig sind. Deshalb scheint es nicht verwunderlich, dass wir in historischen Aufzeichnungen immer wieder Hinweise f\u00fcr m\u00f6gliche nicht-bin\u00e4re Personen finden k\u00f6nnen, es in Wahrheit jedoch keine Gewissheit dar\u00fcber gibt ob sie sich in der heutigen Zeit als \u201enon-binary\u201c bezeichnen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus ergibt sich eine Verunsicherung von Seiten heutiger nicht-bin\u00e4rer Personen, weil sie das Gef\u00fchl haben sich nicht an fr\u00fcheren Errungenschaften orientieren zu k\u00f6nnen. Auf der anderen Seite l\u00f6st das Konzept \u201enon-binary\u201c in Menschen, die sich selbst als Frau oder Mann definieren, besonders viel Angst vor dem Unbekannten aus. Eine Angst davor, dass alles was sie sich als Menschheit erk\u00e4mpft haben mit dem Hinterfragen ihrer heiligen zweigeschlechtlichen Ordnung den Bach runter geht. Etwas \u00c4hnliches passiert auch beim Hinterfragen der heterosexuellen Norm durch die blo\u00dfe Existenz von homosexuellen Menschen. Es wird fast schon als pers\u00f6nlicher Angriff gesehen nicht so auszusehen oder so zu lieben wie es die Person, die sich angegriffen f\u00fchlt, glaubt selbst tun zu m\u00fcssen. Verwirrung macht Dinge komplizierter, das hei\u00dft unkontrollierbarer, was in Leuten starke Gef\u00fchle ausl\u00f6st, obwohl es sie auf den ersten Blick gar nicht unmittelbar betrifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem mit den ganzen Geschw\u00fcren die sich daraus hervortun, also Homofeindlichkeit, Transfeindlichkeit, Sexismus, usw. ist: es trifft tendenziell die Schw\u00e4chsten. Je mehr M\u00f6glichkeiten es gibt eine Person zu diskriminieren, desto h\u00e4ufiger muss sich diese Person in der Realit\u00e4t Anfeindungen aussetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage die wir uns als nicht-bin\u00e4re Personen nun stellen m\u00fcssen ist, wie weit wollen wir uns den Erwartungen, die Andere an uns stellen, beugen? Ist es zum Beispiel notwendig, die genaue Mitte aller Klischees zu treffen, die es zu den Identit\u00e4ten \u201eFrau\u201c und \u201eMann\u201c allgemein gibt, oder reproduzieren wir dadurch nicht vielleicht Sexismen? Ist es mir als Einzelperson \u00fcberhaupt wichtig \u201eals non-binary erkannt zu werden\u201c oder f\u00fchle ich mich wohler und sicherer, wenn ich von au\u00dfen nicht unbedingt f\u00fcr Verwirrung bez\u00fcglich meiner Geschlechtsidentit\u00e4t sorge? Inwieweit ist es f\u00fcr eine Community wie die der nicht-bin\u00e4ren von Vorteil eigene Erkennungszeichen und kulturelle Referenzen zu haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen unsere eigene, ganz besondere Art von Diskriminierung innerhalb und au\u00dferhalb der queer Community verstehen, um uns in Zukunft f\u00fcr die Verbesserung unserer Rechte einsetzen zu k\u00f6nnen. Warum besetzen wir z. B. die Beleidigung \u201especial Snowflake\u201c nicht einfach positiv neu? Wir sind ja einzigartig, und wir haben unsere individuellen Probleme, aber alle von uns haben nicht-bin\u00e4re Geschlechter! Nutzen wir die Errungenschaften der transgender* und der (biologisch) inter*geschlechtlichen Community doch, um f\u00fcr einen dritten Geschlechtseintrag bei nicht-bin\u00e4rer Identit\u00e4t in \u00f6ffentlichen Dokumenten zu k\u00e4mpfen. Nutzen wir die Errungenschaften der lesbsich-feministischen Bewegung doch um uns f\u00fcr geschlechtsinklusive Sprache (f\u00fcr Alle) einzusetzen. Teilen wir neben den Diskriminierungserfahrungen mit anderen Queers doch bitte auch die Erfolge! Menschen sind nicht immer nur ein Buchstabe innerhalb von LGBTIQ*, nicht nur eine Identit\u00e4t, und wir speziell sind eben nicht nur \u201enon-binary\u201c&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Ausgrenzung, der Angst androgyn wirken zu m\u00fcssen und dem Suchen nach einer eigenen Kultur. Neulich in Wien, es ist dunkel. Ich h\u00f6re ein Auto von hinten an mir vorbei fahren das langsamer wird. 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